von Hanns Jürgen Küsters

Über die Faszination der Deutschen für Gorbatschow

Hermann Wentker: Die Deutschen und Gorbatschow. Der Gorbatschow­-Diskurs im doppelten Deutschland 1985–1991, Metropol Verlag, Berlin 2020, 670 Seiten, 29,00 Euro.

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Seit jeher haben Deutsche ein ambivalentes Verhältnis zu russischen und sowjetischen Machthabern. Diese regieren meist bis ins hohe Alter mit harter Hand, verteidigen ihre Macht mit allen Tricks und Mitteln, wie es in diktatorischen Regimen üblich ist. Mitte März 1985 geschieht das Überraschende: Michail Gorbatschow, gerade 54 Jahre alt, wird zum Generalsekretär des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), mächtigster Posten in der Sowjetunion, gewählt. Er durchbricht damit die Riege alter kommunistischer Kämpen, die bisher das Sagen hatten.

Im geteilten Deutschland schwanken Urteile über die verjüngte Kremlspitze zwischen euphorischer Hoffnung auf Veränderungen und anhaltender Skepsis. In der Bundesrepublik rücken Unionsparteien und konservative Zeitungen nicht gleich von dem traditionellen Feindbild ab. Solange in Moskau Unfreiheit, Planwirtschaft und Willkür herrschen, die Sowjetunion unverändert über ein gewaltiges militärisches Bedrohungspotenzial verfügt, das sich gegen den Westen richtet, besteht kein Anlass, zu meinen, unter dem neuen Kommunistenchef ändere sich etwas. Gleichwohl nehmen solche Stimmen wachsende ökonomische Schwierigkeiten und technologisches Hinterherhinken des Landes wahr. Nicht zuletzt sind die Probleme verursacht durch die von US-Präsident Ronald Reagan in einer angespannten Phase des Kalten Krieges gegen die Sowjetunion ins Leben gerufene und am 23. März 1983 offiziell angeordnete Initiative zum Aufbau eines Abwehrschirms gegen Interkontinentalraketen, die Strategic Defense Initiative (SDI). Anhänger der Friedensbewegung, Grüne, liberale Entspannungsverfechter und die mehr Mitte-links-orientierte Presse sehen in Gorbatschows Abrüstungsbereitschaft den Beginn eines Wandlungsprozesses und einen Beleg für ihre These von der sowjetischen Friedfertigkeit.

Anfangs glaubt die Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) einerseits, von wirtschaftlichen Reformmaßnahmen des Kremls werde die marode DDR-Wirtschaft profitieren. Andererseits wachsen Befürchtungen, Glasnost und Perestroika könnten die Stabilität des eigenen Systems gefährden. Nach gut anderthalb Jahren Amtszeit versucht Gorbatschow, sich mit Abrüstungsvorschlägen bei Mittelstreckenwaffen als Friedenspolitiker international zu profilieren. Umso stärker divergieren in Bonn die Ansichten über eine angemessene Reaktion. Während viele vom rechten Flügel in CDU und CSU Helmut Kohls Meinung beipflichten, Gorbatschow sei nur ein Propagandist wie einst Joseph Goebbels, haben Entspannungsgläubige im Auswärtigen Amt Hans-Dietrich Genscher die Mahnung beigebracht, derlei neue Offerten des Kremlherrschers ernst zu nehmen.

 

Kontroverses Bild

 

Infolge des Verlaufs des Plenums des ZK der KPdSU im Januar 1987 bahnt sich allmählich ein Meinungswechsel an. Initiiert durch die Aufhebung der Verbannung des Dissidenten Andrei Sacharow im Dezember 1986 und Gorbatschows harsche Kritik an seinen Vorgängern und der ökonomischen Stagnation seit den 1970er-Jahren, verblassen grundsätzliche Zweifel an seiner Reformbereitschaft. Dennoch differieren die Einschätzungen. Sein Bild bleibt kontrovers. In der DDR verhilft Gorbatschows neuer Kurs oppositionellen Kräften, vornehmlich in Kreisen der Evangelischen Kirche, zum Aufschwung. Politische und gesellschaftliche Unzufriedenheit erhalten somit Schubkraft, was für das SED-Politbüro zusehends zum Problem wird. Es reagiert darauf mit einer strikten Abgrenzung von Gorbatschow.

