Event Reports

Welche Zukunft hat jüdisches Leben in Europa?

by Michael Mertes

Eine notwendige israelisch-europäische Debatte

Am 15. Mai 2013 veranstaltete die KAS Israel in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für europäische Politik und Gesellschaft an der Ben-Gurion-Universität des Negev (BGU) den zweiten internationalen Workshop über den jüdischen Beitrag zum europäischen Integrationsprojekt. Der erste Workshop zu diesem Thema hatte am 7. Mai 2013 stattgefunden.

Eröffnet wurde der Workshop von Michael Mertes, Leiter der KAS Israel, und Prof. David Newman, Dekan der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der BGU. Mertes wies unter anderem darauf hin, dass die Kritik der nationalistischen Rechten in Israel am „postnationalen“ Selbstverständnis der EU sich in wichtigen Punkten mit der von europäischen Rechtspopulisten vertretenen Position decke. Es sei zwar verfrüht, in Europa ein „postnationales“ Zeitalter auszurufen; man müsse jedoch auch sehen, dass der ethnozentrische „Blut und Boden“-Nationalismus des 19. Jahrhunderts und das Dogma der Unantastbarkeit nationaler Souveränität schon längst nicht mehr die in Europa herrschenden Paradigmen seien.

Newman wandte sich gegen den von israelischen Europa-Kritikern verbreiteten Eindruck, die Beziehungen zwischen der EU und Israel hätten sich in letzter Zeit dramatisch verschlechtert. In Wahrheit seien sie heute so breit und tief wie nie zuvor. Aus eigener Erfahrung als akademischer Lehrer wisse er, dass unter israelischen Studenten ein enormes Interesse an der Europäischen Union bestehe. Er befürworte daher nachdrücklich eine Intensivierung der akademischen Zusammenarbeit zwischen der EU und Israel.

Botschafter Lars Faaborg-Andersen, der die EU in Israel vertritt, zeichnete in seinem Vortrag ein umfassendes Bild der israelisch-europäischen Beziehungen, das die positive Diagnose von Prof. Newman voll bestätigte. Ausführlich setzte er sich – auch in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum – mit dem Vorwurf auseinander, die EU wende auf Israel strengere Kriterien an als auf andere Länder: Erstens sei Israel Mitglied des „Clubs“ westlicher Staaten und müsse es daher akzeptieren, an den in diesem Club geltenden Standards gemessen zu werden. Zweitens seien Israel und die EU befreundet, und unter Freunden sollten offene Worte möglich sein. Drittens orientiere sich die EU an einheitlichen Maßstäben: Sie verstehe sich als „normative power“ auf der Grundlage von Werten, für deren Achtung sie gegenüber allen ihren Kooperationspartnern eintrete.

Die EU, so Faaborg-Andersen, warte immer noch auf eine offizielle israelische Reaktion auf ihr Angebot vom Dezember 2013, mit Israel eine „Besondere Privilegierte Partnerschaft“ (Special Privileged Partnership, SPP) einzugehen, sobald der israelisch-palästinensische Konflikt durch eine Zwei-Staaten-Lösung beigelegt sei. Da es für eine SPP kein historisches Vorbild gebe, könne diese Partnerschaft so ausgestaltet werden, dass sie Israel effektiv einen mitgliedschaftsähnlichen Status verschaffen würde.

Die Kritik der EU an der israelischen Siedlungspolitik begründete Faaborg-Andersen damit, dass das Westjordanland nicht Teil des israelischen Territoriums sei; dass diese Politik Vertrauen in die Ernsthaftigkeit des Einigungswillens der israelischen Regierung zerstöre; und dass sie die Verwirklichung der von der EU unterstützten Zwei-Staaten-Lösung immer weiter erschwere. Er verwahrte sich gegen die sachlich falsche Darstellung, die Forderung nach Kennzeichnung von Waren aus dem Westjordanland sei ein „Boykott Israels“. Im Übrigen sei die EU verpflichtet sicherzustellen, dass das Geld europäischer Steuerzahler, welches für die Zusammenarbeit mit Israel bestimmt sei, nicht in Siedlungsprojekte fließe; auch das habe mit „Boykott“ nichts zu tun. Schließlich widersprach er der Behauptung, die EU finanziere israelische Nichtregierungsorganisationen, die die „Delegitimierung Israels“ betrieben.

