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Bedingt vorbildhaft

Estland, Lettland und Litauen haben den Weg aus der Krise gefunden, scheuen aber die Modellhaftigkeit ihres Tuns

Mit verstärktem Interesse blickt Europa derzeit ins Baltikum in der Hoffnung dort wichtige Erkenntnisse zu gewinnen, wie man erfolgreich die Finanz- und Schuldenkrise bekämpfen kann. Immerhin ist es Litauen, Estland und Lettland nach schweren innerstaatlichen Problemen 2008 gelungen, sich bis heute zu stabilisieren und wieder gute Wirtschaftsdaten vorzulegen. Die Frage, die sich stellt: „Können die baltischen Staaten tatsächlich als Vorbild für Europa dienen?“

Die einhellige Antwort darauf bei einer Abendveranstaltung der KAS in Berlin mit Madis Müller, Vizepräsident der estnischen Nationalbank „Eesti Pank“, Pauls Raudseps, lettischer Journalist und Wirtschaftsanalyst sowie Prof. Dr. Ramûnas Vilpišauskas, Direktor des litauischen Instituts für Internationale Beziehungen und Politikwissenschaft an der Universität Vilnius: bedingt.

Zwar waren sie sich einig, dass es das A und O in der Krise sei, schnell auf diese zu reagieren. Gerade kleine Volkswirtschaften, für die schon minimale Fehlentwicklungen dramatische Folgen haben können, müssten in der Krisenbekämpfung flexibel sein, wollten sie ihre Wettbewerbsfähigkeit behalten. Den Balten sei dabei zu Gute gekommen, dass die getroffenen Maßnahmen, wie etwa Lohnkürzungen, bei der Bevölkerung auf eine breite Akzeptanz gestoßen seien. Zu offensichtlich sei „Ottonormalverbraucher“ gewesen, dass sich die Situation überhitzt gehabt hätte und es zu einer Normalisierung kommen musste. „Auch wenn die Menschen weniger als noch 2008 haben. Das Verständnis war da“, resümierte Müller, der aber vor Vergleichen mit anderen Volkswirtschaften warnte. „Die Modellhaftigkeit ist begrenzt“, so Müller.

Vielleicht ist das Vorbildhafte daher eher auf anderen Ebenen als der rein wirtschaftlichen zu suchen. Raudseps wies darauf hin, dass heute mehr die Wettbewerbsfähigkeit insgesamt in den Fokus politischen Handels geraten sei, etwa wenn verstärkt in Bildung investiert werde. Nicht länger stehe allein der schnelle Reichtum im Vordergrund. Das sei für ihn ein „großer Schritt vorwärts“. Vilpišauskas hob besonders die erneuerte Kooperation hervor. Die Krise habe die baltischen Staaten wieder näher zueinander geführt.

In einer Begrüßung hatte die stellvertretende Vorsitzende der KAS, Hildigund Neubert, die baltischen Staaten als „Stimme von Gewicht“ in der aktuellen Debatte um den richtigen Kurs in der Bekämpfung der europäischen Schuldenkrise bezeichnet. Estland, Lettland und Litauen würden mit gutem Beispiel vorangehen und hätten bewiesen, wie man aus einer Zeit der Erschütterung erfolgreich wieder herausfinden könne.

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