von Hans-Christof Kraus

Die Orientierung der britischen Konservativen zur politischen Mitte

Matthias Oppermann: Triumph der Mitte. Die Mäßigung der „Old Whigs“ und der Aufstieg des britischen Liberalkonservatismus, 1750–1850 (Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London, 83), de Gruyter / Oldenbourg Verlag, Berlin/Boston 2020, 542 Seiten, 69,95 Euro.

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Einer der Begründer der modernen Politikwissenschaft in Großbritannien, Sir Ernest Barker, hat in seinen 1942 erschienenen Reflections on Government in bemerkenswerter Offenheit angemerkt, auch Großbritannien habe historische Phasen „totalitären“ Charakters hinter sich bringen müssen; er bezog sich hierbei auf den harten Absolutismus der Tudorzeit (1485 bis 1603), in der das später so gerühmte Parlament kaum etwas anderes als ein Werkzeug des Monarchen gewesen war, und er hätte auch noch die Zeit des „Parlamentsabsolutismus“ nach 1649 und der Hinrichtung König Karls I. sowie der anschließenden Diktatur des „Lordprotektors“ Oliver Cromwell nennen können. Barker gehörte also zu denen, die die vormals so beliebte geschönte Version der englischen Geschichte als eines vermeintlich permanenten Freiheitsgeschehens ad acta gelegt hatten und die wussten, dass die neuere Geschichte des Landes seit der weitgehend friedlich abgelaufenen „Glorreichen Revolution“ von 1688 eben nur vor dem Hintergrund dieser zweifachen dunklen historischen Erfahrung zu verstehen ist. Die Quintessenz dieser Erfahrung lautet: Friedlich durchgesetzte Reformen sind allemal besser als absolute Königsherrschaft oder Parlamentsdiktatur, Bürgerkrieg oder Revolution. Die aus dieser historischen Erfahrung gezogenen politischen Lehren sowie das geografische Faktum der gesicherten Insellage begründeten seit dem frühen 18. Jahrhundert den inneren und äußeren Aufstieg Großbritanniens zur führenden europäischen Macht.

 

Eingehende Analyse politischen Denkens

 

Diese Tatsachen sind stets im Blick zu behalten, wenn man die spezifisch britische politische Ideologie der „Old Whigs“, des im ausgehenden 18. Jahrhundert auf der Insel entstandenen Liberalkonservatismus, richtig einschätzen will; ebendieser politischen Richtung hat Matthias Oppermann jetzt mit seiner ausführlichen und grundgelehrten Potsdamer Habilitationsschrift eine gewichtige Studie gewidmet. In der Arbeit geht es darum, „politisches Denken in den Begründungen von praktischer Politik ausfindig zu machen“ (S. 15); ihr Ziel besteht darin, „eine eingehende Analyse von Burkes Vorstellung von Mäßigung und des politischen Denkens und Handelns der auf ihn folgenden Liberalkonservativen“ (S. 13) vorzulegen. Methodisch fühlt sich der Autor den neueren britisch-französischen Ansätzen einer reflektierten politischen Ideengeschichte verpflichtet, die „einen Mittelweg zwischen der politisch-gesellschaftlichen Kontextualisierung von Ideen und dem genauen Studium politischer Texte“ (S. 17) gehen möchte. Bei näherem Hinsehen erweist sich die Arbeit trotzdem als eher ideen- denn als politikgeschichtlich im engeren Sinne orientiert, denn Oppermann folgt in stärkerem Maße dem Ansatz von Leo Strauss als dem konkurrierenden von Quentin Skinner, und das bedeutet: Der Autor geht von der „Existenz überzeitlicher Ideen“ (S. 19) aus, fühlt sich also offenbar eher einer von der Philosophie herkommenden politischen Ideengeschichte verpflichtet als einer geschichtswissenschaftlichen, streng auf eine präzise historische Verortung politischen Ideenguts dringenden Textanalyse.

