Adam Stegerwald

Christlicher Gewerkschafter, Reichs- und Staatsminister, Regierungspräsident Dr. h. c. 14. Dezember 1874 Greußenheim/Würzburg 3. Dezember 1945
Der christliche Gewerkschaftsführer und Zentrumspolitiker Adam Stegerwald zählt zu den engagiertesten Wegbereitern einer interkonfessionellen Volkspartei in Deutschland. Seine als „Essener Programm“ (1920) bekanntgewordene Rede, in der er zur Bildung einer christlichen Partei und der Überwindung der konfessionellen Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten aufrief, bildete eine wichtige Orientierung für die Gründung der Unionsparteien nach dem Zweiten Weltkrieg.

Christlicher Gewerkschaftsführer im Kaiserreich

Der gelernte Schreiner aus einer mittelfränkischen Bauernfamilie kam im späten 19. Jahrhundert in München mit der entstehenden christlichen Arbeiterbewegung in Berührung. Als junger Funktionär setzte er sich für überregionale Zusammenschlüsse der christlichen Gewerkschaftsgruppen ein, um den kirchlich verwurzelten Arbeitern eine Alternative zur Klassenkampfideologie der sozialistisch orientierten Freien Gewerkschaften bieten zu können. In diesem Sinne wurde zum 1. Juli 1899 der „Christliche Holzarbeiterverband Deutschlands“ gegründet, zu dessen Erstem Vorsitzenden der gerade einmal 24-jährige Stegerwald gewählt wurde.

Ein um die Jahrhundertwende oft wiederkehrender Streitpunkt war die Frage, ob die christlichen Gewerkschaften konfessionell gebunden sein sollten. Hierfür sprachen sich unter anderem die katholischen Bischöfe Preußens aus. Stegerwald dagegen bekannte sich deutlich zum Gedanken der Interkonfessionalität. Es verlieh seiner Stimme dabei besonderes Gewicht, dass er ab 1903 als Generalsekretär des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften in Köln amtierte und in gleicher Funktion auch für den Deutschen Arbeiterkongress tätig war, der als Zusammenschluss der nicht-sozialdemokratischen Arbeiterbewegung erstmalig im Oktober desselben Jahres in Frankfurt zusammentrat. Stegerwalds berufsbedingter Umzug nach Köln bewirkte zudem eine engere Zusammenarbeit mit der Zentrumspartei, die als politische Kraft in der preußischen Provinz Rheinland dominierte. Angesichts der Wahlerfolge der SPD warb Stegerwald bereits in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg für eine interkonfessionelle Öffnung der katholischen Zentrumspartei und bemühte sich um eine Versöhnung der einst als „Reichsfeinde“ stigmatisierten Katholiken mit dem protestantisch dominierten Deutschen Reich. Aufgrund des gewerkschaftlichen Grundsatzes parteipolitischer Neutralität wahrte er zunächst aber Distanz zur Politik, sodass er lediglich im Beirat des rheinischen Zentrums tätig war.

Politische Verantwortung im „Burgfrieden“ des Ersten Weltkrieges

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges schlossen sich die christlichen Gewerkschaften dem nationalen „Burgfrieden“ an, der zugunsten einer erfolgreichen Kriegsführung die Zurückstellung politischer Einzelinteressen verlangte. Stegerwald selbst leistete ab Juni 1916 seinen Beitrag, indem er trotz anfänglicher Skepsis eine Berufung in den Vorstand des Kriegsernährungsamtes annahm. Das Kriegsernährungsamt war eine Behörde des Deutschen Reiches und unterstand der Aufsicht des Reichskanzlers, seine Aufgabe bestand darin, die Ernährung der Bevölkerung während des Krieges sicherzustellen.

Mit dem Ende der Burgfriedenspolitik brachen im selben Jahr die alten politischen Konflikte zwischen den Parteien des Kaiserreichs wieder auf. Insbesondere die Sozialdemokraten verlangten eine Reform des Wahlrechts und die Ausweitung der Befugnisse des Parlaments. Dem schloss sich Stegerwald zwar mit einer Kritik am preußischen Dreiklassenwahlrecht an, eine weitergehende Parlamentarisierung lehnte er zunächst jedoch ab. Im Bemühen um eine öffentlichkeitswirksame Wiederbelebung des Burgfriedens wurde der Gewerkschaftsführer Stegerwald am 30. Oktober 1917 in das preußische Herrenhaus berufen, was bei den christlichen Gewerkschaften einen positiven Widerhall fand.

