Kindheit und Adoleszenz haben in Deutschland ihren Zauber verloren. Zumindest in der öffentlichen Debatte. Selten wurde so emotional über Kindheit und Jugend diskutiert. Und selten war die Konnotation eine derart negative. An der Kindheit und Jugend, so bipolar, wie sie sich heute abzuspielen scheint, ist offenbar nichts mehr so, wie es einmal war: Kinder werden – so die Mainstreammeinung – entweder vernachlässigt oder aber überfordert. Die Jugend mäandert zwischen Orientierungslosigkeit und falschen Peers auf der einen und Leistungsdruck und zu viel elterlicher Kontrolle auf der anderen Seite. Dabei mündet jede Welle der öffentlichen Aufregung um Deutschlands Nachwuchs im immer gleichen, zutiefst larmoyanten Fazit: Irgendetwas läuft hierzulande gehörig falsch.
Das wirft (mindestens) drei Fragen auf. Erstens: Entspricht das überhaupt der Wirklichkeit? Zweitens: Was wollen junge Menschen eigentlich? Und drittens: Warum wird Jugend heute so negativ gedeutet?
Wagen wir zunächst eine Gegenthese. Kinder und Jugendliche werden hierzulande seit Jahren unterschätzt: in ihrer Eigenständigkeit, ihrer Widerstandsfähigkeit, in ihrem Abstraktionsvermögen und vor allem in ihrer Leistungsbereitschaft und Lebensfreude. Das Gros der Jugendlichen ist zufrieden, leistungsbereit und vor allem leistungsfähig. Die jungen Menschen sind mehrheitlich weder überfordert noch vernachlässigt. Sie suchen sich Herausforderungen, wollen den Antrieb ihrer Eltern und Lehrer und messen sich darüber hinaus gerne mit ihresgleichen. Sie fühlen sich von ihren Freunden akzeptiert und von ihren Eltern geliebt. Sie feiern ausgiebig, arbeiten viel und haben Spaß am Leben.
Fast tollkühn wirken diese Behauptungen angesichts des aktuellen öffentlichen Diskurses. Aber wenn man Jugendliche der immer noch breiten Mitte unserer Gesellschaft nach ihrem Lebensgefühl befragt, also junge Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensräumen und Schichten, die bei Eltern mit gewissen Bildungsambitionen für ihre Kinder aufwachsen, dann bekommt man tatsächlich ihre Energie und Lebensfreude zu spüren. Das jedenfalls ist aus dem Stimmungsbild herauszulesen, das der Feldversuch einer Vierzehnjährigen in Deutschland ergab, in dem Schüler unterschiedlicher Altersklassen und unterschiedlicher Herkunft ausnahmsweise einmal nicht von besorgten Soziologen, geschäftstüchtigen Entwicklungspsychologen oder vermeintlich wohlmeinenden Pädagogen befragt wurden, sondern dieser Vierzehnjährigen und damit ihresgleichen Rede und Antwort standen. Dieser Umfrage lag kein Anfangsverdacht zugrunde, keine der steilen Hypothesen, wie katastrophal es um Deutschlands Jugend bestellt sein könnte, sondern einfach nur die pure Neugierde eines Teenagers: Wie geht es uns und was wollen wir eigentlich?
Unter Druck, aber glücklich
Es gibt Studien wissenschaftlicher Provenienz, die Ähnliches konstatieren – allen voran die 16. Shell-Jugendstudie. Inmitten der Finanz- und Schuldenkrise fördert sie nämlich eine äußerst zuversichtliche junge Generation zutage, die sich weder durch die Wirtschaftskrise noch durch die unsicher gewordenen Berufsverläufe und Perspektiven ihre positive Grundeinstellung nehmen lasse. Mehr noch: „Prägend für diese Generation sind insbesondere eine starke Leistungsorientierung und ein ausgeprägter Sinn für soziale Beziehungen.“ Forscher des Kindermarktforschungsinstituts Iconkids & Youth behaupten, dass Kinder unter enormem Druck stehen, aber erstaunlicherweise dann doch sehr glücklich sind. Und das Heidelberger SINUS-Institut hat unlängst herausgefunden, dass es „die“ Jugend gar nicht mehr gibt, dass es manchen Gruppen von Jugendlichen schlechter, anderen wiederum besser geht und dass die meisten jungen Leute ihre Zukunft pragmatisch positiv sehen.
