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Ein Weihnachtsfest der anderen Art

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Die Tür sieht nicht sonderlich einladend aus, die Farbe abgeblättert, die Wände beschmiert; an Weihnachten erinnert sie gewiss nicht. Hinter ihr befinden wir uns in einem sehr schlichten, in die Länge gezogenen Raum, Jazzmusik erfüllt ihn mit Leben, es herrscht ein reges Treiben. Die vorhandene Einrichtung wirkt dabei sehr karg, einfache Holztische dienen ihrem Zweck, Sitzpolster gibt es nicht. Im hinteren Bereich sitzt ein alter Mann, sein Gesicht vom Leben gezeichnet. Er spielt mit anderen Karten, wirkt dabei entspannt, als genieße er den Moment.

Was im ersten Augenblick an eine heruntergekommene Kneipe erinnert, ist die Tagesstätte Shelter in Düsseldorf. Der Mann ist 63 Jahre alt, heißt Rainer und besucht die Tagesstätte jeden Freitag. Er wirkt sehr gebrechlich, sein Gang ist wankend. Die Diakonie-Tagesstätte hilft Wohnungslosen und bietet ihnen warme Mahlzeiten, eine Dusche oder auch Hilfestellung beim Kontakt mit Behörden an.

Rainer besitzt nun seit 15 Jahren wieder eine eigene Wohnung, die ihm die Caritas vermittelte. Davor war er bereits sieben Jahre lang obdachlos. In dieser Zeit starb seine Mutter, bis heute weiß er nicht genau wann. Auch sein Vater ist verstorben. Einige Jahre später verstarb schließlich auch seine Schwester, woraufhin der Bruder Selbstmord begann.

Bereits in seiner Kindheit hatte er es nicht leicht, arbeitete mit seinem Vater schwarz, das Verhältnis zu den Eltern war gestört. Einmal, so erzählt er, biss er sich seinen Zeigefinger blutig, nur weil seine Mutter nicht die Sportschau einschalten wollte. Schnell folgte der Rauswurf, er war 18 vielleicht gerade 19. „Keiner wollte mich mehr“, sagt er zurückblickend.

Nach einigen Jahren in Sinzig zog es den damals Obdachlosen zurück in seine Heimatstadt. Kurzentschlossen fuhr er also schwarz nach Düsseldorf, das Ticket hätte er sich nie leisten können.

Während er früher täglich im Shelter aufzufinden war, kommt er mittlerweile nur einmal in der Woche. „Ich muss mich dann erst einmal von den Strapazen erholen“, der Trubel wird ihm sonst zu viel, er lebt lieber zurückgezogen. Doch an Heiligabend wird er auch dort zu finden sein. Eigentlich meidet er die Weihnachtszeit, freut sich, wenn diese wieder vorbei ist. Doch das besondere Festmahl, bei dem die Damen und Herren sogar am Tisch bedient werden, möchte der 63-jährige sich an diesem Tag nicht entgehen lassen. Um 14.00 Uhr wird er sich dann auf den Weg machen, um in Tim Mälzers Restaurant „Hausmann’s“ eine weitere kostenlose Mahlzeit zu erhalten. Genauestens schildert er seinen Plan, mit dem er sich einen Sitzplatz zu ergattern versucht, denn lange stehen bleiben ist für ihn nicht möglich. Schnell wird klar, dass das Weihnachtsfest für ihn eine ganz andere Bedeutung hat.

„Von mir aus sollen die Leute sich auf Weihnachten freuen, ich bleib da lieber daheim.“ Die Geschenktüten im Shelter sind einer der wenigen positiven Aspekte, die er im Weihnachtsfest erkennt, doch findet er, dass der Fokus allgemein zu stark auf den Geschenken läge. Nächstenliebe existiert seiner Auffassung nach nicht, sei nur ein leerer Begriff. Für ihn ist das Fest der Liebe zum bloßen Fest des Nutzens geworden.

Doch plötzlich erkennt man ein Funkeln in seinen Augen, seine Gesichtszüge lassen einen Eindruck von Freude entstehen. Da gebe es doch etwas, was ihm an Weihnachten gefalle. Er erzählt von seiner Zeit im Chor, ein kurzer Moment von Glück erfüllt seine Stimme. An Heiligabend freue er sich darauf, seinen Fernseher einzuschalten und zur Weihnachtsmusik zu singen. Das ist sein Weihnachtsfest, abseits von Schaufenstern, Parfümwerbung und Geschenkewahn. Das ist Rainers Weihnachtsfest.

von Benedikt Wolter

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