Adolph Kolping

Priester, „Gesellenvater“, Gründer des Kolpingwerkes 8. Dezember 1813 Kerpen 4. Dezember 1865
von Markus Lingen
Adolph Kolping kommt das große geschichtliche Verdienst zu, der Kirche neue Wege der Seelsorge gewiesen zu haben. Josef Höffner bezeichnet Kolpings Seelsorgemethoden als „soziale Seelsorge“, weil er die kirchliche Seelsorge mitten in das soziale Leben hineingeführt hat. „Diakon des Volkes“ nennt er ihn daher auch.

„Wer Menschen gewinnen will, muss das Herz zum Pfande einsetzen.“

„Das Christentum ist nicht bloß für die Kirche und für die Betkammern, sondern für das ganze Leben.“

(Adolph Kolping)

Kindheit und Ausbildung

Adolph Kolping wird am 8. Dezember 1813 in Kerpen bei Köln geboren. Er ist das vierte von fünf Kindern des Schäfers und Kleinlandwirts Peter Kolping († 12. April 1845, am Vorabend der Priesterweihe seines Sohnes) und dessen Ehefrau Anna Maria, geborene Zurheyden († 4. April 1833).

„Meine Eltern“, so schreibt Kolping, „waren stille, ehrbare Leute, deren ganzes Vermögen in einer zahlreichen Familie bestand, deren Unterhalt ihnen vollauf zu tun gab.“ Der Vater ist Schäfer auf einem Gutshof und bewirtschaftet nebenbei ein paar eigene Felder. In besonders inniger Liebe ist Kolping seiner Mutter verbunden. „Ich habe eine arme Mutter gehabt“, beschreibt er, „aber eine Mutter, von der ich nichts gesehen und gehört habe, was ich nicht ehren müsste. Das danke ich dir noch heute, teure, unvergessliche Mutter, stille, bescheidene Frau , das danke ich dir im Grabe noch darum, weil dein Herz das meine weich und warm gehalten, wo es ohne dich wahrscheinlich kalt und hart geworden wäre zwischen der Selbstsucht fremder Menschen.“

Die Bindung an die Familie und das Geborgensein in der vertrauten Umgebung sind die Basis, die Kolping durch sein ganzes Leben tragen.

Volksschule, berufliche Ausbildung und Tätigkeit

Adolph Kolping besucht die einklassige Volksschule in Kerpen, die der Aufsicht des Ortspfarrers untersteht. Der Dorfschullehrer Jakob Wilhelm Statz entdeckt seine Begabung und seinen Wissensdurst. Jede freie Minute nutzt Kolping zum Lesen und sein Lehrer fördert diese Leselust. Seine Familie lässt ihn die Dorfschule ohne Unterbrechung besuchen und holt ihn nicht, wie es üblich ist, immer wieder zum Helfen nach Hause und aufs Feld. So ermöglicht ihm die Familie, trotz der ärmlichen Verhältnisse, eine ungewöhnlich gute Schulbildung.

Mit 13 Jahren wird Kolping aus der Schule entlassen. Weil die finanzielle Lage der Familie nicht zulässt, dass er eine höhere Bildungsanstalt besuchen kann, tritt er 1826, noch keine 13 Jahre alt, als Lehrling beim Kerpener Schuhmachermeister Peter Joseph Meuser an. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Lehre arbeitet er seit 1829 als Geselle in Sindorf, Düren, Lechenich und schließlich in Köln. Sein beruflicher Ehrgeiz hat ihn nach Köln getrieben „um auf größeren Werkstätten vollkommenere Arbeit, gebildetere Menschen zu suchen, um wenigstens den Studien nahe zu sein, die ich im Grunde des Herzens über alles liebte“. Doch ist er von der Stadt und den Menschen dort noch mehr enttäuscht als von den Dörfern. Er fühlt sich zu Höherem berufen als die Kollegen in der Schusterstube. Die Werkstatt mit ihren dumpfen Gerüchen, mit den immer gleichen Gesprächen und flachen Witzen ist ihm zum Gefängnis geworden. Ein Schustermeister, bei dem Kolping tätig ist, schätzt den jungen Mitarbeiter wegen seines fachlichen Könnens und seiner sympathischen und ehrlichen Art. Eines Tages bietet er ihm seine einzige Tochter zur Frau an und dazu das Geschäft. Kolping, der seinen Beruf aufgeben und Priester werden möchte, lehnt das Angebot ab.

