Bundesarchiv, Bild 146-1989-072-16 / Kerbs, Diethart / CC BY-SA 3.0 DE, CC BY-SA 3.0 DE , via Wikimedia Commons

Schrittmacher der Demokratisierung

von Christoph-E. Palmer

Zum 100. Todestag von Matthias Erzberger

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Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni 2019 hat auch die politischen Morde der Weimarer Republik in Erinnerung gerufen. Der ehemalige Reichsfinanzminister Matthias Erzberger wurde vor einhundert Jahren im Urlaub bei einem Spaziergang am 26. August 1921 bei Griesbach im Schwarzwald von Mitgliedern der rechtsextremen „Organisation Consul“ ermordet. Reichsaußenminister Walther Rathenau wurde ein Jahr später, am 24. Juni 1922, in Berlin-Grunewald ebenfalls von Mitgliedern dieser Organisation erschossen.

Erzbergers eindrucksvolle politische Laufbahn war nicht vorgezeichnet. In kleinen Verhältnissen in dem kargen Dorf Buttenhausen 1875 auf der zum damaligen Königreich Württemberg gehörenden Schwäbischen Alb geboren, stieg er in Stuttgart über die Stationen als Volksschullehrer, katholischer Arbeitersekretär, Verbandsfunktionär und Journalist für die Zentrumspartei zum jüngsten Reichstagsabgeordneten im 1903 gewählten Reichstag auf. Mit einem phänomenalen Arbeitseifer, Omnipräsenz und hoher Professionalität verkörperte er die parlamentarische Moderne im Kaiserreich. Konsequent trat er im semi-demokratischen Regierungssystem des Wilhelminismus für den Ausbau des Parlamentarismus ein. Aus der Honoratiorenpartei des Zentrums wollte er eine Volkspartei neuer Ausrichtung formen, Anleihen an die erfolgreiche Organisationsarbeit der Sozialdemokratie eingeschlossen. Sehr früh trat er für eine interkonfessionelle Öffnung seiner Partei ein – zum Ärger des katholischen Klerus und alter Parteieliten. Er galt als ungestümer, einflussreicher Vertreter des fortschrittlichen Flügels seiner Partei, der sich – völlig ungewohnt für die Gediegenheit und Bräsigkeit der Fraktionsführung – auf Zuspitzung und Attacke verstand: gegenüber der kaiserlichen Regierung ebenso wie gegenüber der oppositionellen Sozialdemokratie.

Die von ihm vorangetriebene Aufdeckung von Skandalen in den deutschen Schutzgebieten führte 1906 zum Rücktritt des Chefs des Reichskolonialamtes, Ernst von Hohenlohe-Langenburg, und nach der Auflösung des Reichstages unter Reichskanzler Bernhard von Bülow zu vorzeitigen Reichstagswahlen, den sogenannten „Hottentottenwahlen“ 1907, die allerdings für das Zentrum nicht erfolgreich ausgingen. Die Partei verlor ihre einflussreiche Funktion als „Zünglein an der Waage“, und Erzberger wurde zum parlamentarischen Außenseiter, zur „persona non grata“. Dem Autodidakten mit dem überragenden Zahlengedächtnis, der im Haushaltsausschuss des Reichstages eine führende Rolle spielte, war dies reichlich egal. Gestützt auf seine bis zum Tode treue katholische Wählerbasis in Oberschwaben, die „kleinen Leute“, die ihm durch dick und dünn folgten, hielt er allen parlamentarischen und publizistischen Stürmen stand.

 

Der erste parlamentarische „Berufspolitiker“

 

Von den im Mai 1906 eingeführten, bescheidenen Reichstagsdiäten konnte Matthias Erzberger nicht auskömmlich leben. Sozialdemokratische Gewerkschaftsfunktionäre, konservative Rittergutsbesitzer, liberale Rechtsanwälte und Wissenschaftler verfügten über andere finanzielle Ressourcen. Erzberger kaufte eine insolvente Medienfirma und baute sie zu einer von zahlreichen Zeitungen genutzten einflussreichen Presseagentur aus. Er war also auch als publizistischer Unternehmer erfolgreich tätig; die Sphären von Mandat und beruflicher Wirksamkeit gingen mitunter ineinander über, was immer wieder auf Kritik stieß.

Trotz seiner beruflichen Absicherung kann Matthias Erzberger als einer der ersten parlamentarischen „Berufspolitiker“ außerhalb der Sozialdemokratie in Deutschland gelten. Daneben entfaltete er eine außergewöhnliche schriftstellerische Tätigkeit: Von 1898 bis zu seinem Tode 1921 hat er nicht weniger als vierzig Bücher und umfangreiche Broschüren verfasst.

