"Gemeinsamkeit ist wichtig"

von Charlotte Knobloch
von Ralf Thomas Baus

Charlotte Knobloch über „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, die junge jüdische Generation und den Kampf gegen Antisemitismus

This portlet should not exist anymore

Im Jahr 321 erließ der römische Kaiser Konstantin ein Gesetz an die Stadt Köln, das die Berufung jüdischer Bürger in den Stadtrat sichern sollte. Es ist der früheste Nachweis für jüdisches Leben in Deutschland. Aus diesem Anlass werden in diesem Jahr „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ gefeiert. Warum feiert man dieses Datum, und welche Impulse hat es durch die Feierlichkeiten gegeben?

Charlotte Knobloch: Die Historiker glauben, dass es sogar schon vor dem Jahr 321 jüdisches Leben im Gebiet der heutigen Stadt Köln gab. Wahrscheinlich werden wir uns mit dieser Thematik nochmals näher befassen müssen, wenn neue gesicherte historische Erkenntnisse vorliegen. Unabhängig von der genauen Jahreszahl wissen viele Menschen in unserem Land leider immer noch sehr wenig über jüdisches Leben und das Judentum. Ich war deshalb sehr froh, dass der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, die Idee hatte, die Thematik „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ an die Öffentlichkeit zu bringen. Durch die finanzielle Unterstützung des Bundes ist es jeder interessierten Gemeinde in Deutschland möglich, dieses Thema vor Ort in den unterschiedlichsten Formen zu behandeln. Aufgrund der Pandemie ist das Gedenkjahr jetzt außerdem bis zum Sommer 2022 verlängert worden, sodass noch weitere Initiativen möglich werden.

Mir ist es sehr wichtig, dem Nichtwissen der Menschen über jüdisches Leben in Deutschland zu begegnen. Juden gelten oft immer noch als fremd und exotisch. Ich werde selbst immer wieder gefragt, über welches Meer ich eigentlich gekommen bin. Manche glauben sogar, dass das jüdische Leben in Deutschland erst mit der Ankunft der „Kontingentflüchtlinge“ aus der ehemaligen Sowjetunion vor wenigen Jahrzehnten begonnen hat. Ich möchte aber niemandem die Schuld für dieses Unwissen geben, sondern betonen, dass es ein gemeinsames Thema ist, über das wir uns alle Gedanken machen sollten. Das Gedenkjahr „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ lädt hierzu ein.

 

Sie engagieren sich seit über fünfzig Jahren für den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland, insbesondere in München, wo Ihr Vater bis 1969 mehrfach Vorsitzender der jüdischen Gemeinde war und Sie ihm 1985 bis heute in diesem Amt nachfolgen. Wie gestaltet sich jüdisches Leben in Deutschland heute, und wie erlebt die junge Generation ihre Religion und das Land, in dem sie lebt?

Charlotte Knobloch: Die junge Generation sollte im Idealfall durch das Elternhaus an die Religion herangeführt werden. Junge Menschen haben vor allem dann einen Bezug zum Judentum, wenn die Eltern ihnen das Zusammenleben im jüdischen Sinne zeigen und es auch praktizieren.

Die junge jüdische Generation, die überwiegend in früher Kindheit nach Deutschland gekommen ist, studiert heute an den Universitäten und tritt ins Berufsleben ein. Ich bin darüber sehr glücklich, weil ich sehe, dass es hervorragende junge Leute sind, die sich intensiv ihrem Studium widmen, früh in den Beruf eintreten und diesen sehr gut ausüben. Das spielt auch für die Alteingesessenen eine große Rolle, denn sie waren einmal in derselben Situation wie die Eltern und Großeltern der jungen Generation: Auch sie kamen mit leeren Händen in ein Land, das sie nicht kannten, und mussten sich dort zurechtfinden. Sie hatten kurz nach dem Krieg aber nicht die Unterstützung, die die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion erhalten haben.

Die jungen jüdischen Menschen sind längst im öffentlichen Leben zu erkennen, sie haben ein jüdisches Selbstbewusstsein, das war in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg so nicht der Fall. Aufgrund ihres Selbstbewusstseins zeigen sie auch die Formen der Religion und ihrer Identität viel offener. Zugleich bekommen sie dann auch Probleme, sodass sich manche darüber Gedanken machen, wie sie in die Öffentlichkeit gehen, was sie anziehen und ob sie ihre Religion sichtbar zeigen.

