Event Reports

Johannes XXIII. und das Judentum

by Michael Mertes

„Ich bin Joseph, Euer Bruder“

Am 29. April 2013 veranstalteten die KAS Israel und das Jerusalemer Büro des American Jewish Committee gemeinsam mit Yad Vashem und dem Kantor Center der Universität Tel Aviv eine weit über die Region hinaus beachtete Internationale Konferenz. Unter dem Titel „Die Shoah, das Jüdische Volk & der Staat Israel“ wurde die historische Bedeutung von Papst Johannes XXIII. für die Überwindung des jahrhundertealten Gegensatzes zwischen Katholischer Kirche und Judentum gewürdigt.

Die Konferenz hatte eine außergewöhnlich große Zahl von interessierten Gästen angezogen. Bemerkenswert war auch, dass die Teilnehmer im Laufe des Tages nicht weniger wurden. Rund 200 Menschen, vor allem aus West- und Ost-Jerusalem, füllten das Auditorium des Konrad-Adenauer-Konferenzzentrums im Mishkenot Sha’ananim vom Anfang (9.30 Uhr) bis zum Ende (18.00 Uhr), um führenden Vertretern der Wissenschaft, des israelischen Oberrabbinats und der Katholischen Kirche – darunter zwei Kurienkardinäle und der Lateinische Patriarch von Jerusalem – zuzuhören.

Bereits in den Eingangsbemerkungen wurden die historischen Verdienste von Papst Johannes XXIII. (bürgerlich: Angelo Giuseppe Roncalli) um die christlich-jüdische Verständigung hervorgehoben. Minister a.D. Yair Tzaban erklärte, weshalb dieser Papst – „unser bewunderter Bruder“ – gerade in Israel so großes Ansehen und so große Sympathie genieße. Michael Mertes, Leiter der KAS Israel, hob den Stellenwert hervor, den der interreligiöse Dialog für die Arbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung in Israel und weltweit habe.

Der Lateinische Patriarch Fouad Twal ging unter anderem darauf ein, was das Vermächtnis von Johannes XXIII. für die Christen im Heiligen Land bedeutet, während der ehemalige Oberrabbiner von Haifa, She’ar Yashuv Cohen, herausarbeitete, wie wichtig dieser Papst für die Juden gewesen sei. Colette Avital, Vorsitzende des Zentrums für Holocaust-Überlebende in Israel, würdigte vor allem die Rettung Hunderter südosteuropäischer Juden durch Angelo Giuseppe Roncalli während seiner Zeit als Apostolischer Delegat in Istanbul (bis Dezember 1944).

Erzbischof Bruno Forte (Erzdiözese Chieti-Vasto) überbrachte den Konferenzteilnehmern eine Grußbotschaft – siehe pdf-Datei – von Erzbischof Loris Francesco Capovilla, dem heute 97-jährigen ehemaligen Sekretär von Johannes XXIII. Mons. Capovilla zitierte Rabbi Herbert Friedman, der zu Johannes XXIII. gesagt hatte: „In einem Europa, das fast völlig stumm blieb, protestierten Sie gegen die Unmenschlichkeit des Antisemitismus, indem sie ihn mit Taten zur Rettung von Menschenleben überhäuften.“

Mit großem Beifall aufgenommen wurde eine vor der Konferenz aufgezeichnete Grußbotschaft des israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres, der in bewegenden Worten die große Menschlichkeit, den Mut und den historischen Weitblick von Johannes XXIII. rühmte: „Auch 50 Jahre nach seinem Tod spüren wir, dass er noch mitten unter uns ist.“ Es folgte eine Vorführung von Ausschnitten aus dem Film „I am Joseph, Your Brother“ (Ich bin Joseph, Euer Bruder), der die Schritte von Johannes XXIII. auf dem Weg zu einer Neuorientierung der Katholischen Kirche in ihrem Verhältnis zu den Juden eindrucksvoll illustrierte.

Shimon Peres

Erstes Panel: Roncalli und die Shoah

Prof. Dan Michman (Yad Vashem und Bar Ilan-Universität) moderierte das erste Panel, das mit den international höchst angesehenen Holocaust-Forschern Prof. Yehuda Bauer (Hebräische Universität Jerusalem) und Prof. Dina Porat (Kantor Center an der Universität Tel Aviv, Chefhistorikerin von Yad Vashem) herausragend besetzt war.

