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Was das Reich der Mitte antreibt und zusammenhält – eine Vermutung

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Bei dem Versuch, das Phänomen China begrifflich zu fassen, gerät man in Schwierigkeiten; denn das Geschehen im Reich der Mitte zersplittert, obwohl es in der vagen Gesamtschau als Einheit erscheint, in eine Vielzahl unterschiedlicher Facetten. In deren Einzelbetrachtung erst zeigen sich die mannigfaltigen Wirklichkeitserfahrungen mit dem größten globalen und augenscheinlich gelungenen Gesellschaftsexperiment an einem lebenden Volk der Neuzeit.

Die Grenzen eigener Vorstellung überschreitend, wird China zu einer persönlichen und gesellschaftlichen Erlebnisgröße, deren von Widersprüchlichkeit und aufflackerndem Verstehen geprägtes Nachempfinden nicht selten verblüfft, manchmal irritiert, immer jedoch in seinen Bann zieht. Allerdings war der internationale Austausch meist einseitig, das Chinabild auch in Deutschland lange Zeit auf das eines attraktiven Wirtschaftsstandortes reduziert. Langsam ändert sich dies, die Wahrnehmung wird dichter und multidimensional.

Der dinosaurierhafte Begriff vom „Reich der Mitte“ beispielsweise ist so faszinierend wie unzutreffend; denn dieses respektvolle Etikett erwuchs ursprünglich aus einem Übersetzungsfehler. China, das sind die mittleren Staaten, die Mittellande, als die sie vor 3.000 Jahren wegen ihrer zunächst geografischen, später auch politischen Position bezeichnet wurden. Tendenzen zu einem verführerischen China-Reduktionismus gibt es zuhauf. Zu groß ist das Land, zu unübersichtlich und mythisch verklärt ist auch die neuere, also Nachkriegs- und Revolutionsgeschichte der Volksrepublik und ihr Umgang mit der jüngsten Vergangenheit. Das gilt für die Ideengeschichte und die Verzahnung von Partei, Staat und Regierung gleichermaßen. Die Fragen, um die es hier geht – die Suche nach Sinn und Stabilität im drittgrößten Land der Welt mit der höchsten Bevölkerungszahl –, sind eingebettet in bereits vorrevolutionäre Umformungen traditioneller Grundwerte. Seit dieser Zeit geben kollektive Normen und Erinnerungen der geistig-politischen Welt Chinas überzeitliche Struktur und einem fragilen Vielvölkerstaat regionalen Zusammenhalt und nationale Identität.

 

Übergangsgesellschaft

An den seelischen Tiefenstrukturen konnte auch die legendenumwobene, in ihren Methoden und Folgen gleichwohl drastische Volksbefreiung kaum etwas ändern – ebenso wenig wie die erinnerungsallergischen Gründungsmythen des Neuen China ab Oktober 1949. Versucht hat dies die kommunistische Ideologie einer siegreichen Bürgerkriegs- und Transformationspartei, die einen Staat nach ihrem Credo schuf: die Volksrepublik China. Deren sinisierte Fasson eines neuen Menschentypus zielte zunächst auf die klassenkämpferisch begründete permanente Revolution – noch heute definieren sich Kern und Mission der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) deshalb weiterhin über Krisen und sogenannte Bewegungen – und legte den Grundstein für ihr ideologisch höchst flexibles Herrschaftssystem.

Später hoffte man in Arbeitseinheiten von der Wiege bis zur Bahre auf egalitären Konformismus, dann, durch Deng Xiaoping, auf Reichwerden in asymmetrischen Schüben einer hybriden Übergangsgesellschaft und heute, mit Xi Jinping, auf Sinn und Sicherheit in der Erfüllung eines Traumes, der das wieder erstarkte China mit bescheidenem persönlichen Wohlstand für alle in Aussicht stellt.