 

Zu einem Ihrer besonderen Anliegen – auch in Ihrer Zeit als Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland – gehörte immer auch die Integration jüdischer Zuwanderer aus Osteuropa. Wie beurteilen Sie die Integrationsleistungen?

Charlotte Knobloch: In einem Satz: Die Integration hat funktioniert. Ich habe das Wort „Integration“ aber nicht gern benutzt, weil ich niemanden zwingen kann, seine Kultur abzulegen und eine andere Kultur anzunehmen. Den Menschen muss man ihre eigene Kultur, in der sie gelebt haben und in der sie erzogen worden sind, lassen. Man muss sie mit der Kultur des neuen Landes vertraut machen, darf aber nicht darauf drängen, dass sie ihre eigene Kultur hinter sich lassen. Im Gegenteil, ihre mitgebrachte Kultur muss man unterstützen. Ich habe das in unserer Münchner Gemeinde erlebt: Wenn man Veranstaltungen durchführt, die den kulturellen Hintergrund der Zuwanderer mit einbeziehen, hat man ein volles Haus. Man muss den Menschen zeigen, dass sie willkommen sind, und zwar genau so, wie sie sind. Die Jüngeren sind dann sowieso bereit, sich dem Neuen anzupassen. Wir müssen sehr viel Feinfühligkeit an den Tag legen, um zu erkunden, wie man die Menschen in der neuen Heimat unterstützen kann.

 

In die 1.700-­jährige Geschichte der Juden in Deutschland fällt auch der nationalsozialistische Völkermord an den Juden Europas. Wie kann man den Holocaust mit der langen Geschichte der Juden in Deutschland ins Verhältnis setzen und zusammendenken?

Charlotte Knobloch: Der Holocaust war ein Ende der jüdischen Geschichte in Deutschland, aber nicht das Ende. Das ist ein Unterschied. Es gab einen Neubeginn, der eigentlich keiner sein durfte; und der Neubeginn wurde nur von Menschen begonnen, die in kein anderes Land einwandern konnten. Ich habe das Gefühl, dass heute, fast vier Generationen später, die Menschen in die Normalität in ihrer neuen Heimat gefunden haben.

Die ersten Kinder, die nach 1990 gekommen und in Deutschland aufgewachsen sind, sind deutsche Juden geworden, sie sind mit der deutschen Sprache aufgewachsen und mit ihrem neuen Heimatland verbunden. Mir hat einmal ein hochintelligenter junger Mann gesagt: „Wissen Sie, Frau Knobloch, ich bin ein Deutscher, ich bin ein deutscher Jude.“ Und dieser deutsche Jude spricht auch Russisch.

Der Holocaust ist für viele junge Menschen weit weg. Wenn wir religiöse Gedenktage zu diesem Thema haben, dann sehe ich wenige junge Menschen. Der Holocaust ist ein Thema, das die Älteren stärker interessiert, weil sie noch einen unmittelbareren Zugang dazu haben; die Jungen muss man darüber mehr oder weniger aufklären. Manche unterscheiden sich in dieser Frage kaum noch von anderen Jugendlichen, die in ihrem Geschichtsunterricht so gut wie nichts über den Holocaust gehört haben.

Wenn heute in einer Schule eine Gruppe Schüler vor mir sitzt, manch einer davon ehemaliger Flüchtling, manche Alteingesessene, dann gibt es in dieser Hinsicht keinen Unterschied. Den jungen Menschen muss man immer wieder zeigen und sie zum Beispiel über Literatur aufklären, was ihre Großeltern, ihre Urgroßeltern, wo immer sie auch waren, getan beziehungsweise erlebt haben. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben, die wir haben, weil die Zeitzeugen aussterben. Die jungen Leute müssen das Erinnern und Gedenken weiterführen, ganz egal, ob sie jüdisch oder christlich sind. Das ist ein gemeinsames Thema, das sehr, sehr wichtig ist, denn nur mit dieser Weitergabe der Erinnerung kann man wirklich verhindern, dass das, was geschehen ist, sich wiederholt.

