Asset-Herausgeber

It's a rich mans world

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Geld und Armut – kaum ein Thema ist älter, wenn es ums Geld geht. Geld hat den Charakter von Armut grundsätzlich verändert. Mit der Erfindung des Geldes als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel ist Armut messbar und merklich geworden. Geld hat den Weg für wirtschaftlichen Fortschritt geebnet und gleichzeitig soziale Ungleichheit verfestigt. Mit der Erfindung des Geldes ist Armut nicht länger nur der Mangel an Brot und Kleidung; sie steht für die ungenügende Verfügbarkeit des Tauschmittels, das über gesellschaftliche Teilhabe direkt und symbolisch entscheidet. Besonders anschaulich wurde die Doppelfunktion des Geldes („Wer Geld hat, gilt als jemand“) bei den Manillen – offenen Armreifen aus Bronze, Kupfer oder Messing, die in Westafrika bis ins 20. Jahrhundert als Zahlungsmittel genutzt wurden: Ebenso funktional wie demonstrativ-dekorativ waren sie Inbegriff der zweifachen Geldmacht. Noch ist nicht abzusehen, wie sich die Funktion des Geldes für die gesellschaftliche Statusbestimmung durch die immer permanenteren digitalen Ratings verändert. Erst ansatzweise wird erkennbar, dass sich neue Formen der Statusarbeit etablieren, die den Wettbewerb um entsprechende Positionen auf verschiedenen Arm-Reich-Skalen entgrenzen – mit neuen Gefahren auch kollektiver Burnouts (Mau 2017, S. 282).

In der Geldwirtschaft wird der Status zum Beispiel in Euro oder US-Dollar gemessen – geringes Geldeinkommen führt nicht nur dazu, schlecht ernährt und gekleidet zu sein; fehlendes Geld entscheidet in der „Welt des reichen Mannes“ auch darüber, ob und wohin jemand Zugänge hat, die sich über Geld eröffnen lassen. Vor genau fünfzig Jahren besang ABBA den Mechanismus – 1976/77 eroberte „Money, Money, Money“ fast gleichzeitig in neun Ländern weltweit Platz 1 der Charts. Mit Geld, so der Song, kann man (beinahe) alle Dinge machen, von denen man träumt. Denn am Ende – das ist Alltagserfahrung derer, die wenig, und ebenso derer, die viel haben – ist dann doch (fast) alles käuflich. Jeder Traum hat seinen Preis. Wer viel Geld hat, kann sich viele Träume erfüllen. Sicherheit und Sex und Kind – das alles lässt sich in der „rich man’s world“ gegen Geld erwerben. Tatsächlich werden auch moralische Grenzen – im globalen Markt der großen Reichtumsunterschiede – mit Geld überwunden, wie man an Prostitution und Menschenhandel, Leihmutterschaft und modernen Söldnerarmeen erkennen kann. Für diejenigen hingegen, die kein Geld und keine reichen Eltern haben, wird alles schwer erreichbar, sogar die Einladung zum Kindergeburtstag, obwohl die überhaupt kein Geld kostet. Aber sie ist mit gesellschaftlichen Erwartungen an Geschenke und Gegeneinladungen verbunden, und diese sind ihrerseits eng an das Einkommen geknüpft.

 

Einkommensarmut und Teilhabemöglichkeiten

Dem regelmäßig erscheinenden Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung ist es zu verdanken, dass das Wissen um die Exklusionserfahrungen von Menschen mit wenig Geld in den letzten Jahren deutlich gewachsen ist. Mit verschiedenen Instrumenten hat man Wege beschritten, um die Lebenswelt und Lebensperspektive von Menschen mit Armutserfahrung in den Bericht einzubeziehen – zuletzt mit einer eigenen Studie, die einerseits auf eine breite Onlinebefragung und andererseits auf Fokusgruppeninterviews setzte. „Deutlich wurde, dass die beteiligten Menschen mit Armutserfahrung vor bedeutenden Herausforderungen bei der Alltagsbewältigung stehen. Ihr Blick auf die Zukunft ist […] negativer“ als der aller anderen im Beteiligungsprozess erreichten Bürger. Die Schere zwischen Arm und Reich, die Stabilität der Sozialsysteme und der gesellschaftliche Zusammenhalt bereiten ihnen deutlich größere Sorgen (Morgenstern et al. 2025, S. 5).

Es mag wenig überraschend sein, dass Angebote, die unmittelbar mit Kosten verbunden sind, von Menschen mit Armutserfahrung weniger genutzt werden können. Mobilität bildet hierbei, wie der Bericht deutlich bestätigt, keine Ausnahme. Und mit dieser Unerschwinglichkeit sind zusätzliche Teilhaberisiken verbunden. Die Nutzung eines Autos setzt dessen Besitz und das Bestreiten der Betriebskosten voraus, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel erfordert den Kauf von Fahrscheinen. Auch die Inanspruchnahme eines Fahrrades ist mit Kosten verbunden, und seien es nur die Anschaffungskosten. Wer das Geld nicht aufbringen kann, ist darauf angewiesen, zu Fuß zu gehen. Das Resultat ist eine eingeschränkte Mobilität von Menschen mit Armutserfahrung, nicht nur derer, die krank sind und abgelegen wohnen: 54 Prozent der Menschen mit aktueller Armutserfahrung geben an, dass es für sie schwer ist, von einem Ort zum anderen zu kommen; ein deutlich höherer Wert als bei denjenigen ohne Armutserfahrung (7 Prozent; Morgenstern et al. 2025, S. 80).

