Ausgestorbene Berufe – Teil 1
Von Urinwäschern, Abtrittsanbietern und Kaffeeschnüfflern
Was heute kurios wirkt, war einst unverzichtbar. Unsere neue Serie erzählt die Geschichte ausgestorbener Berufe und zeigt, was sie über Alltag, Technik und Gesellschaft vergangener Jahrhunderte verraten.
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Der Abtrittsanbieter: diskrete Dienstleistung in geruchvollen Zeiten
Wir schreiben das Jahr 1758. Du stehst in einer geschäftigen Straße, du hast es eilig. Und du hast ein Problem. Der Weg in die eigene Wohnung: zu lang. Öffentliche Toiletten gibt es nicht. Was nun?
Dem Abtrittsanbieter (regional auch Nachtstuhlverleiher oder Eimermann genannt) begegnete man vor allem in dicht besiedelten Städten des 17. bis 19. Jahrhunderts. Er stellte Menschen in Not einen Eimer, Kübel oder Nachtstuhl zur Verfügung. Doch damit nicht genug: Er schirmte seine Kunden mit einem großen Mantel, Umhang oder Tuch ab, um ihnen ein Mindestmaß an Privatsphäre zu bieten. Der Vorgang fand in Hauseingängen, Hinterhöfen, Gassen oder an Straßenecken statt. Auch das Entleeren des Eimers gehörte zum Geschäft. In aller Diskretion, jedenfalls nach damaligen Maßstäben.
An der Arbeit des Abtrittsanbieters lässt sich ablesen, welche Rolle Scham und Geschlecht zu jener Zeit spielten. In Sachen Notdurft unterschieden die gesellschaftlichen Normen zwischen Männern und Frauen. Während die Männer sich in der Öffentlichkeit unauffällig erleichtern konnten, war es für Frauen in Anbetracht von Korsetts, Unterröcken oder Reifröcken nicht nur umständlich, es war auch stärker tabuisiert. Ein dringender Toilettengang außerhalb des Hauses barg für sie ein erhebliches Risiko sozialer Bloßstellung. Der Sichtschutz durch Mantel oder Tuch erfüllte daher nicht nur eine praktische Funktion, sondern auch eine moralische: Er sollte die Intimsphäre zumindest symbolisch wahren.
Der Abtrittsanbieter vereinte also eine Mischung aus mobiler Toilette, Sichtschutz und Entsorgungsdienst: alles in einer Person. Bezahlt wurde er meist in Münzen oder Naturalien, der Preis hing von Tageszeit, Ort und Dringlichkeit ab.
Gesellschaftlich stand er weit unten: Der Beruf galt als unrein und wurde von Menschen ausgeübt, die ohnehin am Rand der Gesellschaft lebten. Trotz der Geringschätzung, ihre Dienstleistung war unverzichtbar Oder anders: Niemand wollte mit ihnen gesehen werden, aber jeder war froh, dass es sie gab.
Allmählich verschwand der Beruf: So gab es immer häufiger Toiletten in Wohnhäusern, und im 19. Jahrhundert wurden vermehrt öffentliche Sanitäranlagen gebaut. Die Kanalisationen wurden verbessert, strengere Hygienevorschriften eingeführt. Ein wachsendes Scham- und Reinlichkeitsbewusstsein machte dem Berufsbild dann endgültig den Garaus.
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Zwischen Verbot und Genuss: Die Geschichte der preußischen Kaffeeschnüffler
Im 18. Jahrhundert wurde Kaffee in Europa vom exotischen Importgut zum begehrten Alltagsgetränk. Der Konsum nahm stetig zu. So auch in Preußen. Sehr zum Missfallen von König Friedrich II., besser bekannt als Friedrich der Große. Für ihn war Kaffee nicht nur ein bloßes Genussmittel. Er sah in ihm ein wirtschaftliches Problem und eine Gefahr für althergebrachte Konsumgewohnheiten. Das führte zu einem der ungewöhnlichsten und heute ausgestorbenen Berufe der Verwaltungsgeschichte: dem Kaffeeschnüffler.
Die preußische Wirtschaftspolitik des 18. Jahrhunderts war stark merkantilistisch. Es sollte möglichst wenig Geld ins Ausland abfließen. Kaffee musste jedoch teuer – unter anderem aus dem Osmanischen Reich – importiert werden, was die Staatskasse belastete. Jeder getrunkene Becher war nach dieser Logik ein wirtschaftlicher Verlust. Hinzu kam, dass Kaffee als Luxusgut galt, das, so Friedrichs Auffassung, nicht für breite Bevölkerungsschichten bestimmt sei. Auch die heimischen Bierbrauer beklagten sinkende Umsätze, da Kaffee zunehmend das traditionelle Morgenbier verdrängte. Selbst gesundheitliche Argumente wurden angeführt: Aufgrund der damaligen Röstverfahren hatte Kaffee einen besonders hohen Koffeingehalt: Man befürchtete, er mache abhängig.