Politische Überzeugungen basieren auf Sehnsüchten. Wer diese zu entzünden, zu bedienen und für eigene Zwecke zu nutzen vermag, besitzt ideelle und politische Deutungshoheit. Diese beizubehalten gelingt auch in China nur, solange die Art der Bedürfnisse und die Instrumente des Einflusses einander entsprechen. Erodieren oder ändern sich die gesellschaftlichen Grundkonstanten durch Katastrophen, technisch-mediale Errungenschaften oder neue Ideengefüge, variieren auch die Machtverhältnisse und deren Durchsetzung. Die Antworten darauf fallen bei Regierung und Regierten unterschiedlich aus und prägen bis heute den Umgang des Parteistaates mit seinen Untertanen.

Menschen sind Beziehungswesen, die nur durch Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen ihre eigene Identität und Gemeinschaftsverbundenheit erhalten. Dies gilt in besonderem Maße für die konfuzianisch geprägte Tradition Ostasiens mit klaren Hierarchie- und Rollenzuweisungen. Das Streben nach Aufgehoben-sein in Familie und Gesellschaft bleibt deshalb zeitlebens vorhanden. Werden jedoch wie im neuzeitlichen China Lebensläufe, Schicksale und Geborgenheitswünsche in kürzester Zeit gebrochen, zerrüttet und enttäuscht, dann entstehen erinnerungsbedingte Hypotheken, Nachwehen und Traumata. Fehlen weitgehend echtes, erfühlbares Heimatvertrauen und menschlich verbindlicher Zusammenhalt, kann es zum patriotischen Aderlass kommen.

 

Ersatzsysteme

Man verlässt eher und leichter sein Land und sucht im Exil den Einklang mit der persönlichen Lebenserwartung – oft auch der Familie sowie den Hoffnungen für die eigenen Nachkommen. Dissoziale, seelisch unterernährte Einzelkinder werden empathielose Opfer einer gesellschaftlichen und ökonomischen Konkurrenz – und eines Verteilungskampfes, zu dessen Verschärfung ein aktuell mehr oder minder überraschender Wirtschaftsabschwung, steigende Bildungskosten und nach wie vor rigide Zugangsprüfungen an den Universitäten ihr Übriges tun.

Die chinesische Wirtschaft boomt noch immer. Doch solange eine grundlegende Reform der politischen Institutionen ausbleibt, verharrt der autoritär staatsgelenkte, ökonomische Erfolg bei rein statistischem Zuwachs, ohne jedoch Innovationsentfaltung und Kreativität zuzulassen. Diese Kompetenzen aber werden für die künftige innere Reife der Volksrepublik und deren angestrebte globale Position zunehmend unerlässlich. Hardware allein tut es nicht, und eine Überbetonung der Staats- und Sicherheitsdoktrin offenbart stets auch politisch-ideologische Unsicherheit.

Auf individuellem Gebiet stellen ökonomische Zukunftsängste und soziale Versagensfurcht auch in China Folge und Symptom der Moderne dar. Hektik und technisierte Lebenswelten neben Entfremdung und dem Verlust vertrauter, ländlich geprägter Familienstrukturen, endemische Einsamkeit, Versagen moralischer und politischer Glaubenssysteme, die dem Leben einst Sinn und Richtung gaben, bei gleichzeitiger Beschränkung öffentlicher religiöser Betätigung – all das wirkt sich langfristig sozial desorientierend aus und lässt kompensierende Ersatzsysteme und Äquivalente entstehen: Materialismus, Nationalismus und kommerziell oder esoterisch gefärbte Ablenkung. Auch den Ruf nach starker Führung. Man will wissen, wohin.

 

Erinnerungsarbeit

Im Gesamtspektrum einer oberflächlich reibungslos funktionierenden Gesellschaft regieren auch nach fast vierzig Jahren Reform- und Öffnungspolitik neben all den glitzernden Fassaden unverarbeiteter Schuld- und Schamgefühle das familiäre und das gesellschaftliche Innenleben. Bedingt durch generativ vererbte Erfahrungen, die in anderen, nachfolgenden Menschenleben weiterwirken, Hungersnöte, Antikulturrevolution und immer aufs Neue verstörende Wahrheits- und Abweichlerkampagnen sowie durch die Tabuisierung des heute begrifflich beschwichtigten Tiananmen-Geschehens ist es zu verordnetem Schweigen, intellektueller Ausgrenzung und nagendem Selbstwertverlust gekommen. Das schafft einen ungeheuren psychischen Anpassungs- und Verdrängungsdruck auch dann, wenn sich mittlerweile der poröse Mantel kollektiven Vergessens über die meisten chinesischen Seelen gelegt zu haben scheint. Verarbeitungsversuche der eigenen Geschichte harren in China nach wie vor ihrer Bewältigung. Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden.

