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Interview: „Wo sich Europa zusammenschließt, sind wir mächtig“

Manfred Weber über die Europäische Volkspartei und die neue Welt(un)ordnung

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In diesem Jahr feiert die Europäische Volkspartei ihr 50-jähriges Gründungsjubiläum. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle Lage der EVP?

Die EVP ist durch die Erfahrungen in den letzten fünfzig Jahren fit für die Aufgaben unserer Zeit. Wir sind dynamisch, kampfbereit, wir sind auch von unseren Werten her gestärkt, wir wissen, wofür wir stehen. Und wir erhalten das Wichtigste in der Politik, nämlich das Vertrauen der Menschen. Wir haben heute eine starke Fraktion im Europäischen Parlament. Auch die Europäische Kommission und der Europarat sind gut aufgestellt. Die EVP geht mit viel Kraft und Zuversicht an die bevorstehenden Aufgaben.

Foto: (c) Tobias Koch

Droht Europa in einer Welt, in der mehr und mehr die Macht des Stärkeren zählt, zum Spielball zu werden?

Die Weltordnung wird verstärkt durch Egoismus geprägt, sie wird dadurch instabiler, das erleben wir 2026 mit aller Klarheit. Europas Sicherheit und Stärke dürfen nicht davon abhängen, wer Amerika regiert. Wir müssen deswegen lernen, in dieser neuen Welt eigenständig zu handeln und, vor allem, uns selbst verteidigen zu können. Das ist eines der größten Themen unserer Zeit. Wir haben alle Potenziale, um auch morgen mächtig zu sein. Aber das gelingt nur, wenn Europa zusammensteht.
 

Inwieweit ist die Europäische Union in der Lage, eine globale Machtrolle zu spielen?

Die Geschichte zeigt uns, dass wir es in einigen Bereichen, nämlich der Wirtschaft und der Währungspolitik, bereits geschafft haben. Der gemeinsame Binnenmarkt ist der größte Markt der Welt. Die Währung, der Euro, ist mittlerweile die zweitgrößte Währung nach dem US-Dollar. Das heißt: Dort, wo wir es geschafft haben, uns zusammenzufinden, wo sich Europa zusammenschließt, sind wir mächtig. Das spüren wir auch bei den Handelsverträgen, die wir abschließen. Das Gleiche muss uns auch mit unserer globalen Machtrolle gelingen, die wir im Bereich der Außen- und Verteidigungspolitik wahrnehmen müssen. Wir brauchen einen europäischen Verteidigungspfeiler, wir müssen Militärgüter gemeinsam beschaffen, wir brauchen europäische Innovationen im Militärbereich und wir müssen die Einstimmigkeit überwinden. Wenn wir verstärkt zusammenarbeiten, kriegt Europa Schwung und Stärke auch in diesen Bereichen.
 

Das heißt eine Aufhebung des Einstimmigkeitsprinzips in außenpolitischen Fragen …

In den letzten Jahren haben wir mit Viktor Orbán erlebt, was das Vetoprinzip bedeutet. Wir wurden immer wieder durch einen Einzigen blockiert, der damit ganz Europa in Geiselhaft genommen hat. Das demokratische Prinzip der Mehrheitsentscheidung muss auch in der Außenpolitik angewandt werden, dann bekommt Europa Stimme und Gewicht.
 

Sie haben auch einen europäischen Präsidenten gefordert.

Ich möchte einen Präsidenten, der auf Augenhöhe mit Donald Trump in den USA und mit Xi Jinping in China die gesamte Europäische Union und damit die Interessen von 450 Millionen Menschen vertreten kann. Ursula von der Leyen leistet da bereits heute großartige Arbeit. Aber für die Zukunft wünsche ich mir eine Zusammenlegung des Amts des Kommissionspräsidenten mit dem des Ratspräsidenten – also eine Person an der Spitze, die wirklich das gesamte Gewicht der Europäischen Union einbringt. Langfristig sollten wir überlegen, ob dieser Präsident von den Bürgerinnen und Bürgern Europas direkt gewählt wird. Dadurch hätte er oder sie noch mehr Gewicht.
 

Welche Rolle sollte die Europäische Union nach einem Friedensschluss in der Ukraine spielen?

