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von Michael Braun

Ein Schlüsseljahr europäischen Erzählens

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Der klassischen Geschichtsschreibung ist es darum zu tun, die kleinen Ereignisse in ein größeres Weltgeschehen einzuordnen. Diachrone Darstellung und geschichtslogische Kausalität bestimmen die Perspektive. Seit nahezu zwei Jahrzehnten aber hat die Kulturgeschichtsschreibung das Fernrohr sozusagen umgedreht. Die Epochenbücher von Hans Ulrich Gumbrecht (1926. Ein Jahr am Rand der Zeit, 2001), Karl Schlögel (Terror und Traum. Moskau 1937, 2008), Florian Illies (1913. Der Sommer des Jahrhunderts, 2012), Wolfram Eilenberger (Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929, 2018), zuletzt Uwe Wittstock (Februar 33. Der Winter der Literatur, 2021) und abermals Illies (Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929 –1939, 2021) entdecken große Zusammenhänge in der Pluralität einzelner historischer Szenen. Aber wie erzählt man ein Jahr oder eine Dekade, das oder die sich selbst noch nicht kennen konnte, aus der Distanz von nahezu einhundert Jahren? Und was ist, wenn man das Jahr solcherart ermächtigt, szenisch von sich selbst zu erzählen, über diese episodische Evidenz hinaus gewonnen? Die Einbildungskraft, mit der Illies im Jahr 1913 die drei Spaziergänger Josef Stalin, Adolf Hitler und Josip Broz Tito im Schlosspark von Schönbrunn oder Alma Mahler und Georg Trakl in Oskar Kokoschkas Atelier zusammenführt, kann es allein nicht sein.

Offenbar liegt das Faszinierende an einem Jahr, wenn es zum Erzählen gebracht wird, in den Werken, die es hinterlassen hat: ebenso im Guten wie im Schlechten. Besonders spannend wird es, wenn es um ein Schlüsseljahr geht. Solche Jahre scheinen sich in der Kulturgeschichtsschreibung der Moderne zu häufen. Dank der Debütromane von Günter Grass und Uwe Johnson sowie dem ersten Lyrikband von Hilde Domin war 1959 ein solches Jahr für die deutsche Literatur, der Hans Magnus Enzensberger bescheinigte, damit das „Klassenziel der Weltkultur“ erreicht zu haben. 1995 war abermals ein Wunderjahr der Literatur: Gleich fünf Romane (von Günter Grass, Thomas Hettche, Reinhard Jirgl, Erich Loest, Hans Pleschinski) konkurrierten um den Anspruch auf die Great German Novel. Der Schriftsteller Norbert Hummelt hat nun in seinem Buch 1922. Wunderjahr der Worte (2022) ein weiteres annus mirabilis entdeckt und seine europäischen Dimensionen vermessen. Es ist das Jahr 1922, in dem James Joyce’ Roman Ulysses und T.S. Eliots Langgedicht The Waste Land erschienen und in dem die Duineser Elegien und Sonette an Orpheus von Rainer Maria Rilke vollendet wurden.

Tatsächlich entsprechen diese Werke der Vision einer großen Kunst, die den Gang der Weltliteratur verändert. Sie lassen vertraute literarische Codes zusammenbrechen und entwickeln neue narrative Formate: Bewusstseinsstrom und inneren Monolog, Zitatmontage und Fragmentarität, mythisches Erzählen und Stilpluralismus. Sie erzählen von ihrer Zeit und über sie hinaus, oft rätselhaft, nicht so eingängig, auf jeden Fall stilbildend und epochemachend. Sie erinnern an die Macht der Imagination und die grenzüberschreitende Freiheit des dichterischen Wortes. Im europäischen Kulturkanon sind sie so ein „Impfstoff gegen kulturelles Vergessen“ (Aleida Assmann).

 

Berührungen in Raum und Zeit

 

Wie aber kann man, was vor hundert Jahren war, für das Heute erzählen? Das Wissenswerte ist in den Epochenbüchern, in Schall- und Bildarchiven überliefert. Berühren kann uns diese nicht selbsterlebte Zeit gleichwohl noch in Familienritualen, die sich über die Generationen hinweg erhalten haben. Ein solches Ritual ist das Wegräumen von Weihnachtsbaum und Krippe auf Mariä Lichtmess. Norbert Hummelts Großmutter mütterlicherseits, Franziska, hat das Jahr für Jahr praktiziert, so auch am 2. Februar 1922 in ihrem Wohnzimmer. Dieses Zimmer in Neuss-Grevenbroich ist für Hummelt die „Wunderkammer [s]einer Phantasie“, aus der er uns Szenen am Rande jenes Kulturwunderjahres vergegenwärtigt.

