Asset-Herausgeber

Glaube ohne Dogma, Politik ohne Illusion

Ein Nachruf auf Hans Maier (18. Juni 1931 in Freiburg im Breisgau – 8. Juni 2026 in München)

Ein Rückblick auf das Leben und Wirken des Politikwissenschaftlers, Kultusministers und christlichen Intellektuellen, der die politische Kultur der Bundesrepublik über Jahrzehnte geprägt hat.

Christen sind nach Hans Maier in der Politik nicht klüger als ihre nichtchristlichen Zeitgenossen. Aber ihre Orientierung an der unverfügbaren Würde des Menschen verpflichte sie in der Praxis unabdingbar auf die Gestaltung freiheitlicher und solidarischer Ordnung der Gesellschaft, des Rechts und der Institutionen. Das Eigene und Unterscheidende an dieser Orientierung ist, dass sie sich grundsätzlich menschlicher Verfügbarkeit entzieht. Ergo war Maiers Jahrzehnte zurückliegende Formulierung, dass es in der Politik nicht um Heil und Erlösung des Menschen gehe und das Christentum daher politischen Totalitätsansprüchen immer wieder Widerstand entgegengesetzt habe, nicht nur zutreffend. Sie war angesichts weltweiter aktueller Entgleisungen, politische Herrschaft religiös zu legitimieren, geradezu weitsichtig. Und konsequent erscheint die Einsicht, die Politik gerade nicht Fundamentalisten zu überlassen, sondern sie entlang der eigenen Prinzipien mitzugestalten, und zwar sachgerecht und kompetent. Damit ist zugleich verantwortungsethische Rechenschaftspflicht angerufen. Auch eine demokratische Tugend!

Hans Maiers persönlichen, wissenschaftlichen und politischen Wege unterlagen Prägungen durch die Umbrüche und Diskontinuitäten seiner Lebenszeit, vom Ende der Diktatur über Neuaufbau und Stabilisierung des Gemeinwesens und der Weltordnung bis zu deren neueren Relativierungen. Eine christlich-katholische Gegenwelt zum Nationalsozialismus erfuhr er in jungen Jahren. Den Zugang zur Wissenschaft eröffneten ihm seine Forschungen zur Frühgeschichte der christlich-demokratischen Bewegungen und den Auseinandersetzungen zwischen ihnen und der Kirche seit der Französischen Revolution. Ein zweiter bedeutender Schritt war die Aufklärung der Entwicklung des modernen neuzeitlichen Staates über Rechts- und Friedensordnung hinaus bis zu seinem Wohlfahrtszweck, letztlich bis zur Grundlegung des späteren Sozialstaats. Die ältere Staats- und Verwaltungslehre wurde dadurch für die neuere Politikwissenschaft erschlossen: seine zweite Säule neben der ethischen. Sichtbar wurden damals die historischen Wurzeln einer keineswegs erst jüngst erfundenen Disziplin, in der sich Hans Maier mit seinen bahnbrechenden Werken in Freiburg etabliert hatte. München rief 1962 auf den Lehrstuhl für Politikwissenschaft. Im zweiten akademischen Leben, dann auf dem Lehrstuhl für Christliche Weltanschauung (1988 bis 1999), trat mit dem internationalen und interdisziplinären Großprojekt „Totalitarismus und Politische Religionen“ ein dritter Forschungsschwerpunkt hinzu, der im Grunde Ethik und Institutionen unter der Frage zusammenführte, was den unterschiedlichen Despotismen des 20. Jahrhunderts gemeinsam sei. Auch für Tendenzen des 21. Jahrhunderts erschließen sich aus diesen drei Bänden Einsichten, wie zu Beginn dieser Ära von Hans Maier selbst angesprochen. Er hat es stets verstanden, historische und sozialwissenschaftliche Ansätze fruchtbar zu verknüpfen. Mit seinen Beiträgen in historischen und staatsrechtlichen Zeitschriften wurde er in diesen Disziplinen ebenso ernst genommen wie in seiner eigenen. Tatsächlich hat er die Wissenschaft nie verlassen, auch nicht während seiner politischen Karriere, die sein Bild in der Öffentlichkeit bestimmte.