Die Arbeit umfasst zwei große Teile: Im ersten, etwas knapperen, wird das politische Denken Edmund Burkes, der nach Oppermann zu einseitig nur als „Vater“ des modernen Konservatismus aufgefasst wird, im Licht der Fragestellung der Studie rekonstruiert (S. 45–181). Im zweiten Teil wiederum wird die Ausformung des britischen Liberalkonservatismus zwischen den traditionellen Tories und Whigs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Anschluss an die zentralen Gedanken Burkes über politische „Mäßigung“, über die Bedeutung von Maß und Mitte in der Politik dargestellt. Vorangestellt ist ein „Prolog“, der die Frage nach der „politischen Mäßigung“ in Politik und Verfassungsordnung, ausgehend von Platon, Aristoteles, Cicero und Polybios, zu beantworten versucht und dabei über George Savile Halifax („The Character of a Trimmer“, 1684) und Charles de Montesquieu bis zu Burke gelangt.

 

Das Konzept „begrenzter Volksherrschaft“

 

Hierbei ist freilich – aus der Sicht des Historikers – zu fragen, inwiefern diese Debatten über Formen politischer Mäßigung und Mischverfassungen im Kontext ihrer jeweiligen Entstehungszeiten nicht mehr sind als realitätsferne „Schattenphänomene“ (S. 33, so Alfred Heuß über Cicero), die mit der konkreten politischen Wirklichkeit kaum etwas zu tun haben. Und das gilt auch dann, wenn diese Konzepte, wie Oppermann meint, als „heuristische Instrumente zur Beschreibung politischen Handelns und Denkens“ tauglich sind; auch deshalb, weil sie „zumindest als Idee über die Jahrhunderte hinweg fortbestanden“ (S. 35), wenn auch, wie hinzuzufügen ist, im Kontext äußerst unterschiedlicher historischer Rahmenbedingungen. Jedenfalls sollte man nicht der Illusion verfallen, man könne die historische Entwicklung gewissermaßen im Zeichen von Maß, Mitte und Mischverfassung „stillstellen“.

Die Rekonstruktion von Burkes politischem Denken im ersten Hauptteil der Studie verbindet ideen- und politikhistorische Analyse, arbeitet die Stringenz und Konsequenz von Burkes Grundideen während fast eines halben Jahrhunderts (1750–1797) detailliert heraus, betont jedoch ebenfalls die Freiheiten der englischen Verfassung, die Burke als politischer Autor damals nutzen konnte. Hierbei ist natürlich zu beachten, dass er dem politischen System seines Landes affirmativ gegenüberstand (dessen Gegner, wie etwa John Wilkes und andere, wurden in ihren Freiheiten hingegen stark eingeschränkt, was nicht vergessen werden sollte!) und dass er sich als Aufsteiger in den Dienst der führenden sozialen Schicht des Landes, eben des Adels, stellte – was ihm von Karl Marx später das Schimpfwort eines „Sykophanten“ der herrschenden Klasse einbrachte. Leider hat Oppermann nicht die in jeder Hinsicht grundlegende monumentale „Konservativismus“-Studie von Panajotis Kondylis (1986) berücksichtigt, die ihm eine ideenhistorische und vor allem auch konkret-politische Kontextualisierung von Burkes Denken erleichtert hätte. Denn Burkes Konzept von „begrenzter Volksherrschaft“ (S. 117) stellte unter den Bedingungen des unreformierten Parlaments – in einer Zeit also, in der lediglich etwa zwei bis drei Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung überhaupt das Wahlrecht ausüben konnten und in der das Unterhaus durch den ländlichen Adel, die „Gentry“, dominiert wurde – tatsächlich nicht mehr als eine wohlklingende Chimäre, ein ideologisches Schlagwort oder eben (nach Alfred Heuß) ein „Schattenphänomen“ dar.

Ihre eigentlichen Wirkungen konnten Burkes Ideen deshalb auch nicht in der aufgewühlten Epoche der Französischen Revolution ausüben, sondern erst – das wird von Oppermann im zweiten Teil seiner Studie ausführlich erörtert – in den politisch ruhigeren Jahren nach dem Wiener Kongress, vor allem nach der großen englischen Parlaments- und Verfassungsreform von 1832. Zwei der führenden konservativen Politiker dieser Ära, George Canning und Robert Peel, erweisen sich, so die überzeugende These des Buches, als die wahren geistigen und politischen Erben Burkes, indem sie sich als Tories von den älteren Glaubenssätzen ihrer Partei nach und nach verabschiedeten und in Annäherung an die Liberalen eine Politik der politischen Mitte vertraten.

