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„Eine tödliche Abwärtsspirale“

Mangelernährung: Hinschauen, was weltweit passiert

Immer mehr Kinder sind von akuter Mangelernährung bedroht. Nicht zuletzt, weil Nahrungsmittelhilfen gekürzt werden. Ob in Nigeria, Somalia oder im Tschad, die Teams von Ärzte ohne Grenzen beobachten diese Entwicklung mit Sorge.

„Waiting area“ steht auf dem Schild unter einem großen Holzdach. Der Wartebereich ist in Gänge unterteilt, Hunderte Mütter sitzen dicht gedrängt, halten ihre mangelernährten Kinder im Arm. Wir sind im Ernährungszentrum von Ärzte ohne Grenzen, in der Stadt Katsina im Norden Nigerias.

Solche Situationen erlebe ich während meines Einsatzes in Nigeria von Mitte bis Ende 2025 beinahe täglich. In dem Gedränge müssen meine Kolleg*innen und ich den Überblick behalten, um rasch zu erkennen, welches der Kinder in einem lebensbedrohlichen Zustand ist. So wie der 20 Monate alte Ismail.

Nachts hatte er Fieber und Krampfanfälle, erzählt seine Mutter. Als sie mit ihm bei uns ankommt, hat er bereits das Bewusstsein verloren. Wir stellen eine Malaria-Infektion fest, die auch das Gehirn angegriffen hat: eine lebensbedrohliche Komplikation. Für sein Alter wiegt er viel zu wenig, seine Abwehrkräfte sind extrem geschwächt. Wir müssen ihn reanimieren, verlegen ihn auf die Intensivstation und starten sofort die Behandlung mit kreislaufstabilisierenden Medikamenten, Malaria-Medikamenten und Antibiotika. Nach der Stabilisationsphase erhält er therapeutische Spezialmilch und eine hochkalorische Erdnusspaste, die mit Vitaminen und Mineralstoffen angereichert ist.

Ismail ist kein Einzelfall. Mehr als sechs Millionen1 Kleinkinder im Norden Nigerias sind mangelernährt, etwa zwei Millionen1 von ihnen so schwer, dass sie in Lebensgefahr schweben. Es ist eine Katastrophe von enormem Ausmaß, die international kaum Beachtung findet, weder in der breiten Öffentlichkeit noch politisch.

Viele Eltern berichten, dass sie vor Kämpfen zwischen der nigerianischen Armee und bewaffneten Gruppen geflohen sind und in Camps Zuflucht gefunden haben. Früher haben sie ihre Nahrungsmittel selbst angebaut, doch wegen der Kämpfe, der bewaffneten Überfälle und der Entführungen können sie ihre Felder nicht mehr bestellen. Und das schon seit Jahren. Viele sind völlig abhängig von humanitären Hilfen. UN-Organisatoren haben Säcke voller Getreide in den Camps verteilt, erzählen die Mütter. Doch seit 2025 bleiben diese Hilfen weitgehend aus.

Seit den massiven Kürzungen von Geldern für die humanitäre Hilfe, vor allem durch die US-Regierung, aber auch durch die Bundesregierung und andere wichtige Geberländer, wurden Nahrungsmittellieferungen weltweit reduziert und vielerorts sogar eingestellt. Laut dem Welternährungsprogramm (WFP) erreichen die Nahrungsmittelhilfen inzwischen nur noch etwa ein Drittel der Bedürftigen. Ein aktueller Bericht von UNICEF, WHO und Weltbank zeigt, dass weltweit mehr als 40 Millionen Kinder unter fünf Jahren akut mangelernährt sind. Und die Krise verschärft sich, angesichts von Kriegen und Konflikten, der Klimakrise, den genannten massiven Kürzungen staatlicher Finanzmittel für humanitäre Hilfe und vielerorts steigender Inflationsraten.

Wir von Ärzte ohne Grenzen sehen und behandeln die Folgen tagtäglich.

  • Somalia: In Baidoa wurden Ende 2025 fast 50 Prozent mehr schwer mangelernährte Kinder in das Ernährungszentrum aufgenommen als in den Vormonaten. Im ganzen Land sind mehr als 420.000 Kinder wegen Mangelernährung akut lebensgefährdet. Im November 2025 rief Somalia den Dürre-Notstand aus. Doch anstatt die internationale Unterstützung zu intensivieren, wurden die Nahrungsmittelhilfen in Camps für Vertriebene um zwei Drittel reduziert. Zudem mussten mehr als 200 Gesundheitseinrichtungen im Land schließen, da ihnen infolge der gekürzten Hilfsgelder die Mittel zum Weitermachen fehlten.
  • Tschad: Die Ernährungslage im Tschad ist seit vielen Jahren kritisch. Derzeit sind 1,9 Millionen Kinder unter fünf Jahren akut mangelernährt. Die Kürzungen internationaler Hilfsgelder treffen das Land schwer. Ärzte ohne Grenzen ist mit mehreren Projekten im Land vertreten. Projektkoordinatorin Sofia Soula in Massakory dazu: „Medizinische Hilfe allein reicht nicht aus, um die Ernährungskrise im Tschad in den Griff zu bekommen. Gemeinsam mit anderen Akteuren müssen wir die Mangelernährung langfristig bekämpfen: durch den Aufbau robuster landwirtschaftlicher Strukturen und besserem Zugang zu Wasser, durch einkommensschaffende Maßnahmen und Angebote zur Familienplanung.“
  • Afghanistan: Nach den massiven Kürzungen internationaler Hilfsgelder hat sich die Lage dramatisch verschlechtert. Mehr als 400 medizinische Einrichtungen im Land mussten in den vergangenen Monaten schließen. Im Krankenhaus in Herat arbeitet das Team von Ärzte ohne Grenzen am Limit. Oft werden drei Kinder pro Bett aufgenommen. Auch dort: Zusätzlich zu den üblichen Kinderinfektionen sind sehr viele Mädchen und Jungen schwer mangelernährt.

Ob in Nigeria, Somalia, im Tschad oder in Afghanistan, die Ursachen für die Not ähneln sich: Fast immer sind Gewalt und Vertreibung im Spiel, häufig ausgelöst durch einen Mangel an Ressourcen: Weide- und Ackerflächen werden immer knapper. Überschwemmungen, Dürreperioden und Versteppung, Folgen der Klimakrise, zerstören nutzbares Land, und die Lebensmittelpreise auf den lokalen Märkten steigen. Vielen Menschen fehlt der Zugang zu sauberem Wasser. Es fehlt an Basis-Gesundheitsdienstleistungen wie Impfungen. Kranke Kinder verlieren den Appetit, Mangelernährung schwächt das Immunsystem. Eine Abwärtsspirale, die tödlich enden kann, nimmt ihren Lauf.

Wir könnten diesen Teufelskreis stoppen: mit Lebensmittellieferungen, gut ausgestatteten Gesundheitseinrichtungen, medizinischer Versorgung und Präventionsmaßnahmen. Wir würden all jenen helfen, die ihren Kindern in den Geflüchtetencamps, dieser Welt trotz aller Entbehrungen ein Mindestmaß an Stabilität bieten wollen. Die Kürzungen der Hilfsgelder machen die Arbeit nicht einfacher, treffen sie doch vor allem Menschen in großer Not, die ohnehin kaum Ressourcen haben.

Meinem Team und mir ist es gelungen, den kleinen Ismail zu stabilisieren. Die Behandlung war wegen seiner Begleiterkrankungen äußerst kompliziert. Schließlich konnten wir ihn auf die normale Kinderstation verlegen. Er bekam kalorienreiche Spezialnahrung, unsere Physiotherapeut*innen trainierten mit ihm, damit er Muskulatur aufbaut, und wir verabreichten ihm wichtige Schutzimpfungen. Sein Leidensweg, die Gefahr langfristiger Gesundheitsschäden, die schwierige Therapie, all das wäre vermeidbar gewesen, wenn die ambulanten, dezentralen Gesundheitseinrichtungen ausreichend ausgestattet wären und Malaria-Medikamente und hochkalorische Spezialnahrung anbieten könnten. Doch wir erleben immer häufiger, dass die Mittel dafür wegbrechen.

Regierungen, die die Hilfsgelder massiv kürzen, unter ihnen die deutsche, die britische und die US-amerikanische, sollten sich anschauen, was in Nigeria und andernorts passiert. Die Menschen dort haben ein Recht auf angemessene Gesundheitsversorgung und ein Mindestmaß an Schutz und Versorgung mit Lebensmitteln.

Die Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte im Kampf gegen Mangelernährung und Epidemien stehen auf dem Spiel: In nicht wenigen Bereichen steigen die Fallzahlen deutlich an. Das ist beschämend und traurig.

Auch wenn sich die Ernährungslage einer Bevölkerung rasant verändern kann, etwa durch Konflikte, Wirtschaftskrisen oder die Folgen klimatischer Veränderungen, ist es wichtig, die großen Zusammenhänge nicht aus dem Blick zu verlieren. Und hier wünsche ich mir von der Politik mehr Weitblick. Und mehr Solidarität mit jenen, die in existenzieller Not sind. Leider erleben wir, auch im Kampf gegen Mangelernährung, gerade das absolute Gegenteil.

Dr. Nicolas Aschoff, arbeitet als Kinderarzt am Ernst von Bergmann Klinikum in Potsdam. Er studierte Medizin in Witten-Herdecke und war bereits als Student während des verheerenden Ebola-Ausbruches 2014 in Sierra Leone aktiv. Mit Ärzte ohne Grenzen war er bisher in drei Einsätzen: im Südsudan, in Afghanistan und in Nigeria.

1 Zahlen laut IPC-Skala. Diese ist ein international anerkanntes Instrument zur Klassifizierung von Ernährungssicherheit und Hunger.

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