Veranstaltungsberichte

„Wenn das Weiterleben schwieriger ist als das Überleben“

von Sarah Röhr

Lesung und Zeitzeugengespräch mit der Auschwitz-Überlebenden Eva Schloss

Vor 73 Jahren, genau an ihrem 15. Geburtstag, endete ihre Kindheit auf einen Schlag. Eva Schloss, geborene Geiringer, wird zusammen mit ihrer untergetauchten Familie verraten und nach Auschwitz deportiert. Wie sie dieser Hölle entkommen konnte und wie sie das Trauma überwunden hat, schilderte sie eindrucksvoll den über 250 Gästen in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Zunächst las die Schülerin und Landessiegerin Brandenburg des bundesweiten Vorlesewettbewerbs Hannah Schleicher (13 Jahre) diverse Passagen aus den dramatischen Lebenserinnerungen von Eva Schloss vor. Die Erfahrungen in Amsterdam, die ständigen Fragen nach dem ‚Warum?‘, das Erwachsenwerden im Versteck, die Beziehung zwischen Bruder und Schwester; dies alles war Gegenstand der sehr eindrucksvollen Lesung.

Im Anschluss sprach der Leiter der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung, Herr Kleine-Kraneburg, über die Biographie den KZ-Überlebenden. 1929 wird Eva in eine Wiener Gesellschaft geboren, die tolerant und aufgeschlossen der jüdischen Familie Geiringer gegenüber stand. Dies ändert sich 1938 nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich schlagartig. Beleidigungen, Bedrohungen und Separation bestimmen fortan das soziale Zusammenleben. Dies zwingt die Familie zur Flucht nach Belgien, wenig später dann nach Amsterdam. Dort lernt Eva in der Nachbarschaft auch Anne Frank kennen. Beide freunden sich an, verbringen eine kurze glückliche Zeit miteinander, versuchen die Situation zu verstehen. Kurz darauf müssen beide Familien, die Geiringers als auch die Franks, untertauchen und im Versteck leben, ständig in der Angst, erwischt oder verraten zu werden.

Doch genau dies sollte am 15. Geburtstag Evas geschehen. Zunächst nach Westerbork, anschließend nach Auschwitz deportiert, wird die Familie bei der Selektion getrennt. Ihr Bruder und ihr Vater werden ermordet, Eva und ihre Mutter überleben das Grauen durch zahlreiche glückliche Fügungen des Schicksals. Nach der Befreiung des Konzentrationslagers versuchen beide Frauen mit Hilfe des Überlebenden Otto Frank, der seine komplette Familie verloren hat, wieder nach Amsterdam zu reisen. Eva kann die Eindrücke, die Verluste und Schmerzen nicht verkraften und zieht sich immer mehr zurück. „Für mich war das Weiterleben schwieriger als das Überleben“, sagt sie heute. Zusammen mit ihrer Mutter und Otto Frank überwindet sie dieses Trauma und zieht nach London. Dort lernt sie ihren Mann, Zvi Schloss kennen und heiratet. Ebenso heiraten Otto und ihre Mutter, wodurch Eva posthum die Stiefschwester von Anne Frank wird. Das Buch „Amsterdam, 11. Mai 1944“ ist ihrem Bruder Heinz gewidmet, er war in jungen Jahren bereits ein eindrucksvoller Künstler. Er sprach sechs Sprachen, komponierte eigene Musikstücke und malte Bilder, die heute permanent in einigen Ausstellungen und Museen weltweit zu sehen sind. Für Mutter und Tochter waren diese Bilder ein stetiger Halt nach dem großen Verlust. „Durch das Tagebuch wurde Anne Frank unsterblich, die Bilder sollten Heinz ebenso unsterblich machen“.

Viele Jahre habe sie darüber mit niemandem gesprochen, sagte sie und wandte sich den Zuhören in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung zu, unter denen gut 120 Schüler anlässlich des diesjährigen "Denkt@g-Jugendwettbewerbes" waren. Erst Mitte der 1980er Jahre fand Eva die Kraft zu erzählen, was ihr und ihrer Familie widerfahren ist. „Seitdem ich angefangen habe zu sprechen, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.“ Auf die Frage aus dem Publikum, wie sie denn die Geschehnisse verarbeitet und wie sie denn schlafe sagte sie zum Schluss: „Wissen Sie, es gibt gute Schlafmittel. Aber die brauche ich jetzt nicht mehr.“