Yehuda Bauer widmete sich der Frage nach den Motiven von Christen, die unter Einsatz ihres Lebens bereit waren, Juden vor der Nazi-Vernichtungsmaschinerie zu retten. Ihnen allen sei etwas gemeinsam gewesen – das schlichte Gefühl, eine selbstverständliche menschliche Pflicht zu erfüllen. Er zitierte einen polnischen Pfarrer, der zu einem Gemeindeangehörigen gesagt hatte: „Wenn Du auf Deinem Weg einen Mann am Boden liegen siehst, der unter die Räuber gefallen ist, dann überleg Dir einfach: Wie würde der barmherzige Samariter jetzt handeln?“

Dina Porat referierte über die Ergebnisse der Forschung zu den verschiedenen von Angelo Giuseppe Roncalli unternommenen Anstrengungen, europäische Juden vor der Vernichtung zu retten. Einen besonderen Akzent setzte sie dabei auf Erkenntnisse, die dem schriftlichen Nachlass von Haim Barlas zu entnehmen sind. Barlas war ein Mitarbeiter der Jewish Agency, der Roncalli aus dessen Zeit als Zeit als Apostolischer Delegat in Istanbul gut kannte.

Zweites Panel: Roncalli und die Entstehung der Staates Israel

Baruch Tenembaum, der Moderator dieses Panels, nutzte die Gelegenheit, seine Forderung zu erneuern, Yad Vashem möge Johannes XXIII. als „Gerechten unter den Völkern“ ehren.

Minister a.D. Yair Tzaban sprach über die Bedeutung der Begegnung von 1947 zwischen Roncalli – inzwischen Apostolischer Nuntius in Paris – und Moshe Sneh, dem damaligen Leiter der Europaabteilung der Jewish Agency. Sie habe Roncalli ein besseres Verständnis für den Zionismus vermittelt – eine politische Bewegung, die auf vatikanischer Seite im Verdacht stand, kommunistisch und daher scharf antikirchlich zu sein.

Prof. Uri Bialer (Hebräische Universität Jerusalem) ging der Frage nach, inwieweit Roncalli die Haltung des Heiligen Stuhls zum UN-Teilungsplan von 1947 beeinflusst habe. Er kam zu dem Ergebnis, dass Roncalli dabei keine wichtige Rolle gespielt habe: Auch ohne ihn habe die Vatikan-Diplomatie damals das Ziel erreicht, Jerusalem und Bethlehem als „Corpus separatum“ sowohl der arabischen als auch der jüdischen Kontrolle zu entziehen.

Zum gleichen Ergebnis kam Dr. Paolo Zanini (Universität Mailand). Er machte jedoch auch deutlich, dass Roncalli aufgrund seiner beruflichen Erfahrung und seiner vielfältigen persönlichen Kontakte mit Zionisten, arabischen Nationalisten und anderen Gesprächspartnern aus der Region ein exzellentes Gespür für die komplexe Lage im Nahen Osten entwickelt hatte.

Drittes Panel: Johannes XXIII., das Zweite Vatikanische Konzil und „Nostra Aetate“

Kardinal Peter Turkson, Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden („Iustitia et Pax“) moderierte das Panel, in dem es um die Neuorientierung der Katholischen Kirche im Verhältnis zu Judentum ging. Alle Redner stimmten darin überein, dass ohne das unermüdliche persönliche Engagement von Johannes XXIII., der sich mit großer Liebenswürdigkeit über alle Widerstände hinwegsetzte, das historische Konzilsdokument „Nostra Aetate“ mit seinem zentralen Kapitel „Die jüdische Religion“ nicht zustande gekommen wäre.

Der Kirchenhistoriker Prof. Alberto Melloni (Universität Modena und Reggio Emilia) betonte, eine der ersten wichtigen Entscheidungen von Johannes XXIII. sei es 1959 gewesen, aus der katholischen Karfreitagsliturgie die Bezeichnung der Juden als „perfidi“ (treulos) zu streichen. Eine genaue Analyse seiner gewissenhaft geführten Tagebücher ergebe, dass er auch im Hinblick auf die Juden von dem Wunsch getrieben worden sei, dem Evangelium gerecht zu werden.

Die Doktorandin Claire Maligot (Universität Paris IV) ging auf die Bedeutung des Gesprächs zwischen dem französisch-jüdischen Historiker Jules Isaac und Johannes XXIII. im Juni 1960 ein. Sie präsentierte die Ergebnisse ihrer Forschungen über die ersten jüdischen Reaktionen auf „Nostra Aetate“. Diese zeigten, dass auf jüdische Seite sofort begriffen worden sei, dass dieses Dokument eine epochale Wende markiere.