Peel spaltete nach 1846 sogar die Konservative Partei, um in Kooperation mit den Liberalen einen Übergang zur Freihandelspolitik zu ermöglichen. Diese Orientierung an der politischen Mitte im Wechsel von „Liberal-Tories“ zu „Liberal-Conservatives“ in den 1830erund 1840erJahren führte im Resultat zu einer im eigenen Selbstverständnis am Ideal der Mäßigung orientierten Politik, die in ihrer gedanklichen Grundlegung auf die – immer wieder missverstandenen – Ideen Edmund Burkes zurückgeht. Genau dieser Nachweis ist dem Verfasser in seiner überaus präzisen Rekonstruktion des politischen Denkens und Handelns von Canning und Peel hervorragend gelungen.

 

Vermeintlich überzeitliche Ideen

 

Freilich wird die Grenze zwischen vermeintlich „überzeitlichen“ Ideen einerseits und dem politischen Interessen- und Machtkampf verschiedener Epochen andererseits nicht immer genau gezogen, und deshalb kommt die von Oppermann mit gutem Grund gestellte Frage nach dem „Wann und Wie“ (S. 243), also nach den konkreten historisch-politischen Kontexten, in denen Ideen entstehen, wirksam werden – oder eben auch an den Rand gedrängt und marginalisiert werden –, nicht immer in den Blick.

Es sollte jedenfalls nicht übersehen werden, dass die „mäßigenden“ Ideen des Liberalkonservatismus oder konservativen Liberalismus vor allem in den außenpolitisch weitgehend windstillen Jahrzehnten nach dem Wiener Kongress ihre große Zeit hatten, in der das Inselreich nicht nur konsequent an der Vergrößerung seines Empire arbeiten konnte, sondern auch den Kontinent durch seine geschickte Politik dominierte.

 

Machtlagen und Gedankenphänomene

 

Mit anderen Worten: Von einem „Triumph der Mitte“ kann also nur für die von Oppermann eingehend untersuchten Jahre zwischen 1815 und 1850 mit Recht gesprochen werden, kaum jedoch für die späteren Krisenzeiten etwa zwischen 1885 und 1990, die auch auf den Britischen Inseln von starker politischer Polarisierung und internationaler Konfliktträchtigkeit geprägt waren. Der Gedanke der Mäßigung kann auch im britischen Fall nur sehr begrenzt als „überzeitliches“ Ideal angesehen werden. Denn sieht man genauer hin, berücksichtigt man historische Lagen und Kontexte, achtet man auf konkrete politische Verortung eines jeweils bestimmten politischen Denkens und Handelns – dann erst kommen die eigentlichen Machtlagen und die wirklichen Interessen in den Blick, die jenem Denken erst die Durchschlagskraft verleihen, die es als reines Gedankenphänomen niemals haben könnte.

Innenpolitisch diente die harmonisierende Rede von Maß und Mäßigung vor allem dazu, die Herrschaft einer (erst überwiegend adligen, dann großbürgerlich-adlig gemischten) traditionellen Oberklasse gegen die Ansprüche des dritten und später des vierten Standes zu legitimieren; außenpolitisch ging es nur vordergründig um Harmonie und Frieden, im Kern jedoch um Aufrechterhaltung der als „Pax Britannica“ deklarierten angelsächsischen Dominanz der Weltpolitik, um die Wahrung britischer Großmachtinteressen und vor allem der maritimen Vorherrschaft; wirtschaftspolitisch wiederum wurde der Freihandel als Ideal propagiert – doch auch dieser nicht, wie die freundliche Legende sagt, als Instrument des Friedens, sondern als Versuch einer Institutionalisierung britischer wirtschaftlicher Überlegenheit sowie als Instrument zur Ausschaltung oder Marginalisierung handelspolitischer Konkurrenz. Kurz gesagt: Aus Oppermanns grundgelehrter und materialreicher Studie ist viel zu lernen, auch wenn sie gelegentlich gegen den Strich gelesen werden muss.

 

Hans-Christof Kraus, geboren 1958 in Göttingen, seit 2007 Lehrstuhlinhaber für Neuere und Neueste Geschichte, Universität Passau.