Das Werben um eine „christliche Mittelpartei“ in der frühen Weimarer Republik

Die Umwälzungen am Ende des Ersten Weltkrieges bewirkten in Teilen eine Neuausrichtung der politischen Ziele Stegerwalds. So wurde der von ihm als überzeugtem Monarchisten gehegte Wunsch nach einem „Volkskaisertum“ früh von der Dynamik der Ereignisse überholt. Seine anfänglichen Vorbehalte gegenüber dem Parlamentarismus baute Stegerwald jedoch allmählich ab. Eine Konstante seines Wirkens blieb sein Engagement für die Idee einer interkonfessionellen „christlichen Mittelpartei“, die er gerade im Angesicht des demokratischen Umbruchs entschieden verfolgte.

Wichtige Ziele seiner gewerkschaftlichen Arbeit verwirklichten sich derweil mit dem „Stinnes-Legien-Abkommen“ vom 15. November 1918. Stegerwald gehörte zu den Unterzeichnern des Abkommens, das weitreichende Zugeständnisse der Unternehmer gegenüber den Arbeitern und ihren Interessenvertretungen vorsah. Gewerkschafter wurden fortan als gleichberechtigte Tarifpartner anerkannt. Im November 1918 initiierte Stegerwald die Gründung des „Deutsch-Demokratischen Gewerkschaftsbundes“ (DDGB), der den Deutschen Arbeiterkongress als Zusammenschluss der christlich-nationalen Arbeiter ersetzte. Nach seinen Vorstellungen sollte die christlich-national gesinnte Arbeiterschaft das Rückgrat einer „christlichen Mittelpartei“ bilden, die am Ende einer breit diskutierten Parteireform des Zentrums zu stehen habe. Wie viele andere sah Stegerwald mit dem Ende des protestantisch geprägten Kaiserreiches die Zentrumspartei als katholische Interessenvertretung ihrer Existenzberechtigung beraubt. Daher warb er bei bürgerlichen Politikern wie Walter Rathenau, Gustav Stresemann und Friedrich Naumann um ein breites Bündnis aus christlich-sozialen, konservativen und nationalliberalen Kräften. Letztlich entschied aber die Mitgliederversammlung des DDGB, das Projekt einer eigenen Parteigründung vorerst fallen zu lassen.

Stegerwald gab daraufhin dem Werben des Rheinischen Zentrums nach und wurde als Abgeordneter der Partei in die Weimarer Nationalversammlung sowie die verfassunggebende Preußische Landesversammlung in Berlin gewählt. Sowohl im Reich als auch in Preußen, wo es zur Bildung der „Weimarer Koalition“ aus SPD, Zentrum und der linksliberalen DDP kam, wurde Stegerwald ein Ministeramt angetragen. Auf der Reichsebene schlug er die Leitung eines Ressorts aufgrund seines Selbstverständnisses als Gewerkschaftsführer zunächst noch aus. Dennoch nahm er Ende März 1919 die Berufung zum preußischen Volkswohlfahrtsminister an. Im Gegenzug musste Stegerwald auf Drängen des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften hin seine Position als Generalsekretär räumen, blieb aber als Vorsitzender in dessen Vorstand. Ein halbes Jahr zuvor war er bereits zum Vorsitzenden des in „Deutscher Gewerkschaftsbund“ (DGB) umbenannten DDGB gewählt worden, sodass er weiterhin eine wichtige Stellung innerhalb der christlichen Gewerkschaftsbewegung innehatte. Davon machte er Gebrauch, als er auf dem Christlichen Gewerkschaftskongress am 20. November 1920 in Essen einen weiteren Vorstoß in Richtung einer „christlichen Mittelpartei“ wagte.