Innere Leere und die Last übertünchter Gesellschaftsrisse sowie eine rein materiell ausgerichtete Lebensphilosophie ohne geistiges Fundament trüben latent die Freude am Dasein. Denn wieder gibt es, auch im Sinosozialismus mit seiner selten dem normalen Leben zugewandten, politisch unglaubwürdig gewordenen Kaderelite, eine wachsende Zahl Verlierer. Selbstverleugnung, Zensur und Angst verstellen zunehmend den optimistischen Blick in die Zukunft, die immer auch mithilfe erinnerter Vergangenheit geplant und imaginiert wird.

An die wahre Lehre kommunistischer Ideen zu glauben, fällt angesichts der realexistierenden Entwicklungsschere in China nicht leicht. Gilt doch das gegenwärtige Gesellschaftssystem Chinas offiziell lediglich als nötige Vorstufe zum Kommunismus – auf der es sich allerdings, paradox genug, die Arrivierten des politischen Establishments und Auftragsdenker der Partei inzwischen komfortabel eingerichtet haben.

 

Antrieb und Zusammenhalt

Doch wie passt das alles zusammen, warum geht die Entwicklung scheinbar ungebrochen weiter? Paradoxerweise liegen im Pendelschlag zwischen Freiheit und Regulierung, Marktöffnung und einer rasant modernisierten, gleichwohl nicht verwestlichten Gesellschaft vor konfuzianisch eingefärbtem Hintergrund die Wurzeln sowohl für Antrieb als auch Motivation der chinesischen Bevölkerung, die sich seit eh und je durch Krisen manövriert. Das gilt auch für das resiliente Überdauern ihrer hybriden Wirtschaftsordnung, die stets aufs Neue Ressourcen sucht und findet und die schon so oft totgesagt wurde, dass apokalyptische Endzeitvisionen auch in Zeiten erschlaffender Konjunktur heute keine Überzeugungskraft mehr ausstrahlen. Volkswirtschaftlich wird das Land vergleichsweise solide weiterexistieren.

Dem sozialen System aber stehen gewaltige Herausforderungen bevor, die vor der politischen Kultur Chinas nicht haltmachen. Im Gegenteil: Öffentliche Reflexion und damit der kritische Rückblick auf die jüngere Geschichte der Volksrepublik sind weder gestattet, noch scheinen sie in der Durchschnittsbevölkerung – man sollte den Begriff „Mittelklasse“ mit seiner regimekritischen Assoziation vorsichtig verwenden – erwünscht oder permanent gefordert zu sein.

Chinas neokonfuzianisch-autoritäres Entwicklungsmodell ist zum einen das einer oppositionslosen und ideologiepragmatischen Einparteienregierung, die dem Land einen drastischen Modernisierungskurs mit Anleihen bei geschichtlicher Tradition, Überlieferung und Klassik verordnete. Sie verstand, den sie mehrheitlich legitimierenden Konsens des Volkes bislang neben ausgeklügelten gesellschaftlichen Kontrollmechanismen vor allem durch die stete Mehrung dessen Wohlstands zu sichern. Zum anderen ist dieses Entwicklungsmodell aber auch ein hochempfindliches Gewebe, in dem bislang Revolution und Rotation, Innen- und Außenfaktoren einander balancierend die Waage halten.

Hätte China in Peking keine politisch administrative und in Form der überregional aufgestellten Volksbefreiungsarmee auch nach innen wirkende Klammer, würde es in passivem Aus-der-Bahn-gezogen-Werden erstarren oder in Staatsfragmente zerfallen. Beides hat es in der chinesischen Geschichte mehrfach gegeben.