 

Im September dieses Jahres ist das „Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland“ nach einem Umzug nach Heidelberg neu eröffnet worden. Welche Bedeutung hat das Archiv für Vergangenheit und Zukunft der Juden in Deutschland?

Charlotte Knobloch: Dieses Zentralarchiv gibt es zwar schon lange, aber es war nie wirklich bekannt. Dabei ist dort die Vergangenheit präsent, und deshalb ist es wichtig, dass diejenigen, die sich dafür interessieren, dort auch forschen können. Das Zentralarchiv hat unter anderem eine wichtige Aufgabe hinsichtlich der Nachkriegszeit und kann zeigen, wie das Leben von Juden, die nach Deutschland gekommen sind, und von Juden, die in Deutschland geblieben sind, damals aussah. Wie konnten sie im Umkreis der Täter leben und neue Familien gründen? Wenn zu diesen Fragen noch Unterlagen vorhanden sind, dann ist das für die Forschung enorm wichtig und muss entsprechend bewahrt werden. Das Zentralarchiv ist das Gedächtnis der jüdischen Gemeinschaft und ein Traditionsgarant.

 

Jüdisches Leben ist in Deutschland bedroht wie lange nicht mehr. Rechtsterroristische Anschläge wie in Halle, aber auch ein aggressiver, teils als „Israelkritik“ getarnter Antisemitismus von links und vonseiten islamischer Gruppierungen bereiten ernsthafte Sorgen. Gibt es neue Impulse im Kampf gegen Antisemitismus? Was muss man neu denken?

Charlotte Knobloch: Man muss in bestimmten Fragen andere Ansätze verfolgen. Grundlage ist aber, dass die Menschen über das Problem überhaupt Bescheid wissen. Gerade da habe ich große Sorge, weil die politische Bildung, und zur politischen Bildung gehört auch die Vergangenheit dieses Landes, in vielen Schulen und anderen Bildungseinrichtungen leider nur unzureichend stattfindet. Es muss sehr viel mehr im Bereich der politischen Bildung in den Erziehungseinrichtungen getan werden. Damit meine ich nicht nur das Fach Geschichte. Es muss auch politischen Unterricht geben, in dem aktuelle Themen behandelt und mit den Schülern diskutiert werden. Wir brauchen Unterrichtsfächer der politischen Bildung, die die Vergangenheit mit einbeziehen und aktuelle Fragen des Antisemitismus diskutieren. Und das auch schon früh – nicht erst in der Mittel- und Oberstufe!

 

Sie haben einmal den Vorschlag gemacht, Schulklassen sollten auch Synagogen besuchen. Immer wieder diskutiert wurden auch verpflichtende Besuche von Konzentrationslagern. Kann das ein Ansatzpunkt sein?

Charlotte Knobloch: Das kann ein Ansatzpunkt sein. Aber wenn Schulklassen in die Gedenkstätten der Konzentrationslager gehen, dann sind das heute meist sehr aufgeräumte Plätze. Wenn man dort als Mensch hinkommt, der über diese Zeit sehr wenig weiß, kann man sich die Gräueltaten nicht vorstellen, die in diesen Konzentrationslagern, nehmen wir Dachau zum Beispiel, verübt worden sind.

Es gibt aber einen Ort in Europa, wo man durch das erste Tor geht und sofort ein Frösteln kriegt, und das ist Auschwitz. In Auschwitz kann man noch heutzutage komplett nachvollziehen, wie die Menschen dort misshandelt und ermordet wurden. Meine große Bitte ist, dass so viele junge Menschen wie möglich die Gelegenheit bekommen, Auschwitz zu besuchen. In Israel zum Beispiel werden die neunten Klassen dorthin geschickt. Weil eine meiner Töchter in Israel lebt, habe ich von meinen Enkelkindern schon Briefe bekommen, in denen sie mir geschrieben haben: „Oma, wie kannst Du in einem solchen Land leben, das so viele von uns umgebracht hat?“ In Auschwitz entsteht ein emotionaler Kontakt, das können Sie in einem anderen Lager nicht auf dieselbe Weise empfinden.

 

Was ist der Nährboden des Antisemitismus und was hat sich beim Antisemitismus in den letzten Jahren verändert?