Im Herbst 1837 tritt Kolping als 24jähriger in die Tertia des Marzellen-Gymnasiums ein. Nach dreieinhalb Jahren besteht er das Abitur. Sein „Curriculum vitae“, das er vor dem Abitur niederschreibt, beschreibt nicht nur sein wiederholtes Kranksein in diesen Jahren, sondern zeigt auch seine Einsamkeit. Am Ende seiner Gymnasialzeit beschäftigt Adolph Kolping die Sorge, wie und wo er das Universitätsstudium absolvieren kann. Seine Bemühungen, in Rom an der „Propaganda fidei“, der Kongregation für die Evangelisierung, eine Freistelle zu bekommen, bleiben bis zum Abschluss seines Abiturs erfolglos. Inzwischen bietet sich eine andere Lösung an. Unverhofft wird ihm ein Stipendium angeboten, dass er nach einer Bedenkzeit erst annimmt, als ihm versichert wird, dass seine Unabhängigkeit nicht beeinträchtigt würde.

Nun kann er wählen, wo er studieren will. An der nahegelegenen Universität Bonn herrscht der liberale Geist des Hermesianismus, die Universität München dagegen ist mit der von Johann Michael Sailer mitgeprägten Romantik der Brennpunkt der katholischen Restauration. Kolping entscheidet sich deshalb für München.

Studienzeit und Priesterweihe

Von April 1841 bis August 1842 studiert er in München katholische Theologie und Philosophie, u.a. bei Ignaz von Döllinger, Daniel Bonifatius von Haneberg OSB, Friedrich Windischmann und Joseph Görres. Zu den Professoren Döllinger und Windischmann tritt Kolping in enge persönliche Beziehungen. Er pflegt aber auch mit seinen Kommilitonen anregende Geselligkeit; im Herbst 1841 unternimmt er zusammen mit rheinischen Freunden eine mehrwöchige Fußwanderung von München über Innsbruck, Bozen, Verona bis nach Venedig und zurück. Seit November 1842 absolviert er als Antihermesianer die drei für die Vorbereitung auf den Priesterberuf vorgeschriebenen Pflichtsemester in Bonn, u.a. bei dem Dogmatiker Franz Xaver Dieringer. Unmittelbar nach Ostern 1844 tritt er als Alumne in das Priesterseminar Köln ein, nachdem er die Aufnahmeprüfung für das Seminar bestanden hat. Von den 16 neu aufzunehmenden bestehen nur fünf die Prüfung mit der Note gut, darunter auch Adolph Kolping. Am 13. September 1844 erhält er die niederen Weihen und die Subdiakonatsweihe und am 15. September 1844 die Diakonatsweihe. Am 13. April 1845 wird er in der Kölner Minoritenkirche durch Weihbischof Anton Gottfried Claessen mit 15 weiteren Alumnen zum Priester geweiht. In der Nacht vor seiner Weihe ist sein Vater verstorben. Er feiert am 20. April in Kerpen seine Primiz und am darauffolgenden Tag findet das Begräbnis des Vaters statt. Anschließend übernimmt er eine Stelle als Kaplan an St. Laurentius in Elberfeld. Hier lernt er die Lage der Fabrikarbeiter kennen. Neben der seelsorglichen Arbeit nimmt er noch das Amt des Religionslehrers am Gymnasium wahr.