Die Ukraine-Frage ist zentral für die europäische Sicherheit. Ich möchte zunächst meinen Respekt für die Leistung zollen, die die Ukraine erbringt: Sie verteidigt nicht nur ihr Land und die Werte der Ukraine, sondern sie verteidigt damit auch die europäischen Werte. Die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass die Ukraine sich mittlerweile auf Augenhöhe verteidigen kann; dies zeigt die Größe der ukrainischen Leistung. Die Ukraine ist für uns als Europäer nicht nur eine Herausforderung, sondern sie ist vor allem auch ein starker Beitrag für die Lösung vieler Zukunftsfragen der Europäischen Union. Europa muss dafür sorgen, dass die Ukraine langfristig Teil unserer europäischen Gemeinschaft wird. Wir müssen klarmachen, dass wir die Ukraine bei der Verteidigung der Freiheit und beim Wiederaufbau unterstützen werden.
 

Sollte die Europäische Union auch militärisch eine Rolle spielen?

Definitiv! Die Sicherheit und Stabilität der Ukraine ist untrennbar mit der Sicherheit und Stabilität Europas verbunden. Europa muss deshalb auch bei der Friedenssicherung Verantwortung übernehmen. Wir können nicht ernsthaft fordern, dass amerikanische Soldaten den Frieden in der Ukraine mit absichern, wenn wir nicht selbst dazu bereit sind. Europa muss nach einem Friedensschluss Verantwortung übernehmen. Es ist auch nicht so, dass nur wir der Ukraine helfen, sondern wir müssen verstehen, dass die ukrainische Armee heute die kampferprobteste Armee der demokratischen Länder Europas ist. Das heißt, wenn wir in die Ukraine gehen, dann können wir heute mehr von der Ukraine lernen als sie von uns. Das erleben wir zum Beispiel beim Thema Drohnen, denn die Ukraine gehört zu den weltweit führenden Staaten bei der Entwicklung von Systemen der Drohnenabwehr und der Drohnenfertigung. Militärische Zusammenarbeit ist eine Win-win-Situation für beide Seiten.
 

Wird sich Europa jemals ohne die Hilfe der USA selbst verteidigen können?

Europa muss sich ohne die USA eigenständig verteidigen können. Wir sind 450 Millionen Europäer, und es ist schwer verständlich, warum wir für unsere Verteidigung 350 Millionen Amerikaner brauchen. Wir stellen jetzt fest, dass eine Gewissheit der letzten Jahrzehnte so nicht mehr besteht: dass andere für uns die Verteidigung übernehmen. Dieser Traum ist ausgeträumt, und es müssen jetzt mutige Schritte gegangen werden.

Ich bin Ursula von der Leyen dankbar, dass sie den ersten Verteidigungskommissar der Europäischen Union seit Dezember 2024 etabliert hat. Die Kommissionspräsidentin, die Europäische Volkspartei und das Europäische Parlament, von dem Andrius Kubilius als Verteidigungskommissar bestätigt wurde, hatten den Mut, diesen richtigen Schritt gemeinsam zu gehen, und die Prioritäten, die wir jetzt setzen müssen, sind klar: Wir brauchen einen gemeinsamen europäischen Verteidigungsmarkt, wir müssen aufhören mit der Kleinstaaterei, und wir brauchen endlich eine gemeinsame europäische Rüstungsbeschaffung. Wir brauchen auch ein gemeinsames Lagebild und gemeinsame Investitionen in die Luft- und Drohnenverteidigung an der Außengrenze. Langfristig werden wir unsere Absicherung ohne eine europäische Armee nicht gewährleisten können.
 

Dafür braucht es auch gemeinsame Kommandostrukturen …

Definitiv, wir kennen diese ja bereits. Es ist heute im NATO-Verbund selbstverständlich, dass NATO-Kommandeure von anderen Nationen auch deutsche Einheiten führen. Das ist geübt und gelernt. Ich glaube, dass viele unserer Militärs im Denken schon weiter sind als die Politik, weil es für junge Soldaten in den Einsätzen heutzutage selbstverständlich ist, dass wir in Europa gemeinsam unser europäisches Territorium und unsere europäischen Werte verteidigen, und deshalb bedingen gemeinsame Verteidigungsstrukturen gemeinsame Entscheidungsstrukturen.
 

