Annemarie Griesinger (geb. Roemer)

Fürsorgerin, Bundestagsabgeordnete, Ministerin 21. April 1924 Markgröningen/Lkr. Ludwigsburg 20. Februar 2012
von Denise Lindsay M.A.

Anna Maria Roemer kam am 21. April 1924 als jüngstes von sechs Kindern in Markgröningen zur Welt. Ihr Vater, der evangelische Theologe Dr. Hermann Roemer, war zu diesem Zeitpunkt als Studienprofessor am dortigen Lehrerinnenseminar tätig. Das Elternhaus war gutbürgerlich und christlich-liberal geprägt. Als einziges Mädchen wurde „Ami“ verwöhnt, lernte aber auch, sich durchzusetzen und bei den Spielen mit den fünf Brüdern mitzuhalten. Der Vater hatte in Bietigheim einen christlichen Arbeiterverein gegründet und war in der Weimarer Republik im „Christlichen Volksdienst“ politisch aktiv. Nach dem Krieg gründete er in Markgröningen die dortige CDU mit. Die Mutter, Liesel Roemer, hatte die Hauswirtschaftsschule besucht und war sehr an Weiterbildung interessiert. Nach dem Krieg baute sie mit ihrem Mann die Ortsbücherei auf.

1942 legte das junge Mädchen das Abitur ab; nach eigener Darstellung war sie keine Musterschülerin, nur Turnen und Singen gingen ihr leicht von der Hand. Ihr Berufswunsch war zu diesem Zeitpunkt Schauspielerin. Nach dem Ende der Schulzeit wurde sie zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und leistete Kriegshilfsdienst in einer Flachszwirnerei. Nachdem sie ihren schwer verwundeten Bruder Georg gepflegt hatte, begann sie eine Ausbildung zur Schwesternhelferin beim Roten Kreuz. Nach Kriegsende plante sie Lehrerin zu werden, ging aber zunächst ins schweizerische Arosa, um eine Tuberkuloseerkrankung auszukurieren. An der Universität Basel hörte sie Vorlesungen bei Karl Barth und Karl Jaspers. Nach ihrer Rückkehr begann sie 1950 eine Ausbildung zur Wirtschafts- und Jugendfürsorgerin an der Sozialen Frauenschule des Schwäbischen Frauenvereins in Stuttgart. 1953 heiratete sie Heinz Griesinger, den sie während ihrer Tätigkeit an der Evangelischen Bauernschule Hohebuch kennengelernt hatte. Die Ehe blieb kinderlos. Während ihr Mann, später Ausbildungsdirektor bei Bosch und Lehrbeauftragter an der Universität Stuttgart, studierte, arbeitete Annemarie Griesinger von 1956 bis 1964 als Kreisfürsorgerin beim Landratsamt Ludwigsburg.

Mit der Politik in Kontakt kam Annemarie Griesinger über ihren Mann, der in der 1950er Jahren die Junge Union im Kreis Ludwigsburg leitete. 1956 trat sie der JU, 1958 der CDU bei. 1961 kandidierte sie zum ersten Mal – allerdings erfolglos – für den Deutschen Bundestag. 1964 rückte sie für den ausgeschiedenen Wilhelm Hahn nach, 1965 und 1969 gelang ihr der Einzug ins Parlament im ersten Anlauf, 1969 gewann sie sogar das Direktmandat in ihrem Wahlkreis Ludwigsburg, bis dahin eine Hochburg der SPD. Der Kolumnist Walter Henkels beschreibt ihr energisches Auftreten 1970 anschaulich: „Sie macht den Eindruck, als ob sie den Himmel stürmen wolle. Sie fegt durch die Flure des Bundeshauses, wird von Arbeit und Eile, Kraft und Fleiß getrieben und möchte ihrem Temperament die Zügel schießen lassen.“ Im Bundestag galt ihr Interesse im Besonderen den Themen Sport und Landfrauen und hier der Förderung und der Modernisierung der bäuerlichen Hauswirtschaft.