Charlotte Knobloch: Der Antisemitismus ist nicht in Deutschland erfunden worden. Er kann auch hier nicht besiegt werden. Das muss man beides ganz klar sagen. Der neue Antisemitismus ist unverschämt offen, und er kommt aus vielen Richtungen gleichzeitig. Leider ruft das aufseiten der Justiz und der politisch Verantwortlichen oft nicht die Reaktionen hervor, die ich mir wünschen würde.

Der Antisemitismus hat sich verändert, beispielsweise, wenn ich mir anschaue, wie durch die AfD die Diskussionskultur negativ beeinflusst wurde. Da ist eine Debattengrundlage dafür entstanden, um Juden anzugreifen, das jüdische Leben zu beschmutzen und eben zum Beispiel die Vergangenheit als „Vogelschiss“ zu bezeichnen. Damit hat man den Menschen die klare Botschaft vermittelt, man kann das alles sagen und hat nichts zu befürchten; das war früher nicht der Fall. Das hat den Antisemitismus beflügelt und bei vielen dazu geführt, dass sie heute den Antisemitismus offen zeigen und andere anstecken, insbesondere auch im Internet. Hier brauchen wir dringend mehr Resonanz von den großen gesellschaftlichen Gruppierungen, von den Kirchen, von den Gewerkschaften, von den Parteien und auch von der gesamten Öffentlichkeit.

 

In der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2021 im Deutschen Bundestag haben Sie dazu aufgerufen, die Bundesrepublik Deutschland wehrhaft zu verteidigen. Sie sagten: „Passen Sie auf auf unser Land!“ Sind die Synagogen ausreichend geschützt?

Charlotte Knobloch: Wir gehen davon aus, dass die großen Synagogen ausreichend geschützt sind. Ob das für eine kleine Synagoge, beispielsweise in Hagen, gilt, kann ich nicht beurteilen. Aber diejenigen, die Anschläge verüben wollen, suchen sich Orte aus, von denen sie glauben, dass der Schutz dort nicht so stark ist. Solche Orte gibt es auch, wenngleich nicht in den Großgemeinden und in einigen Bundesländern, die sehr großen Wert auf umfangreiche Schutzkonzepte legen. In Bayern zum Beispiel sind die Synagogen und die jüdischen Einrichtungen sehr gut geschützt.

 

Der Journalist Jacques Schuster hat kürzlich in der „Welt“ hervorgehoben, dass gegen antisemitische Übergriffe und Gewalttaten nur die Härte des Rechtsstaates helfe. Ist der deutsche Rechtsstaat zu schwach bei der Bekämpfung des Antisemitismus?

Charlotte Knobloch: Ich finde, dass die Gesetzgebung derzeit noch nicht ausreicht, um terroristische Gruppierungen auszuschalten. Zu oft hören wir, dass Angeklagte vor Gericht mit einem Freispruch davonkommen, weil ihnen ihre antisemitischen Taten nicht nachgewiesen werden konnten. Wenn Menschen angegriffen werden, wenn terroristische Pläne ersonnen und durchgeführt werden, sollte der Rechtsstaat auch konsequent durchgreifen. Ich bin keine Juristin, aber ich sehe bei der rechtsstaatlichen Verfolgung gewisse Lücken. Wenn ein Jude beschimpft wird, dann muss derjenige, der ihn beschimpft hat, eine Strafe erhalten. Da bin ich vollkommen mit Jacques Schuster einig, weil ich schon lange der Meinung bin, dass die Justiz die Möglichkeiten bekommen muss, die sie braucht, um solche Vorkommnisse angemessen zu ahnden.

 

Sie haben einmal „eine kluge Kultur des Erinnerns“ gefordert, „die die Menschen zu aufgeklärten Patrioten macht“. Was meinten Sie damit?