Schwarzmaler haben die Deutungshoheit
Der Deutungshoheit über die Befindlichkeit von Deutschlands Jugend haben sich aber inzwischen sehr erfolgreich die Schwarzmaler bemächtigt. Aus individuell ganz unterschiedlichen Gründen zeichnen sie ein weit weniger positives Bild. Deutschlands Kinder und Jugendliche könnten gar nicht glücklich sein. Zu viel spräche dagegen: das erhöhte Lebenstempo, der Wettbewerbsdruck einer zunehmend meritokratischen Gesellschaft, die medialen Verlockungen und vor allem fehlgeleitete, überbesorgte Eltern, die ihre Kinder nur mehr zu unmündigen Menschen erzögen. Mit den Argusaugen, mit denen die Pädagogen, Psychologen, Erziehungsberater und Jugendexperten noch vor ein paar Jahren vor allem die vernachlässigten Kinder und Jugendlichen der new urban underclass ins Visier nahmen, beobachten sie jetzt den Nachwuchs der Mittelschicht. Sie haben längst eine neue Debatte entfacht, in der der Alarmismus wieder keine Grenzen kennt: Kinder und Jugendliche litten unter Leistungsdruck, verursacht durch überambitionierte, rücksichtslose Eltern und eine Bildungspolitik, die dem Nachwuchs angeblich die Möglichkeit genommen habe, die Welt in seiner eigenen Geschwindigkeit zu entdecken. Kinder würden regelrecht zu Strebern erzogen, Leistung werde mit Bildung verwechselt. Die Jugend jage Zusatzqualifikationen hinterher, um sich am Ende mit ihrer Zielstrebigkeit eine Biedermeieridylle mit Häuschen und solidem Einkommen zu erarbeiten (Marktforschungsinstitut Rheingold). Es herrscht die felsenfeste Überzeugung, dass Kinder heute nicht mehr Kinder sein dürfen und Teenager nicht mehr echte Teenager, so wie wir damals.
Derartige Deutungsversuche bringen nicht weiter. Im Gegenteil: Sie sind nachgerade gefährlich. Sie stellen das Kindeswohl in Frage und stoßen damit das Einfallstor in die Familien ganz weit auf. Sollten sie irgendwann den Common Sense dominieren, würden sie bildungspolitische Richtungsentscheidungen nach sich ziehen, die an den Bedürfnissen junger Menschen vorbeiging. Wer wissen möchte, wie junge Menschen in Deutschland ihr Leben einschätzen und wie sie erzogen werden wollen, sollte sich auf ein Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven einlassen. Er muss sich der typischen Skepsis der Experten gegenüber den Lebensumständen junger Menschen hin und wieder entziehen und es wagen, die Selbsteinschätzung des Nachwuchses für bare Münze zu nehmen.
Auf der Jagd nach Erfolg
Wechseln wir also wieder die Perspektive: Kinder und Jugendliche suchen die Herausforderung. Spätestens im frühen Jugendalter haben sie intuitiv begriffen, dass sie ohne fremde Motivation und mitunter auch äußeren Druck nicht die Erfolge einfahren können, die einen Teil ihres positiven Lebensgefühls ausmachen, weil sie nur dann das Glück des Könnens erfahren. Die meisten werden in diesem Kontext erzogen. Diejenigen, denen viel abverlangt wird, zeigen – zumindest in dem Feldversuch der Vierzehnjährigen – die positivste Lebenseinstellung. Die großen Erwartungen deuten sie als Zuneigung und Interesse und als unerschütterlichen elterlichen Glauben an ihre Fähigkeiten. Diese Interpretation, die jener der stets kritischen Expertenschar diametral entgegensteht, hat viel mit dem Erziehungsstil zu tun, der in den bildungsambitionierten Familien vorherrscht. Er kommt dem von der Fachwelt weitgehend präferierten, autoritativen Stil sehr nahe. Dabei gelingt es der Mehrzahl der Eltern im täglichen Trial and Error offenbar gut, Freiheit und Grenzen in der Balance zu halten. Kinder und Jugendliche spüren die hohen Erwartungen, sie akzeptieren die formulierten Leistungsstandards und haben trotzdem nicht das Gefühl, nur im Erfolgsfall geliebt zu werden. Erfolge werden gelobt, bei Niederlagen wird getröstet, bei Regelverletzungen ist elterliche Enttäuschung Strafe genug. Die klassische Bestrafung ist dagegen aus dem elterlichen Instrumentenkasten nahezu verschwunden. Dem Selbstbewusstsein des Nachwuchses, seinem Blick aufs Leben und seiner Leistungsbereitschaft ist diese „naturpädagogische“ Melange nur zuträglich. Viele Jugendliche haben daran nicht allzu viel auszusetzen, im Gegenteil. Auch das ist aus der Umfrage der Vierzehnjährigen herauszulesen. So manche Übertreibungen und vor allem die dauernde Inkonsequenz nehmen sie ihren Eltern nicht übel.
