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von Norbert Lammert

Nachruf auf Kurt Biedenkopf

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Nichts an Kurt Biedenkopf war gewöhnlich. Zeitlebens zeichnete ihn aus, dass er einen eigenen Kopf hatte und das eigene Nachdenken auch dann nicht einstellte, wenn andere – sogar die eigene Parteiführung – anderer Meinung waren. Diese geistige Unabhängigkeit hat nicht nur, aber auch mit Biedenkopfs außergewöhnlicher Biographie zu tun: „Er musste nicht Politiker werden, um etwas zu sein; als er Politiker wurde, war er schon wer“, hat Heribert Prantl einmal über ihn geschrieben und darauf angespielt, dass Biedenkopf bereits in der Wissenschaft und der Wirtschaft Karriere gemacht hatte, als Helmut Kohl ihn 1973 zum Generalsekretär der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (CDU) berief.

So habe ich Kurt Biedenkopf auch bereits vor seiner Zeit als Politiker kennengelernt. Erstmals kreuzten sich 1969 unsere Wege, als ich an der Ruhr-Universität in Bochum mein Studium aufgenommen habe. Damals war er bereits jüngster Rektor der zu jener Zeit jüngsten deutschen Hochschule. Doch die universitäre Welt war ihm nicht praxisorientiert genug. Daher der Wechsel in die Wirtschaft – 1971 wurde er Mitglied der Geschäftsführung des Henkel-Konzerns, bis ihn Helmut Kohl zwei Jahre später zur CDU holte.

Diese Vorerfahrung prägte seine Arbeit. Im Konrad-Adenauer-Haus wehte mit Biedenkopf als Generalsekretär ein neuer Wind. Mit der organisatorischen Umgestaltung der Bundesgeschäftsstelle, dem Umbau der Parteizentrale zur Denkfabrik und dem Ausbau des Parteiapparats hat Biedenkopf – zunächst durchaus im Einvernehmen mit dem Parteivorsitzenden – aus dem Wahlkampfverein CDU erst eine politische Partei im engeren Sinne gemacht und sie damit in die Nähe der Ansprüche gerückt, die unser Grundgesetz für die Tätigkeit politischer Parteien formuliert hat: an der Willensbildung des Volkes mitzuwirken. Während Biedenkopfs vierjähriger Amtszeit begann sich die Partei zum ersten Mal als intellektuelle Quelle für die Entwicklung von Zukunftsperspektiven zu begreifen. Das, was er damals zusammen mit Heiner Geißler hinsichtlich der Formulierung der Neuen Sozialen Frage bewegt hat, war nicht nur ein intelligenter, zukunftsweisender programmatischer Zugriff auf eine bislang nicht wahrgenommene Fragestellung moderner, fortgeschrittener Industriegesellschaften; es war auch, wie nicht alle sofort begriffen, ein genialer strategischer Zugriff zur Erschließung neuer Aktionsfelder und damit potenziell neuer Wählergruppen.

Ab 1977 versuchte Kurt Biedenkopf, sich in der nordrhein-westfälischen Landespolitik eine eigene Hausmacht in der CDU zu schaffen. Das war für ihn notwendig, denn die Beziehungen zum Parteivorsitzenden hatten sich spürbar abgekühlt. In dieser Zeit kreuzten sich unsere Wege erneut, denn als junger Politiker war Biedenkopf mein Landesvorsitzender; erst in der westfälischen CDU und dann im nordrhein-westfälischen Landesverband. 1976 hatte er in meinem späteren Wahlkreis für den Bundestag kandidiert, im gemeinsamen Wahlkampfeinsatz habe ich damals viel von ihm gelernt. Aus nächster Nähe habe ich miterlebt, wie er sich in den nächsten zehn Jahren bemühte, in der nordrhein-westfälischen CDU Fuß zu fassen. Trotz einiger beachtlicher Erfolge ist ihm das letztlich nicht gelungen; 1987 musste er Norbert Blüm weichen, der neuer Vorsitzender der CDU Nordrhein-Westfalen wurde.

Für einige Zeit zog er sich vorerst aus der Politik zurück – bis zur Wiedervereinigung. Schon im Frühjahr 1990 lehrte er an der Universität in Leipzig als erster westdeutscher Professor in den neuen Ländern. Kurt Biedenkopf hatte durch seine Merseburger Schulzeit Kontakte in den Raum Halle-Leipzig, ebenso wie seine Frau Ingrid, deren Vater bis 1945 einen Betrieb in Leipzig besaß. Schließlich wurde ihm angetragen, die CDU in Sachsen in den Wahlkampf zu führen. Es sollte sein politisches Comeback werden.

