Veranstaltungsberichte

"Wir wollen freie Menschen sein"

von Reinhard Wessel

Filmdokumentation über den 17.Juni 1953 in Hannover vorgestellt

Die Bürgerrechtlerin, Autorin und Regisseurin Freya Klier präsentierte am Montag, dem 2. Sept. 2013, ihren neusten Dokumentarfilm über den 17. Juni 1953 vor knapp 200 Zuschauern im Leineschloss in Hannover.

Der Morgen des 17. Juni 1953 begann ganz friedlich, so friedlich, dass er von vielen Zeitzeugen zunächst als das „Fest der Freiheit“ wahrgenommen wurde. Bereits am Vortag war es in Ostberlin zu ersten Unruhen und Arbeitsniederlegungen in Ostberliner Betrieben gekommen. Diese breiteten sich von Berlin über die ganze DDR aus. In fast allen kleineren und größeren Städten marschierten Arbeiter – gefolgt von vielen Frauen und Kindern – zu den Machtzentren der SED. Zunehmende Versorgungsengpässe, diktatorisches Gehabe der kommunistischen Machthaber und Einschränkung der Freiheitsrechte hatten bereits zu Spannungen geführt, als die Normerhöhung für die Bauarbeiter in Ost-Berlin das Fass zum Überlaufen brachte. Die nun folgenden Ereignisse trafen das DDR-Regime völlig unvorbereitet und es reagierte hilflos und konfus. Daraufhin sah sich die sowjetische Besatzungsmacht gezwungen einzugreifen und verhängte den Ausnahmezustand. Bald sahen sich die Demonstranten von zahlreichen Panzern, Polizisten sowie Soldaten umzingelt, die ihrem Befehl „mit den allen Mitteln gegen die Ruhestörer vorzugehen“ Folge leisteten. Gerade diese Filmsequenzen, in denen die Demonstranten mit der geballten Staatsmacht konfrontiert werden, gelingt es Freya Klier beeindruckend, die Emotionen und Beweggründe der Demonstranten dem Zuschauer durch geschickte Zusammenstellung auch von Originalbildern zu vermitteln.

Der Niederschlagung des Aufstandes fielen zwischen 55 und 75 Menschen zum Opfer. Weitere 500 bis 700 Personen wurden zu Lagerstrafen verurteilt, von denen bis heute viele unbekannt geblieben sind.

Besonders eindringlich schildert die Regisseurin das Schicksal des 15-jährigen Paul Ochsenbauer. Der Tod des Schlosserlehrlings ist bis heute nicht aufgeklärt. Er beteiligte sich mit seinen Freunden an den Protesten, doch im Gegensatz zu ihnen kam er am Abend des 17. Juni nicht nach Hause. Zwei Wochen „vertröstete“ die Polizei die Familie mit dem Hinweis, ihr Sohn sei weder unter den Toten noch unter den Verletzten. Aber dann erhielten seine Angehörigen doch noch die erschütternde Nachricht: Paul war erschossen worden. Die Behörden hatten es nicht einmal für nötig befunden, die Familie von der Einäscherung zu informieren, geschweige denn um Erlaubnis gefragt. Gerade dieser Teil des Films lebt vor allem von den Zeitzeugenberichten der drei Schwestern des Opfers, die sehr authentisch ihren Bruder als hoffnungsfrohen Sportler vorstellen, der bereits in jungen. Jahren in seiner Hilfsbereitschaft ihnen als Vorbild diente.

Im anschließenden Gespräch berichtet Freya Klier über die Verfälschung und Umdeutung des Aufstandes durch die Sowjets und die DDR-Machthaber. Während in der Bundesrepublik Deutschland seit 1954 der „Tag der deutschen Einheit“ festlich begangen wurde, verkaufte das DDR-Regime den Aufstand als „faschistischen Putsch der westlichen Imperialisten“, die den Zusammenbruch des „ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden“ zum Ziel hatten. Diese etwas eigenwillige Interpretation der Ereignisse bildete auch die Basis des historischen Unterrichts an den Schulen., was zunächst dazu führte, der heranwachsenden Generation ein völlig falsches bzw. negatives Bild der Motivation und den Zielen der Aufständischen vermittelte. Auch sie, so Freya Klier, sei auf diese Propaganda hereingefallen. Daher erachte es sie als ihre Pflicht, die wahre Geschichte anhand von Einzelschicksalen zu erzählen, um „Abbitte zu leisten“ und den Aufstand des 17. Juni besonders im kollektiven Gedächtnis der heutigen Jugend zu verankern.

Einige Diskutanten machten darauf aufmerksam, dass der 17. Juni auch im Westen nicht genügend Aufmerksamkeit gefunden und viel zu wenig aufgearbeitet worden sei. So sein der Nationalfeiertag zu einer „Pflichtveranstaltung für Festredner“ geworden. „Spätestens seit der Wende und unserem neuen Nationalfeiertag, spricht niemand mehr über die Helden dieses Tages“, bemerkte eine Zuhörerin. Weitere Wortmeldungen kritisierten die mangelnde juristische Aufarbeitung jener Tage selbst nach der Wiedervereinigung sowie die Passivität der Westmächte damals. „Die Ostler wurden einfach geopfert“, so Freya Klier zusammenfassend. Sie verwies aber auch auf einen Vorschlag des Bundespräsidenten Joachim Gauck vom 14. Juni dieses Jahres. Dieser hatte damals die Idee wieder aufgegriffen, den 17. Juni im Rahmen eines „Denktages“ in Schulen und Bildungseinrichtungen mehr Raum zu geben und somit die junge Generation für das Thema stärker zu sensibilisieren.

Autor: Caroline Lasserre, FSJ