Stegerwalds Vermächtnis: Das „Essener Programm“

Die als „Essener Programm“ bekanntgewordene Rede Stegerwalds wurde gleichermaßen als Diagnose wie auch als Symptom der Krise des Weimarer Parteiensystems interpretiert, das schon in den Anfangsjahren der Republik durch Zersplitterung und mangelnde Kompromissfähigkeit der Parteien gekennzeichnet war. Auch Stegerwald selbst begründete die Notwendigkeit einer Erneuerung des Parteiwesens mit seiner Instabilität. Diese könne nur über eine breite Sammlung der nicht sozialistischen oder reaktionären Kräfte gelingen. Mit ihnen würden die christlichen Gewerkschaften das Interesse an einer Politik auf Grundlage der deutschen und christlichen Kultur teilen. Dementsprechend ließ Stegerwald verlauten:

„Was ich auf parteipolitischem Gebiete will, ist die Schaffung einer, wenn auch nicht vollständig, so doch möglichst geschlossenen politischen Einheitsfront, umfassend die um den Gewerkschaftsbund gruppierten Kreise und die allerbreitesten Volksschichten in Stadt und Land, umfassend die gesamte schaffende Arbeit, umfassend alle Schichten, die sich auf den Boden der alten deutschen christ(lichen) Kultur stellen. (…) Diese Volkspartei muß stark und positiv genug sein, um die Dinge bergauf treiben und sozial und volkstümlich genug, um Eroberungen bei den breiten Massen machen zu können.“

Mit der Losung „deutsch, christlich, demokratisch, sozial“ fasste er seine Ausführungen pointiert zusammen. Diese blieben „ein lauter Ruf mit leisem Widerhall“, wie Stegerwalds Biograph Bernhard Forster schreibt. Mit Ausnahme der Gewerkschaften und des Zentrums fanden sie kaum Resonanz in der Öffentlichkeit. Insbesondere die von ihm umworbene Deutsche Volkspartei (DVP) und die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) verweigerten die Beteiligung an einer öffentlichen Debatte. Erst 1945 sollte sich schließlich eine Reihe von Politikern bei der Gründung einer christlichen Volkspartei auf das „Essener Programm“ berufen.

Im (Macht)Zentrum der Weimarer Republik

Dieser Rückschlag bedeutete keineswegs einen Bruch in Stegerwalds politischer Laufbahn. Der ehemalige Monarchist füllte in der ersten deutschen Demokratie neben einem Reichstagsmandat eine ganze Reihe politischer Ämter aus. So wurde Stegerwald 1921 als Kompromisskandidat der politischen Rechten wie auch der SPD zum preußischen Ministerpräsidenten gewählt. Während DVP und DNVP ihn mit Verweis auf das „Essener Programm“ zur Bildung einer rechten Einheitsfront drängten, beabsichtigten die Sozialdemokraten eine Regierungsbildung aus den Parteien der Weimarer Koalition. Politische Vorgänge auf Reichsebene führten allerdings zu einem raschen Ende seines Kabinetts. Um die Bildung einer großen Koalition aus Zentrum, SPD, DDP und DVP zu ermöglichen, verzichtete Stegerwald zugunsten seines Vorgängers Otto Braun (SPD) auf das Amt des Ministerpräsidenten. Daraufhin nahm er seine Führungsrolle in der christlich-nationalen Arbeiterbewegung wieder auf.

Stegerwalds inhaltliche Ziele blieben während der Weimarer Republik weitgehend konstant. In der Wahl seiner Mittel und Möglichkeiten kam es aber des Öfteren zu Veränderungen. 1923 bemühte er sich erfolglos um die Reichskanzlerschaft, ebenso scheiterte 1928 seine Kandidatur zum Parteivorsitzenden des Zentrums. 1925 wurde er von der DNVP als Nachfolger des verstorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebert ins Spiel gebracht. Zwar war er dem Amt nicht abgeneigt, fand aber keinen Rückhalt in seiner Partei. Allgemein verfügte er mittels des DGB, aus dessen Reihen nicht nur etliche der Reichstagsabgeordneten des Zentrums, sondern auch der DNVP und der DVP stammten, über gute Kontakte ins rechte Lager und war somit einer der vehementesten Befürworter einer Einbindung von Teilen der DNVP in die Reichsregierung. Widerstand gegen diese Absicht formierte sich vor allem auf dem linken, republikanischen Parteiflügel des Zentrums, da die DNVP ein Bekenntnis zu Republik und Demokratie vermissen ließ. Dennoch war sie zwischen Januar 1927 und Juni 1928 im vierten Kabinett von Reichskanzler Wilhelm Marx (Zentrum) vertreten. Auf der anderen Seite äußerte sich Stegerwalds auf Ausgleich bedachtes Politikverständnis darin, dass er insbesondere in sozialen Fragen programmatische Standpunkte der SPD teilte. Dies brachte ihm den Ruf ein, in Krisenzeiten verschiedenste Parteien auf gemeinsame, übergeordnete Ziele einschwören zu können. Vor diesem Hintergrund amtierte er in den letzten Jahren der krisengeplagten Weimarer Republik als Reichsverkehrs- (1929-1930) und Arbeitsminister (1930-1932). Im Vorfeld seines Eintritts in die Regierungskoalition hatte er 1928 zunächst kommissarisch, 1929 dann regulär den Fraktionsvorsitz des Zentrums im Reichstag inne. Sein im selben Jahr erfolgter Rücktritt von der Spitze des DGB markierte hierbei seinen endgültigen Wechsel aus der Gewerkschaftsarbeit in die Politik.