1972 wechselte sie als Ministerin nach Baden-Württemberg, die erste Frau überhaupt in einem baden-württembergischen Landeskabinett. Die neu in den Landtag gewählte Renate Hellwig, der es ein Dorn im Auge war, dass bei der Kabinettsbildung keine Frau Berücksichtigung gefunden hatte, setzte ihre Berufung beim Fraktionsvorsitzenden Lothar Späth durch. Von 1976 bis 1984 vertrat Griesinger zudem den Wahlkreis 13 (Vaihingen) im Landtag.

Die Themen, zu denen sie als Ministerin Stellung beziehen musste, waren breit gefächert. Als Sozialministerin setzte sie ihr Engagement für die Frauen im ländlichen Raum fort. Auch wurden in ihrer Amtszeit die Diakonie- und Sozialstationen im Land erheblich ausgebaut und die Hilfen für alleinerziehende Mütter erweitert. Verstärkt gefördert wurde der Ausbau von Behindertenwerkstätten. Ihr Politikstil war durch eine mütterliche und ausgleichende Komponente geprägt, ihre Mitarbeiter schätzten ihren herzlichen und menschlichen Umgangston. Die „Stuttgarter Zeitung“ beschreibt 1973 ihren Habitus so: „Die Fraulichkeit ist das persönliche Kapital, das sie fast rücksichtslos in politische Rendite umsetzt. ... So versteht sie sich auch weniger als militante Politikerin denn als offenes Ohr für Sorgen und Nöte.“ Sie bereiste fleißig das „Ländle“, war und ist immer noch bekannt und beliebt. Ihre Bürgernähe und ihr einfühlsames Auftreten werden immer wieder betont.

1980 versetzte sie Ministerpräsident Lothar Späth im Rahmen einer Kabinettsumbildung auf den Posten der Ministerin für Bundesangelegenheiten. Gegen die Versetzung nach Bonn hatte Griesinger sich zunächst gesträubt, ließ sich dann jedoch in die Pflicht nehmen. Ihr Anliegen war es, die Aufgaben der Landesvertretung beim Volk daheim bekannter zu machen und das Ansehen der „baden-württembergischen Botschaft“ zu mehren.

1984 erklärte die passionierte Jägerin, die als erste Landtagsabgeordnete das Goldene Sportabzeichen erwarb, ihren Rückzug aus der Politik. Doch sie blieb weiter im sozialen Bereich aktiv, führte die Senioren-Union und setze sich im Verein „Lebenshilfe“ für geistig behinderte Menschen ein. Ihrem Geburtsort Markgröningen ist Annemarie Griesinger treu geblieben, hier lebte sie bis zu ihrem Tod im Februar 2012 mit ihrem Ehemann im Elternhaus.

Lebenslauf

  • 1942 Abitur
  • 1943–1945 Schwesternhelferin
  • 1946 Haushaltshilfe in der Schweiz
  • 1950–1952 Ausbildung zur Jugend- und Wirtschaftsfürsorgerin
  • 1953 Heirat mit Professor Dr. Heinz Griesinger
  • 1956–1964 Fürsorgerin im Landkreis Ludwigsburg
  • 1956–1959 Mitglied im Vorstand der Jungen Union Nordwürttemberg
  • 1958 CDU
  • 1964–1972 MdB
  • 1969–1973 Vorsitzende der CDU-Frauenvereinigung Nordwürttemberg
  • 1972–1980 Ministerin für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung in Baden-Württemberg
  • 1976–1984 MdL Baden-Württemberg
  • 1980–1984 Ministerin für Bundesangelegenheiten und Europabeauftragte der Landesregierung
  • 1981–1983 Mitglied im CDU-Bundesvorstand
  • 1994–1997 Landesvorsitzende der Senioren-Union Baden-Württemberg.

Literatur

  • „Heidenei!“ Annemarie Griesinger zum 80. Geburtstag. Eine Festschrift. Hg. von Robert Antretter/Günther H. Oettinger/Erwin Teufel/Gustav Wabro/Matthias Wissmann. Stuttgart 2004.
  • Birgit Meyer: Frauen im Männerbund. Politikerinnen in Führungspositionen von der Nachkriegszeit bis heute. Frankfurt/Main–New York 1997.

Kontakt

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