Kaplanszeit, Gründung des Gesellenvereins und Rückkehr nach Köln

Kaum ein anderer Wirkungskreis könnte Kolping zu dieser Zeit so vielfältige Möglichkeiten, in der Seelsorge zu wirken und soziale Aufgaben anzugehen, bieten, wie Wuppertal-Elberfeld. Nach der Metropole Köln ist es die größte Stadt im Erzbistum Köln. Die Katholiken in Elberfeld bilden in diesem sozialen Brennpunkt des anbrechenden Industriezeitalters und im Schmelztiegel religiöser Anschauungen eine deutliche Minderheit. Für den Neupriester Kolping ist die Seelsorgearbeit zunächst ungewohnt und unter den besonderen Umständen auch sehr schwierig. Dazu schreibt Kolping selbst:„Die untere Schicht des Volkes ist schrecklich unwissend, schrecklich verkommen, vernachlässigt an Leib und Seele, elend durch und durch, und wie groß ist sie nicht! Die große Masse der Fabrikarbeiter schmachtet im Elend, wie ich es nur in Wuppertal kennengelernt. Die weiß kaum von Gott, kennt die Kirche nur dem Namen nach, häusliche Frömmigkeit ist selten, geistlicher Trost fehlt oder ist doch nur ein Wassertropfen auf heiße Steine“. Von besonderer Bedeutung für das spätere Wirken Kolpings wird sein Zusammentreffen mit dem sozial engagierten Hauptlehrer der katholischen Mädchenschule, Johann Gregor Breuer (1821-1897). Neben anderen Vereinsgründungen hat dieser auch einen Freundschaftsbund junger Menschen geschaffen. Am 30. August 1846 wird das erste Vereinsstatut und Breuers Denkschrift über die Bedeutung dieses Gesellenvereins angenommen.

Als zweiten Präses wählen die Gesellen 1847 Adolph Kolping. Im Oktober 1848 verfasst er für den Jungmännerbund die programmatische Schrift „Der Gesellenverein. Zur Beherzigung für alle, die es mit dem wahren Volkswohl ernst meinen“. Kolping versteht den Gesellenverein als eine „Volksakademie im Volkston“. Die Familie und das Heim sind Ausgang seiner Fürsorge für die Handwerksgesellen, deren Zahl in Deutschland damals etwa zwei Drittel der Fabrikarbeiter beträgt und deren Probleme und Nöte er aus eigener Anschauung kennt.

Sein Streben geht dahin, ihnen im Gesellenbund und in Heimen Ersatz zu schaffen für das fehlende Familienleben. Sie nehmen daran im Allgemeinen bei ihren Meistern nicht mehr teil. Die Kolping-Familie soll Geborgenheit und Sicherheit, Ordnung und Halt in das regellose Leben der jungen Handwerker bringen. Im März 1849 geht der „Gesellenvater“ Kolping dann als Domvikar nach Köln.

Domvikar in Köln und im Gesellverein

Adolph Kolping hat seinen Wechsel in die rheinische Metropole Köln selbst betrieben, um sich intensiver der Ausbreitung des Gesellenvereins widmen zu können: „Ich habe auf indirektem Wege meiner geistlichen Behörde bereits den Vorschlag gemacht, mir, etwa in Köln, einen Platz zu verschaffen – wenn ich nur die Notdurft hätte –, wo ich Zeit und Muße hätte, mich der Vereinssache ganz zu widmen“. Er ist wohl der erste deutsche katholische Priester, der hauptamtlich im sozialen Bereich wirkt. Damit ist der Seelsorge, die gerade um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Gefahr steht, sich auf individuelle Tröstungsversuche zu beschränken, der Weg in das moderne soziale Leben geöffnet.

