„Inflation ist nichts anderes als eine entschädigungslose Enteignung zugunsten der öffentlichen Hand.“ Dieser Satz von Ludwig Erhard bringt in zugespitzter Form auf den Punkt, worum es im Kern beim Geld geht: um Vertrauen. Geld ist kein bloßer Unterstützer von Tauschprozessen, sondern eine tragende gesellschaftliche Institution, deren Stabilität über Ordnung und Wohlstand in unserer Gesellschaft entscheidet.
Im Alltag erscheint uns Geld selbstverständlich – als Zahlungsmittel, als Kontostand, als Preisetikett. Doch ist diese Selbstverständlichkeit trügerisch. Sobald Geld seine Stabilität verliert, sei es durch Inflation oder Deflation, geraten nicht allein wirtschaftliche Abläufe ins Stocken, sondern auch gesellschaftliche Strukturen unter Druck.
Die ursprünglichste und anschaulichste Funktion des Geldes ist die des Tauschmittels. In einer Naturalwirtschaft erfordert jeder Austausch eine doppelte Übereinstimmung der Bedürfnisse: Wer Brot anbietet, muss jemanden finden, der nicht nur Brot nachfragt, sondern zugleich etwas besitzt, das der Bäcker wünscht. Geld durchbricht diese Beschränkung, indem es als allgemein akzeptiertes Zwischenmedium fungiert. Diese Funktion reduziert Transaktionskosten und ermöglicht eine Spezialisierung aller Akteure im Wirtschaftsgeschehen. Moderne Volkswirtschaften mit komplexen Produktionsketten wären ohne ein funktionierendes Tauschmedium undenkbar. Geld ist insofern nicht nur ein neutrales Hilfsmittel, sondern auch die Voraussetzung für eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung.
Inflation untergräbt Vertrauen
Neben seiner Rolle im Austausch dient Geld als Mittel zur Übertragung von Kaufkraft über die Zeit. Individuen können Einkommen sparen und zu einem späteren Zeitpunkt verwenden. Diese Funktion setzt jedoch voraus, dass Geld einen stabilen Wert behält. Genau hier liegt eine zentrale Schwachstelle: Geld ist nur ein gutes Wertaufbewahrungsmittel, solange Vertrauen in seine Stabilität besteht. Inflation untergräbt diese Eigenschaft, indem sie die Kaufkraft des Geldes schleichend oder abrupt reduziert. In extremen Fällen kann Geld seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel vollständig verlieren. Deutschland hat hiermit im letzten Jahrhundert eine bis heute prägende Erfahrung gemacht: Die Hyperinflation zu Beginn der 1920er-Jahre hat die Menschen massenhaft verarmt. Diese Erfahrung hat sich so stark ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, dass sie bis heute die Einstellung zur Geld- und Wirtschaftspolitik prägt.
Geld vermittelt darüber hinaus einen allgemeinen Wertmaßstab: Es macht die Werte heterogener Güter und Dienstleistungen mess- und vergleichbar. Erst dies ermöglicht die Bildung eines Preissystems: Preise, die in Geld ausgedrückt werden, koordinieren dezentrale Entscheidungen in einer Gesellschaft und steuern so die Verteilung knapper Ressourcen.
Um zu verstehen, wie Geld im modernen Finanzsystem wirkt, lohnt sich ein Blick auf seine aktuellen Erscheinungsformen. Zentralbankgeld bildet die Basis des Geldsystems. Es umfasst das physische Bargeld sowie die Guthaben von Geschäftsbanken bei der Zentralbank. Für private Haushalte ist Bargeld die sichtbarste Form, doch im Hintergrund spielt Zentralbankgeld vor allem im Interbankenverkehr eine zentrale Rolle. Eine neue Form dieses Zentralbankgeldes ist mit dem digitalen Euro geplant. Er wird das Bargeld nicht ersetzen, sondern in einer zunehmend digitalen Welt ergänzen. Da Zentralbankgeld von einer staatlichen Institution emittiert wird, gilt es als besonders sicher und bildet den Anker des Finanzsystems.
Demgegenüber existiert der überwiegende Teil des im Umlauf befindlichen Geldes nicht physisch, sondern als Giralgeld auf Bankkonten. Diese auch „Buchgeld“ genannte Form entsteht im Wesentlichen durch Kreditvergabe: Wenn eine Geschäftsbank einen Kredit gewährt, schafft sie gleichzeitig eine Einlage und schöpft damit neues Geld. Giralgeld ist somit kein bloßes Abbild von Zentralbankgeld, sondern eine eigenständige Geldform, deren Stabilität maßgeblich vom Vertrauen in das Bankensystem abhängt.
Fatale Erfahrungen mit der Geldentwertung
Die Möglichkeit der Geldschöpfung durch Banken ist für das Funktionieren einer Volkswirtschaft zentral. Durch sie werden Investitionen und Wachstum ermöglicht. Gleichzeitig birgt sie allerdings Risiken. Wird die Geldmenge schneller ausgeweitet als die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, kann dies zu Inflation führen.