Beim anschießenden Panel konzentrierten sich sowohl Anshel Pfeffer, Kolumnist bei der israelischen Tageszeitung Ha’aretz, als auch Richard C. Schneider, Leiter und Chefkorrespondent des ARD-Studios Tel Aviv, auf versteckte und offene antisemitische Stereotype in der Darstellung von Juden und des Staates Israel durch europäische Medien. Pfeffer, der aus England stammt, stellte zunächst klar, dass es in der britischen Gesellschaft deutlich weniger Antisemitismus gebe als in den meisten Ländern des europäischen Kontinents. Dem widerspreche nicht, dass in britischen Medien die Kritik an der israelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik besonders scharf ausfalle. Wenn es um Juden gehe, werde in England mit besonderer Sensibilität auf einen korrekten Sprachgebrauch geachtet. Dies erläuterte er am Beispiel der Selbstbezeichnung von jüdischen und nichtjüdischen Fans des Fußballclubs Tottenham Hotspur als „Yid“ oder „Yiddo“; damit hätten sich diese Fans selbstbewusst einen Namen zu Eigen gemacht, der von den Anhängern konkurrierender Clubs als Schimpfwort gemeint gewesen sei. Die Verbannung des Wortes „Yid“ aus dem Medienvokabular sei deshalb von den Tottenham Hotspur-Fans mit Unverständnis quittiert worden.

Zu Beginn seiner Ausführungen sprach Richard C. Schneider darüber, dass manche Chefredaktion jüdischen Korrespondenten keine unvoreingenommene Darstellung Israels zutraue: Entweder werde ihnen (ohne dass dies explizit zur Sprache komme) unterstellt, sie seien (zu) pro-israelisch – oder man habe den Verdacht, dass sie, um genau diesem Eindruck vorzubeugen, über Israel (zu) kritisch berichteten. Ein deutscher Korrespondent in Israel müsse darauf achten, dass bestimmte deutsche Wörter politisch kontaminiert seien. Wenn zum Beispiel ein englischsprachiger Journalist von „Greater Israel“ als dem Ziel der Siedlerbewegung spreche, sei das eine neutrale Aussage. Dagegen habe die deutsche Entsprechung „Groß-Israel“ wegen der unvermeidlichen Assoziation mit „Großdeutschland“ einen ganz anderen Klang; solche Assoziationen würden von Israel-Gegnern in Deutschland oft ganz bewusst genutzt, um unterschwellige Vergleiche zwischen Israel und Nazi-Deutschland zu ziehen – Vergleiche also, die zu Recht absolut verpönt sind.

Abschließend vertrat und begründete Schneider die These, dass Antisemitismus keine Spezialität der europäischen Rechten mehr sei. Antisemitische Stereotype seien inzwischen auch in linksliberalen Kreisen (wieder) salonfähig. In diesem Zusammenhang verwies er auf Günter Grass’ Gedicht „Was gesagt werden muss“ und auf zwei Karikaturen im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“, von denen die eine durch redaktionelle Eintextung, die andere durch Assoziationen mit dem Bild von der „jüdischen Weltverschwörung“ an bestimmte Vorurteile appelliert habe. Im Blick auf aktuelle Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa meinte Schneider, dass der europäische Antisemitismus inzwischen auf den „Normalzustand“ der Zwischenkriegszeit zurückgependelt sei.