Reizwörter Disziplin und Leistung
Schade ist es daher, dass es immer wieder gelingt, Leistungswillen und Erfolgsstreben, Ehrgeiz, Disziplin und Pragmatismus, den die meisten jungen Menschen von niemand anderem als ihren Eltern gelernt haben, derart negativ zu werten. Leistung und Disziplin – diese beiden Worte stehen bis heute in Misskredit. Bei den Erwachsenen, nicht bei der Jugend. Und Erfolg erregt Argwohn, vor allem dann, wenn von ihm im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen allzu oft die Rede ist. Hier nehmen die beiden Zweisilber „Leistung“ und „Erfolg“ sofort ein negatives Timbre an: das von Training, Übung, Drill und Paukerei, von Arbeiten und Zwang, von Leistungsdruck und Überforderung. Von allem also, was Erfolg überhaupt erst ausmacht, denn vor den Erfolg haben die Götter nun einmal den Schweiß gesetzt.
Wagen wir deshalb noch einmal einen Perspektivwechsel: Jedes Kind und jeder Jugendliche sehnt sich nach Erfolg. Erste Anzeichen einer Leistungsmotivation zeigen sich bei Kindern bereits im Alter von etwa drei Jahren. Dann nämlich beginnen sie zu begreifen, dass das Ergebnis ihrer Handlung etwas über ihre eigene Tüchtigkeit aussagt. Erfolg ist Selbstzweck. Die Feststellung, besser geworden zu sein, ist der Anreiz für die nächste Anstrengung. Erfolg ist damit die Grundvoraussetzung dafür, sich weiterzuentwickeln. Erfolg in der Schule, beim Sport, bei Freunden, Erfolg beim anderen Geschlecht – auf welchem Gebiet auch immer. Dabei stehen im Jugendalter nicht nur Akzeptanz und Anerkennung über den Erfolg im Vordergrund, sondern durchaus auch die Einschätzung der eigenen Leistung im Vergleich mit anderen.
Streit ums Menschenbild
Die negative Deutung der Leistungsfreude junger Menschen offenbart ein tiefes Misstrauen in das Menschenbild einer Leistungsgesellschaft, mit der man es im Jugendalter leichter aufnimmt als vielleicht mit Ende vierzig. Nirgends manifestiert sich das deutlicher als im Wehklagen einer Erwachsenengeneration, die ihrer eigenen Jugend hinterherträumt, in der sich alles angeblich idyllischer, besonnener, immaterieller oder in späteren Jahren auch rebellischer anließ. Und die sich vor der Zukunft fürchtet. Aus dieser Perspektive müssen junge Menschen von heute als zu wenig nachdenklich und gesellschaftspolitisch kritisch erscheinen. Es wird unterstellt, dass eine leistungs- und erfolgsorientierte Erziehung den jungen Menschen keinen Freiraum mehr lässt, aus einem anderen Tugendkanon zu lernen, der für den gesellschaftlichen Zusammenhalt eben auch wichtig ist, nämlich Empathie, Verantwortungsbewusstsein, Hilfsbereitschaft und Solidarität. Ist diese Skepsis berechtigt? Sind leistungsorientierte Jugendliche als Erwachsene dann wirklich rücksichtsloser, egoistischer, weniger fantasievoll? Sicher nicht. Denn all die wohlklingenden Tugenden wie Kreativität, Fantasie, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl sind ohne eine gesunde Leistungsbasis gar nicht denkbar. Nur leistungsstarke Jugendliche trauen sich genügend Urteilsvermögen zu, um sich dem Gruppenzwang ihrer Peers zu widersetzen und vermeintliche Autoritäten fachlich oder gar persönlich infrage zu stellen. Und nur wer in sich selbst ruht, wird auf Dauer in der Lage sein, Zivilcourage zu entwickeln. Wer erfolgreich einen Beruf erlernt hat und schließlich ausübt, wird sich sehr viel leichter tun, sich für die Schwächeren in der Gesellschaft zu engagieren. Junge Menschen haben ein Recht darauf, dass ihre Eltern und Lehrer ihnen mehr zutrauen als sie sich selbst. Keine Angst also vor Disziplin und Leistungsdruck. Im Gegenteil: Das ist das, was junge Menschen in Deutschland wollen. Nur dadurch entstehen die Erfolge, die einen großen Anteil an ihrem Lebensglück haben. Deutschlands Jugend ist auf gutem Wege. Zumindest das Gros.
Inge Kloepfer, geboren 1964 in München, Buchautorin und Journalistin. Sie schreibt für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Mit ihrer Tochter Isabel hat sie unlängst das Buch „Glucken, Drachen, Rabenmütter. Wie junge Menschen erzogen werden wollen“ herausgebracht.