Die wegen Kohls abfälliger Äußerung erkalteten Beziehungen auf Regierungsebene sucht Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Sommer 1988 bei seinem Besuch in Moskau in neues Fahrwasser zu lenken. Dadurch fühlt sich auch Genscher in seiner Ansicht bestätigt. In den Unionsparteien werden von angeblich Ewiggestrigen, die den Glauben an die Wiedervereinigung nicht aufgegeben haben, Forderungen laut, das Thema erneut auf die politische Tagesordnung zu setzen.

 

Reformer in Moskau, Systembewahrer in Ost-Berlin

 

Nach gut drei Jahren verfestigt sich der Eindruck von Gorbatschows neuer Rolle als Reformer, je mehr die Diskussionen über Abrüstungsmaßnahmen in Verhandlungen mit dem amerikanischen Präsidenten konkrete Gestalt annehmen. Für die Bundesregierung verschlimmert sich das sicherheitspolitische Dilemma. Reagan ist scheinbar gegenüber Gorbatschow zu weitgehenden Konzessionen beim Abbau der Mittelstreckenwaffen in Europa bereit. Zugleich nehmen Erich Honeckers Kritik an und die Anti-Stimmung in der SED gegen Gorbatschow zu, weil seine Reformpolitik als Systembedrohung verstanden wird und eine Abkehr von alten kommunistischen Glaubenssätzen impliziert. Reformer in Moskau und Systembewahrer in Ost-Berlin stehen sich unversöhnlich gegenüber – wohl wissend, dass die Existenz der DDR von der sowjetischen Macht abhängt. Damit bricht der Gegensatz zwischen SED-Oberen und der nach Veränderungen und Freiheit lechzenden Bevölkerung erst richtig auf.

Die Zustimmung zu Gorbatschows Reformen auf der XIX. Parteikonferenz der KPdSU im Juni 1988 ist für ihn ein innenpolitischer Erfolg über retardierende Kräfte, die sich gegen eine Entmachtung der Partei, Demokratisierung und Einführung eines teilweisen Parlamentarismus stemmen. Erschwert wird der Prozess durch die stagnierende Wirtschaft und ungelöste Nationalitätenprobleme. Aus bundesdeutscher Sicht ist zunächst Gorbatschows Friedensstabilisierung in Europa wichtiger als der Erfolg des Reformprojekts.

Seine Annäherung an Kohl und verbesserte Beziehungen zu Bonn verschärfen gleichzeitig den Konflikt mit Ost-Berlin. Im neuen „Haus Europa“, das Gorbatschow zu bauen anpreist, hat die DDR nach Ansicht der SED keinen Platz. Reformpolitik, wie er sie in der Sowjetunion beabsichtigt, stellt für die DDR eine existenzielle Gefahr dar. Jeder Vertrauensaufbau zur Regierung Kohl bewirkt einen Misstrauensschub bei den SED-Führern. Deren Reformunfähigkeit und -unwilligkeit entfremdet sie weiter von den Menschen. Gorbatschows Politik hat längst eine Eigendynamik erlangt. In den Augen der Bundesbürger erweckt sein Besuch im Juni 1989 in Bonn Zuversicht, eines Tages werde er den Deutschen vielleicht das Recht auf Selbstbestimmung gewähren, wie er es erstmals im Kommuniqué zusichert. In der Bevölkerung diesseits und jenseits der innerdeutschen Grenze wächst die „Gorbimanie“ unaufhörlich.

 

Anzeichen des Machtverlustes

 

Anlässlich des 40. Jahrestages der DDR-Gründung Anfang Oktober 1989 überstrahlt Gorbatschow den alten und kranken Honecker um Längen. Der Kremlchef gibt sich offen, bürgernah und modern, erscheint folglich als langersehnter Retter in der Not.

Für nüchternere Betrachter bleibt er zwar ein gewiefter Taktiker, der nach außen hin friedvoll erscheint, jedoch die widerspenstigen, orthodoxen Kräfte im eigenen Land nicht zu bändigen vermag. Dass er nach dem Mauerfall 1989 keine Truppen aufmarschieren lässt, wird vielfach als Selbstverständlichkeit angesehen. Allerdings kann er sich ein ähnliches Debakel, wie es die Führung der Kommunistischen Partei Chinas auf dem Pekinger Tian’anmen-Platz im Juni veranstaltet hat, nicht leisten. Fortan ist er Gefangener seines neuen Reformkurses, reagiert in den Verhandlungen über die Wiederherstellung der deutschen Einheit mehr, als dass er agiert. Dabei herrscht in Bonn die Sorge, selbst in die Zwickmühle zu geraten, wenn sich Gorbatschow gegen die Unabhängigkeitserklärungen der baltischen Staaten wendet und interveniert, wie es konservative Kräfte im Kreml fordern. In Zeiten wirtschaftlicher Schwäche, großer Versorgungsschwierigkeiten, besonders in den Wintermonaten 1989/90, und enormen Kapitalmangels hilft die Bundesregierung, um ihn und die Lage im Land zu stabilisieren. Tatsächlich sind es Anzeichen seines unaufhaltsamen Machtverlustes.

