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Warum wir Vielfalt feiern und bei anderen Meinungen plötzlich skeptisch werden

Joanna Ratuschny über Schubladendenken, politische Toleranz und eine Gesellschaft, die Vielfalt fordert, aber Widerspruch nur schwer erträgt

Wann ist Kleidung Ausdruck individueller Vorlieben und wann Anlass für gesellschaftliche Zuschreibungen? Kleidung gehört seit jeher zum Menschsein. In Zeiten, in denen es weder Schrift noch Staaten oder Religionen gab, schmückte man sich mit Muscheln, Tierzähnen und kunstvoll bearbeiteten Steinen. Kleidung diente nie nur dem Schutz vor Kälte oder Nässe. Später waren ausgewählte Stoffe, Farben oder Verzierungen einzelnen Ständen vorbehalten. Kleidung wurde zum Distinktionsmerkmal.

Heute ist Kleidung Ausdruck individueller Freiheit. Sie drückt – im besten Falle – Persönlichkeit aus. Wir kommunizieren über sie, zeigen wir doch, wie wir wahrgenommen werden möchten. Farben, Schnitte oder Accessoires transportieren Botschaften über Lebensstil und kulturelle Prägung. Oder über unsere politische Haltung. Kleidung ist längst Teil einer gesellschaftlichen Sprache geworden, deren Codes häufig unausgesprochen bleiben und dennoch erstaunlich präzise verstanden werden. Wer sich auf eine bestimmte Art anzieht, wer klassisch gekleidet ist oder bewusst auf Symbole verzichtet, wird schnell einer gesellschaftlichen Gruppe zugeordnet.

Hier offenbart sich ein Widerspruch. Während Vielfalt und Toleranz zentrale Leitbegriffe öffentlicher Debatten sind, endet die Bereitschaft zur Offenheit nicht selten dort, wo das Äußere Rückschlüsse auf ein vermeintlich „falsches“ gesellschaftliches oder politisches Milieu zulässt. Aus dem Bekenntnis zur Diversität wird eine Diversität unter Vorbehalt.

Ich hatte unlängst ein Erlebnis: in der Universität, im Gebäude der Geisteswissenschaftler. Ich begegnete einer Gruppe Studenten. Einige von ihnen kannte ich, weil sie hochschulpolitisch aktiv sind. Im Seminarraum hörte ich Bemerkungen wie: „Was macht sie denn hier?“, „Was eine konservative Tante.“, „Wer weiß, wen die wählt?“. Wir hatten kein Wort gewechselt. Es ging nur um mein Erscheinungsbild: blaue Bluse, weiße Sneaker.

Die Situation mag für sich genommen unbedeutend erscheinen. Und doch ist sie aufschlussreich. Denn sie verweist auf ein verbreitetes Muster: Politische und gesellschaftliche Zuschreibungen erfolgen häufig, bevor überhaupt ein Argument ausgetauscht wurde. Äußerlichkeiten werden zur Projektionsfläche. Man meint dem Gegenüber Überzeugungen, Werte oder Parteipräferenzen anzusehen. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu [1] beschrieb bereits, wie Geschmack und ästhetische Vorlieben soziale Zugehörigkeit markieren können. Kleidung wird zu einem kulturellen Code. Problematisch wird es jedoch, wenn aus einem Code ein Urteil wird. Aus einer Vermutung entsteht Gewissheit, aus einer Beobachtung ein Vorurteil [2].

 

Bemerkenswert ist, dass gerade jene politischen Milieus, die mit Nachdruck Vielfalt, Offenheit und Toleranz einfordern, mitunter Gefahr laufen, diese Prinzipien selektiv anzuwenden. Eine Diversität, die nur innerhalb eines bestimmten Meinungsspektrums akzeptiert wird, endet dort, wo Meinungsvielfalt beginnt. Sie schützt Unterschiede, solange sie den eigenen Überzeugungen nicht widersprechen. Wenn jedoch politische Zuschreibungen wichtiger werden als die Bereitschaft zum Gespräch, verliert Vielfalt ihren Sinn. Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche Weltanschauungen nicht als Bedrohung, sondern als legitimer Bestandteil des öffentlichen Diskurses verstanden werden. Meinungsfreiheit erschöpft sich nicht in der Freiheit, Zustimmung zu äußern. Sie entfaltet ihre eigentliche Kraft dort, wo sich Menschen einander trotz grundlegender Differenzen gelten lassen.

Eine Gesellschaft verliert ihre Offenheit nicht erst dann, wenn sie Meinungen verbietet. Sie verliert sie bereits, wenn Menschen glauben, den anderen verstanden zu haben, bevor auch nur ein Wort gewechselt wurde. Wer es mit Freiheit und Vielfalt ernst meint, sollte nicht zuerst fragen, was ein Mensch trägt oder wen er wählt. Nicht die Kleidung entscheidet über den Wert eines Menschen, sondern die Fähigkeit, ihm mit Respekt zu begegnen.

Melanie Reinhardt

Joanna Aleksandra Ratuschny, 26 Jahre., studiert Biologie und Englisch auf Lehramt für das Gymnasium. Als ehemalige stellv. Bundesvorsitzende des Bundes der Jugend der Deutschen Minderheit in Polen und Mitglied im Bundesvorstand des Ring Christlich-Demokratischer Studenten verbindet sie gesellschaftliches Engagement mit dem Anspruch, politische Debatten aktiv mitzugestalten.

Aus der Überzeugung, bürgerlich- konservatives Denken neu zu vermessen und zeitgemäße Antworten auf die politischen und gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit zu entwickeln, gründete sie Res Publica. Als Founder und Vice-President gestaltet sie die strategische und inhaltliche Entwicklung des Thinktanks maßgeblich mit.


[1] Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. 
[2] Hester N, Hehman E. Dress is a Fundamental Component of Person Perception. Pers Soc Psychol Rev. 2023;27(4):414-433. doi:10.1177/10888683231157961

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