Als Redner und Organisator bereiste er das ganze Land und war dadurch als Abgeordneter bekannt und über Wahlkreis und Fraktion hinaus wirksam. Schon vor dem Ersten Weltkrieg galt Matthias Erzberger als der kommende Mann auf der katholischen Seite des politischen Spektrums; ab 1912 gehörte er als Jüngster zur Fraktionsführung der Partei.

 

Ebenso gute wie unrealisierbare Ideen

 

Die große Bewährungsprobe setzte mit dem Ersten Weltkrieg für den Reichstagsabgeordneten ein. Zunächst unterstützte er die expansiven Kriegsziele des Kaiserreichs nachdrücklich. Er organisierte für Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg 1914 das Nachrichtenbüro des Reichsmarineamtes und für das Auswärtige Amt die „Zentralstelle für Auslandsdienst“; endlich nahm der agile Erzberger Anteil an der exekutiven Verantwortung. Mit großem Fleiß, Organisationsgeschick und Mut betrieb er nun eine Art eigener „Neben-Außenpolitik“. Diese vollzog sich im Graubereich zwischen (halb)offizieller Beauftragung und eigenen Vorstellungen. Er suchte den Kriegseintritt Italiens erfolglos zu verhindern, initiierte Friedensverhandlungen, knüpfte Kontakte, reiste durch Europa. Der weiterhin als Parlamentarier Tätige hatte ebenso viele gute wie unrealisierbare Ideen. Sein Biograph Klaus Epstein bescheinigt ihm: „Erzberger [gelangte] zu einer Stellung, die in der parlamentarischen Geschichte Deutschlands einzigartig war.“

Den Wendepunkt seines politischen Lebens markiert seine bedeutende Rede vor dem Hauptausschuss des Reichstages am 6. Juli 1917, in der er schonungslos die militärische und politische Lage des Reiches skizzierte und politische Reformen anmahnte, so die vollständige Parlamentarisierung des Regierungssystems. Er organisierte mit der sogenannten Friedensresolution des Reichstages eine politische Mehrheit aus Sozialdemokratie, Zentrum und Fortschrittspartei für einen Verständigungsfrieden und war der Brückenbauer zwischen den unterschiedlichen Auffassungen. Der von der Obersten Heeresleitung erzwungene Sturz des gemäßigten Reichskanzlers von Bethmann-Hollweg hatte nichts Positives ausgelöst, sondern verstärkte die Krise. Die schwachen Reichskanzler Georg Michaelis und Graf Georg von Hertling, die auf kaiserliche Entscheidung folgten, waren der sich zuspitzenden Situation nicht im Mindesten gewachsen.

 

Geburtsfehler der jungen Republik

 

Der letzte kaiserliche Reichskanzler Prinz Max von Baden berief Erzberger im Oktober 1918 zum Staatssekretär (Minister) und beauftragte ihn mit der zentralen Rolle als Vorsitzender der deutschen Delegation bei den Waffenstillstandsverhandlungen. Nun war Erzbergers Tätigkeit zu weltpolitischer Bedeutung gelangt. Die Revolutionstage im November 1918 verbrachte er bei den Waffenstillstandsverhandlungen. In den Lauf der Dinge in Berlin konnte er dadurch nicht eingreifen. Ein Geburtsfehler der jungen Republik war es, in die Waffenstillstandsverhandlungen nicht die verantwortliche Militärführung sichtbar eingebunden zu haben; die verhängnisvolle Dolchstoßlegende hat darin ihren Ursprung.

Erzberger hat niemals Aufgaben, die er als notwendig empfand, gescheut, auch nicht die undankbaren. Seine Verunglimpfung und Verfemung hat ihren Ursprung vor allem in der Verhandlungsführung zum Waffenstillstand und seinem späteren Einsatz für die Annahme des Friedensvertrages von Versailles. Als Realpolitiker hatte er die Notwendigkeit des Waffenstillstands erkannt, weil er überzeugt war, in dieser miserablen Ausgangssituation dadurch wenigstens die Einheit des Reiches zu retten sowie die Zurückführung der Truppen sicherzustellen.

 

Rufmordkampagne „Fort mit Erzberger“

 

Sein entschlossenes Handeln ermöglichte Friedrich Ebert und der Reichsregierung, eine kommunistische Machtübernahme im Reich abzuwenden und den mühsamen Weg zur Errichtung der Weimarer Republik zu beschreiten. Auch über den Friedensschluss im Vertrag von Versailles hinaus stellte Erzberger sich Land und Partei zur Verfügung: Als Reichsfinanzminister ab Juni 1919 gelang ihm in wenigen Monaten die bedeutsame Reichsfinanzreform. Diese schuf ein komplett neues Steuersystem auf der Basis einer einheitlichen Besteuerung, mit einer progressiv ausgestalteten Einkommenssteuer und weiteren direkten und indirekten Reichssteuern sowie einer leistungsfähigen Reichsfinanzverwaltung. Die Grundzüge dieser Jahrhundertreform prägen bis heute das Steuersystem der Bundesrepublik Deutschland.

