Georg Graf von Hertling

ordentlicher Professor, Parlamentarier, Ministerpräsident, Reichskanzler Dr. phil. 31. August 1843 Darmstadt 4. Januar 1919 Ruhpolding
von Winfried Becker

Das Elternhaus und der Verwandtschaftskreis von Hertlings waren vom Geist der ausklingenden Goethezeit und Romantik durchweht. Sein früh gewecktes geistiges Interesse lenkte ihn auf das Studium der Philosophie und den Lebensberuf des Geisteswissenschaftlers, während das pragmatisch-nüchterne Naturell seiner männlichen Vorfahren aus kurmainzischem Dienstadel sich in seiner bedeutenden politischen und organisatorischen Begabung niederschlug. Der an Fragestellungen der philosophia perennis interessierte Philosophiehistoriker behandelte Autoren des Altertums, des Mittelalters, der Neuzeit bis zu Immanuel Kant. Ein bedeutender Teil seines Schaffens war der Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie gewidmet, die, auf aktuelle Probleme bezogen, sich auch in von Hertlings (sozial-)politischer Tätigkeit, insbesondere seiner Mitwirkung an Bismarcks Sozialgesetzgebung niederschlug. Von Hertling leitete aus dem natürlichen Recht des Arbeiters die staatliche Verpflichtung zur gesetzlichen Unterhaltssicherung auch nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses ab. Am bedeutsamsten war indes seine Auseinandersetzung mit der mechanistisch-materialistischen Weltansicht. Er warb ihr gegenüber für seine theistisch-teleologische, Ansätze des Neuthomismus aufnehmende Weltsicht. Er plädierte für die rationale Plausibilität der Zweckhaftigkeit des Kosmos, die der christliche Glaube ebenfalls voraussetzte, und damit für die Vereinbarkeit von Wissenschaftsethos und Glaubensbindung in der Person des katholischen Forschers. Dessen wissenschaftlicher Förderung diente sein jahrzehntelanger Einsatz für die Görres-Gesellschaft, vorbereitet durch seine Aktivität in den katholischen Studentenverbindungen (CV, KV). Von Hertling sah wie Ludwig Windthorst den Staat primär auf das Recht statt auf Klasse, Nation oder willkürliche Interpretation der historischen Entwicklung gegründet und zog auch einen Trennungsstrich zu den preußischen Konservativen. Er setzte er sich als Abgeordneter und Zentrumsführer für einen behutsamen Kurs der Integration der Katholiken ins Reich ein. Seine Berufung als bayerischer Ministerpräsident beendete die lange Phase der Zurücksetzung der Patriotenpartei und des Zentrums in Bayern, obwohl von Hertling sich mehr als Sachwalter des Staates als einer Partei verstand. Im Weltkrieg auch als parlamentarischer Exponent des katholischen Bevölkerungsteils ins Kanzleramt berufen, suchte er einen an Theobald von Bethmann Hollweg erinnernden Kurs der Mitte zu steuern, konnte sich aber, obzwar informell von einer Mehrheit des Reichstags getragen, gegen die Oberste Heeresleitung nicht durchsetzen. Über die bevorstehende militärische Niederlage zu spät ins Bild gesetzt, blieb ihm nur der Rücktritt, der allerdings angesichts der starken Stellung, die die SPD im Parlamentarisierungsprozess gewinnen musste, mit seiner Ablehnung dieser Partei im Einklang stand.

Lebenslauf

  • 1861–1864 Studium der Naturwissenschaften, der Geschichte, Theologie und Philosophie in Münster, München und Berlin
  • 1864 Promotion
  • 1867 Habilitation (Philosophie) in Bonn, Privatdozent
  • ab 1882 ordentlicher Professor der Philosophie an der Universität München
  • 1896–1919 Mitglied der königlich-bayerischen Akademie der Wissenschaften
  • 1876–1919 Mitgründer und Präsident der Görres-Gesellschaft
  • 1875–1890
  • 1896–1912 Mitglied des Reichstages (Zentrum)
  • 1909–1912 Vorsitzender der Zentrumsfraktion
  • 1891–1918 Reichsrat der Krone Bayern
  • 1912–1917 Ministerpräsident von Bayern
  • 1914 Graf
  • 01.11.1917–03.10.1918 Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident.

Literatur

  • A. F. Eickhoff: Georg von Hertling als Sozialpolitiker (1932)
  • E. Deuerlein (Hg.): Briefwechsel Hertling - Lerchenfeld 1912–1917, 2 Bde. (1973)
  • R. Morsey, in: ZGiLB 1 (1973)
  • W. Becker: Georg von Hertling 1843–1919, 1 (1981)
  • Ders. (Hg.): Georg von Hertling 1843–1919 (1993)
  • Ders.: Christliche Wertorientierung in Wissenschaft und Politik. Georg von Hertling 1843–1919 (1993)