Um den Kaffeekonsum einzudämmen, griff der Staat zu drastischen Maßnahmen. Zunächst wurden die Einfuhrzölle auf Kaffeebohnen erhöht und eine Luxussteuer eingeführt. Den Höhepunkt bildete jedoch die Kaffee-Verordnung vom 21. Januar 1781. Sie verbot Privatpersonen das Rösten von Kaffee. Nur staatlich konzessionierte Röstereien durften Bohnen verarbeiten: ein Monopol, das Kontrolle und Einnahmen sichern sollte. Doch ein Verbot auf dem Papier ließ sich nur durch Überwachung in der Praxis durchsetzen. Genau hier kam der Kaffeeschnüffler ins Spiel.
Kaffeeschnüffler waren staatlich eingesetzte Kontrolleure, deren Aufgabe darin bestand, illegal gerösteten oder konsumierten Kaffee aufzuspüren. Der Name war wörtlich zu verstehen: Frisch gerösteter Kaffee verströmt einen intensiven Duft, der selbst durch Fenster und Türen wahrnehmbar ist. Viele dieser Kontrolleure waren ehemalige Soldaten oder Beamte, denen man einen geschulten Geruchssinn und Disziplin zuschrieb. Sie durchstreiften Städte und Dörfer, hielten Ausschau nach verdächtigen Rauchschwaden und folgten dem Aroma der verbotenen Bohnen.
Ihre Befugnisse waren weitreichend. Kaffeeschnüffler durften Wohnungen, Küchen und Vorratskammern durchsuchen, Gerätschaften beschlagnahmen und Kaffeebohnen konfiszieren. Es wurde berichtet, dass sie den Trinkenden die Tassen sogar direkt aus den Händen nahmen. Besonders umstritten war die ausdrückliche Erlaubnis, Frauen „abzutasten und abzuriechen“, da Kaffeebohnen häufig am Körper versteckt wurden, etwa in Brustbinden von Marktfrauen. Solche Eingriffe in die Privatsphäre sorgten für massive Empörung und verstärkten den Hass auf die Kontrolleure zusätzlich.
Das Ansehen, das Kaffeeschnüffler in der Bevölkerung genossen, war entsprechend gering. Sie galten als Spitzel, Denunzianten und das personifizierte Symbol staatlicher Willkür. Kaffee war längst Teil des gesellschaftlichen Lebens geworden. Die bürgerlichen Kaffeekränzchen waren beliebte soziale Zusammenkünfte. Wenn Kontrolleure in solche Runden platzten, ging es nicht nur um den Kaffee, es war auch ein Eingriff in die Alltagskultur. Der Staat drang buchstäblich ins Wohnzimmer ein.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Statt den Konsum zu senken, befeuerte das Verbot den Kaffeeschmuggel. Bohnen wurden in Heu- und Kohleladungen versteckt, in Holzstapeln transportiert oder in Särgen geschmuggelt. Marktfrauen verbargen Vorräte in ihrer Kleidung. Heimlich geröstet wurde nachts, bei abgedichteten Fenstern oder in abgelegenen Gebäuden. Trotz hoher Strafen, der Kaffee war allgegenwärtig. Die Nachfrage war längst zu groß, um sie mit Verboten zu ersticken.
Die staatlichen Maßnahmen verfehlten ihr Ziel. Die Kontrollen waren zu aufwendig, die Verwaltungskosten hoch, und die Korruption untergrub die Durchsetzung des Verbots. Gleichzeitig entzogen Schmuggel und Schwarzhandel dem Staat jene Einnahmen, die man eigentlich hatte sichern wollen. Wirtschaftliche Schäden und der Verwaltungsaufwand überstiegen schließlich den Nutzen.
Nach dem Tod Friedrichs des Großen im Jahr 1786 setzte ein Umdenken ein. Unter seinem Nachfolger wurden die Restriktionen schrittweise gelockert. Das staatliche Kaffeemonopol und die Röstverbote wurden aufgehoben, und mit ihnen verschwand auch der Beruf des Kaffeeschnüfflers.