Besonders umstritten waren in diesem Zusammenhang die unorthodoxen geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbanken nach der Finanzkrise 2008 und der europäischen Staatsschuldenkrise 2012. Da die Leitzinsen bereits bei null lagen, zugleich aber weitere geldpolitische Lockerungsmaßnahmen gewünscht waren, haben die großen Zentralbanken in den westlichen Industrieländern ihre Bilanzen hauptsächlich durch den Ankauf von öffentlichen und privaten Anleihen massiv ausgeweitet.
Dass diese nie da gewesene Aufblähung der Zentralbankbilanzen ohne größere Folgen für die Verbraucherpreisinflation blieb, lag vor allem daran, dass das zusätzliche Geld von den Geschäftsbanken überwiegend bei den Zentralbanken „geparkt“ wurde. Die Kreditnachfrage war in dieser Krisenphase schwach und die Risikobereitschaft der Banken gering. Das von den Zentralbanken geschaffene Geld wurde also nur begrenzt nachfragewirksam, und der Inflationsdruck blieb bei Waren und Dienstleistungen gering. Etwas anders liegt der Befund allerdings mit Blick auf die Vermögenswerte, denn im Zuge der unorthodoxen Geldpolitik sind die Preise nahezu aller Vermögenswerte – von Aktien und Anleihen über Gold bis hin zu Immobilien – massiv gestiegen. Diese Entwicklung haben viele Ökonomen zu einem erheblichen Teil der ungewöhnlich lockeren Geldpolitik dieser Jahre zugeschrieben.
Hyperinflation stellt auf der einen Seite den Extremfall dar, in dem Geld seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel nahezu vollständig verliert. Auf der anderen Seite steht die Deflation, also ein anhaltender Rückgang des Preisniveaus. Auf den ersten Blick mag dies vorteilhaft erscheinen, da Güter und Dienstleistungen günstiger werden. Tatsächlich führt Deflation jedoch oftmals zu einer Verschiebung von Konsum in die Zukunft: Wenn Preise morgen niedriger sind, wird heute weniger gekauft. Dies kann eine Abwärtsspirale aus sinkender Nachfrage, schrumpfender Produktion und steigender Arbeitslosigkeit auslösen. Ein prominentes Beispiel war Japan, dessen Wirtschaft sich nach dem Platzen einer gigantischen Spekulationsblase Ende der 1980er-Jahre nur mühsam aus seiner deflationären Entwicklung befreien konnte. Der Preis hierfür war hoch, unter anderem in Form einer Staatsverschuldung in Rekordhöhe von mehr als 250 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt.
Verlust der Lenkungsfunktion
Eine weniger offensichtliche, aber zentrale Folge von Inflation ist die Verzerrung relativer Preise. Preise enthalten Informationen über Knappheiten und Präferenzen. Wenn Inflation nicht gleichmäßig wirkt, sondern einzelne Preise unterschiedlich stark steigen, wird diese Informationsfunktion gestört. Treffen Unternehmen und Haushalte Entscheidungen auf Basis verzerrter Signale, kommt es zu Fehlallokationen von Ressourcen – und damit zu erheblichen Wohlfahrtsverlusten.
Preise koordinieren in einer Marktwirtschaft eine unendlich hohe Zahl dezentraler Entscheidungen. Wird das Preisniveau allerdings instabil, verliert Geld diese Lenkungsfunktion. Dabei sind staatliche Preisdeckel problematisch: Sie zielen darauf ab, Symptome der Inflation zu bekämpfen, unterdrücken jedoch Preissignale. Knappheiten werden somit nicht mehr sichtbar, was häufig zu Rationierung, Schwarzmärkten oder Qualitätsverlusten führt.
Inflation wirkt wie eine verdeckte Umverteilung. Sachwerte wie Immobilien oder Aktien profitieren oft, während Geldvermögen an Wert verlieren. Haushalte mit geringem Einkommen, die einen größeren Anteil ihres Vermögens in liquider Form halten, sind besonders betroffen. Diese Effekte verstärken gesellschaftliche Ungleichheiten und untergraben das Vertrauen in wirtschaftliche Institutionen. Besonders problematisch ist Inflation, wenn sie unerwartet auftritt. Dann werden bestehende Verträge im Kern verändert: Gläubiger verlieren, während Schuldner profitieren. Diese Umverteilung erfolgt ohne explizite politische Entscheidung und wird daher zu Recht als willkürlich wahrgenommen. Zugleich erschwert unerwartete Inflation eine langfristige Planung. Investitionsentscheidungen werden unsicherer, da künftige Preise schwerer zu kalkulieren sind.