 

Widersprüchlicher Gesellschaftsmix

Das Ausfallen oder Überwiegen einer einzigen Bewegung würde die oktroyierte Ordnung zerstören und in eine unkontrollierbare Gemengelage führen. Daher die Angst der Obrigkeit vor Separatismus, Autonomie und nicht-staatlichen, nicht-chinesischen Bewegungen. Allerdings: Die aktuell zu beobachtende dominante Akzentuierung des überbetont wirtschaftlichen Fortschritts auf Kosten eines legitimen pluralen Gesellschaftssystems, in dem Diskurskulturen mit freiem intellektuellen Austausch wenigstens geduldet werden, scheint in weite Ferne gerückt. Dies birgt die Gefahr permanenter Vereinseitigung in sich, die unter Umständen nicht mehr zurückgenommen werden kann. Solange die Ökonomie den Primat über die Politik beibehält und die Partei über das Recht gebietet und nicht umgekehrt, wird sich China, neben der ehern aufrechterhaltenen Einheitsidee und dem unantastbaren Machtmonopol der Kommunistischen Partei, möglicherweise nicht progressiv verändern, sondern zurückentwickeln und damit auch global leistungsschwächer werden.

Aktuell herrscht eine erneut stark ideologisierte Regierung Einzelner in der Tradition des Staatsgründers Mao Zedong, die vergangen geglaubte Zeiten ins kollektive Gedächtnis zurückrufen, an die sich nicht alle in China gern erinnern. Soziale Kontrolle, autoritäre Gesinnungsüberwachung, wirtschaftlich forciertes Gewinnstreben und absolute Parteilichkeit für Recht und Gesetz sind das Ergebnis und stellen den so widersprüchlichen Gesellschaftsmix Chinas dar: Vollgas (Wirtschaft) bei angezogener Handbremse (Politik) und eingelegtem Rückwärtsgang (Ideologie) – möglicherweise auf der Überholspur zur Selbstblockade. Weder ökonomische Fünfjahrespläne noch ideologische Gleichschaltungskampagnen haben die Voraussetzungen für die atemberaubende Renaissance Chinas und seiner Menschen geschaffen, sondern deren Fähigkeit, Grundkonflikte zwischen Bedürfnissen und ihrer Befriedigung situationsabhängig zu lösen, aufzuschieben oder auszuhalten.

 

Vorfreude als Gesellschaftskitt

Ein entscheidender Grund für Chinas Antrieb könnte deshalb in der Chance auf persönliche materielle Besserstellung in Zukunft liegen – mit einem rehabilitierten Konfuzianismus. Für den kollektiven Zusammenhalt sorgt das drakonisch verfolgte Leitprinzip der chinesischen Gesellschaft als eine der KPCh-Herrschaft untergeordnete, gleichsam kooptierte Welt, die ihre Verfassung dem Gründungsakt der Volksrepublik vor nunmehr 66 Jahren durch ebendiese Organisation verdankt.

Rückblickend auf einzigartige Wachstumsdaten, Armutsminderung und Wohlstandsmehrung – durch adaptives Ablegen der ideologischen Zwangsjacke, jedoch unter Beibehaltung aller personellen, agitatorischen und militärischen Apparate und Kontrollinstanzen – hat die Gründungspartei der Volksrepublik eine politische Meisterleistung gezeigt und bis heute den Ehevertrag zwischen ökonomischer Zugewinngemeinschaft bei ideologischer Gütertrennung aufrechterhalten. Eine ökonomische Erwartungshaltung bleibt der gesellschaftliche Kitt Chinas und zugleich dessen Antrieb. Ob und wie lange dies allerdings noch zeitgemäß auf der Geschäftsgrundlage und unter Führung einer sich kommunistischen Idealen verpflichteten Staatspartei, unter allen Zwängen und Abhängigkeiten fortschreitender Globalisierung, geschehen kann, ist derzeit nicht zu beantworten. Vielleicht trifft die gegenwärtige Führung der Volksrepublik China ihre Wahl für die kommenden Jahre jedoch so, dass der Schaden für das Land und andere gering und der Nutzen groß ausfällt.


Thomas Awe, geboren 1953 in Hannover, Leiter des Auslandsbüros Peking der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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