Von der erzwungen Untätigkeit im „Dritten Reich“ bis zur Gründung der Unionsparteien

Mit dem Beginn des „Dritten Reiches“ wurde Stegerwalds politischer Arbeit ein genauso jähes wie unfreiwilliges Ende bereitet. Obwohl er bei einer Wahlkampfveranstaltung in Krefeld am 21. Februar 1933 zusammengeschlagen wurde und somit seine eigenen Erfahrungen mit der Gewaltbereitschaft der Nationalsozialisten machte, unterschätzte er von Beginn an deren Radikalität. Ebenso sehr überraschte ihn das Geschick, mit dem die neuen Machthaber den Zuspruch weiter Teile der Bevölkerung erlangten. Einzelne Maßnahmen wie die Revision des Versailler Vertrages trafen dabei durchaus auch auf seine eigene Zustimmung. Stegerwald arrangierte sich mit den neuen Machthabern und verlebte die Zeit des Nationalsozialismus abseits der politischen Öffentlichkeit. Im Anschluss an das gescheiterte Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde er allerdings als ehemaliger Mandatsträger des Zentrums bis Ende Oktober in einem Notgefängnis der Gestapo in Würzburg inhaftiert.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnte der ehemalige Gewerkschaftsführer wieder aus der erzwungenen politischen Untätigkeit heraustreten. So amtierte er seit dem 18. Mai 1945 als Regierungspräsident des amerikanisch besetzten Mainfrankens. Im Hinblick auf die Wiedererrichtung des Parteiensystems knüpfte Stegerwald an die Ideen seines „Essener Programms“ von 1920 an, an deren Umsetzung er mit der Gründung der Unionsparteien CSU und CDU unmittelbar beteiligt war. So wirkte er an der Entstehung der CSU mit und stand in Kontakt mit den Verantwortlichen der christlich-demokratischen Parteigründungen in Berlin, Norddeutschland und Köln. Insbesondere beim Austausch mit den Akteuren der sich formierenden „Christlich-Demokratischen Partei“ (CDP) im Rheinland konnte Stegerwald auf seine alten Kontakte zurückgreifen. Als Ziel dieser Aktivitäten schwebte ihm die Bildung einer „Brückenpartei“ vor, in welche die regionalen christlich-sozialen und christlich-demokratischen Gründungsbestrebungen münden sollten. Die erfolgreiche Etablierung „seiner“ christlichen Volkspartei mitzuerleben, war ihm letztlich nicht vergönnt. Adam Stegerwald starb am Morgen des 3. Dezember 1945 im Alter von 70 Jahren in Würzburg.

Claudius Kiene

Lebenslauf

  • 1894 Schreiner in München
  • 1899–1902 Vorsitzender des Zentralverbandes christlicher Holzarbeiter
  • 1903–1920 Generalsekretär des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften (Köln)
  • 1916–1918 im Vorstand des Kriegsernährungsamtes
  • 1917-18 Mitglied des preußischen Herrenhauses
  • 1919–1929 Vorsitzender des DGB und des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften (Berlin)
  • 1919/20 Mitglied der Deutschen Nationalversammlung (Zentrum)
  • 1919–1921 Mitglied der preußischen Landesversammlung und preußischer Volkswohlfahrtsminister
  • 1921 Ministerpräsident von Preußen
  • 1920–1933 Mitglied des Reichstages
  • 1929 Vorsitzender der Zentrumsfraktion
  • 1929-30 Reichsverkehrs-
  • 1930–1932 Reichsarbeitsminister
  • 1933 Verlust aller Ämter
  • 1944 Rückkehr nach Greußenheim, Inhaftierung nach dem 20.07.1944
  • 1945 Regierungspräsident von Mainfranken

Literatur