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Der Krieg im Inneren der Holocaustüberlenden

von Simon Pfeffereder

Jörg Armbruster las aus seinem Buch „Willkommen im gelobten Land?“

Es sei ein Wunder, dass man die Deutschen heute so schätzt. So empfand es der bekannte Journalist und langjährige ARD-Auslandskorrespondent im arabischen Raum, Jörg Armbruster, während seiner Recherchereisen für sein Buch „Willkommen im gelobten Land?“. Dass Berlin heute bei jungen Israelis, den Enkeln der Holocaustüberlebenden, sehr beliebt ist, erscheint angesichts der Erkenntnisse aus Interviews mit Zeitzeugen erstaunlich.

„Dann nahm er einen Holzstuhl und zerschlug ihn auf meinem Kopf“. Ein lautes Raunen erfüllte die bis auf den letzten Platz gefüllte Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung, als Armbruster diese Passage aus seinem Buch las. Nein, es handelte sich nicht um persönliche Erinnerung an die schrecklichen Taten in den Konzentrationslagern der Nazis. Vielmehr wird ein traumatisierter Mensch zum Täter. Ein Vater, der den Holocaust überlebte, schlug die eigene Tochter und schlug sie mit einem Stuhl, weil sie Samstagabend zu spät nach Hause kam. Aber Tochter Adina verzieh ihm.

Ich bin eine Holocaustüberlebende

Was machte die Vergangenheit holocaustüberlebender Elterngenerationen mit den in Israel geborenen Kindern? Eine mögliche Antwort auf diese Frage gab Armbruster mit der Geschichte von Adina Grinfeld, die er für sein Buch in Israel interviewte. Durch die vielen Geschichten der Mutter identifizierte sich Adina bald mit der Geschichte der Eltern und überraschte Armbruster, als sie sich ihm mit „ich bin eine Holocaustüberlebende, so fühle ich mich“, vorstellte. Aufopferungsvoll versuchte sie ihren Eltern sämtliche Lasten abzunehmen, nahm sich persönlich komplett zurück, schließlich seien ihre Eltern ja Holocaustüberlebende. Selbst nach der brutalen Attacke ihres Vaters fühlte sie sich für seinen folgenden Herzanfall verantwortlich. Der Vater lebte in der ständigen Angst, der Holocaust könne zurückkommen und er würde seine Tochter verlieren. Für Adina war das Grund genug, ihm zu verzeihen.

Vor dem Krieg geflohen und doch keine volle Sicherheit gefunden

Eine existenzielle Angst sei bei den Israelis heute immer noch zu spüren, so der Nahostexperte. Zwar leben die Israelis in einem Staat, für den die Sicherheit seiner Bürger an vorderster Stelle steht. Aber angesichts der Länder, die Israel und den Juden bis heute feindlich gegenüberstehen, sei es für viele Israelis nur eine Frage der Zeit, bis der Krieg zurückkomme, erklärte er. Die aktuelle politische Lage sei sehr instabil. Die Hisbollah sammle im Kampf gegen den IS Kriegserfahrung, und der Iran werde sich selbst nach einem Ende des Konflikts aus Syrien nicht mehr gänzlich zurückziehen und stellt so eine noch höhere Gefahr für Israel dar, so Armbruster.

Ablehnung im gelobten Land

Nach der Ankunft in Israel sahen sich viele deutschen Juden, die noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges vor den Nazis fliehen konnten, von Seiten orthodoxer Juden Ablehnung ausgesetzt. „Kommst du aus Deutschland oder kommst du aus Überzeugung?“ war oft die erste Frage, die sie nach der Ankunft im vermeintlich „gelobten Land“ gestellt bekamen.

Ähnliche Erfahrungen machten die Überlebenden des Holocausts, die nach dem Krieg nach Israel emigrierten. Ihnen sei anfänglich des Öfteren vorgeworfen worden, sie würden in ihren Berichten von den KZ-Aufenthalten und Peinigungen des NS-Regimes übertreiben. Daher schwiegen viele aus Angst vor Anfeindungen. Erst nach den Kriegsverbrecherprozessen und im Zuge der Aufarbeitung der NS-Diktatur verstummten diese Stimmen. Durch die fehlende Verarbeitung, so zitierte Armbruster eine Betroffene, ging der Krieg in ihnen weiter. Denn die meisten Holocaustüberlebenden hatten keine Chance auf psychologische Verarbeitung.

Über 70 Jahre später öffnen sie sich ihren Enkeln gegenüber mehr und mehr und brechen ihr Schweigen. So schaffen es Großeltern und Enkel teilweise sogar bei einem gemeinsamen Besuch Deutschlands ihre Vergangenheit gemeinsam zu verarbeiten.

Die Frage seines Buchtitels „Willkommen im gelobten Land?“ konnte Jörg Armbruster positiv beantworten. Jeder sei irgendwann wirklich angekommen und zu einem überzeugten Israeli geworden.

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