Kurt Georg Kiesinger – Kanzler der großen Koalition

Rede von Dr. Norbert Lammert

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Thierse,

sehr geehrter Herr Ministerpräsident Teufel,

sehr geehrte Frau Bundesministerin Zypries,

sehr geehrte Frau Vorsitzende Merkel,

sehr geehrter Herr Staatssekretär Diller,

sehr geehrter Herr Professor Hildebrand,

sehr geehrte Familie Kiesinger,

sehr geehrte Exzellenzen, Bundestagsabgeordnete, Vertreter der Länder,

meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste,

herzlich begrüße ich Sie in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Ich bin nicht überrascht, aber doch sehr beeindruckt, auf welch starke Resonanz unsere Einladung zu dieser Veranstaltung gestoßen ist. Wir haben so viele Zusagen, daß viele Interessierte leider gar nicht mehr berücksichtigt werden konnten.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung befährt mit ihr (frei nach einem Leitgedanken Kurt Georg Kiesingers) „neue Gleise“: Eine gemeinsame Veranstaltung mit zwei Verfassungsorganen – des Bundestages und der Bundesregierung – sowie der CDU Deutschlands hatte die Konrad-Adenauer-Stiftung bislang noch nicht auf die Beine gestellt.

Wir begehen den 100. Geburtstag von Kurt Georg Kiesinger, der am 6. April 1904 geboren worden ist.

Diesem vollen Haus zum Trotz – Kurt Georg Kiesinger gilt von den Bundeskanzlern der Bundesrepublik wohl als derjenige, der heute am wenigsten im Gedächtnis der Öffentlichkeit präsent sein dürfte. Das hat sicher etwas damit zu tun, daß er der einzige Kanzler war, der in einer Großen Koalition zusammen mit Persönlichkeiten wie Willy Brandt oder Herbert Wehner regierte (, die als „Übergangslösung“ wahrgenommen wurde.) Kiesinger sprach ja selbst davon, einer „Reparaturwerkstatt“, nicht einem Großunternehmen vorgestanden zu haben.

Kiesinger ist jedoch weit mehr als ein „Übergangskanzler“, als der er heute häufig erscheint. Das zu seiner Zeit notwendige Experiment hat nach ihm niemand mehr gewagt, mußte niemand mehr wagen. Kurt Georg Kiesinger hat es zum Erfolg geführt in einer Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung, deren geistige Folgen die deutsche Gesellschaft bis heute prägen. Wäre ein anderer von seiner Erfahrung, seinem Naturell, seinem geistigen Habitus dazu geeigneter gewesen als er, der einen Typus von Politiker und ein Verständnis von Politik repräsentierte, wie es heute kaum mehr zu anzutreffen ist?

Es ist bekannt, daß Kurt Georg Kiesinger das Werk von Alexis de Tocqueville, des großen französischen Schriftstellers und Parlamentariers, besonders schätzte; ihn liebte er zu zitieren, über ihn hat er eindringliche Studien publiziert, bei ihm ist er in die Schule des politischen Denkens gegangen. Von Tocqueville her, der eine „heilige Aufgabe“ darin erblickte, „den Menschen, wenn möglich, zu zeigen, was getan werden muß, um sich vor der Tyrannei und der Verkümmerung zu bewahren“, erschließt sich auch das Politikverständnis Kiesingers. Denn jene Aufgabe, „für die man weder sein Geld noch seine Zeit noch sein Leben sparen soll“, wie Tocqueville meinte, hat er sich – auch hier mit seinem Lehrmeister geistesverwandt – im Bewußtsein der Verantwortung als Mitlebender seiner Zeit, in verantworteter Zeitgenossenschaft gestellt, obwohl ihm doch nach Charakter und Neigung die politische Beobachtung und Reflexion, die vita contemplativa, näher gelegen hätte und sicher angenehmer gewesen wäre.

Das mag darin begründet sein, daß ihm eine – auch bei deutschen Politikern seiner und nachfolgenden Generation selten zu findende – Intellektualität eigen war. In seiner Person verbanden sich profunde Bildung und rhetorische Eleganz mit der Gabe zu extemporieren. Daß man ihn „König Silberzunge“ nannte, hat er als berechtigtes Kompliment akzeptiert. Mit seiner Belesenheit und Sprachbrillanz mußte er sich zwar bald das – für ihn gewiß ehrenvolle – Etikett eines „Schöngeistes“ gefallen lassen, damit aber gewann er auch den Respekt der Parteifreunde und politischen Gegner, die ihn auch deswegen achteten. Herbert Wehner telegraphierte Kiesinger, als er 1958 von Bonn nach Stuttgart wechselte: „Bonn wird ärmer! – Wehner“.

