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Der Tod Osama bin Ladens und die Palästinensischen Gebiete

by Felix Dane, Jörg Knocha
Während die Autonomiebehörde den Tod positiv bewertet, verurteilen die Hamas und radikalere Gruppen die amerikanische Aktion.

Die Palästinensergebiete, besonders der Gazastreifen, sind auf unrühmliche Art mit Osama bin Laden und den Anschlägen vom 11. September verbunden. Während es an diesem Tag, an dem 19 Attentäter von bin Ladens al-Qaida die USA angriffen, fast auf der ganzen Welt Solidarität mit den USA gab oder zumindest Zurückhaltung geübt wurde, fanden in Gaza vereinzelte Jubelszenen statt. Allerdings distanzierten sich die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) und selbst die Hamas davon. Doch dieser Affront wog schwer. Dies galt umso mehr im Amerika des George W. Bush, in dem Symbole als Spiegelbild tieferer Wahrheiten galten.

In den knapp zehn Jahren danach haben sich die Palästinensergebiete grundlegend verändert. Die von der Fatah dominierte PA ist zu einem effektiven Instrument im Prozess der Staatswerdung geworden. Die Hamas bekämpft zwar noch immer Israel, doch sind sie mittlerweile im politischen Prozess angekommen und haben an demokratischen Wahlen partizipiert. Die Reaktion der PA war daher auch eindeutig. Salam Fayyad, Ministerpräsident der PA im Westjordanland, äußerte die Hoffnung, dass „sein Tod der Anfang des Endes für diese dunkle Ära“ sei. Ghassan Khatib, ein Sprecher der PA, nannte den Tod bin Ladens „gut für den Frieden auf der ganzen Welt“. Er rief aber auch dazu auf, „den Diskurs und die Methoden, die gewaltsamen Methoden, die durch bin Laden geschaffen und befördert wurden, zu überwinden“. Die al-Aqsa-Märtyrerbrigaden, der weitgehend unabhängig operierende bewaffnete Arm der Fatah, äußerten hingegen ihren Schock über den Tod bin Ladens durch die Hand von „Ungläubigen“. Später bestritten sie diese Verlautbarung.

Der Tenor der großen Tageszeitungen war ebenfalls einhellig. „Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Welt nach seinem Tod friedvoller sein wird“, schrieb z.B. die al-Quds, die aber auch die Befürchtung vor Vergeltungsanschlägen äußerte. Bin Ladens Ziel sei es gewesen, „einen religiösen Krieg auszulösen und Christen weltweit zu bekämpfen“. Die al-Quds erinnerte ihre Leser jedoch auch daran, dass der internationale Terrorismus auch das Ergebnis von „Unterdrückung, Besatzung und ein Mangel an Rechten und Freiheit“ sei.

Erstaunlich war hingegen die Reaktion des als gemäßigt geltenden Hamas-Ministerpräsidenten in Gaza, Ismail Haniyeh. Er verurteilte die Tötung bin Ladens und nannte diesen einen „bescheidenen Mann und Krieger“. Haniyeh bezeichnete die gemeinsam von CIA und US-Militärs durchgeführte Aktion die Ausweitung einer amerikanischen Politik, die „auf Töten angewiesen ist“. Er betonte allerdings auch die Unterschiede zur al-Qaida. So sei der Kampf der Hamas allein gegen Israel gerichtet und hätte keine internationale Dimension. Ein wichtiger Grund für die Äußerungen Haniyehs ist die Situation in Gaza. Innerhalb der Hamas gibt es einen wachsenden Unmut über den Kurs der Bewegung. Die Teilnahme an Wahlen seit 2004 und der undeklarierte Waffenstillstand mit Israel nach dem Gazakrieg 2008/09 haben Mitglieder aus der Hamas in die Hände militanter salafitischer Splittergruppen getrieben. Deren Ideologie ist eine Herausforderung zum Hamas-Modell eines moderaten Nationalislamismus. Es geht ihnen um die Errichtung des Kalifats und die Bekämpfung eines jeglichen westlichen Einflusses. Bin Laden ist für viele von ihnen ein Vorbild, das es geschafft hat, dem Westen die Stirn zu bieten. Auf Grund ihrer fundamentalistischen Ansichten kommt es in regelmäßigen Abständen zu blutigen Kämpfen zwischen der Hamas und diesen Gruppen.

Die Mehrheit der politischen und gesellschaftlichen Reaktionen ist vergleichbar mit denen in westlichen Ländern, in denen es ebenfalls kritische Äußerungen gab. So ist dies ein weiterer Schritt für die Palästinenser als friedvolles und demokratisch gesinntes Volk wahrgenommen zu werden und nicht als militante Anhänger radikaler Islamisten.