Ab 1990 wählten die Sachsen Biedenkopf dreimal mit traumhaften, an frühere bayerische Verhältnisse heranreichenden Wahlergebnissen. Dieser Erfolg hatte viele Gründe; aber ein ganz wesentlicher bestand darin, dass Kurt Biedenkopf den Sachsen nahebrachte, unvermeidbare Veränderungen nicht als Zumutung, sondern als Chance zu begreifen. Er vermittelte den sächsischen Bürgern Zuversicht und Selbstvertrauen. Gleichzeitig schuf er die notwendigen Bedingungen, um ihnen zum Erfolg zu verhelfen. Obwohl die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen für Sachsen nach Jahrzehnten verheerender Planwirtschaft alles andere als rosig waren, vermochte er dank seiner wirtschaftsfreundlichen Politik immer wieder Großinvestitionen für Sachsen zu akquirieren. Die „Gläserne Manufaktur“ des Volkswagenkonzerns in Dresden, die Werke von Porsche und BMW in Leipzig, der US-amerikanische Chiphersteller AMD in Dresden, das Leipziger Logistikzentrum – um nur einige Beispiele zu nennen – sind nicht zuletzt Biedenkopfs Erfolge.

Die Industrie kehrte nach Sachsen zurück, jedoch nicht als Wiederherstellung einer abgebrochenen Tradition, sondern als innovativer Neuanfang und Umsetzung eines Entwicklungssprungs von der Industrie- in die Wissensgesellschaft. Helmut Schmidt hat das einmal auf die treffende Formel gebracht, dass Sachsen ein Glücksfall für Biedenkopf, gleichzeitig aber Biedenkopf auch ein Glücksfall für Sachsen war. Beides ist richtig, und das zweite ist noch wichtiger als das erste. Deshalb gehörte Kurt Biedenkopf zu den prominentesten Westimporten, den allerdings heute kaum ein Sachse für einen Import hält.

Persönlich kannte ich Kurt Biedenkopf über ein halbes Jahrhundert. Was ich über die Jahrzehnte hinweg besonders an ihm geschätzt und auch bewundert habe, war seine ausgeprägte Neigung, über Fragen öffentlich nachzudenken, die sich eher im Windschatten der allgemeinen Aufmerksamkeit befanden, weil sie die meisten noch nicht als so drängend empfanden wie Biedenkopf, der es gewohnt war, vorauszudenken. Seine Ansichten und Vorschläge richteten sich nicht danach, was andere hören wollten oder was gerade populär war, sondern danach, was er als notwendig, vernünftig oder zukunftsorientiert erachtete. Er hat beispielsweise die demografischen Herausforderungen für unseren Sozialstaat und seine Absicherungssysteme früher erkannt als andere. Deshalb war es ihm immer ein wichtiges Anliegen, Probleme nicht zu verdrängen, sondern anzupacken. Diese Ungeduld zur Problemlösung wird besonders deutlich in einem meiner Biedenkopf’schen Lieblingssätze: „Die Kosten für die Bewältigung eines vertagten Problems wachsen mit dem Quadrat der verlorenen Zeit.“

Ich habe Kurt Biedenkopf über Jahrzehnte als klugen und aufgeschlossenen Menschen außerordentlich geschätzt, und ich bin froh, dass die Konrad-Adenauer-Stiftung, in deren Kuratorium er viele Jahre engagiert war, noch im Januar 2020 anlässlich seines 90. Geburtstages eine große Festveranstaltung ausgerichtet hat, bei der unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Michael Kretschmer seine Verdienste würdigten. Natürlich fanden die Feierlichkeiten in Dresden statt, wo Biedenkopf einen so bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Dazu passt ein schöner Satz eines anderen bekannten Dresdners, Erich Kästner, der einmal gesagt hat: „Immer wieder kommen Staatsmänner mit großen Farbtöpfen des Weges und erklären, sie seien die neuen Baumeister, und immer wieder sind es nur Anstreicher, die Farben wechseln, die Dummheit bleibt.“ Damit hätte Kurt Biedenkopf sich nie zufriedengegeben; deshalb ist er ein Baumeister geworden und gewesen, nicht nur des Freistaates Sachsen, sondern ein Baumeister des neuen vereinten Deutschlands. So werden wir ihn in dankbarer Erinnerung behalten.

 

Norbert Lammert, 2005 bis 2017 Präsident des Deutschen Bundestages, seit 2018 Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung.