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Gesellschaftliches und politisches Interesse junger Menschen in unterschiedlichen Lebenswelten

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Wer erfolgreich Angebote für Jugendliche gestalten will, muss seine Zielgruppe verstehen; das gilt für das kommerzielle Marketing ebenso wie für die soziale Arbeit und die politische Bildung. Will man Jugendliche erreichen, muss man ihre Werte, Lebensziele, Lebensstile, ästhetischen und medialen Präferenzen kennen und nachvollziehen können. Um thematische Einflugschneisen für die politische Bildungsarbeit zu identifizieren, hat das SINUS-Institut die Lebenswelten und politischen Interessenlagen Jugendlicher im Rahmen der Studie „Wie ticken Jugendliche 2012?“ exploriert. Dieser Artikel fasst die zentralen Befunde dieser qualitativen Studie zusammen und geht der Frage nach, inwiefern Jugendliche an gesellschaftlichen und politischen Themen interessiert sind und welche Einstellungen sie zu Politik, Politikern und Wahlen haben. Nachfolgende Grafik stellt das Panorama jugendlicher Lebenswelten, mit dem wir es heute zu tun haben, kurz vor. (Sie entspricht dem SINUS-Lebensweltenmodell U 18).

Die Zeit der großen Utopien und rebellischen Jugendbewegungen scheint vorbei. Jugendliche sind heute vor allem am gegenwärtig Machbaren, das heißt an realistischen Optionen, orientiert. Ihre Sorgen kreisen im Wesentlichen um die eigenen Zukunftsperspektiven. Vor allem die Entwicklungen der globalisierten Wirtschaft verunsichern Jugendliche, die eine steigende Unberechenbarkeit und eine zunehmende Arbeitsmarktunsicherheit wahrnehmen. Diese Phänomene werden jedoch weniger als gesellschaftspolitische Aufgaben, sondern vor allem als persönliche Herausforderungen verstanden.

 

Nicht unbedingt politikverdrossen

Dabei verlieren die Jugendlichen jedoch die sie umgebende Gesellschaft und deren Probleme nicht aus dem Blick. Viele haben ein ausgeprägtes Ungleichheitsbewusstsein, für das sie „Datenmaterial“ im eigenen Alltag erheben, aus den Medien beziehen (zum Beispiel Hartz-IV-Thematik) und über die Schule vermittelt bekommen. Auffällig ist, dass zwar zuvorderst die formal höher gebildeten Jugendlichen Interesse an sozialpolitischen Themen äußern, die „dichtere“ Beschreibung von Ungerechtigkeiten – zumindest in Bezug auf die unmittelbare eigene Lebenswelt – jedoch von den sozial Benachteiligten vorgetragen wird. Sie thematisieren verschiedene soziale Problemfelder wie zum Beispiel Bezug von Transferleistungen, Armut, Benachteiligung aufgrund von Ethnie und nationaler Herkunft (bis hin zu Diskriminierung), Wohnen in sozialen Brennpunkten, Gewalt. Obwohl diese Probleme breit wahrgenommen werden, engagieren sich aber am ehesten die bildungsnahen Jugendlichen gegen soziale Missstände.

Versteht man unter „politisch sein“, klassische politische Themenfelder sowie Politikerinnen und Politiker benennen zu können, systematisch die politische Berichterstattung zu verfolgen, den Diskurs politischer Kreise wahrzunehmen sowie die Festigung und Begründung einer bestimmten Parteipräferenz, so können heute die wenigsten Jugendlichen als politisch bezeichnet werden. Bei Sozialökologischen und Konservativ-Bürgerlichen sind das Interesse an politischen Akteuren, politisch-historischen Ereignissen, Abläufen und aktuellem Geschehen sowie das Wissen über diese Sachverhalte noch am größten, bei den formal niedriger gebildeten Jugendlichen erwartungsgemäß am geringsten. Aus dem Spektrum der klassischen politischen Themenfelder interessieren Jugendliche am ehesten gesellschaftliche (Un-) Gerechtigkeit, Sinn und Unsinn von Hartz IV, Energiepolitik, Umweltpolitik und manchmal Schul- oder Bildungspolitik. Auffällig ist, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund die soziale Absicherung und den Arbeitsmarkt in Deutschland häufig sehr viel besser bewerten als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. Ihre Einschätzung speist sich meist aus dem Vergleich der wahrgenommenen Verhältnisse in Deutschland mit den (eigenen oder überbrachten) Erfahrungen aus den Herkunftsländern. Jugendliche sind nicht notwendigerweise politikverdrossen, aber doch (noch) weitgehend leidenschaftslos, was Politik betrifft. Sie wägen pragmatisch ab, in welche Themen Zeit investiert werden soll. Scheint das Thema keinen Bezug zum Alltag zu haben oder völlig außerhalb eigener Einflussmöglichkeiten zu liegen, sehen sie keinen Grund, sich damit zu beschäftigen; dies gilt etwa für die Finanzkrise.

Fasst man den Politikbegriff weiter, sind Jugendliche keineswegs politikfern. Versteht man unter „politisch sein“, sich für Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft und die Gestaltung von Lebensräumen zu interessieren, Sprachrohre zu suchen, die die eigenen Probleme, Sehnsüchte und Interessen in „ihrer“ Sprache artikulieren können, Bereitschaft, sich für andere, sich persönlich für konkrete soziale Probleme im eigenen Umfeld zu engagieren, dann finden sich sowohl bei bildungsaffinen als auch bei bildungsfernen Jugendlichen deutliche Spuren von Interesse und Teilhabe an Politik. Jugendliche selbst übernehmen jedoch den dominanten engen Politikbegriff – und sind sich daher oft überhaupt nicht bewusst, dass sie sich politisch äußern. Das gilt insbesondere für die bildungsbenachteiligten Jugendlichen. Selbst die politische Dimension eines Engagements als gewählte Vertreter/-innen in Schul- oder Vereinszusammenhängen wird kaum wahrgenommen.

