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Falsche Vorbilder: Mao Tse-tung

Durch Zitate wie „Rebellion ist gerechtfertigt.“ und „Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen.“ wurde Mao Tse-tung (1893–1976) – geboren als Bauernsohn, gestorben als „Großer Führer“ des bevölkerungsreichsten Landes der Erde – vielen im Westen bekannt. Sie begründen die Legende um eine der schillerndsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, die in China wie in Europa nach wie vor von einigen Unbeirrbaren als Stimme der sich erhebenden Entrechteten verehrt wird. Doch was ist dran am „Mythos Mao“, dass Poster, T-Shirts und Pins mit seinem Konterfei aus den Städten Europas, zumindest in den 1970er Jahren, nicht wegzudenken sind?

Viele indiskrete Informationen aus dem näheren Umfeld Maos drangen in der Vergangenheit nach außen und trugen so zur Legendenbildung bei – wobei häufig nicht klar ist, ob es sich um Tatsachen, Informationen mit „Spin“ oder schlicht Falschmeldungen handelt: Er soll einem luxuriösen Lebensstil gefrönt, ausschweifende Orgien gefeiert und dem Schicksal seiner Familienangehörigen gleichgültig gegenübergestanden haben.

Abseits solcher privaten Episoden interessiert vor allem sein politisches Wirken in der Volksrepublik China: Am 1. Oktober 1949 rief Mao als Führer der Kommunisten vom Tor des Himmlischen Friedens die Volksrepublik China aus, nachdem er sich gegen den nationalistischen Generalissimus Tschiang Kai-schek im Bürgerkrieg durchgesetzt hatte. Die „Mao-Tse-tung-Ideen“, die ursprünglich auf der stalinistischen Variante des Marxismus-Leninismus beruhten, fußten auf der Macht der Massen, der Arbeiter und der Bauern, die in einem breiten Bündnis China von Imperialisten und Großgrundbesitzern befreien sollten. Dementsprechend säuberte der „Große Steuermann“, wie einer seiner vielen Titel lautete, zunächst das Land von Anhängern der alten Ordnung, von „Konterrevolutionären“ und „Banditen“. Mit dieser ersten groß angelegten Säuberungswelle bis zur Mitte der 1950er Jahre beseitigte er, ohne großes Aufheben darum zu machen, mehr als eine Million politischer Gegner, ließ sie in Umerziehungslager (die „Laogai“) stecken und überwachen.

Der Hundert-Blumen-Kampagne, die im Frühsommer 1957 Kritiker aufmuntern sollte, ihren Unmut über Bürokratie und Missstände in der Partei zu äußern, folgte eine Welle der Repression, inklusive Quotenvorgaben, wie viele Kritiker zu denunzieren seien.

Gemäß Maos Theorie der „Permanenten Revolution“ leitete er alsbald (1956/57) den „Großen Sprung nach vorn“ ein, der China binnen kürzester Zeit von einem Bauernstaat in ein hochindustrialisiertes Land verwandeln sollte. Das utopische, die Wirklichkeit auf das Härteste ignorierende Wunschdenken, Verwaltungswirrwarr, übertriebene Erfolgsmeldungen und der Abzug vieler landwirtschaftlicher Arbeiter in die Industrie überforderten das Land, das 1959 unter einer katastrophalen Hungersnot zu kollabieren drohte. Wer Mao bezichtigt, er habe sein Volk absichtlich in den Abgrund führen wollen, verkennt die Tatsachen. Wohl aber stimmt der Vorwurf, er habe die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen, um seinen Gegnern im Inneren wie im Äußeren keine Angriffsfläche zu bieten. Nur indem er billigend den Tod von mehr als 20 Millionen Menschen in Kauf nahm, konnte er sich gestärkt vom Weg der Sowjetunion emanzipieren und die nächste Säuberungswelle gegen „Rechtsopportunisten“ fordern. Erst nach der Katastrophe deutete sich bei Mao ein Umdenken an – obwohl für die Hungersnot eben nicht Naturkatastrophen als Ursache anzuführen sind, sondern das Utopie-Denken der Parteikader.

Im Gedächtnis verhaftet bleibt vielen Chinesen daneben die „Große Proletarische Kulturrevolution“ ab 1966, eine weitere Säuberungswelle gegen Konterrevolutionäre in der Gesellschaft wie innerparteiliche Konkurrenten Maos. Der „Große Führer“ nutzte die jungen Revolutionäre, die „Roten Garden“, zur Denunziation, zu Mord und Demütigung der eigenen Elterngeneration. Die Kulturrevolution erhielt bald eine Eigendynamik, die den spontanen Terror in „Anarchischem Totalitarismus“ (1) münden ließ und die in den Griff zu bekommen die Armee Probleme hatte. Einer restaurativen Säuberungswelle ab 1968 fielen dann nochmals mehrere Millionen Menschen zum Opfer. Insgesamt war Mao damit verantwortlich für die größte nationale Tragödie in China.

Die drei Schlaglichter („Hundert-Blumen-Kampagne“, „Großer Sprung nach vorn“ und „Kulturrevolution“) beleuchten den Charakter des maoistischen Regimes. Wer deren Opfer als trauriges, aber notwendiges Übel der einmaligen Modernisierung Chinas betrachtet, verkennt ihre Funktion für die Ideologie. Denn sie sollten nichts anderes als Höhepunkte der „Permanenten Revolution“ sein, weil Mao sie als Akte schöpferischer Zerstörung in Partei wie Gesellschaft sah. Nicht zuletzt deswegen nahm die KPCh von diesen Gedanken nach Maos Tod Abstand.

Tom Mannewitz

(1) Margolin, Jean-Louis, China: Ein langer Marsch in die Nacht, in: Courtois, Stéphane, et al., Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1998.

Lesetipps:

  • Short, Philip, Mao: A Life, New York 1999.
  • Wemheuer, Felix, Mao Zedong, Reinbek bei Hamburg 2010.
  • Dabringhaus, Sabine, Mao Zedong, München 2008.