Veranstaltungsberichte

"Ich habe mich in der DDR getäuscht"

von Hendrik Pröhl

Zeitzeugengespräch zum Leben in der DDR mit Peter Drauschke

Peter Drauschke berichtete am 25. Oktober 2016 am Kippenberg-Gymnasium in Bremen von seinen Erlebnissen als Einwanderer in die Deutsche Demokratische Republik (DDR), seinem Versuch, in die Bundesrepublik Deutschland zu fliehen und seiner anschließenden Inhaftierung durch die Staatssicherheit (Stasi). Dieses von Sarah Bunk geführte Zeitzeugengespräch eröffnete die Ausstellung der Konrad-Adenauer-Stiftung „DDR-Stasi – Spitzel von nebenan“, die für zwei Wochen an der Schule gezeigt wird, um einen Einblick in die zentrale Rolle der Stasi für den Machterhalt der SED zu geben.

Schon von klein auf war Peter Drauschke Teil der „Linken Szene“ an, wie er selbst es zu Beginn seines Vortrages ausdrückt. Bereits mit 13 Jahren las er die Werke Karl Marx‘, Friedrich Engels und Wladimir Ilitsch Lenins, mit 15 trat er der zu diesem Zeitpunkt bereits verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands bei. Er begründet dies mit seiner „sozialen Ader“ und seinem „stark ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden.“ Wie sein Freund Erwin Brücken nahm er die DDR als „ den gerechteren, den sozialeren der beiden deutschen Staaten“ wahr. Deshalb versuchten die beiden 1963 mit 18 Jahren, aus ihrer Heimatstadt Hamburg in die DDR auszuwandern.

Obwohl ihre Ausreise vom Bundesverfassungsschutz aufgehalten wurde, flogen sie zwei Wochen später nach Westberlin. Von dort reisten sie erfolgreich in die DDR ein und durften nach einer 14 Tage dauernden Untersuchung durch die Stasi nach Rostock ziehen. Dort stieg Drauschke, der trotz der strengen Kontrolle an die Vorzüge der DDR glaubte, schnell in den Rängen der Freien Deutschen Jugend (FDJ) auf. Die FDJ verstand sich als „Helfer und Kampforgan der SED“ und diente dazu, alle Kinder ab 14 Jahren unter die Kontrolle des Einparteienstaates zu bringen. Peter Drauschke selbst arbeitet als Sekretär für Agitation und Propaganda als „Transmissionsriemen der Partei, um die Jugend zu erfassen.“

Nachdem er so sechs Jahre als „Berufsrevolutionär“ gearbeitet hatte, brachte ihn Karl Marx‘ Aussage „Das Kriterium der Wahrheit ist die Praxis“ dazu, an der DDR zu zweifeln. Dass „schon Kinder missbraucht“ wurden, um die totale Überwachung durch die Stasi zu gewährleisten und so Familien und Freundschaften zu zerstören, widersprach seiner Vorstellung eines gerechten Zusammenlebens. Gemeinsam mit seinem Freund Erwin, seiner Verlobten Beate und der Unterstützung seiner in Westdeutschland lebenden Schwester begann er, die Flucht über Bulgarien vorzubereiten. Mithilfe von in Hamburg gefälschten Pässen und aufwendig an die westdeutsche Mode angepasster Kleidung wollten sie 1972 von Sofia in die BRD fliehen. Doch weil sie nicht auf der Flugliste des Einreisefluges geführt wurden, wurden die drei gefasst.

Zurück in der DDR verbrachte Peter Drauschke drei Monate in „totaler Einzelhaft“, bevor er zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Nachdem er durch eine von Walter Ulbricht ausgesprochene Amnestie freigekommen war, durfte er nach einem Jahr unter strenger Beobachtung in die BRD ausreisen – seine insgesamt 3000 Seiten umfassende Akte wurde jedoch erst 1988 geschlossen, die Beobachtung also auch in Westdeutschland fortgeführt.

Im Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern stellte Drauschke noch einmal heraus, dass kommunistische Gesellschaftssysteme in seinen Augen nur fehlschlagen können. Doch trotz seiner Erlebnisse bereue er nicht, in die DDR ausgewandert zu sein: „Nicht die DDR hat mich getäuscht, ich habe mich in der DDR getäuscht und musste mich in einemlangen Prozess von der DDR ent-täuschen.“

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