Im Zentrum des gleichen Tages beschenkt sich James Joyce an seinem 40. Geburtstag mit der limitierten Erstausgabe seines Ulysses, feiernd in einem italienischen Restaurant in Paris; fast zeitgleich erscheint Virginia Woolfs ähnlich modern erzählter Roman Jacob’s Room. Bei Rilke, der sich in einem Wohnturm im Schweizer Kanton Wallis aufhält, zünden die Gedanken zu den Orpheus-Sonetten, allein am Stehpult, bei Kerzenlicht; in vier Tagen entstehen 26 Gedichte, parallel schreibt er sechs weitere Elegien. Der im Brotberuf bei einer Londoner Bank arbeitende Eliot, der in jenen Tagen seinen Burnout in Paris auskuriert, feilt mit seinem Freund und Förderer Ezra Pound an einem größeren Gedicht; wenig später trifft er sich dort zum Dinner mit Joyce. Marcel Proust ist dabei, den siebten Band seines monumentalen Epos À la recherche du temps perdu zu vollenden, bettlägerig und bis auf eine Hausangestellte komplett isoliert; sein Tod reißt ihn am 18. November 1922 aus der Arbeit. Und während Katherine Mansfield, schwer erkrankt, im Pariser Tagebuch ihre Träume festhält, erschreibt sich Woolf, genervt von der emsigen Tipperei ihres Mannes Leonard, der Verleger der Hogarth Press ist, in Rodmell und London ein „Zimmer für sich allein“.

Weniger aber die poetische Revolution im Werk, vielmehr die Berührung ihrer Schöpfer in Raum und Zeit ist das, was Norbert Hummelt aus dem Epochenjahr herausholt. Bei deren europäischen Korrespondenzen geht es allerdings nicht ohne literarische Reibereien zu. Rilke, Joyce und Eliot waren zeitlebens unterwegs, in Italien, Frankreich, Deutschland. Ihre Werke entstanden in der Fremde, abseits ihrer Herkunftsorte Prag, Dublin, St. Louis; in Paris laufen viele Fäden zusammen. Eliot wurde, begünstigt durch Zeitschriften-Vorabdrucke des Ulysses, ersichtlich von Joyce beeinflusst und erkannte in ihm einen „Einstein“ der Literatur. Das Fundament der Odyssee, auf dem der Ulysses ruhe, habe die „Bedeutung einer wissenschaftlichen Entdeckung“, schrieb er 1923 in seinem Essay Ulysses, Order and Myth. Mit dieser „mythischen Methode“, so Eliot, habe Joyce die Geschichte seiner Zeit – „jenes ungeheure Panorama der Nichtigkeit und Anarchie – bewältigt, geordnet, gestaltet und mit Sinn erfüllt“.

 

Arbeit am europäischen Mythos

 

Nicht alle aber ließen sich vom Ulysses anstecken. Gertrude Stein, die wohl größte kulturelle Netzwerkerin ihrer Zeit, war nicht nur davon überzeugt, dass sie selbst Joyce mit ihren „kubistischen Sprachmeditationen“ zuvorgekommen sei, sondern meinte auch, dass Joyce sie gar nicht konsultiert habe, spreche schon gegen ihn. Auch der 1925 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete George Bernard Shaw mochte den Roman nicht. Woolf, die nach dem dritten Ulysses-Kapitel erst einmal ein Lesezeichen ins Buch steckte, weil sie das Buch „brackig, diffus, prätentiös, unfein“ fand und sich stattdessen zur Proust-Lektüre entschloss, räumte am Ende immerhin ein, ihr sei gewiss einiges entgangen. Und Joyce selbst war nicht darüber amüsiert, dass seine Tante Josephine den Roman im Wäscheschrank verschwinden ließ.

Missgunst wirkte auch in umgekehrter Richtung. Joyce mokierte sich über Proust, der Leser beende die Sätze früher als ihr Verfasser. Aber dafür hatte Proust gar nicht erst angefangen, den Ulysses zu lesen; sein eigener Erinnerungskosmos war ihm genug. Wunderbar erzählt Hummelt von einem missglückten Gipfeltreffen beider Autoren in Paris: Nach der Premiere einer Strawinsky-Oper am 18. Mai 1922 kamen Proust und Joyce zu spät zu dem Festdinner, Joyce nickte über dem Champagner zeitweilig ein. Während Proust von ihm wissen wollte, ob er die ein oder andere Herzogin kenne, war Joyce mehr an den Zimmermädchen interessiert. Jeder kultivierte seine Krankheiten, Joyce sein Augenleiden und Proust sein Asthma. Im Taxi soll Joyce das Fenster aufgerissen haben, um zu rauchen, wogegen Proust aus Angst vor Erkältung protestierte.

London und Paris sind die Kraftzentren des Jahres, hier formiert sich der „neueuropäische Patriotismus“ der Nachkriegszeit (Paul Michael Lützeler). In Paris wurde 1922/23 die Literaturzeitschrift Europe gegründet, in der Heinrich Mann für „Europa, Reich über den Reichen“ warb und der deutsch-französische Kulturdialog vorangetrieben wurde, der durch die Reparationsforderungen an Deutschland belastet war. Aber auch die Orte am Rande und außerhalb Europas haben ihre Geschichten. Im Tal der Könige entdeckte der britische Archäologe Howard Carter die Grabstätte des Tutanchamun, die Vorkammer war bereits geplündert. Doch Carter war der medialen Aufmerksamkeit, die der Jahrhundertfund auf sich zog, kaum gewachsen. Immer wieder waren es Zeitungen und Zeitschriften, die in ganz Europa zum Vorschein brachten, was an den Entdeckungen und Innovationen im kulturellen Leben so schonungslos modern ist. Und jeder und jede konnte, wie Hummelts Großmutter am Niederrhein, von diesen Ereignissen in der Tagespresse lesen.