Charlotte Knobloch: Ein Mensch muss sein eigenes Land wertschätzen, er muss beurteilen, ob die Dinge, die in seinem Land geschehen, noch richtig sind oder ob er vielleicht etwas tun muss, um Änderungen herbeizuführen. Die Bürger sollen stolz sein auf das Erreichte, aber sie sollen auch wissen, wozu dieses Land imstande war und was Menschen Menschen antun können. Erinnern und Gedenken sind also ganz zentral. Auch die jungen Menschen sollen auf diese stabile Demokratie stolz sein, in der sie leben, sie sollen dieses Land ruhig auch lieben, und das eigene Land soll für sie Wegbereiter in die Zukunft sein. Die Erfolgsgeschichte Deutschlands muss mehr in den Vordergrund rücken, und der aufgeklärte Patriotismus ist ein Weg dahin. Die Menschen können und dürfen stolz sein auf ihre Heimat. Das darf auf keinen Fall in Nationalismus umschlagen. Patriotismus ist immer ein offenes Konzept, das einlädt und nicht ausgrenzt.

 

Wie beurteilen Sie den Dialog mit den christlichen Kirchen und mit dem Islam?

Charlotte Knobloch: Mit den christlichen Kirchen gibt es eine gute Zusammenarbeit. Die Zusammenarbeit mit den islamischen Vertretern steckt noch in den Anfängen. Im Islam fehlt ein zentraler Ansprechpartner, mit dem sich verbindliche Absprachen treffen lassen. Wenn ich heute ein Thema diskutiere, weiß ich, dass das, was man diskutiert und vielleicht auch an Konsens erzielt hat, in den islamischen Gemeinden nicht unbedingt umgesetzt werden kann. Die islamischen Gemeinden müssen außerdem weiter sehr vorsichtig sein, wie ihre Jugend erzogen wird, weil diese der jüdischen Bevölkerung und dem Judentum nicht in der Form positiv zugewandt ist, wie ich mir das wünschen würde.

 

Sie haben am 9. November 2006, dem Jahrestag der „Reichskristallnacht“ in München bei der Einweihung der neuen Synagoge, gesagt: „Wer baut, der bleibt.“ Was bleibt weiterhin aus Ihrer Sicht zu bauen für ein sichtbares jüdisches Leben in Deutschland?

Charlotte Knobloch: Wie gesagt: Die politische Bildung über die Vergangenheit muss intensiviert werden, damit die Nachkommen sich auch etwas darunter vorstellen können. Das sehe ich als eines der wichtigsten Themen. Die Synagogen und Gemeindezentren sind ja fast alle fertig, der Bau der Münchner Synagoge war da auch ein Vorreiter. In der Folge ist sehr viel gebaut und renoviert worden.

Das ist aber nur ein Element. Wir müssen auch das Vertrauen, die Sicherheit und das Gefühl des Zusammenhalts stärken. Für mich ist Deutschland meine Heimat. Aber es gibt unter den jüdischen jungen Leuten sehr viel Unsicherheit. Sie können nur bleiben, wenn sie sich in Deutschland sicher und zugehörig fühlen. Dafür zu sorgen, ist nicht eine Aufgabe der jüdischen Menschen, sondern der gesamten Bevölkerung. Ich betone immer wieder: Gemeinsamkeit ist wichtig. Der Kampf gegen Antisemitismus ist keine jüdische, sondern eine gemeinsame Aufgabe, eine Aufgabe, die man gemeinschaftlich bewältigen muss. Er wird eine zentrale Herausforderung für die Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten sein. Denn nur wer bleibt, der baut auch.

 

Charlotte Knobloch, geboren 1932 in München, seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, 2005 bis 2013 Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, seit 2013 dessen Beauftragte für Holocaust-Gedenken, 2003 bis 2010 Vizepräsidentin des Europäischen Jüdischen Kongresses.

Das Gespräch führte Ralf Thomas Baus am 7. Oktober 2021.

 

Das Interview ist der letzte Teil der insgesamt dreiteiligen Serie „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, die in der Mai/Juni-Ausgabe 2021, Nr. 568, der Zeitschrift Die Politische Meinung eröffnet und in der September/Oktober-Ausgabe 2021, Nr. 570, fortgesetzt wurde.

 

Teil 1:

Jürgen Rüttgers: Eine neue Erinnerungskultur. 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland, www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/eine-neue-erinnerungskultur.


​​​​​​​Teil 2:

Hetty Berg: 1.700 Jahre jüdisches Leben. Das Jüdische Museum Berlin und seine Bedeutung für Deutschland und Europa, Die Politische Meinung, DPM 570, September/Oktober 2021, S. 117-121, www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/1-700-jahre-juedisches-leben.