Asset-Herausgeber

Über die historischen Wurzeln von Massenabschiebungen in den USA

Die historischen Wurzeln von Massenabschiebungen in den USA reichen weit zurück. Migration, Arbeit, Ausgrenzung und Rassismus sind dabei seit der Kolonialzeit eng miteinander verflochten.

„Die Ernte ist eingebracht, und die Pfirsiche verrotten,
Die Orangen liegen gestapelt in ihren mit Kreosot behandelten Halden,
Sie fliegen sie zurück zur mexikanischen Grenze
Um ihr ganzes Geld zu bezahlen, um wieder zurück zu waten“

Woody Guthrie, „Plane Wreck at Los Gatos“, 1948

Im Januar 1948 schrieb der einflussreiche US-amerikanische Folk-Sänger Woody Guthrie das ein Jahrzehnt später von Martin Hoffman vertonte Protestlied „Plane Wreck at Los Gatos“, auch „Deportee“ genannt. Bereits zu dieser Zeit, mehr als sechs Jahre vor der brutalen Massenabschiebung mexikanischer Einwanderer*innen durch die US-Regierung, wurden Migrant*innen zwangsweise verschleppt. Guthrie beschreibt in dem Lied die bedeutsame landwirtschaftliche Arbeit, die viele Migrant*innen zu jener Zeit leisteten, und die Anonymisierung ihrer Leben, die bei Los Gatos, Kalifornien, mit einem Flugzeugabsturz endeten: 32 Menschen – vier US-Amerikaner*innen und 28 mexikanische Landarbeiter*innen –, die von Kalifornien zurück nach Mexiko deportiert werden sollten, starben. Heute klingt das Lied aktueller denn je.

Ob in Los Angeles, Portland, Minneapolis, Washington, D.C. oder in Kleinstädten: Im vergangenen Jahr zeigten Medienberichte eindringlich, welcher gewaltsamen Behandlung vermeintliche Migrant*innen, vor allem BIPoC-Menschen[1], in den USA ausgesetzt sind. Dieser Umgang ist keine Ausnahme, sondern eine Konstante mit tiefen historischen Wurzeln. Der erfolgreiche US-amerikanische Rockmusiker Bruce Springsteen schreibt häufig Lieder über die Arbeiterklasse der USA und singt seit Jahrzehnten Guthries Protestsong „Deportee“. Eine Strophe handelt vom Tod der Migrant*innen: „Wir sind in euren Hügeln gestorben, wir sind in euren Wüsten gestorben. / Wir sind in euren Tälern gestorben und auf euren Ebenen gestorben. / Wir sind unter euren Bäumen gestorben und wir sind in euren Büschen gestorben. / Auf beiden Seiten des Flusses sind wir auf die gleiche Weise gestorben.“ Dieser, lange unbeachtete Liedtext wirft die Frage auf: Wessen Arbeit wird in den USA anerkannt? Wer gehört dazu?

Als im Januar 2026 in Minneapolis zwei weiße Menschen bei einer Demonstration gegen die Migrationsrichtlinien der US-Regierung getötet wurden, waren US-amerikanische Bürger*innen entsetzt. Erst zu diesem Zeitpunkt hatten viele von ihnen den Eindruck, dass die Regierung mit ihrer Migrationspolitik zu weit gegangen sei. In seinem neuesten Protestlied „Streets of Minneapolis“, geschrieben zum Gedenken an Renée Good und Alex Pretti, betont Bruce Springsteen, dass vor allem BIPoC-Menschen durch die aktuelle US-Migrationspolitik gefährdet sind. „Wenn deine Haut schwarz oder braun ist, mein Freund, kannst du auf der Stelle befragt oder abgeschoben werden,“ singt Springsteen.

In den Vereinigten Staaten von Amerika werden insbesondere indigene Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Latinx-[2] und BIPoC-Menschen ausgebeutet und vergessen – während in öffentlichen Debatten vorwiegend das Leid weißer männlicher Arbeiter instrumentalisiert wird. Die Maßnahmen der aktuellen US-Regierung zielen auch darauf ab, die Geschichtswissenschaft und ihren Auftrag, unangenehme historische Aspekte ans Licht zu bringen, zu behindern. Zudem sollen Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung zurückgedrängt werden – unter dem Vorwand, eine angebliche Benachteiligung weißer Männer auszugleichen. Seit der Gründung der US-amerikanischen Republik wurden Ressourcen wie Land, Wälder und Gewässer sukzessive der indigenen Bevölkerung geraubt und europäischen Einwanderern zur Verfügung gestellt. Die gewaltvolle Enteignung spiegelt sich in den aktuellen Vermögensverhältnissen wider. So verfügen indigene Haushalte in den USA im Durchschnitt über mehr als 90 Prozent weniger Vermögen als der durchschnittliche Haushalt weißer Menschen (Skipper 2023).