Die innere Stabilität des Geldes bezieht sich auf die Stabilität seines Wertes im Inland, also auf ein möglichst stabiles Preisniveau. Sie ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Geld seine Funktionen erfüllen kann. Zentralbanken verfolgen daher in der Regel ein Inflationsziel, das weder zu hoch noch zu niedrig ist.
Durchgesetzt hat sich bei den meisten Zentralbanken eine Zielgröße von zwei Prozent. Dieses moderate Maß an Inflation wird toleriert, um Deflationsrisiken zu vermeiden und Anpassungsprozesse zu erleichtern. An dieser Stelle sei angemerkt, dass der Euro der D-Mark hinsichtlich der Preisstabilität in nichts nachsteht. Im Gegenteil: Gemessen an der durchschnittlichen jährlichen Inflation hat er sich im Vergleich zur D-Mark als wertbeständiger erwiesen.
Die äußere Stabilität betrifft den Wechselkurs gegenüber anderen Währungen. Starke Schwankungen können den internationalen Handel beeinträchtigen und Unsicherheit erzeugen. Eine stabile Währung erleichtert Investitionen und wirtschaftliche Integration. Innere und äußere Stabilität stehen dabei in einem Spannungsverhältnis: Maßnahmen zur Stabilisierung des Preisniveaus können Auswirkungen auf den Wechselkurs haben und umgekehrt. Was das betrifft, kann sich die Bilanz des Euro sehen lassen: Gemessen an seinem Außenwert, also gewichtet gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner, befindet sich der Euro auf einem historisch hohen Niveau.
Stabiles Geld: Anker der Sozialen Marktwirtschaft
Wie blickt die CDU auf dieses Thema? Wichtigste Schnittstelle ist unser ordnungspolitisches Credo: die Soziale Marktwirtschaft. Sie war der Treiber einer großen Wohlstandsmehrung in den acht Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg.
Funktionieren kann eine Marktwirtschaft jedoch nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Zentral dabei sind individuelle Anreize und die Freiheit, unternehmerisch handeln zu können. Ebenso wichtig ist, dass die Preise ihre Lenkungsfunktion übernehmen können. In einer Volkswirtschaft sind täglich unzählige Entscheidungen zu treffen: Welche Güter sollen wie, von wem und in welcher Menge produziert werden? Und wer konsumiert diese Waren- und Dienstleistungen in welcher Höhe? Sämtliche Versuche, dies zentral zu planen, sind kläglich gescheitert.
Eine Marktwirtschaft, die wirklich funktioniert, ist die, in der Preissignale zu einer effizienten Verteilung knapper Güter führen. Steigt zum Beispiel der Preis für ein Gut, sinkt die Nachfrage, denn Menschen schränken sich ein oder weichen auf substituierbare Produkte aus. Noch wesentlicher aber ist, dass das Angebot wieder steigt, denn bestehende und neue Produzenten sehen Möglichkeiten, Gewinn zu erwirtschaften. Je stärker das Angebot steigt, umso eher werden die Preise wieder sinken, und es wird sich ein neues Gleichgewicht mit einem oftmals höheren Wohlstandsniveau einstellen.
Gerade weil dieser Mechanismus so wirkmächtig ist, unterstützt ihn die CDU. Viele politische Mitbewerber haben wenig Scheu, in den Preismechanismus einzugreifen. Sie fordern eine allgemeine Preisaufsicht in Bereichen wie Mobilität, Gesundheit oder Finanzen. Sie fordern Mieten- oder Preisdeckel. Die Folgen davon wären negativ: Weil die Nachfrage aufgrund künstlich reduzierter Preise hoch gehalten würde und die Anreize zur Angebotserhöhung damit vernichtet würden, käme es zu Knappheiten – und damit zu einem Wohlstandsverlust. Die Union hat stets verstanden, dass die freie Preisbildung wesentlich zu einer funktionierenden Marktwirtschaft gehört und nur so „Wohlstand für alle“ entstehen kann.
Geld ist weit mehr als ein neutrales Tauschmittel. Es ist ein zentrales Koordinationsinstrument moderner Gesellschaften, dessen Funktionsfähigkeit auf Vertrauen und Stabilität beruht. Inflation und Deflation sind keine rein technischen Phänomene, sondern greifen tief in wirtschaftliche Prozesse und gesellschaftliche Strukturen ein. Eine stabile Geldordnung ist daher keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis institutioneller Gestaltung und kontinuierlicher geldpolitischer Steuerung. Ihre Sicherung ist eine der zentralen Herausforderungen moderner Wirtschaftspolitik.
Klaus Wiener, geboren 1962 in Nordhorn, promovierter Volkswirt, Bundestagsabgeordneter und Obmann im Ausschuss für Wirtschaft und Energie sowie Mitglied im Finanzausschuss, Bundesvorstandsmitglied der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) und Vorsitzender der MIT-Bundesfachkommission Wirtschaft.