Die Gesellenvereine breiten sich rasch aus. Bonn, Düsseldorf, Aachen, Essen, Krefeld, Düren, Koblenz, Trier, Münster, Hildesheim, Mainz, München, Freiburg, Salzburg, Wien melden Neugründungen. Im Jahre 1855 zählt man 104 Vereine mit 12.000 Mitgliedern, 1864 ist die Zahl auf 418 Vereine mit 24.600 Mitgliedern angewachsen. Für diese Zeit ist das eine machtvolle Entwicklung, wenn man vergleicht, dass der von Ferdinand Lassalle gegründete „Allgemeine deutsche Arbeiterverein“ bei Lassalles Tod (1864) 4610 Mitglieder zählt. August Bebel, der Gründer und Führer der deutschen Sozialdemokratie, gab an, er sei in Freiburg und Salzburg Mitglied des katholischen Gesellenvereins gewesen. 1856 erfolgen Gründungen in den USA, Ungarn und Kroatien.

Gesellenhaus und publizistische Tätigkeit

1853 kann Kolping in Köln das erste Gesellenhaus eröffnen. Freunde, Förderer und Ratgeber sind der Kölner Großkaufmann Peter Michels, der Zentrumspolitiker August Reichensperger, der Kreisrichter Ernst Mittweg in Neuwied und dessen Frau, Anton Joseph Gruscha, der spätere Wiener Kardinal, Alban Stolz in Freiburg und Bischof Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler in Mainz.

Versuche, der damaligen kirchenfeindlichen Presse christlich orientierte Blätter entgegenzustellen, scheitern an regierungsamtlichen Repressalien beziehungsweise an den mangelnden journalistischen und wirtschaftlichen Qualitäten der handelnden Personen. Adolph Kolping stampft mit viel Gespür für Marktlücken und Leserbedürfnisse die ersten wirklich erfolgreichen katholischen Presseerzeugnisse in Preußen aus dem Boden! Seine einfache Begründung: „Mit dem Schweigen kommt man heutzutage nicht weit (…). Wir müssen reden, um zum Ziel zu kommen. Es wird immer schwerer, sich in all den konkurrierenden Weltanschauungen zurecht zu finden. Wer aber die Lehre beherrsche, bestimme auch das Leben, und die öffentliche Lehre stelle eben die Presse dar.“

Schon in Elberfeld hat Kolping von einer Wochenschrift geträumt, in Köln beginnt er 1850 den „Katholischen Volkskalender“ herauszugeben. Gleichzeitig redigiert er anfangs noch das „Rheinische Kirchenblatt“ mit speziellen Beilagen für den Gesellenverein. Neben frommen Betrachtungen und Berichten aus dem kirchlichen Leben sind hier bereits durchaus brisante soziale Stellungnahmen zu finden. 1854 gründet Adolph Kolping die „Rheinischen Volksblätter für Haus, Familie und Handwerk“, die jeden Samstag mit 16 Seiten Umfang und in einer Auflage von bald mehr als 6000 Stück erscheinen (die damals auflagenstärkste deutsche Tageszeitung, die „Kölnische Zeitung“, hat eine Auflage von 15.000 Stück). Vielen städtischen Kleinbürgern, vor allem aber den Leuten auf dem Land, ersetzt Kolpings Blatt die Tageszeitung. Dem Gesellenpfarrer selbst, der als Verleger, Herausgeber, Redakteur und Werbeleiter fungiert und zwölf Jahre lang fast die Hälfte der Artikel schreibt, kostet die Arbeit an dem Blatt oft genug die letzte Kraft.

Organisator der Gesellenvereine

Die Idee des Gesellenvereins fällt in der Zeit der 1848er Revolution auf fruchtbaren Boden. Ohne das rastlose Bemühen Kolpings wäre ein solches Werk wohl nicht zustande gekommen. In Düsseldorf wird im Spätherbst 1849 der dritte Gesellenverein nach Elberfeld und Köln im Rheinland gegründet. Damit ist das erste Ziel Kolpings erreicht, über den Bergischen Raum hinaus die Verbreitung der Gesellenvereine zu betreiben. Schon im Jahre 1850 schließen sich die drei Vereine zum „Rheinischen Gesellenbund“ zusammen. Kolping legt großen Wert auf die Mitbestimmung der Gesellen, auch in den überörtlichen Gremien. Darum wird auf der ersten Generalversammlung in Düsseldorf am 20. Oktober 1850 beschlossen, dass neben Klerikern und Lehrern die Gesellen zur Hälfte im Zentralvorstand vertreten sein müssen.

