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Schopping in Mainhattan

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„Waade Sie, er kummt glei“, babbelt das angetrunkene Frankfurt-Original uns entgegen, als wir die Apfelwein-Handlung „JB“ im Herzen Sachsenhausens betreten. Und tatsächlich kommt wenig später aus dem hinteren Teil des Geschäfts, vorbei an Hellholzregalen in denen die bunt etikettierten aber immer mattgelb gefüllten Flaschen dicht an dicht auf Käufer warten, ein mittelalter Mann mit einer PET-Flasche, gefüllt mit derselben trüben Flüssigkeit, die er ohne Kommentar neben sich stellt, bevor er uns begrüßt. Obwohl das Geschäft von innen weniger traditionell, als mehr rustikal trendig wirkt, ist der Stammkunde, der uns so klangvoll auf den Ladenbesitzer verwiesen hat, ein wahres Sinnbild der Apfelweinkultur: In seinem Apfelweinshirt, steht er am Anfang unseres Gesprächs mit seinem Freund noch aufmerksam im Türrahmen und antwortet auf unsere Frage, wieviel man üblicherweise von dem „Stöffche“ trinke, dass er in jüngeren Jahren nicht selten 20 Schoppen zu jeweils einem Viertelliter an einem Tag zu sich genommen hat.

Trotz der Aufmachung des Ladens ist also schnell klar: Nicht nur Touristen und Banker kaufen hier ein, vielmehr handelt es sich um einen der Mittelpunkte einer ganz besonderen Frankfurter Szene.

Wie um diese Vermutung zu beweisen, kommen und gehen während unseres Aufenthalts noch mehrere, in all ihrem Auftreten Authentizität ausstrahlende, Freunde des Besitzers. „Stella“ beispielsweise, die sich ohne Begrüßung oder Bitte zuerst ein Trinkglas, oder im Dialekt, ein „Geripptes“ von der Verkostungsprobe abfüllt, wird gegenüber uns nur lakonisch mit den Worten „Sie lebt die Kultur des Apfelweins“ erklärt. Ein Satz, der auch gut seinen Urheber Jens Becker beschreibt, den Besitzer des Ladens und Mann hinter den Initialen JB:

„Ich habe mit meinem Opa früher schon Wein gekeltert“, erzählt er. Trotzdem hat er sich beruflich zuerst einmal anders orientiert: Nach seinem Studium in Marketing-Kommunikation und einer Karriere in der Werbebranche hat er sich nach 19 Jahren schließlich entschieden, nicht mehr mit großen Konzernen zu arbeiten, also seine inzwischen selbstgegründete Werbeagentur zu verlassen. „Ich wollte einfach nicht mehr Turbo eines Wirtschaftssystems sein, dass faktisch nicht mehr funktioniert“, beschreibt er selbst seine Motivation für diesen drastischen Schritt. So kehrte er also zurück zu seinen Wurzeln, versuchte aber zugleich auch eine Innovation: Während traditionell der Apfelwein nur in Gaststätten oder heutzutage auch – laut Becker in schlechterer Qualität – im Supermarkt erhältlich ist, bietet er den bisher einzigen Fachhandel nur für Apfelweine aller Art – von einer entschärften, gefälligeren Sorte über das Trendgetränk Cider bis zum original hessischen Apfelwein mit seinem charakteristisch säuerlichen Geschmack – eine Spezialität, die nicht jedem schmeckt, wie ich nach einem Schluck einsehen muss. Deswegen geht es Becker auch darum, „von den vielen kleinen besonderen Apfelweinkeltereien aus der Region Produkte anzubieten“ – also sowohl den typischen Apfelweintrinkern als auch authentizitätsverliebten Touristen oder Neugierigen ein Angebot zu schaffen.

Die Kunden in der traditionellen Gaststätte „Atschel“ ein paar Häuser weiter sind sich da nicht sicher: „Das ist ein bisschen exklusiv“, antwortet man auf die Frage nach „JB“. Doch auch hier, wo die blanken Holztische, die Spitzentischdecken und die traditionellen Krüge, genannt „Bembeln“, auf den Tischen, dem Ort sein Traditionsbewusstsein bescheinigen, wird der Wein nicht nur als speisenbegleitendes Getränk verstanden: Denn die vollen Gaststätten laden zur Kommunikation und zur Gemeinschaft ein – maßgeblich unterstützt vom „Ebbelwoi“: „Da setzt man sich dazu und auf einmal sind da Unterhaltung, da sitzt man drei vier Stunden“. Um das Getränk und seine Ausschanksorte hat sich eine ganze Kultur gebildet, die aber, und auch das habe ich gelernt, nicht nur ihre guten Seiten hat: Es ist kritisch zu betrachten, wenn auf der offiziellen Werbe-Website „Stoeffche.de“ lobend von Rentnern mit einem Alkoholkonsum von „vier bis sechs oder acht Schoppen“ am Tag die Rede ist und deren Alter dann noch als Beweis für die gesundheitsfördernde Wirkung des Getränks verkauft wird.

Von Henri Schellberg

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