Nicht, daß er nicht auch in der Partei und für die Partei hart gearbeitet und gekämpft hätte. Was Kiesinger aber dabei auszeichnete, war die Fähigkeit des Ausgleichens, die nicht eine Kompromißhaltung aus Prinzip, Schwäche oder Lässigkeit ist, sondern das schöpferische Vermögen, unter Einbeziehung anderer, selbst entgegengesetzter Positionen sinnhafte Zusammenhänge zu erschließen, die es erst ermöglichen, sachliche Gemeinsamkeit zu stiften.

Seine tiefe Verwurzelung im katholischen Glauben hatte ihn zur Christlich-Demokratischen Union geführt. In ihr sah er nach der Katastrophe des Weltkrieges die neuartige politische Kraft, die in ihrem weltanschaulichen Fundament und gesellschaftlichen Spannweite den Gegensatz zwischen sozialistischen und bürgerlichen Parteien, wie er die Demokratie der Weimarer Republik tödlich geschwächt hatte, überwinden konnte.

In der CDU fand Kiesinger seine politische Heimat, aus der heraus er als „Mann des Ausgleichs“ im damals neuartigen Vermittlungsausschuß, später als redegewaltiger außenpolitischer „Parlamentsdegen“ Adenauers im Bundestag, dann als baden-württembergischer Ministerpräsident und schließlich als Bundeskanzler handeln konnte.

Kurt Georg Kiesinger gestatte es den politisch Handelnden nicht, sich „auf bequem gelegten Gleisen zu bewegen“, sondern verlangte, „daß wir jeden Tag bereit sein müssen, in neues Land aufzubrechen“ (Rede auf der Bundestagung des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, 9. März 1968). Ich freue mich, daß Herr Prof. Hildebrand, der profunde Kenner (nicht nur) der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, sich bereiterklärt hat, dieses politische Credo Kiesingers, des Kanzlers der Großen Koalition, zu erläutern.

Danach werden wir Zeugen der offiziellen Präsentation des Sonderpostwertzeichens Kurt Georg Kiesinger durch den Parl. Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen, Herrn Karl Diller.

Anschließend hören wir einen Vortrag der Vorsitzenden der CDU Deutschlands, Frau Dr. Angela Merkel, zur „Kraftquelle“ und zum Ärgernis aller bisherigen Bundeskanzler, nämlich den deutschen Föderalismus. Ohne ihre je eigene Verwurzelung im föderalen Gefüge Deutschlands und ohne ihre in den jeweiligen Ländern fundierte Karriere wäre kein Bundeskanzler Bundeskanzler geworden – weder Konrad Adenauer noch Gerhard Schröder, und eben auch nicht Kurt Georg Kiesinger.

Bundeskanzler werden nicht nur in offiziellen Bildern gemalt, auf Medaillen geprägt oder, wie heute, als Briefmarke gedruckt, sondern – wenn sie Glück haben – photographiert und karikiert, wenn sie viel Glück haben, von Josef Albert Slominski und „Oskar“ Hans Bierbrauer. Herr Bundestagspräsident Wolfgang Thierse wird eine Ausstellung ihrer Werke eröffnen.

Abschließend laden der Präsident des Deutschen Bundestages, die Bundesregierung und die Vorsitzende der CDU Deutschlands und der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, zu einem gemeinsamen Empfang ein. Frau Brigitte Zypries, Bundesministerin der Justiz, wird für die Bundesregierung noch einige Worte an uns richten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich hoffe, Sie freuen sich mit mir auf nachdenkliche, lehrreiche, aber auch unterhaltsame, in jedem Fall würdige zwei Stunden der Erinnerung an Kurt Georg Kiesinger.

Das Wort hat Herr Prof. Hildebrand.

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Eröffnung der Ausstellung Die Kanzler der Bundesrepublik Deutschland - Fotoproträts und Karikaturen

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Paul B. Wink, Bevollmächtigter des Generalsekretärs in Berlin, im Gespräch mit dem Künstler Josef Albert Slominski

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Porträts der deutschen Kanzler, fotografiert von Josef Albert Slominski

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v.l.n.r. OSKAR (Hans Bierbrauer), der stellvertretende KAS-Vorsitzende und Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Dr. Norbert Lammert MdB, Frau Bierbrauer, und Wolfgang Thierse MdB, Präsident des Deutschen Bundestages

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Kanzler-Karikaturen von OSKAR

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obere Reihe: (v.l.n.r.) Bundestagspräsident Wolfgang Thierse MdB, Paul B. Wink, CDU-Vorsitzende Dr. Angela Merkel MdB, Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel MdL, Peter Kiesinger, untere Reihe (v.l.n.r.): Karl Diller MdB, Parl. Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen, Dr. Norbert Lammert MdB, Bundesjustizministerin Brigitte Zypries und Kiesinger-Tochter Viola Wentzel, mit der Sonderbriefmarke

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Karl Diller mit Erwin Teufel bei der Übergabe der Sonderbriefmarke

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Prof. Dr. Klaus Hildebrand vom Historischen Seminar der Universität

Kurt Georg Kiesinger ACDP