Die Deutschen feiern ihn im Herbst 1990 als Heilsbringer der Wiedervereinigung. Gorbatschow hat sich für die meisten von ihnen rentiert. In der sowjetischen Bevölkerung dagegen verliert er an Reputation. Für manche unverständlich, hat er die Siegestrophäe des Großen Vaterländischen Krieges – das Faustpfand DDR – hergegeben. Sein Image als Reformsozialist schwindet aufgrund des verlorenen Machtkampfs mit Boris Jelzin vollends, führt schließlich unaufhaltsam zum Zerfall der Sowjetunion Ende 1991. So bleibt er undurchschaubar, ein Mann mit vielen Gesichtern, in den unterschiedlichste Erwartungen und Ängste projiziert wurden. Sein Auftreten im westlichen Stil, mitgeprägt vom Glanz seiner intelligenten Frau Raissa, steht im Gegensatz zu Korruption, Schlamperei und Misswirtschaft im eigenen Land, die er nicht in den Griff bekommt.

Leser des Buches von Hermann Wentker erwartet eine interessante Perzeptionsstudie, die dem Einstellungswandel gesellschaftlicher und politischer Kräfte in beiden deutschen Staaten hinsichtlich eines der wichtigsten Kremlherrscher des 20. Jahrhunderts nachgeht. Leider ist die Sicht nur zweidimensional, eben deutschdeutsch zentriert. Inwieweit sie vom westlichen Ausland mit beeinflusst worden ist, bleibt offen.

 

Wolf im Schafspelz?

 

Diesem Ausschnitt deutsch-sowjetischer Beziehungen fehlt der tiefergehende Blick auf die eigentlichen Triebkräfte, somit die Ursachen des Gorbatschow-Diskurses. Aus welchen Gründen hat er seine Reformpolitik initiiert, inwieweit bewusst den Verlust der DDR riskiert oder gar herbeigeführt? Was wollte er eigentlich erreichen? Eine moderne Sowjetunion, die sich beiden deutschen Staaten annähert? Sieht er darin die einzige Möglichkeit, einen Teil der Kosten für die Modernisierung des kommunistischen Systems durch Aufgabe der DDR von der Bundesrepublik finanziert zu bekommen? Oder intendiert er hauptsächlich, die verkrustete sowjetische Sozialismus-Spielart zu reformieren? Dann wäre er lediglich ein Wolf im Schafspelz gewesen, dem der Kompass verloren ging, und die Skeptiker der ersten St- unde würden letztlich Recht behalten. Oder liegt eine festverwurzelte Sehnsucht in der russischen Seele, die über Jahrhunderte hinweg hin- und hergerissen ist zwischen Bewunderung der Deutschen, angespornt vom Willen, mit ihnen im Bündnis vereint zu sein, und der Abkehr, weil sie weiß, dass die Zentralmacht Europas den Herrschern in Moskau nie über den Weg traut?

Fest steht: Gorbatschow wird in Deutschland allein wegen der Wiedervereinigung Dankbarkeit und Verehrung entgegengebracht. Sein Faszinosum speist sich aus dem Umstand, dass er den meisten Deutschen ihren längst als unerfüllbar abgeschriebenen Wunschtraum nach nationaler Einheit plötzlich und vollkommen unerwartet erfüllte. Welche Schmerzen, berechtigt oder unberechtigt, er bis heute vielen seiner Landsleute über das verlorengegangene Sowjetimperium und Ansehen als Weltmacht bereitet, hat nach seinem Sturz die wiedervereinte deutsche Nation wenig interessiert. Die Gründe dafür bleiben unbeantwortet, verdienen jedoch trotz aller Begeisterung eine gründlichere Untersuchung.

 

Hanns Jürgen Küsters, geboren 1952 in Krefeld, Dr. rer. pol., apl. Professor, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 2009 bis 2018 Leiter der Hauptabteilung Wissenschaftliche Dienste /Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Konrad-Adenauer-Stiftung.