Wann ist Kleidung Ausdruck individueller Vorlieben und wann Anlass für gesellschaftliche Zuschreibungen? Kleidung gehört seit jeher zum Menschsein. In Zeiten, in denen es weder Schrift noch Staaten oder Religionen gab, schmückte man sich mit Muscheln, Tierzähnen und kunstvoll bearbeiteten Steinen. Kleidung diente nie nur dem Schutz vor Kälte oder Nässe. Später waren ausgewählte Stoffe, Farben oder Verzierungen einzelnen Ständen vorbehalten. Kleidung wurde zum Distinktionsmerkmal.
Heute ist Kleidung Ausdruck individueller Freiheit. Sie drückt – im besten Falle – Persönlichkeit aus. Wir kommunizieren über sie, zeigen wir doch, wie wir wahrgenommen werden möchten. Farben, Schnitte oder Accessoires transportieren Botschaften über Lebensstil und kulturelle Prägung. Oder über unsere politische Haltung. Kleidung ist längst Teil einer gesellschaftlichen Sprache geworden, deren Codes häufig unausgesprochen bleiben und dennoch erstaunlich präzise verstanden werden. Wer sich auf eine bestimmte Art anzieht, wer klassisch gekleidet ist oder bewusst auf Symbole verzichtet, wird schnell einer gesellschaftlichen Gruppe zugeordnet.
Hier offenbart sich ein Widerspruch. Während Vielfalt und Toleranz zentrale Leitbegriffe öffentlicher Debatten sind, endet die Bereitschaft zur Offenheit nicht selten dort, wo das Äußere Rückschlüsse auf ein vermeintlich „falsches“ gesellschaftliches oder politisches Milieu zulässt. Aus dem Bekenntnis zur Diversität wird eine Diversität unter Vorbehalt.
Ich hatte unlängst ein Erlebnis: in der Universität, im Gebäude der Geisteswissenschaftler. Ich begegnete einer Gruppe Studenten. Einige von ihnen kannte ich, weil sie hochschulpolitisch aktiv sind. Im Seminarraum hörte ich Bemerkungen wie: „Was macht sie denn hier?“, „Was eine konservative Tante.“, „Wer weiß, wen die wählt?“. Wir hatten kein Wort gewechselt. Es ging nur um mein Erscheinungsbild: blaue Bluse, weiße Sneaker.
Die Situation mag für sich genommen unbedeutend erscheinen. Und doch ist sie aufschlussreich. Denn sie verweist auf ein verbreitetes Muster: Politische und gesellschaftliche Zuschreibungen erfolgen häufig, bevor überhaupt ein Argument ausgetauscht wurde. Äußerlichkeiten werden zur Projektionsfläche. Man meint dem Gegenüber Überzeugungen, Werte oder Parteipräferenzen anzusehen. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu [1] beschrieb bereits, wie Geschmack und ästhetische Vorlieben soziale Zugehörigkeit markieren können. Kleidung wird zu einem kulturellen Code. Problematisch wird es jedoch, wenn aus einem Code ein Urteil wird. Aus einer Vermutung entsteht Gewissheit, aus einer Beobachtung ein Vorurteil [2].