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Geld stinkt nicht: Die Arbeit der Urinwäscher
Im antiken Rom beginnt der Arbeitstag schon früh. Händler öffnen ihre Läden, Handwerker tragen Waren durch die Gassen, und aus einer Werkstatt dringt beißender Geruch. Große Tongefäße stehen dort in Reihen, gefüllt mit einer gelblichen Flüssigkeit. Ein Arbeiter steigt in einen der Bottiche und beginnt, mit den Füßen auf Stoffstücken herumzutreten. Der Geruch ist scharf und unangenehm. Die Flüssigkeit ist Urin, und der Mann, der in dem Bottich steht, übt einen im Alten Rom wichtigen Beruf aus: den des Urinwäschers.
Dieser Beruf hing eng mit der römischen Textilreinigung zusammen. In der Antike war Kleidung ein wertvoller Besitz, und besonders hochwertige Stoffe wie Wolle mussten regelmäßig gereinigt werden. Doch Seife war damals noch nicht weit verbreitet. Stattdessen nutzten die Römer eine andere Substanz, die sich als sehr wirksam erwies: menschlichen Urin. Frischer Urin enthält Harnstoff, der sich mit der Zeit in Ammoniak umwandelt. Ammoniak ist eine stark reinigende und entfettende Substanz – genau das, was man brauchte, um verschmutzte Kleidung zu säubern.
Die Werkstätten, in denen Kleidung gereinigt wurde, nannte man Fullonicae. Dort arbeiteten sogenannte Fullones, also Tuchreiniger oder Walker. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit bestand darin, verschmutzte Stoffe in großen Bottichen mit Wasser und gesammeltem Urin zu behandeln. Der Urin wurde zuvor aus öffentlichen Sammelgefäßen gewonnen, die an verschiedenen Stellen der Stadt aufgestellt waren. Bürger konnten dort ihre Notdurft verrichten, und der Inhalt wurde eingesammelt und zu den Werkstätten gebracht. Tatsächlich war diese Flüssigkeit so wertvoll, dass der römische Staat eine Zeit lang sogar eine Steuer darauf erhob. Der römische Kaiser Vespasian führte sie im 1. Jahrhundert nach Christus ein. Als sein Sohn Titus die Steuer kritisierte, soll Vespasian ihm eine Münze unter die Nase gehalten und gefragt haben, ob sie schlecht rieche. Daher übrigens der lateinische Ausspruch „pecunia non olet“: „Geld stinkt nicht“.
Die eigentliche Reinigung der Kleidung war körperlich anstrengend. Die Arbeiter stellten sich oft barfuß in die Behälter und traten auf den Stoffen herum, ähnlich wie beim Keltern von Trauben. Durch das Stampfen wurde die ammoniakhaltige Flüssigkeit tief in das Gewebe eingearbeitet. Schmutz, Fett und andere Verunreinigungen lösten sich aus den Fasern. Danach wurden die Kleidungsstücke gründlich mit Wasser ausgespült, manchmal auch mit Tonerde oder anderen mineralischen Stoffen behandelt, die zusätzlich reinigende Eigenschaften hatten. Anschließend hängte man die Textilien zum Trocknen auf oder bearbeitete sie weiter, etwa durch Bürsten oder Glätten.
Der Beruf des Urinwäschers war also kein eigenständiger Beruf, sondern Teil der Arbeit der Fullones. Dennoch war das Sammeln und Verwenden von Urin so zentral im Reinigungsprozess, dass man die daran beteiligten Arbeiter in der Rückschau oft als Urinwäscher bezeichnet. Ihre Tätigkeit war zwar unangenehm und gesellschaftlich nicht sonderlich angesehen, doch im Alltag der römischen Städte war sie wichtig. Saubere Kleidung war ein Zeichen von Ordnung und sozialem Status, besonders für wohlhabendere Bürger, die ihre Gewänder regelmäßig reinigen ließen.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden Seifen und andere chemische Reinigungsmittel immer weiter verbessert. Diese Produkte waren nicht nur effektiver, sondern auch deutlich angenehmer in der Anwendung. Und der Beruf des Urinwäschers verschwand.
Jona Thiel, geboren 1999 in Troisdorf (Nordrhein-Westfalen), ist studierter Geschichts- und Politikwissenschaftler. Er publiziert als freier Journalist und fungiert als Sprecher, sowie Autor der Forschungsgruppe "Afrika" des Think Tanks "Kölner Forum für Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik". Zudem ist der Historiker als Autor für die Forschungsgruppe "Friedens- und Konfliktforschung" tätig, seit 2024 ist er stellvertretender Vorstand des BSH Trier (Bundesverbandes Sicherheitspolitik an Hochschulen. Thiel führt einen Blog, welcher sich primär historischen und außenpolitischen Themen zuwendet (Instagram: @gepo.global).