Veranstaltungsberichte

"Pfui Teufel, dafür hält man für sein Land sein Leben hin"

von Stefan Stahlberg

Erst begeistert, dann beleidigt und schließlich desillusioniert - Deutsche Juden im Ersten Weltkrieg

100.000 deutsche Juden dienten im Ersten Weltkrieg dem Kaiserreich, davon etwa 80.000 direkt an der Front. Dennoch warfen die Deutschen den Juden, die im August 1914 euphorisch in den Kampf gezogen waren, Drückebergerei vor - und machten sie für die ausbleibenden Siege verantwortlich. Eine Judenstatistik brachte den Bruch hin zur Ausgrenzung. Die Enttäuschung der Juden war immens. Über ihre Befindlichkeiten trug Professor Julius H. Schoeps bei einer Matinee der Konrad-Adenauer-Stiftung vor und sprach anschließend mit Professor Sönke Neitzel.

Das Flöten-Duett spielt zu Beginn der Matinee noch im Einklang. Die hohen Töne springen, fast jubelnd, so wie die deutschen Soldaten im Hochsommer 1914 begeistert in den Krieg gezogen sein mussten. Siegesgewiss und frohen Mutes. Von einer wahren Kriegshysterie spricht Professor Julius H. Schoeps und bezieht das nicht auf alle Deutschen: Er beschreibt die Stimmung unter den deutschen Juden im Kaiserreich. Diese meldeten sich in einem "rauschhaften Gemeinschaftsgefühl" freiwillig für den Frontdienst und zeichneten Kriegsanleihen in der Hoffnung, die Vorbehalte der Deutschen ihnen gegenüber abzubauen. Ganz im Sinne der Parole von Kaiser Wilhelm II.: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Doch nicht nur der Kaiser, auch die deutschen Bürger sollten die Juden enttäuschen.

Begeistert in den Krieg

Zahlreiche Zuhörer waren bei Sonnenschein und schönstem Wetter an diesem Sonntag in die Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung gekommen waren. Ihnen berichtete Schoeps zunächst von der "puren Kriegsbegeisterung" der deutschen Juden: Zum Beispiel von Ernst Lissauers Hassgedicht gegen England, das Frontsoldaten und Schüler rezitieren mussten. Oder Max Liebermanns patriotischem Überschwang: "Jetzt wollen wir sie dreschen." Der erhoffte schnelle Sieg Deutschlands aber blieb aus, die Fronten waren festgefahren. Die Verantwortung suchten die Bürger jedoch nicht bei den Militärs, sondern bei "dunklen, bösen Mächten, den Juden", so Schoeps.

Beleidigt im Krieg

Gerüchte machten die Runde in der deutschen Gesellschaft, Juden würden sich vor dem Frontdienst drücken. Um das zu belegen, habe das Kaiserreich eine Statistik in Auftrag gegeben. Per sogenanntem "Oktober-Erlass" im Herbst 1916 ermittelte der Staat, wieviele Juden an der Front Dienst taten - und wieviele nicht. Die Ergebnisse wurden nie veröffentlicht: "Man wollte beweisen, dass Juden sich drücken. Es stellte sich aber heraus, dass dem nicht so war", resümierte Schoeps. Von 550.000 deutschen Juden dienten 100.000 beim Militär, davon allein 80.000 in den Schützengräben. Bei Ihnen wirkte die Erhebung fatal: Sie fühlten sich zu Soldaten zweiten Ranges degradiert und protestierten vehement. So groß war die Enttäuschung, dass ein jüdischer Soldat nach Hause schrieb: "Pfui Teufel, dafür hält man für sein Land sein Leben hin." Zwei Monate später fiel er auf dem Schlachtfeld.

Bewusstseinswandel, Enttäuschung, Desillusion

Es begann eine "klare Kehrtwende im Denken" der deutschen Juden, zitierte Schoeps den Schriftsteller Arnold Zweig. Ein Bewusstseinswandel setzte ein, der auch den zunächst euphorisch in den Krieg gezogenen Lissauer einholte: Er fragte sich später, ob das überhaupt sein Volk sei, für dessen Krieg er sich begeistert hatte. Einen Wandel durch den Erlass dieser Judenstatistik sieht Schoeps hingegen auch bei den Deutschen. Schoeps ist Nachfahre des großen Philosophen und Aufklärers Moses Mendelssohn, der im 18. Jahrhundert lebte. Schoeps denkt in langen Zeiträumen. Und so fragte er, ob diese systematische Ausgrenzung vielleicht schon ein erster Schritt hin zum Holocaust war. In der Forschung wird das kontrovers diskutiert, die Historiker sind sich uneins. Für Professor Sönke Neitzel, der das folgende Gespräch mit Schoeps führte, war die Judenzählung auch eine Zäsur, vielleicht sogar das Öffnen der Büchse der Pandora.

Die Enttäuschung der deutschen Juden drückte auch das Ensemble Ultimo zum Abschluss der Matinee aus. In den letzten Stücken spielten die Instrumente nicht mehr die gleiche Melodie. Zwar war das Duett noch harmonisch, doch der Zwiespalt, indem sich die deutschen Juden befunden haben müssen, wurde deutlich. Tiefe Töne überwogen und erfüllten langanhaltend den Saal. Trauer lag in der Luft und die düstere Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland deutete sich am Horizont an.

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Rita Schorpp