Pater Pierbattista Pizzaballa OFM, Kustos des Heiligen Landes und Professor für biblisches Hebräisch und Judentum, würdigte den revolutionären Charakter von „Nostra Aetate“. Das Verhältnis der Katholischen Kirche zum Judentum diene weiterhin als Paradigma für ihr Verhältnis zu anderen nichtchristlichen Religionen. „Nostra Aetate“ sei ein pastorales, kein dogmatisches Dokument. Es müsse zusammen mit der Dogmatischen Konstitution „Lumen gentium“ gelesen werden, mit der die Katholische Kirche sich von Lehre, sie sei eine „societas perfecta“, gelöst habe.

Pizzaballa kritisierte, dass der katholisch-jüdische Dialog viel von seiner ursprünglichen Dynamik verloren habe und zu routiniert geworden sei. Es gebe an der Basis sowohl auf christlicher wie auf jüdischer Seite viel Ignoranz über den jeweils Anderen. Für das spirituelle Leben der Kirche sei ein Dialog über substantielle theologische Fragen besonders wichtig. Hinter „Nostra Aetate“ könne die Katholische Kirche nie wieder zurück – wahr sei aber auch, dass Fehlentwicklungen von 2000 Jahren sich nicht innerhalb der vergleichsweise kurzen Zeit von 50 restlos überwinden lassen.

Yisca Harani, eine freiberufliche israelische Dozentin für Christentum und christlich-jüdische Beziehungen, ging auf die besonderen Probleme des christlich-jüdischen Dialogs in Israel ein. Viele der hier lebenden Juden hätten das Gefühl, sich im eigenen Staat endlich vom „Joch der Christenheit“ befreit zu haben; sie verspürten daher kein Verlangen, sich mit solchen Themen zu beschäftigen – diese seien Teil der „Alten Welt“. Gleichwohl beobachte sie ein wachsendes Interesse am Christentum, das aber nicht religiös, sondern – im weitesten Sinne – kulturell motiviert sei. Viele jüdische Israelis möchten begreifen, welchen Anteil das Christentum am Antisemitismus (gehabt) habe. Nicht zuletzt begegne ihr immer wieder eine starke Faszination durch die „Ästhetik des Christentums“.

Viertes Panel: Das Vermächtnis von Johannes XXIII. für die katholisch-jüdischen Beziehungen in Europa und weltweit

Unter der Moderation von Oded Wiener, Generaldirektor bei israelischen Oberrabbinat, ging es beim abschließenden Panel um einen Blick nach vorn. Kardinal Kurt Koch, Präsident der Päpstlichen Kommission für religiöse Beziehungen zum Judentum, hob die bleibende Bedeutung von „Nostra Aetate“ als Grundlagendokument für die katholisch-jüdischen Beziehungen hervor.

Prof. Amos Luzzatto, ein italienisch-jüdischer Schriftsteller, Essayist, Chirurg und Präsident des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens 1998-2006, begann mit einer Anekdote über seine erste Begegnung mit Roncalli, als dieser noch Patriarch von Venedig war. Luzzatto habe sich geweigert, den Patriarchenring zu küssen – was Roncalli dazu veranlasst habe, sich ihm mit besonderer Freundlichkeit zuzuwenden. Luzzatto hob hervor, es gehöre zu den strukturellen Problemen des christlich-jüdischen Dialogs, dass Christen ihre Identität rein religiös definierten, während zum Judentum immer auch die nationale Dimension gehöre.

Zum Schluss resümierte Rabbiner Dr. David Rosen, Internationaler Direktor für interreligiöse Angelegenheiten beim American Jewish Committee und ehemaliger Oberrabbiner von Irland, die Ergebnisse der äußerst gehaltvollen Konferenz. Johannes XXIII. habe durch seine große Liebe, Demut, Courage und Standfestigkeit Christen und Juden zusammengeführt – er sei ein großer Brückenbauer gewesen, ein „Pontifex“ im ursprünglichen Sinne es Wortes.

Zur Bedeutung von „Nostra Aetate“ führte Rosen aus, dass der entscheidende Punkt nicht die Verwerfung der Lehre vom „Gottesmördervolk“ gewesen sei – von dieser absurden Vorstellung habe sich die Kirche bereits viel früher verabschiedet. Entscheidend und epochemachend sei vielmehr die Verwerfung der Theorie, durch den „neuen“ Bund in Christus sei der „alte“ Bund Gottes mit dem Volk Israel annulliert worden. Zentrales Argument von „Nostra Aetate“ sei ein Zitat aus dem Römerbrief (Röm 9,4-5), wonach den Juden „die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören wie auch die Väter und dass aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt“. Auf diesen Satz habe sich Roncalli schon vor seiner Wahl zum Papst immer wieder berufen.

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