Indigene Arbeiter*innen werden sich auch künftig an die lange und konfliktreiche Geschichte des Kontinents Nordamerika erinnern. Sie bewirtschafteten das Land bereits mehr als zehntausend Jahre vor dessen Kolonisierung. 1606 gründete der britische König Jakob I. die Virginia Company mit dem Ziel, wirtschaftliche Vorteile für England zu erzielen. Bereits 1632 war es indigenen Menschen in der britischen Kolonie Virginia verboten, sich dem Vieh englischer Siedler zu nähern. Die ursprünglichen Bewohner*innen der späteren Vereinigten Staaten von Amerika wurden von Siedler*innen und Kolonist*innen als Kriegsfeinde angesehen. Seit Anfang der Kolonisierung Nordamerikas wurden indigenes Wissen und indigene Praktiken ignoriert oder gänzlich unterdrückt. Indigene Arbeiter*innen werden daher an vielen Orten und in vielen Epochen der US-Geschichte weder für die Bedeutung ihrer Arbeit noch ihres Wissens wertgeschätzt.

Die östlich von El Paso, Texas und Ciudad Juárez am Rio Grande verlaufende Grenzlinie zwischen Mexiko und den USA ist ein Beispiel für Eigentumsansprüche, die die Komplexität des Lebens „an beiden Seiten des Flusses“ missachten. Die 1848 nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg im Vertrag von Guadalupe Hidalgo festgelegte Grenze teilte eine Region mit langjährigen wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Verflechtungen. „Meines Vaters eigener Vater, er durchwatete diesen Fluss,“ schreibt Guthrie in „Deportee“ über den Rio Grande. „Sie haben ihm alles Geld abgenommen, das er in seinem Leben verdient hat; / Meine Brüder und Schwestern kamen, um an den Obstbäumen zu arbeiten, / Und sie fuhren auf dem Lastwagen, bis sie zusammenbrachen und starben.“ Guthrie betont die Bedeutung der Zugänglichkeit des Flusses und der Migrationsrichtlinien, die seit 1848 nichtweiße Menschen diskriminieren und ihnen die US-amerikanische Staatsbürgerschaft oftmals verweigert. An der willkürlich gezogenen Grenze zwischen Texas und Mexiko fanden seither immer wieder gewaltvolle Abschiebungen statt, wie etwa 1954/55, als Präsident Dwight D. Eisenhower zahlreiche Arbeiter*innen, die unter Lebensgefahr durch den Rio Grande gewatet waren, abschieben ließ.

Massenabschiebungen von Migrant*innen in den USA, ob 1948 oder 1954/55, sind oft in Vergessenheit geraten. Die Bedeutung der Arbeit von Menschen, die ohne gültigen Aufenthaltstitel im Land leben, wird häufig ignoriert. Das Recht, komplexe Verbindungen zu „Lebewesen der Natur“ – wie etwa zu einem Fluss – zu haben, wird negiert. Die Mobilität von BIPoC-Menschen wird eingeschränkt, um die wirtschaftlichen Interessen weißer Amerikaner*innen zu privilegieren. Diese Praxis wird durch staatliche Gewalt gestützt und hat ihre Wurzeln in der britischen Kolonialzeit Nordamerikas, als die landwirtschaftliche Arbeit indigener Menschen kriminalisiert und Eigentumsansprüche indigener und versklavter Menschen nicht anerkannt wurden. Das Vergessen und die Nichtanerkennung bedeuten jedoch nicht, dass ein Erinnern an Bewegungsfreiheit, Zugehörigkeit und Wertschätzung indigener Arbeit nicht möglich sind. Manulani Aluli Meyer, Professorin an der Universität Hawaii für indigene Epistemologie, schreibt: „Indigen ist einfach ein Synonym für das, was überdauert hat“ (Meyer 2013).

Europäische Kolonialmächte wie Großbritannien, Portugal, Spanien, Frankreich, Dänemark, die Niederlande und Schweden haben indigene und versklavte Menschen auf dem nordamerikanischen Kontinent aus ökonomischen Interessen ausgebeutet und damit indigene Gesellschaften in weiten Teilen zerstört. Arbeiter*innen war es meist nicht erlaubt, Arbeitsverträge abzuschließen. Sie wurden ermordet, versklavt, verjagt, eingesperrt oder bedroht – oftmals im Namen des Christentums. Aber eine Politik, die auf Einsperren und Ausgrenzung von Menschen gründet, scheitert auf Dauer, wie viele Deutsche aus eigener historischer Erfahrung wissen. Denn Menschen, die im Protestlied von Woody Guthrie „wie trockene Blätter“ herunterfallen, werden nicht vergessen.