Auf der zweiten Generalversammlung am 9. November 1851 in Köln ist der wichtigste Punkt der Tagesordnung die Umbenennung des „Rheinischen Gesellenbundes“ in „Katholischer Gesellenverein“, um den Anschluss anderer Vereine außerhalb des Rheinlandes zu ermöglichen. Der neue Name soll auch für die neu beitretenden Lokalvereine verbindlich werden. Ein zweiter Tagesordnungspunkt, der für die Geschichte der katholischen Gesellenvereine von nicht zu unterschätzender Bedeutung wird, ist der Beschluss, im Gesellenverein keine Politik zu betreiben.

Im Herbst 1851 am 8. Oktober spricht Adolph Kolping auf der Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands – aus der später der Katholikentag hervorgeht – in Mainz über die Gesellenvereine. Diese „Mainzer Rede“ Kolpings ist für die Ausbreitung der Gesellenvereine in Deutschland von entscheidender Bedeutung.

1862 wird Kolping Rektor der Kölner Minoritenkirche. Von Mai bis Juli weilt er in Rom, er hat zwei Audienzen bei Papst Pius IX. und wird zum Päpstlichen Geheimkämmerer ernannt. 1864 wird in Rom eine Gesellengemeinschaft gegründet.

Soziale Seelsorge

Nach Kolpings Auffassung trägt der Christ nicht nur Verantwortung für sich selbst, sondern auch für seine Mitmenschen und für die Welt, in der er lebt. Die Nächstenliebe ist für Kolping eine notwendige Folge der Gottesliebe. In der Nächstenliebe sieht er darum eine soziale Pflicht, weil es ihm nicht nur um das ewige Heil der Menschen geht, sondern auch um ihr irdisches Wohlergehen. Dazu sagt er: „Wo Liebe ist, da muss sie sich auch in der Tat und Wahrheit in allen Verhältnissen des Lebens wirksam zeigen, und nicht in dem einen oder andern allein. Die Liebe erstreckt sich notwendig auf den ganzen Menschen, nicht bloß auf sein ewiges Heil, sondern auch auf sein irdisches Wohl“.

Adolph Kolping sieht in Ehe und Familie den Mutterboden aller Gemeinschaftsbildungen. So ist die Frage nach der Familie für ihn auch die entscheidende Frage seiner Zeit und der Kernpunkt seiner Erziehungsaufgabe. Ziel der religiösen Ehe- und Familienerziehung ist nach Kolpings Auffassung nicht die Einzelfamilie für sich genommen, sondern immer die Familie in ihrem sozialen Bezug zur gesamten Gesellschaft, weil die Familie für ihn Keimzelle jeder menschlichen Gemeinschaft ist. Aufgrund seiner Überzeugung, dass die Erneuerung der Gesellschaft in erster Linie von der Familie ausgehen müsse, hat Kolping wie kaum ein anderer die Familie zum Gegenstand der Seelsorge gemacht. Auch der Politik redet er ins Gewissen: „Zerbrecht euch die Köpfe über die beste Staatsmaschine, wie ihr wollt; ersinnt Gesetze, welche in ihrer klugen Berechnung das ganze Altertum beschämen, solange nicht das Familienleben der übrigen Gesellschaft Würde und Halt gibt, solange nicht ein tüchtiges Familienleben eine tüchtige bürgerliche Gesinnung und Tugend erzeugt und erzieht, den Geist erweckt, in dem eure Gesetze erst Leben empfangen werdet ihr Wasser in ein Sieb tragen“.

