Ein Gespenst geht um in Europa – der Schatten des Kalten Krieges. Ausgerechnet 25 Jahre nach dem Berliner Mauerfall, dem freudentränenreichen Abschied von der ost-westlichen Spaltung, scheinen die Angst einflößenden Geschehnisse auf der Krim und in der Ostukraine die überwunden geglaubten Geister der Konfrontation wieder heraufzubeschwören. So sehr sich Historiker und Ostexperten auch mühen, die himmelweiten Unterschiede vergangener und aktueller Weltlagen auszuloten, es hilft wenig. Der Schock über die russische Aggression sitzt tief und verlangt nach historischen Analogien – nicht nur zum Kalten Krieg. Zu 1914 oder 1938 werden ebenfalls Vergleiche gezogen.
Manchen überkommt dabei das ungute Gefühl, dass Europa im Begriff sei, in kriegerische Zeiten seiner Geschichte zurückzufallen. Doch stellt sich die gegenwärtige Entwicklung längst nicht nur als Rolle rückwärts dar. Die Menschen auf dem Maidan haben 2013/2014 in ähnlicher Weise für eine Zukunft in Freiheit und Selbstbestimmung gekämpft wie die Revolutionäre von 1989. Wer weiß, ob noch andere autokratische Regime der Region es demnächst mit dieser revolutionären Kraft zu tun bekommen?
Inzwischen gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass die jetzige russische Führung das neue Europa, das 1989 in Bewegung kam, ablehnt und sogar bekämpft. Trotz dieser desillusionierenden Erkenntnis kann der Westen schon aus Selbstachtung nicht nachlassen, in ganz Europa für Demokratie und die Ausbreitung westlicher Institutionen einzutreten. Vor allem eine „russische Reconquista“ (Gregor Schöllgen) nach der Blaupause der Krim in die einst vorgelagerten Territorien darf nicht ohne entschlossene Antwort bleiben.
Notgedrungen geht es aktuell wieder um diejenigen Fragen der internationalen Sicherheit, von denen man voreilig annahm, sie hinter sich lassen zu können: um Abschreckung und militärische Stärke, um Macht- und Geopolitik. Dabei ist heute eine strategische Phantasie weit jenseits der Blockbildung zwischen den großen Mächten gefragt, denn Menschen dürfen nicht erneut zu Vasallen und Gefangenen von Einflusssphären werden.
Auf dem imaginären Grabstein des Kalten Krieges wäre eingemeißelt: „Sein Ableben beendete für viele Millionen Menschen eine Epoche von Unfreiheit und Fremdbestimmung.“ Dieses Gespenst darf nicht noch einmal umgehen. Selbst wenn die Welt, wie vielleicht seit dem 11. September nicht mehr, in heftige Unruhe geraten ist, lässt sich eine stabile internationale Ordnung langfristig nur auf grundlegenden Prinzipien und Regeln herstellen. Man kommt nicht umhin, mit Festigkeit und Geduld auch ein künftiges Russland davon zu überzeugen.
Bernd Löhmann, Chefredakteur