Im Panel über Ungarn – als ein Beispiel für Gelingen und Misslingen der Integration von Juden in europäische Gesellschaften – sprach zunächst Dr. Janet Kerekes von der Universität Toronto, Autorin des Buchs „Masked Ball at the White Cross Café“ (2005), über die Geschichte der ungarischen Juden zwischen 1867 und 1920. Nach der Emanzipation seien die Juden aus der christlichen Mehrheitsgesellschaft heraus eingeladen und zugleich bedrängt worden, „genau so zu werden wie wir“. Da dies im jedoch den Verzicht auf alle Merkmale jüdischer Identität bedeutet hätte, habe das Assimilationskonzept eine neue „jüdische Frage“ geschaffen, an der es letztlich scheitern musste. Sándor Kerekes, freier Journalist aus Ungarn, stellte aktuelle innenpolitische Entwicklungen in Ungarn dar und vertrat die These, dass die heutige jüdische Gemeinschaft Ungarns (rund 50.000 das entspricht ca. 0,5% der Gesamtbevölkerung) wegen ihrer Gegnerschaft zu bestimmten innenpolitischen Tendenzen dabei sei, ein neues staatsbürgerliches Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Das letzte Panel, das von dem deutsch-israelischen Journalisten und Autor Dr. Gil Yaron geleitet wurde, beschäftigte sich mit der Zukunft der europäischen Juden. Dr. Dov Maimon vom Jewish People Policy Institute, Jerusalem, erläuterte seine Auffassung, dass für jüdisches Leben in Europa immer weniger Raum sei. Er bezog sich damit nicht nur auf aktuelle Debatten über das Verbot der Beschneidung männlicher Neugeborener oder das Verbot des Schächtens. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätten 90% der jüdischen Weltbevölkerung in Europa gelebt, heute seien es nur noch 9%. So habe die von den Nationalsozialisten betriebene „Endlösung“ in der Tat 2000 Jahre glorreicher jüdischer Geschichte in Europa beendet. Über 80% der jüdischen Weltbevölkerung lebten inzwischen in Israel (=rd. 74% der israelischen Bevölkerung) und den Vereinigten Staaten (=rd. 1,7% der US-amerikanischen Bevölkerung). In Israel, aber auch in den Vereinigten Staaten, könnten Juden eine öffentlich sichtbare jüdische Existenz führen, während in Europa der gesellschaftliche Druck wachse, jüdisches Leben nur noch in einer privaten Nische zu verwirklichen. Die Auswanderung von Juden aus Europa nach Israel und in die Vereinigten Staaten werde, so die Prognose von Dov Maimon, nicht mehr abreißen.

Philip Carmel, europapolitischer Berater des European Jewish Congress (Brüssel), wollte dies nicht so pessimistisch sehen. Er bestätigte aber Maimons Auffassung, dass sich das Lebensumfeld der europäischen Juden zurzeit erheblich verändere. Die Nachkriegsentwicklung in Europa – bis zu den großen Umbrüchen von 1989/90 – sei von einem christlichdemokratisch-sozialdemokratischen Grundkonsens geprägt gewesen, der für jüdisches Leben in Europa ideal gewesen sei. Carmel erklärte, auch er sei – wie die meisten europäischen Juden – ein leidenschaftlicher Befürworter des europäischen Integrationsprojekts. Die nächste Europawahl werde indes zeigen, dass der bisherige Grundkonsens dabei sei, zu zerbrechen – ethnozentrische, xenophobe und antieuropäische Kräfte seien auf dem Vormarsch. Für die europäischen Juden bedeute dies, dass sie ihren Standort in Europa neu definieren und zusammen mit nichtjüdischen Anhängern des europäischern Integrationsprojekts eine neue Allianz bilden müssten.

Shmuel Revel, Leiter der Europa-Abteilung im israelischen Außenministerium, vertiefte einige der von seinen Vorrednern formulierten Überlegungen. Unter anderem bestätigte er, dass europäische Juden die Debatten über die Beschneidung und das Schächten als direkte Bedrohung ihrer Lebensweise durch eine verständnislose, wenn nicht negativ eingestellte Mehrheit wahrnähmen. Es sei im vitalen Interesse Israels, dass es nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa ein kraftvolles jüdisches Leben gebe. Europa sei und bleibe für Israel auch in Zukunft gemeinsam mit den Vereinigten Staaten ein Partner von zentraler Bedeutung.