Als ich Student war, spielten wir „Risiko“. Das ist ein Brettspiel; erfunden hat es um 1956 der französische Filmemacher Albert Lamorisse, der zeitgleich für seinen poetischen Kinderfilm „Der rote Ballon“ einen Oscar erhielt. „Risiko“ hat seinen Erfolg allerdings nicht seinen poetischen Qualitäten zu verdanken. Im Gegenteil, es ist die Mutter der militärischen Strategiespiele. Ähnlich wie Fußball ist es erfolgreich, weil seine Regeln simpel sind. Es gibt eine Weltkarte mit Gebieten, die unter den Spielern verteilt werden. Dann erhält jeder einen Eroberungsauftrag, der geheim bleibt. Das Spiel selbst besteht dann aus Schlachten, über deren Ausgang die Stärke der Armeen und das Würfelglück entscheiden, wobei ein Sieg den Sieger stärken, aber auch schwächen kann. Doch zwischen den schlichten Regeln öffnen sich individuelle Varianten. Man kann sich mit anderen Spielern verbünden oder Nichtangriffspakte schließen. Man kann schweigend spielen oder „diplomatisch“ agieren oder das Spielgeschehen kommentieren, um andere Spieler zu beeinflussen. Natürlich bleibt allen bewusst, dass es niemals um friedliche Koexistenz geht, sondern um politisches Handeln im Sinne eines egoistischen Endziels. Jeder bleibt jedermanns Feind.
Eine „Risiko“-Partie dauerte damals viele Stunden, endete manchmal erst am nächsten Morgen. Spielten wir engagiert und leidenschaftlich, so kostete sie psychische und physische Kraft. Oft gab es Streit. Ich erinnere mich an eine Zusatzregel, die wir einführten, um das größte Problem in den Griff zu bekommen, den Umgang mit Vertragsbrüchen, über den die Spielregel nichts sagte. Schließlich einigten wir uns wie folgt: Beging jemand einen Vertragsbruch, erreichte aber zugleich sein finales Ziel, so galt das Spiel als regulär gewonnen. Scheiterte er hingegen, schied er aus und sein Besitz wurde auf die anderen Spieler verteilt.
Als wir „Risiko“ spielten, drohte es gerade auf den Index zu geraten. Die deutschen Hersteller kamen dem zuvor, indem sie die Spielanleitung redigierten. Statt ein Land „erobern“ hieß es jetzt ein Land „befreien“, man „vernichtete“ die feindlichen Armeen nicht mehr, sondern „löste sie auf“. Soweit ich mich erinnere, haben wir über das pseudo-pazifistische Lektorat gelästert und sind bei den alten Begriffen geblieben.
Dabei waren wir doch alle selbst Pazifisten! Außer mir hatte niemand Wehrdienst geleistet, und ich war durch die Gewissensprüfung gefallen. Gerade fanden die Demonstrationen gegen den NATO-Doppelbeschluss statt, und an denen habe ich mich mehrmals beteiligt. Warum also spielten wir nächtelang „Risiko“, oft mit einer gefährlichen Verbissenheit, heftige Zerwürfnisse in Kauf nehmend?
Ich könnte jetzt die Psychologie unseres Freundeskreises analysieren, aber das wäre müßig. Es lag weniger an uns; es lag am Spiel. „Risiko“ ist ein Geniestreich. Albert Lamorisse mag ein fantasievoller Kinderfreund gewesen sein, er war aber auch ein Kenner des verschlagenen und aggressiven Raubtiers Mensch.
„Risiko“ aktiviert im Handumdrehen jedermanns Fähigkeit, sich territorial, expansiv und aggressiv zu verhalten. Es gibt ihm den Boden, auf dem er agieren kann wie die großen Eroberer von Alexander über Napoleon bis Hitler und Stalin. Ja, „Risiko“ aktiviert eine anthropologische Konstante; seine Regeln sind aus unseren Genen abgeschrieben.
Anders gesagt: Das Spiel spielte uns. Abseits vom Brett waren wir ja auch ganz anders. Da beteiligten wir uns zum Beispiel an dem Generationsprojekt einer Abschaffung der ideologischen Gegensätze, weil wir uns davon ein Ende des Kalten Krieges erhofften. Tatsächlich fiel schon ein paar Jahre später die Berliner Mauer. Wir bauten unser Berufsleben in einem friedlich wiedervereinten Deutschland auf, wir haben, jeder auf seine Weise, an der Globalisierung der Wirtschaft und überhaupt aller zwischenmenschlichen Beziehungen gearbeitet, und das alles natürlich aus der Überzeugung, jedes Miteinander, jede Gemeinsamkeit habe eine befriedende Wirkung, jede Verflechtung, insbesondere jede ökonomische, vermeide die Aggression. Wir wollten die Kriege, die unsere Väter mit Gewehren geführt hatten, mit Wertpapieren, globalen Beteiligungen, Supertankern und dem Internet verhindern.
Von unseren Eltern hatten wir die Doktrin geerbt, dass die Drohung mit immer mehr Waffen der beste Friedensgarant sei. Doch wir haben das Erbe abgelehnt, haben dafür den westlichen Way of Life, also ein universelles Konsumbewusstsein exportiert, bis sich die ganze Welt mit einer ähnlichen Benutzeroberfläche überzog, unter der, so der Plan, so die Hoffnung, die alten Zerwürfnisse und Feindseligkeiten sowie die genetisch angelegte Aggression verschwinden müssten. Dazu haben wir uns eine Haltung zueigen gemacht, nach der das materielle Wohl des Einzelnen das Korrektiv allen Handelns und Denkens sein solle.