Hans Maier wurde in bewegten Zeiten 1970, noch parteilos, zum Kultusminister berufen. Bildungspolitik und Bildungsreform standen an der Spitze der Tagesordnung, und auf den Straßen rebellierten die Studenten. Schon 1968, als Wissenschaft und Universitäten herausgefordert waren, hat er die hochschulpolitische Auseinandersetzung nicht gescheut. Vor dem dornenreichen Amt schreckten andere zurück. Auf einem vermeintlichen Schleudersitz wurde er zunächst der jüngste und weit später der dienstältetste Kultusminister der Republik. Von denen galt er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bald als jener, „der das stärkste Gefühl für die mögliche Breite seines Amtes“ besaß. Damit hat er ideologische Grabenkämpfe überstanden, die bildungspolitische Landschaft neu vermessen, Musik, Kunst, Kultur, Theater, Kirchen und Denkmalschutz gepflegt – und nicht zuletzt den Unionsparteien bundesweit über parteiliche und regionale Grenzen hinaus eine nie mehr erreichte Stimme auf diesem weiten Politikfeld gegeben. In der CDU sind ihm Bernhard Vogel und Wilhelm Hahn besonders nahegestanden. Auch dem Zentralkomitee der Katholiken gab er als Präsident (1976 bis 1988) und prägnante Stimme der Laien beachtliches Gewicht im kirchlichen und gesellschaftlichen Diskurs, nachhaltig auch interessiert am ökumenischen Brückenschlag. Historische Bedeutung kommt seinem Einsatz für die Gründung von Donum Vitae, der katholischen Schwangerschaftskonfliktberatung, zu - im Konflikt mit der Amtskirche.

Gehör fand er, weil er sich weder vereinnahmen noch instrumentalisieren ließ. Selbständigkeit im Urteil, Klarheit in Haltung und Verhalten und Amtsethos standen nie in Zweifel. Für DIE ZEIT avancierte er zu „Bayerns brillantem Kultusminister“. Übermäßig überraschend war es nicht, dass Helmut Kohl ihn gerne auf dem Stuhl des Bundespräsidenten gesehen hätte. Anders Franz Josef Strauß, dessen Kanzlerambitionen ein Bayer im Präsidialamt entgegenstand, wie ihm überhaupt die gefestigte, Auseinandersetzungen nicht scheuende Eigenständigkeit des Ministers missfiel. Ihn auszubooten traute er sich dennoch nicht. Aber um seinen Einfluss zu begrenzen, teilte er bei der Kabinettsbildung1986 das Amt und bot Hans Maier die von dessen Schwergewicht Unterricht und Kultus entledigte Hälfte Wissenschaft und Kunst an. Seinem jede Art von Opportunismus widerstrebendem Charakter gemäß ließ er sich darauf nicht ein. Er kehrte in die Wissenschaft zurück, blieb aber öffentlichem Diskurs und Einfluss keineswegs abhold, wie nicht nur das erwähnte multinationale Forschungsprojekt zeigt.

Mit ihm geht ein Vertreter des Politikertyps verloren, an dem hoher Bedarf besteht: fachlich kompetent, intellektuell begabt, beruflich bewährt, politisch gestaltungsfähig – aber von der Politik als Droge oder Karrierevehikel unabhängig: daher für Argumente offen und auf Zeitgeist und Stromlinie nicht zu bringen. Aus seiner christlich-katholischen Orientierung und deren Bedeutung für sein Handeln hat Hans Maier nie einen Hehl gemacht. Aufgedrängt hat er sie nie, und ein anderes als offenes und argumentatives Gesprächsklima war ihm fremd. Politisch-soziale Patentrezepte aus der Bibel kannte er nicht, und dass politisches Engagement von Christen in unterschiedlichen Parteien Heimat finden kann, hat er früh und präzise begründet, natürlich ohne Selbstverständnis und Legitimität christlicher Parteien zu relativieren. Den Staat und seine Bürger entließ er unerbittlich nicht aus der Verantwortung für die Grundwerte und Grundrechte einer wertgebundenen Ordnung, also für eine – aktuell wieder zu beschwörende – wehrhafte Demokratie. Allein schon seiner wissenschaftlichen Fundamente, wohl aber auch seiner politisch-praktischen Erfahrungen wegen sah er Umbrüche und Herausforderungen der Moderne deutlicher als manch Jüngerer. Denn intellektuelle Neugier hat ihn bis zum Schluss nicht verlassen.

Am 8. Juni 2026 ist Hans Maier verstorben, wenige Tage vor seinem 95. Geburtstag.

KAS | Harald Odehnal

comment-portlet

Asset-Herausgeber