Mangels politischer und militärischer Alternativen hatte Erzberger auch die Annahme des Versailler Friedensvertrags befürwortet. Die rechtsradikale Hetze gegen Erzberger als „Volksverräter“ und „Novemberverbrecher“ verschärfte sich daraufhin. Als der frühere Staatssekretär des Inneren beziehungsweise der Finanzen Karl Helfferich eine Rufmordkampagne mit der polemischen Schrift Fort mit Erzberger startete, stellte Erzberger Strafantrag wegen Beleidigung. Aufgrund des politisch motivierten milden Gerichtsurteils der parteiischen Berliner Justiz gegen seinen Antipoden Helfferich trat Erzberger im März 1920 als Finanzminister zurück.

Matthias Erzberger betrieb seine Rehabilitierung und stand im Sommer 1921 kurz vor einem Comeback, als ihn im Schwarzwald die tödlichen Kugeln trafen. Die Trauerfeier in Biberach am 31. August 1921 mit Zehntausenden Teilnehmern geriet zu einem eindrucksvollen Bekenntnis für Erzberger, sein politisches Wirken und die junge Demokratie.

Die Nationalsozialisten taten ab 1933 alles, um den „Novemberverbrecher“ Erzberger zu stigmatisieren; seine Mörder kehrten mit allen Ehren aus dem Ausland zurück.

Die Weimarer Republik war als Anknüpfungspunkt für die Bonner Republik nur bedingt geeignet. So dauerte es lange, bis Matthias Erzberger seinen Ehrenplatz in der Galerie großer deutscher Politiker erhalten hat: 2004 wurde sein Geburtshaus in Buttenhausen durch den damaligen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Erwin Teufel, als Gedenkstätte eröffnet, 2011 ist auf Veranlassung des damaligen Bundesfinanzministers Wolfgang Schäuble der große Vortragssaal im Finanzministerium in Berlin nach ihm benannt worden, und 2017 setzte der seinerzeitige Bundestagspräsident Norbert Lammert durch, dass eines der Abgeordnetenhäuser des Bundestages Unter den Linden seinen Namen trägt. Dieser große Parlamentarier und Schrittmacher der Demokratisierung Deutschlands, der herausragende Finanzpolitiker, Zentrumspolitiker und Staatsmann verdient die Erinnerung.

Er ist eine der interessantesten Persönlichkeiten der deutschen Parlamentsgeschichte und hat in der kurzen Zeit seiner exekutiven Verantwortung Herausragendes geleistet. Mit der Erinnerung an Matthias Erzberger anlässlich des 100. Jahrestages seiner heimtückischen Ermordung werden zugleich die Gefahren gegenwärtig, die jedes demokratische Gemeinwesen durch Hass, Verleumdung, Extremismus und Gewalt bedrohen.

 

Christoph Palmer, geboren 1962 in Stuttgart, promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, war Abgeordneter, Staatssekretär und Minister in Baden-Württemberg.

 

Lesen Sie hier mehr:

Geschichte der CDU - Biogramm Matthias Erzberger, https://www.kas.de/de/web/geschichte-der-cdu/personen/biogramm-detail/-/content/matthias-erzberger

 

Literatur

Dowe, Christopher: Matthias Erzberger. Ein Leben für die Demokratie, Stuttgart 2011.

Epstein, Klaus: Matthias Erzberger und das Dilemma der deutschen Demokratie, München 1976.

Eschenburg, Theodor: Matthias Erzberger. Der große Mann des Parlamentarismus und der Finanzreform, München 1973.

Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hrsg.): Matthias Erzberger. Ein Demokrat in Zeiten des Hasses, Karlsruhe 2013.

Michalka, Wolfgang (Hrsg.): Matthias Erzberger. „Reichsminister in Deutschlands schwerster Zeit“, Potsdam 2002.

Palmer, Christoph: Reichsfinanzreform (Weimarer Republik), www.historisches-lexikon-bayerns.de/ Lexikon/Reichsfinanzreform_(Weimarer_Republik), 16.01.2018 [letzter Zugriff: 12.04.2021].

Palmer, Christoph / Schnabel, Thomas (Hrsg.): Matthias Erzberger 1875–1921, Patriot und Visionär, Stuttgart/Leipzig 2007.