Der medizinische Fortschritt erweitert kontinuierlich die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, erschwert jedoch zugleich die Entscheidungsfindung für angemessene Behandlungsziele. Häufig orientieren sich Therapieentscheidungen eher an der Machbarkeit als an der individuellen Sinnhaftigkeit, was zu Übertherapie führen kann. Diese beschreibt die Anwendung medizinischer Maßnahmen bei nicht mehr realisierbaren Therapiezielen, wobei der potenzielle Schaden den Nutzen übersteigt. Neben direkten negativen Auswirkungen auf Patientinnen und Patienten hat Übertherapie auch erhebliche indirekte Folgen: darunter steigende Gesundheitskosten, zunehmender Ressourcenknappheit sowie moralischen Stress in Behandlungsteams.
Die Ursachen sind vielschichtig und liegen auf Ebene der Betroffenen, der Behandelnden sowie der Versorgungsstrukturen. Die frühzeitige Integration der Palliativmedizin kann präventiv wirken, indem sie die Klärung realistischer Therapieziele, die Berücksichtigung des Patientinnen- und Patientenwillens und eine angemessene Entscheidungsfindung unterstützt. Zur Reduktion von Übertherapie sind insbesondere strukturelle und gesundheitspolitische Maßnahmen erforderlich – darunter der Ausbau palliativmedizinischer Angebote, die Förderung von Advance Care Planning sowie die Verbesserung der Aus- und Weiterbildung in Kommunikation und Entscheidungsfindung.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gehörten alle Autorinnen und Autoren der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin e. V. (DGP) an.