Familienbildung und Familienförderung sind die Grundelemente von Kolpings Werk. Im familiären Miteinander in den Gesellenvereinen sieht er ein Modell für andere Sozialgebilde, es soll der Vorbereitung auf das Familienleben jedes einzelnen dienen. Damit verfolgt Kolping eine doppelte Strategie: Es geht ihm einerseits um die Festigung und Stärkung christlicher Ehen und Familien und andererseits um die notwendige Basis einer christlich geprägten Gesellschaft. Seine Haltung zur Familie ist daher stärker seelsorglich als sozialreformerisch oder gar sozialpolitisch geprägt.

Krankheit und Tod

Adolph Kolping hat zeitlebens eine labile Gesundheit. Sein unermüdlicher Einsatz für die Katholischen Gesellenvereine schont seine Gesundheit nicht. Alle Hinweise und Bitten, sich zu schonen schlägt er aus.

Am 4. Dezember 1865, nachmittags um zwei Uhr stirbt Adolph Kolping im Alter von 52 Jahren.

Er wird zunächst auf dem Kölner Melatenfriedhof beigesetzt. Nachdem der König von Preußen dem testamentarischen Wunsch Kolpings am 23. März 1866 entsprochen hat, findet am 20. April 1866 die Überführung des Leichnams vom Friedhof Melaten in die Minoritenkirche in aller Stille statt.

Am 27. Oktober 1991 wird Adolph Kolping von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen, der Heiligsprechungsprozess dauert an. Der kirchliche Gedenktag Adolph Kolpings ist am 4. Dezember.

Kolpingwerk

Nach Kolpings Tod entwickelt sich die Idee der Gesellenvereine zu internationaler Bedeutung. Mit der Organisation der ersten Gesellenvereine sowie deren Fortbildungsmöglichkeiten und Freizeitgestaltung war in Deutschland die Keimzelle der katholischen Sozialbewegung entstanden, deren Wirkung sich auch im säkularen Raum der Sozialpädagogik bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fortsetzt. Das Kolpingwerk ist heute mit seinen über 400.000 Mitgliedern, in 7300 Kolpingfamilien, in 60 Ländern verbreitet. Vornehmlich ist es durch seine Kolpinghäuser, Kolpingbildungswerke und Kolping-Familienferienstätten im Bereich der Jugend- und Erwachsenbildung tätig.

„Eines von den herrschenden Übeln in politischen wie in unpolitischen Dingen ist heutzutage das oberflächliche Räsonieren über alles und jedes, was den Leuten nur in den Wurf kommt. Ruhig die Sache ansehen, genau studieren und Vorsicht im Urteil brauchen, ist nicht die Sache der meisten Menschen, das kostet zu viel Zeit und Mühe, verträgt sich also mit der philisterhaften Behaglichkeit nicht; viel leichter ist's, aus der ersten besten Zeitung heraus, die einem in den Wurf kommt, sich die Brille aufsetzen lassen und durch ihre Farben die Sache anschauen.“ (Adolph Kolping)

Literatur:

Der größte Teil des handschriftlichen und gedruckten Nachlasses von Adolph Kolping liegt im Archiv des Kolpingwerkes in Köln. Die „Kölner Ausgabe“ seiner Schriften in einer wissenschaftlich-kritischen Edition beruht auf diesem Material; sie erlaubt den besten Zugang zu Werk und Persönlichkeit des Gesellenpfarrers.