Der Teufelskreis ist offensichtlich: Menschen mit Armutserfahrung sind stärker auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, sie sind stärker durch ihre Kosten und Ausfälle betroffen und sie erreichen diese eher schlechter als andere Einkommensgruppen (Morgenstern et al. 2025, S. 89). Wer Teilhabechancen armutserfahrener Menschen verbessern will, muss nicht nur über die Höhe des Existenzminimums nachdenken. Es gilt, öffentliche Verkehrsmittel günstiger anzubieten und ihre Verfügbarkeit zu verbessern, damit das, was Menschen mit viel Geld selbstverständlich zur Verfügung steht – eine alltagstaugliche Mobilität –, auch armen Menschen nicht verwehrt ist. Einkommensarmut und Teilhabeunmöglichkeiten durch schlechte Verkehrsverbindungen verstärken sich gegenseitig: Der Weg zum Arzt, zur Behörde, zur möglichen Arbeitsstelle – sie alle werden zeitaufwendig, unsicher, riskant, kostspielig et cetera und behindern sowohl die Verbesserung der Einkommenssituation (durch Aufnahme eines neuen Jobs) als auch die Teilnahme am öffentlichen Leben. Verfestigung der Armut, eines schlechten Gesundheitszustandes und Einsamkeit sind die Folge.

 

„Wenn jeder schenkt, haben alle mehr“

Für Menschen ohne Armutserfahrung sind die mittelbaren Folgen von Einkommensarmut oft nicht unmittelbar nachvollziehbar. Ihre Rückkopplungsmechanismen und Bedrängnisse stellt der 7. Armuts-  und Reichtumsbericht an verschiedenen Stellen anschaulich dar. Auch auf die Frage, was Menschen besonders schmerzt, wenn sie sich in bestimmten Belangen einkommensbedingt einschränken müssen, gibt der Bericht eine unerwartete Antwort: Menschen im untersten Einkommensfünftel vermissen besonders schmerzlich frische Lebensmittel, wenn sie einkommensbedingt darauf verzichten müssen. Auf Platz 2 liegt beim schmerzlichen einkommensbedingten Verzicht – noch vor der Unmöglichkeit, die eigene Wohnung angemessen zu heizen – die Unfähigkeit, andere im gewohnten Umfang beschenken zu können (BMAS, S. 89, Schaubild B.1.3.3). Was für eine Sehnsucht, großzügig sein zu können! Offenkundig ist für arme Menschen, denen nicht selbstverständlich alles Lebensnotwendige jederzeit verfügbar ist, der Wert des Schenkens und Beschenktwerdens als Ausdruck des Füreinander-Sorgens in ganz anderer Weise präsent als für diejenigen, die sich alle Wünsche jederzeit selbst erfüllen können (Papst Leo XIV. 2025, S. 135). Und es kommt die schmerzliche Erfahrung hinzu, Einladungen nicht annehmen zu können, wenn ein Geburtstagsgeschenk nicht finanzierbar ist.

„Wenn jeder schenkt, haben alle mehr“ – das ist die starke Botschaft gegen den Neid, den der Populismus Trump’scher Prägung („Dein Gewinn ist mein Verlust“) weltweit schürt: Schenken zu wollen, ist eine besondere Kulturkraft gegen Engherzigkeit und Sozialneid aller Art. Wir brauchen die Erfahrung, dass die Unterstützung von Menschen in schwierigen Lebenslagen nicht dazu führt, dass andere, die sie nicht benötigen, sich benachteiligt fühlen müssten. Die gesamte Gesellschaft profitiert, wenn Teilen verbindet. Problemlagen frühzeitig und präventiv zu bewältigen, lindert Armut Einzelner und ist ein Gewinn für die Gemeinschaft.

Die hohe Erwartung der Menschen mit Armutserfahrung an die Stabilität des Sozialstaates bekräftigt seine Bedeutung. In Zeiten multipler Krisen sind wir heute alle darauf angewiesen, dass unser „Sozialstaat für alle“ die Einzelnen in ihren spezifischen Notlagen nicht alleinlässt. Das Geld, das durch die Kassen der Sozialversicherungen fließt, schafft Sicherheit, die Freiheit schenkt – in der Gewissheit, dass im Fall der Fälle die Unterstützung zu erwarten ist, die nötig ist, um nach einem Schicksalsschlag aufstehen und neu beginnen zu können.
 

Eva Maria Welskop-Deffaa, geboren 1959 in Duisburg, Diplom-Volkswirtin, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Berlin.
 

Literatur

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS): 7. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Lebenslagen in Deutschland, Berlin 2025, www.armuts-und-reichtumsbericht.de/SharedDocs/Downloads/Berichte/siebterarmuts-und-reichtumsbericht.pdf? blob=publicationFile&v=1 [letzter Zugriff: 24.08.2026].

Mau, Steffen: Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen, Berlin 2017.

Morgenstern, Ines et al.: Beteiligung von Menschen mit Armutserfahrung am Erstellungsprozess des Siebten Armuts- und Reichtumsberichtes, Bonn, BMAS 2025, www.armuts-und-reichtumsbericht.de/SharedDocs/Downloads/Berichte/siebter-armuts-und-reichtumsbericht.pdf?blob=publicationFile&v=1 [letzter Zugriff: 24.08.2026].

Papst Leo XIV.: Ich habe dich geliebt. Dilexi te. Über die Liebe zu den Armen, hrsg. von Andreas R. Batlogg et al., Freiburg im Breisgau 2025.

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