Verdrossenheit gegenüber institutionalisierter Politik zeigt sich am stärksten in den Lebenswelten der Prekären und der Materialistischen Hedonisten. Thematische Überforderung und gesellschaftliche Ausgrenzungserfahrungen im Alltag, gleichzeitig die Wahrnehmung, dass sich Politik nicht um ihre Sorgen und Nöte kümmert, münden in dieser Lebenswelt in eine reaktive Grundhaltung.

 

Popkulturelle Diskurse

Empfänglich sind die bildungsbenachteiligten Jugendlichen vor allem für medienwirksam inszenierte politische Themen. Hier ist deutlich erkennbar, dass Medien, in erster Linie das (Privat-)Fernsehen, in hohem Maße als Orientierungsgeber funktionieren. Expeditive und Sozialökologische lassen im Vergleich dazu ein sehr breit gefächertes Informationsverhalten erkennen, das sich über persönliche Gespräche, die Lektüre von Zeitungen, Magazinen oder Onlineangeboten bis hin zum Schulunterricht erstreckt. Auffällig ist hier, dass auch popkulturelle Diskurse als Anknüpfungspunkte dienen. Der Großteil der (bildungsnahen) Jugendlichen bezieht sich bei der Frage nach politischen Themen jedoch vergleichsweise leidenschaftslos auf das, was im Schulunterricht besprochen wird.

Politikerinnen und Politiker sind keine Feindbilder für Jugendliche, sie sind aber auch keine Hoffnungsträger. Sie werden meist emotional indifferent als „ungreifbare Wesen“ wahrgenommen. Alles in allem gelten Politikerinnen und Politiker als austauschbar, profillos, machtmotiviert und volksfern („alle sehen gleich aus“, „alle reden dasselbe“, „alle lügen“). Die Jugendlichen zeigen sich zwar insgesamt enttäuscht von den politischen Vertreterinnen und Vertretern, tragen diese Kritik jedoch relativ teilnahmslos vor. Lediglich von den Konservativ-Bürgerlichen werden Politikerinnen und Politiker vereinzelt als Vorbilder genannt. Aus der Perspektive bildungsfernerer Jugendlicher erscheinen Politikerinnen und Politiker übermächtig; in den sehr modernen und bildungsnahen Milieus mit ihrer globalisierungskritischen Perspektive werden die politischen Akteure hingegen oft als machtlos beschrieben („Marionetten der Finanzmärkte“).

Die Bedeutung von Wahlen für die Demokratie und das Zusammenleben in der Gesellschaft ist in den Gruppen mit mittlerer und höherer Bildung unbestritten. Entsprechend sind sich viele Jugendliche sicher, auch wählen zu gehen, wenn es so weit ist und wollen sich dann auch informieren. Bei Konservativ-bürgerlichen und Sozialökologischen Jugendlichen handelt es sich dabei um ein intrinsisch motiviertes Anliegen, bei Adaptiv-pragmatischen Jugendlichen spielt auch der soziale Druck eine Rolle. In den bildungsbenachteiligten Lebenswelten weicht die Motivation, wählen zu gehen, schnell der Resignation, da man meint, nichts mit der eigenen Stimme bewirken zu können. Diese Einstellung ist vor allem bei den Prekären Jugendlichen weit verbreitet.

 

Übersetzung in die jugendliche Lebenswelt

Die Ergebnisse der SINUS-Studie „Wie ticken Jugendliche 2012?“ sollen dazu ermutigen, die real existierenden Themeninteressen der Jugendlichen zum Bestandteil politischer Bildungsarbeit zu machen – und zwar sowohl in den Angeboten für die Jugendlichen selbst als auch in den Angeboten, die sich an (schulische wie außerschulische) Multiplikatoren richten. Als Umsetzungsbeispiel lässt sich etwa die bpb-Reihe Entscheidung im Unterricht nennen, die das jugendliche Kernthema „Respekt“ aufgreift.

Politische Bildner sind also aufgerufen, noch stärker als bisher „Übersetzungsarbeit“ zu leisten, um ihr politisches Curriculum in die Lebenswelt der Jugendlichen zu transportieren – und zwar auf mehreren Ebenen: inhaltlich, sprachlich, didaktisch, medial. Erst wenn Jugendliche das Gefühl haben, dass sie von politischen Themen auch persönlich tangiert sind, besteht die Chance, dass sie ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten erkennen und erweitern.


Marc Calmbach, geboren 1974 in Ostfildern, Dipl.-Wirtsch.Ing., Direktor der Sozialforschung am SINUS-Institut.


Literatur

Thomas, Peter/Calmbach, Marc: Jugendliche Lebenswelten: Perspektiven für Politik, Pädagogik und Gesellschaft, Heidelberg 2012, Springer Spektrum.

Calmbach et al.: Wie ticken Jugendliche 2012? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): „Respekt. Eine Frage der Ehre?“, Folge 2 /2011 in der Reihe „Entscheidung im Unterricht“, Bonn 2012.

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