Wie stehen Sie zur Idee eines Europäischen Sicherheitsrates?

Die Frage ist, wer den Einsatzbefehl gibt, wenn wir angegriffen werden. Dafür brauchen wir Strukturen, die die EU-Mitgliedstaaten repräsentieren. Die Idee eines Europäischen Sicherheitsrates, der mit Mehrheit den Einsatz befehlen kann, ist ein richtiger und sinnvoller Gedanke, den wir jetzt diskutieren müssen.

Wir werden aber auch darüber reden müssen, dass eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den willigen Staaten sinnvoll und notwendig ist. Das Abwarten auf den Langsamsten, auf den, der am meisten blockiert, hat Europa in diese schwierige Phase gebracht. Die willigen Staaten müssen deshalb die europäische Sicherheitsfrage diskutieren.
 

In Artikel 42 des Vertrages der Europäischen Union wird die Beistandspflicht bei einem militärischen Angriff auf einen Mitgliedstaat geregelt. Müsste dieser Artikel konkretisiert werden?

Es ist dringend notwendig, diesen Artikel mit Leben zu erfüllen. Dieses Jahr 2026 ist mit der Grönlandkrise gestartet, als die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem Gedanken gespielt haben, einen anderen NATO-Staat anzugreifen. Gott sei Dank wurde dieser Gedanke ad acta gelegt. Aber das ist die Welt, in der wir leben. Wenn ein EU-Mitgliedstaat angegriffen wird, muss sich dieser darauf verlassen, dass ganz Europa an seiner Seite steht. Diese Reaktionsfähigkeit darf nicht spontan sein, sondern sie muss strukturiert sein und organisiert werden. Genau diese Aufgabe, diese Struktur, diese Organisation aufzubauen, liegt jetzt vor uns.
 

Welche Rolle kann die EVP spielen, damit die Europäische Union als globale Macht auftreten kann?

Die Europäische Volkspartei ist heute die führende politische Kraft Europas. Zwölf Staats- und Regierungschefs aus der EVP-Familie sitzen am Ratstisch, sie stellt die Hälfte der Kommissare und mit Abstand die größte Fraktion im Europäischen Parlament. Vor allem aber erfahren wir das Vertrauen der Menschen. Die Wahlen in Ungarn, wo Péter Magyar und die Partei TISZA gegen Viktor Orbán gewonnen haben, zeigen die Stärke des EVP-Angebotes, das darin liegt, mit Verlässlichkeit und Vertrauen aus der bürgerlichen Mitte heraus in die Zukunft zu führen.

Doch gerade jetzt, da wir als EVP so stark sind, müssen wir auch neu denken, neue Ideen entwickeln. Ein neues Grundsatzprogramm für die EVP ist auf europäischer Ebene in Auftrag gegeben worden. Wir müssen wieder langfristige Visionen, Ideen und faszinierende Projekte für die Welt von morgen entwickeln, um eine klare Abgrenzung vor allem von Extremisten des rechten und linken Spektrums, die das europäische Projekt in Zweifel ziehen, zu erzielen. Unsere Grundprinzipien bei der Abgrenzung von den Extremisten bleiben konstant: Wir arbeiten nur mit Parteien zusammen, die sich pro Europa, pro Ukraine und pro Rechtsstaat orientieren.
 

Aus welchen historischen Ressourcen schöpft die EVP, an welche Personen sollte man anlässlich des Gründungsjubiläums erinnern?

Die Erfolgsgeschichte der Europäischen Volkspartei wäre ohne ihre Grundüberzeugungen nicht denkbar gewesen. Zu diesen Grundüberzeugungen, die uns ausmachen und über die Jahrzehnte hinweg konstant waren, gehören die christlich-demokratischen Werte und Inhalte wie die Soziale Marktwirtschaft. Die Erfolgsgeschichte der EVP ist aber auch nur denkbar, wenn man starke Persönlichkeiten hat. Ich erinnere an Konrad Adenauer, Robert Schuman, Alcide De Gasperi oder später Wilfried Martens und Helmut Kohl – alles prägende Persönlichkeiten.