Europäisch an den Werken von Joyce und Woolf, von Proust und Eliot ist, wie dynamisch sie Raum und Zeit durchkreuzen, nationale Grenzen überschreiten, Brücken in die Antike schlagen und auf den Schultern von klassischen Riesen stehen. Joyce hält sich an den Aufbau von Homers Ilias, Eliot weist in den Anmerkungen zu The Waste Land akribisch Bezüge zur Bibel und zum Buddhismus, zu William Shakespeare und Dante nach, Rilke orientiert seine Sonette an Orpheus an Ovids Metamorphosen. Mit dramaturgischem Feinsinn führt Hummelts Buch Regie über die Winke, die Zeit und Mythos geben.

 

Was noch geschah

 

Während über dem zerstrittenen Europa Montgolfières f logen, wurde nach dem Tod des Friedenspapstes Benedikt XV. am 6. Februar 1922 Pius XI. zum Nachfolger gewählt. Albert Einstein erhielt in Abwesenheit den Nobelpreis für Physik. Ernest Hemingway überlebte die Malaria und war überhaupt in der Regel da, wo es in Europa am brenzligsten war. Thomas Mann bekannte sich zur „deutschen Republik“, was ihm nach den konservativdemokratieskeptischen Betrachtungen eines Unpolitischen nicht alle Zeitgenossen abkaufen wollten. In Wien traf Arthur Schnitzler am 16. Juni, dem Bloomsday, an dem in Dublin der Held von Joyce’ Roman gefeiert wird, Sigmund Freud, der ihn für seinen literarischen Doppelgänger hielt. Franz Kafka begann seinen dritten Roman Das Schloss, der ein Fragment bleiben sollte. Das Vorbild des Schlosses steht im tschechischen Riesengebirge, wo Kafka Ende Januar 1922 zur Kur war und seine Phantasie womöglich, so der Germanist Peter-André Alt, von dem Vampirmythos antreiben ließ; im Vorjahr hatte Fritz Murnau dort Szenen zu seinem Film Nosferatu. Symphonie des Grauens gedreht, der 1922 in die Kinos kam. Benito Mussolinis Schwarzhemden marschierten nach der Ernennung Mussolinis zum Regierungschef in Rom ein, Josef Stalin triumphierte in Moskau, nachdem Wladimir Iljitsch Lenin sich Ende des Jahres aufgrund einer schweren Erkrankung aus der Politik zurückgezogen hatte, König George V. proklamierte formell den irischen Freistaat, in dem der Dichter William Butler Yeats in den Senat berufen wurde; im Jahr darauf wurde er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Und immer noch wütete in Europa die Spanische Grippe.

Es sind die literarischen Werke und ihre Dichter, die Europa im Schlüsseljahr 1922 gegen alle politischen Entwicklungen der Zeit zusammenhalten. Sie vereinen, was disparat ist, sie sprechen mehr als nur eine nationale Sprache, und ihre Werke sind, je nachdem, wie sehr sie die Lesenden überrumpeln oder überraschen, Falltür oder Portal in die neue, moderne Welt. Mit Norbert Hummelt die Figuren in und aus dieser Welt zu lesen, öffnet eine „postdidaktische Einstellung“ zur Geschichte. Indem ganz unterschiedliche europäische Kulturereignisse gleichzeitig, das heißt in Parallelaktionen oder Simultanszenen, erzählt werden, bildet sich ein synchrones Feld heraus, in dem es „mit dem Lernen aus der Geschichte vorbei“ ist (Gumbrecht), nicht aber mit dem Lesen ihrer Geschichten: „Die Handschrift aller Dinge bin ich hier zu lesen“, so beginnt das dritte Ulysses-Kapitel.

 

Michael Braun, geboren 1964 in Simmerath, Literaturreferent der Konrad-Adenauer-Stiftung und außerplanmäßiger Professor für Neuere Deutsche Literatur und ihre Didaktik an der Universität zu Köln.

 

Anmerkung

Norbert Hummelts 1922. Wunderjahr der Worte ist im Februar 2022 beim Münchner Luchterhand Literaturverlag erschienen. Die Arbeit an Norbert Hummelts Buch wurde gefördert durch ein Autorenstipendium aus dem Else-Heiliger-Fonds der Konrad-Adenauer-

Stiftung. Im Oktober 2019 hat Norbert Hummelt die ersten Kapitel aus seinem Werk bei der Autorenwerkstatt der Stiftung in Cadenabbia vorgestellt, im November 2021 hat er darüber im KAS-Kulturpodcast kunst stück gesprochen.

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