Angeblich müssen sich nur circa 1,5 Prozent der Bevölkerung in der Öffentlichkeit äußern, um gesellschaftliche Meinungen zu beeinflussen, so eine These im Rahmen eines Podiumsgespräches zur Erinnerungskultur in den USA und Deutschland, das im März 2025 in der „Topographie des Terrors“ in Berlin stattfand. In seiner Halbzeitshow beim Super Bowl in Santa Clara im Februar 2026 hat der Musiker Benito Antonio Martínez Ocasio, besser bekannt als Bad Bunny, die lange Geschichte der vergessenen und geschmähten indigenen und Latinx-Migrant*innen sowie Woody Guthrie musikalisch in Erinnerung gerufen.

Zu Beginn würdigte er die puerto-ricanischen Kleinbauern und die Arbeiter*innen, die die Sklaverei und die Kolonisierung der Karibik überlebt haben. Gemeinsam mit vielen Tänzer*innen feierte Bad Bunny das Kleinunternehmerwesen, die Freude an Gemeinschaft, politischer Unabhängigkeit und überstaatlicher Zugehörigkeit. Die Performance schloss mit dem Bild eines gemeinsamen Amerikas, das Nord-, Zentral- und Südamerika miteinander verbindet. In einer Zeit, in der nur wenige Historiker*innen den Mut haben, historische Gewalt öffentlich zu thematisieren, übernehmen dies Musikerinnen wie Bad Bunny, Bruce Springsteen oder auch Beyoncé.

Die Massenabschiebung von Migrant*innen aus den USA ist eine beschämende offene Wunde, die ihren Ursprung in der Geschichte der US-amerikanischen Gesellschaft hat. Sie verdeutlicht, wie von Bruce Springsteen besungen, dass die Arbeiterklasse erst dann wirklich wahrgenommen wird, wenn man die Komplexität der Ursprünge heutiger gesellschaftlicher Ausgrenzungen begreift und anerkennt. Nicht alle Arbeiter*innen müssen um ihr Leben bangen, und nicht alle werden geschmäht. Ausgegrenzt werden in den USA vor allem BIPoC-Arbeiter*innen, und ganz besonders jene mit indigenen Wurzeln, die trotz katastrophaler Folgen der europäischen Kolonisierung für sich und ihre Familien eine Existenz zu etablieren suchen. Auch in Deutschland muss man die Komplexität der eigenen Kolonialgeschichte wahrnehmen, um Rassismus und die alltägliche Ausgrenzung von BIPoC-Menschen besser verstehen und bekämpfen zu können.

Woody Guthrie führte mit dem Lied „Deportee“ einen mutigen Kampf gegen Diskriminierung, denn die Ausbeutung von Migrantinnen und Migranten sichtbar zu machen, erfordert Mut. Gleichermaßen zeigt Bruce Springsteen in „Born in the USA“, dass Rassismus und Klassismus eng miteinander verflochten sind. Bad Bunny wiederum betont etwas noch Wichtigeres: Indigene, Latinx-Kleinunternehmer*innen und Kleinbauern werden die jetzigen Ausgrenzungen überleben, indem sie eine Politik der Einheit und der gemeinschaftlichen Freude am Leben verfolgen. Vielleicht werden sie irgendwann auch ihr ganzes Geld bezahlen, um wieder zurückzuwaten. Der Fluss – und auch Amerika selbst – gehört ihnen.

Helen A. Gibson, geboren 1983 in Charlottesville, Virginia, Historikerin am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien, Freie Universität Berlin.

Literatur:
Gibson, Helen A: „Felons and the Right to Vote in Virginia: a Historical Overview“, in: The Virginia News Letter, 91 Jg., Nr. 1, 2015, S. 1-9.
Guthrie, Woody: „Plane Wreck at Los Gatos“ („Deportee“), Woody Guthrie Publications, Inc. & TRO-Ludlow Music, Inc. (BMI), Mt. Kisco 1961.
Meyer, Manulani Aluli: „Holographic Epistemology: Native Common Sense“, in: China Media Research, 9. Jg., Nr. 2, 2013, S. 94-101.
Skipper, Katie J.: „Barriers to Indigenous Wealth“, in: Boeing Employees’ Credit Union (BECU) Blog, 21.11.2023.
Springsteen, Bruce: „Streets of Minneapolis“, Columbia Records & Sony Music Entertainment, Colts Neck 2026.

[1] „BIPoC“ steht für „Black, Indigenous and People of Color“ (Schwarze, Indigene und People of Color) und ist eine solidarische Selbstbezeichnung für Menschen, die Rassismus erfahren. Der Begriff betont die spezifischen Erfahrungen von Schwarzen und indigenen Menschen im Kontext von Kolonialismus und Unterdrückung [Anm. d. Redaktion].

[2] „Latinx“ (gesprochen „La-tí-nex“) ist ein geschlechtsneutraler Begriff für Menschen lateinamerikanischer Herkunft, der als inklusive Alternative zu „Latino“ oder „Latina“ im englischsprachigen Raum (insbesondere in den USA) entstand [Anm. d. Redaktion].

comment-portlet

Asset-Herausgeber