Veröffentlichungen

Adolph-Kolping-Schriften, Kölner Ausgabe:

  • Bd. 1.: Dokumente – Tagebücher – Gedichte. Hrsg. Hans Joachim Kracht, Köln 1981
  • Bd. 2: Briefe. Hrsg. Michael Hanke und Rosa Copelovici, Köln 1991
  • Bd. 3: Soziale Frage und Gesellenverein, Teil I: 1846–1852. Hrsg. Rosa Copelovici, Michael Hanke, Franz Lüttgen und Josef Anton Stüttler, Köln 1985
  • Bd. 4: Soziale Frage und Gesellenverein, Teil II: 1852–1858. Hrsg. Rosa Copelovici, Michael Hanke, Franz Lüttgen und Josef Anton Stüttler, Köln 1986
  • Bd. 5: Soziale Frage und Gesellenverein, Teil III: 1859–1865. Hrsg. Rosa Copelovici, Michael Hanke, Franz Lüttgen und Josef Anron Stüttler, Köln 1987
  • Bd. 6: Bilder aus Rom. Hrsg. Hans Joachim Kracht, Köln 1986
  • Bd. 7: Reiseberichte, Teil I. Hrsg. Rosa Copelovici und Franz Lüttgen, Köln 1992
  • Bd. 8: Reiseberichte, Teil II. Hrsg. Rosa Copelovici und Franz Lüttgen, Köln 1995
  • Bd. 9: Predigten und religiöse Schriften. Hrsg. Franz Lüttgen, Köln 1994
  • Bd. 10: Erzählungen um Doktor Fliederstrauch. Hrsg. Franz Lüttgen, Köln 1996
  • Bd. 11: Erzählungen aus einem Volksbuch und den „Rheinischen Volksblättern“. Hrsg. Franz Lüttgen, Köln 1997
  • Bd. 12: Katholische Volkskalender 1850 bis 1853. Hrsg. Franz Lüttgen, Köln 1998
  • Bd. 13: Kalender für das katholische Volk 1854 bis 1857. Hrsg. Franz Lüttgen, Köln 2000
  • Bd. 16: Dokumente über den Kölner Gesellenverein 1849 bis 1865. Hrsg. Franz Lüttgen, Köln 1998
  • Adolph Kolping: Ausgewählte pädagogische Schriften. Besorgt von Hubert Göbels. Paderborn 1964
  • Kolpingwerk in Staat und Gesellschaft. Schriftenreihe des Kolpingwerkes Deutscher Zentralverband (20 Bde.).

Literatur

  • Viktor Conzemius: Adolph Kolping und Ignaz von Döllinger. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 164 (1962), S. 118-191.
  • Heinrich Festing: Adolph Kolping und sein Werk. Freiburg i.Br. 1983.
  • Heinrich Festing: Was Adolph Kolping für uns bedeutet. Freiburg i.Br. 1986.
  • Michael Hanke: Sozialer Wandel durch Veränderung des Menschen. Leben, Wirken und Werk des Sozialpädagogen Adolph Kolping. Mülheim 1974.
  • Kolpingstadt Kerpen (Hg.): Kolping kommt aus Kerpen. 1813-2013. Eine Geschichte mit Zukunft. Beiträge und Katalog zur gleichnamigen Ausstellung (Beiträge zur Kerpener Geschichte und Heimatkunde, Bd. XIII), Kerpen 2013.
  • Hans Joachim Kracht: Organisation und Bildungsarbeit der katholischen Gesellenvereine (1846-1864). Die Arbeiterbewegung in den Rheinlanden, Band 3, Wendtorf 1975.
  • Hans Joachim Kracht: Adolph Kolping. Priester, Pädagoge, Publizist im Dienst christlicher Sozialreform. Leben und Werk aus den Quellen dargestellt, Freiburg i.Br., Basel, Wien 1993.
  • Franz Lüttgen: Johann Gregor Breuer und Adolph Kolping. Studien zur Frühgeschichte des Katholischen Gesellenvereins, Paderborn 1997.
  • Heinz-Albert Raem: Katholischer Gesellenverein und Deutsche Kolpingsfamilie in der Ära des Nationalsozialismus (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte: Reihe B, Forschungen; Band 35). Mainz 1982.
  • Michael Schmolke: Adolph Kolping als Publizist. Ein Beitrag zur Publizistik und zur Verbandsgeschichte des deutschen Katholizismus im 19. Jahrhundert. Münster 1966.

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