Gut, wir haben erfahren müssen, dass es auch in der freien Wirtschaft nicht ohne Aggressionen zugeht, aber die haben wir als das kleinere Übel akzeptiert, verglichen mit den überlebensgroßen Gewalttaten, die aus ideologischen Gründen begangen wurden. Was sind schon Arbeitslosigkeit und zyklische Rezession, Börsenkrach und Ladensterben gegen Luftangriff, KZ und H-Bombe!
Und jetzt? Sommer 2014. Genau hundert Jahre, nachdem der große Krieg der Mächte und Systeme ausbrach und, mal heiß, mal kalt, praktisch das gesamte 20. Jahrhundert lang dauerte – was geschieht? Russland und Europa streiten um die Reste der zerfallenden Ukraine. Risiko! Territorien werden reklamiert und besetzt; auf diplomatischer Ebene wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Risiko! Derweil unterstützt der Westen im Mittleren Osten mal diese, mal jene Partei, um seine Interessen zu wahren. Risiko! Doch kaum hat man einmal nicht aufgepasst, verkehren sich die Machtverhältnisse. Die Führer des „Islamischen Staates“ lösen eine „große Serie“ ein und erhalten dafür 50.000 Kämpfer, mit denen sie schwach verteidigte Territorien besetzen, was ihnen neue Bonuskarten einträgt.
Risiko! In den Medien höre ich die verzweifelten Kommentare, die versuchen, all dies aus dem Faktor Ökonomie abzuleiten. Putin wolle sich die Kornkammer Ukraine einverleiben, der IS die Banken in Mossul. Und natürlich wünschte auch ich mir, man könne Russland zur Einstellung seines aggressiven Verhaltens bewegen, indem man Putins Oligarchen-Freunden den Zugang zum westlichen Geldmarkt untersagt. Wäre es nicht auch besser, dem „Islamischen Staat“ jedes von ihm geforderte Territorium zu überlassen, um ihn anschließend von der globalen Ökonomie auszuschließen, bis seine verarmten Bürger in Bagdad Montagsdemonstrationen abhalten, um ihr bankrottes Regime zum Teufel zu jagen?
Aber ich fürchte, das wird nicht so leicht funktionieren. Denn womöglich kämpfen und intrigieren Putin und der IS nicht allein aus ökonomischen Gründen um Territorien und Einflussgebiete, sondern aus denselben Gründen, aus denen wir damals „Risiko“ spielten: weil Aggression eine anthropologische Konstante ist? Weil es dem Menschen im Blut liegt, seine Art, seine Lebensweise, seine Überzeugungen anderen aufzuzwingen? Weil Macht, wie teuer sie auch erkauft sein mag, immer als Gewinn gilt? Beim „Risiko“-Spiel reichte es für einen eindeutigen Sieg aus, die eigenen Spielsteine auf andere Territorien zu setzen. Der Bonus lag nicht in mittelbar langfristigen Renditen; die größte (und einzige) Einnahme war: die Einnahme!
Dabei darf nicht vergessen werden: Das Spiel trägt seinen Namen vollkommen zu Recht! Natürlich geht es um Aggression, Landnahme und Imperialismus, doch womöglich ist das tiefere Movens: die Lust am Risiko. Vier oder fünf pazifistische Philologie-Studenten spielen nächtelang dieses Spiel, so wie man Alkohol trinkt, Drogen nimmt, Sex hat: um das Lebensgefühl zu steigern. Vielleicht sogar, um sich selbst zu beweisen, dass man überhaupt am Leben ist. Vielleicht ist das ja normal. Jedenfalls ist es besser, diese etwas problematischen Bedürfnisse in einem Brettspiel zu befriedigen, statt draußen vor der Haustür Banden zu bilden, Weltentwürfe zu verbreiten, Mitkämpfer zu rekrutieren, Geschichtsklitterungen zu befehlen, religiös fundierte Überzeugungen zur allein selig machenden Wahrheit zu erklären und dann real existierende Länder zu überfallen und ihre Armeen und Bewohner zu massakrieren.
Ich erinnere mich: Am Morgen nach einer „Risiko“-Nacht hatte ich jedes Mal einen Kater, der nicht vom Alkohol rührte und anders war. Vermutlich war es der Kater, den Putin spüren wird, wenn sich die Ukraine endgültig in eine Art Ex-Jugoslawien verwandelt hat. Vielleicht wird der IS-Führer al-Baghdadi ihn spüren, wenn er ein Kalifat errichtet hat, das auf Mord und Terror beruht. Und der Vollständigkeit halber: Hat der Westen ihn gespürt, als die Ukraine der Verlockung erlag, sich von Russland loszulösen?
Mein Fazit: Seit dem Zusammenbruch der Ideologie-basierten Staaten in Europa haben wir uns ohne große philosophische Kongresse auf eine Welterklärung geeinigt, in der das Bruttosozialprodukt und die Börsenkurse die einzig gültigen Indikatoren für richtiges und gelingendes Leben sind. Viele Regionen auf der Welt, Indien und China zum Beispiel, haben sich dem Anschein nach dieser Philosophie angeschlossen. Aber das alles ist womöglich ein großer Irrtum. Und statt von den globalen Playern der Ökonomie wird die Welt schon wieder, oder noch immer, von Risiko-Spielern beherrscht.
Burkhard Spinnen, geboren 1956 in Mönchengladbach, freier Schriftsteller, lebt in Münster.