Sie haben den Geist der Christdemokratie der Europäischen Volkspartei in verschiedenen Epochen verkörpert und ihn den Menschen vermitteln können. Und zu guter Letzt gehören zu einer Parteigeschichte auch die strukturellen Fragen. Leo Tindemans als Gründungsparteivorsitzender und Donald Tusk als Parteivorsitzender, der erste aus Mittel-Ost-Europa, haben in strukturellen Fragen eine entscheidende Rolle gespielt. Als starke Persönlichkeiten haben sie die EVP weiterentwickelt. Europa kann nur Zukunft haben, wenn es demokratisch ist. Demokratisch kann Europa nur sein, wenn es starke Parteien gibt; deswegen ist die Weiterentwicklung der Europäischen Volkspartei zu einer starken Partei mit Identität und Seele, zu der aber auch Strukturen gehören, von entscheidender Bedeutung.
 

Die EVP setzt sich aus christlich-demokratischen und bürgerlich-konservativen Parteien in Europa zusammen. Wie ist es um die Gemeinsamkeiten innerhalb der EVP bestellt?

Die Einheit der Europäischen Volkspartei ist belegt durch die Art, wie geschlossen wir Politik gestalten. Dazu gibt es sogar einen Gradmesser im Europäischen Parlament. Die EVP-Fraktion ist nicht nur die größte, sondern auch die geschlossenste Fraktion, wenn es um das Abstimmungsverhalten geht. Wir sind stolz auf diese Einheit, sie hat viel mit der Kultur unserer Partei zu tun, nämlich dass wir uns als Partner, als Familie sehen, trotz der Diversität, die wir verkörpern, die nationale und regionale Vielfalt. Die Grundlage all dessen ist die Haltung zum Rechtsstaat als Grundpfeiler unserer DNA, das macht uns aus, das ist es, was uns von radikalen Kräften abgrenzt. Vor dem Hintergrund der Gemeinsamkeiten sind wir stark aufgestellt. Man darf in demokratischen Parteien ringen und debattieren. Aber es gelingt uns, bei den Kernfragen unserer Zeit eine gemeinsame Antwort zu geben.
 

Was war der größte Erfolg der EVP in ihrer Geschichte, und was ist ihr wichtigstes Ziel bis zur nächsten Europawahl?

Der größte Erfolg der Europäischen Volkspartei liegt darin, dass die Menschen seit über achtzig Jahren in Frieden und seit über dreißig Jahren in ganz Europa in Freiheit leben. Ohne die Europäische Volkspartei hätte es diesen Weg so nicht gegeben. Bei der nächsten Europawahl 2029 müssen die Bürger die Grundentscheidung treffen, ob wir dem Narrativ der Nationalisten folgen, nämlich „My Country First“, also „Germany First“, „Netherlands First“, „France First“, oder ob wir den Weg gehen: Ja, ich bin stolz auf meine Region, meine Nation, aber ich bin auch stolz auf mein Europa. Wir wollen uns als Freunde sehen, als Partner. Das wird der große Kampf und die große Entscheidung sein, die die Bürger Europas 2029 zu fällen haben.
 

Sie haben Europa auch als Schicksalsgemeinschaft bezeichnet. Was haben Sie damit gemeint?

Wir haben Europa bisher sehr technisch verstanden, als etwas, das uns Vorteile bringt, wirtschaftlich durch den Binnenmarkt und die Euro-Stabilität. Ich glaube, das müssen wir überwinden. Wir werden unsere Art zu leben in der Welt von morgen nur verteidigen können, wenn wir zusammenstehen. Das ist, glaube ich, die Schicksalsfrage, wir müssen Europa nicht nur als materiellen Vorteil sehen, sondern als Identität. Wir sind als Europäer eine Schicksalsgemeinschaft, weil wir nur gemeinsam diesen Status als Europäer verteidigen werden.
 

Manfred Weber, geboren 1972 in Niederhatzkofen, Vorsitzender der Europäischen Volkspartei (EVP), Vorsitzender der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament.

Das Interview führte Ralf Thomas Baus am 20. Mai 2026.