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Die Arbeiter sind zurück! Zunächst waren es die Bauern, die sich mit ihren Traktorenkorsos Gehör und Sichtbarkeit verschafften. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit auf eine weitere gesellschaftliche Gruppe, die viele für kaum noch relevant hielten: die Arbeiterschaft. Sie meldet sich jedoch nicht durch Protestmärsche zurück, obwohl die massiven Entlassungswellen der Industrie dazu reichlich Anlass böten. In den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerät sie vor allem deshalb, weil Arbeiter immer seltener so wählen, wie man es lange als selbstverständlich erachtete.

Seit Jahren steigt der Anteil der Arbeiter, die ihre Stimme der AfD geben. Besonders ungläubig wurde diese Entwicklung in Städten wie Gelsenkirchen und Kaiserslautern registriert, die einst als sichere Hochburgen der Sozialdemokratie galten. Die zurückliegende Landtagswahl in Baden-Württemberg lässt nun keinen Zweifel mehr an der Dimension dieser Verschiebungen: 37 Prozent der Arbeiter wählten AfD, nur noch 5 Prozent entschieden sich für die SPD, die sich traditionell als Arbeiterpartei versteht.

Dass die Union, der bei dieser Wahl 21 Prozent der Arbeiter ihre Stimme gaben, diese Tendenzen nicht gelassen hinnehmen kann, liegt auf der Hand. Zum einen birgt ein derart geschwächter Koalitionspartner im Bund Risiken für das gemeinsame Regierungshandeln und die anstehenden Reformprojekte. Umso bedeutender sind die jüngsten Signale aus der SPD-Führung, die darauf hindeuten, dass sich die Partei in ihrer schwierigen Lage wieder auf ihre historisch überzeugendste Rolle als Reformpartei besinnen könnte.

Zum anderen stehen die Union und ihr Umfeld vor der Aufgabe, die Auseinandersetzung mit der AfD dort zu führen, wo diese derzeit an Boden gewinnt. Um die Wählerinnen und Wähler aus der Arbeiterschaft stärker anzusprechen, muss die Union ihre klare wirtschaftspolitische Ausrichtung nicht relativieren. Sie bildet vielmehr die Grundlage für eine engere Verbindung zu den Arbeitern, denn eine Politik verzweifelter Besitzstandswahrung hilft letztlich niemandem. Entscheidend ist, in Zeiten des Umbruchs neue Perspektiven zu eröffnen.

Einst stand Ludwig Erhard für die Überzeugung, dass es sich lohnt, nach Neuem zu streben und mehr zu erreichen, als man aktuell hat. Er schuf die Voraussetzungen dafür, Chancen zu erkennen und gemeinsam etwas anzupacken. Die Arbeiter haben diese Möglichkeiten damals genutzt. Was spricht dagegen, dass sie dies auch in Zukunft tun?

 

Bernd Löhmann, Chefredakteur