Grönland ist derzeit eines der meistdiskutierten Themen sicherheitspolitischer Debatten. Peter Beyer war der ersten deutschen Politiker vor Ort und wir haben mit ihm über Eindrücke, Hintergründe und die geopolitischen Folgen gesprochen.
Sie sind gestern von einer Reise nach Grönland zurückgekehrt. Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie auf dieser Reise gewonnen haben?
Peter Beyer: Grönland und Dänemark halten mit großer Klarheit an ihrer Souveränität und territorialen Integrität fest. Hier setzt man ausdrücklich auf eine enge Partnerschaft mit Europa und den USA, solange diese auf Respekt und Völkerrecht basiert. Die Menschen hier sind sehr dankbar für die Solidarität und Unterstützung. Grönland ist kein Objekt eines Machtpokers, sondern ein eigener politischer Akteur, der seine Rolle in der arktischen Sicherheitsarchitektur sehr genau kennt.
Wer waren Ihre Ansprechpartner, und was waren deren Botschaften?
Peter Beyer: Ich habe in Nuuk mit Regierungsvertretern, Parlamentsabgeordneten, Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft, dem EU-Büro und Bürgern auf der Straße gesprochen. Auch die US-Konsulin gehörte zu meinen Gesprächspartnern. Die grönländische Außenministerin, die hier mittlerweile als Heldin wegen ihres Auftritts in Washington, D.C. gefeiert wird, konnte ich zum Abschluss meines Besuchs im Hohen Norden ebenfalls sprechen. Ihre gemeinsame Botschaft war, Sicherheit in der Arktis wollen sie gemeinsam mit ihren Partnern organisieren, aber nicht über deren Köpfe hinweg.
Wenn Sie in Deutschland und Europa die Lage mit Blick auf Grönland diskutieren: Welche Impulse möchten Sie setzen?
Peter Beyer: Wir wollen Grönland als strategischen Teil unserer eigenen Sicherheit begreifen und nicht als entfernte Randzone - das ist längst überfällig. Außerdem werbe ich für eine geschlossene europäische Linie gegenüber Washington und für mehr europäische Präsenz im Hohen Norden, politisch wie militärisch. im Hohen Norden.
Die Grönland-Frage lenkt die Weltöffentlichkeit vom russischen Angriffskrieg ab. Inwieweit sehen Sie darin ein Problem?
Peter Beyer: Problematisch wird es, wenn wir Grönland und den Krieg gegen die Ukraine als getrennte Konflikte betrachten und gegeneinander ausspielen. In beiden Fällen geht es um die gleiche Grundfrage, ob Grenzen, Souveränität und Völkerrecht auch dann gelten, wenn mächtige Staaten anderes im Sinn haben.
Sie sind Berichterstatter der Unionsfraktion für Nordamerika und die Arktis. Welche Konsequenzen ziehen Sie für das deutsche und europäische Verhältnis zu den USA?
Peter Beyer: Wir müssen die USA weiter als unverzichtbaren Partner für Europas Sicherheit behandeln, aber deutliche Grenzen ziehen, wenn die Souveränität und territoriale Integrität von Verbündeten infrage gestellt oder mit Strafzöllen und Truppenabzug gedroht wird. Das transatlantische Verhältnis braucht weniger Gefolgschaft und mehr Augenhöhe.
Noch vor wenigen Monaten spielte Grönland in der offiziellen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA keine Rolle. Woher kommt dieser abrupte Sinneswandel in Washington?
Peter Beyer: So neu ist die Thematik nicht. Wir erinnern uns: Schon in der ersten Amtszeit von Donald Trump wurde Grönland thematisiert und dann erneut noch vor seinem zweiten Amtsantritt. Vizepräsident Vance war letztes Jahr hier auf Stippvisite und auch der Sohn von Donald Trump. Das ist jetzt ungefähr ein Jahr her. Ein Grund ist die Militarisierung und der wirtschaftliche Wettbewerb in der Arktis, gerade mit Blick auf Russland und China. Hinzu kommt die innenpolitische Symbolik: Grönland eignet sich in einem aufgeheizten Klima als Bühne für demonstrative Stärke.
Wie betrachten Sie die innenpolitische Diskussion über Grönland in den USA?
Peter Beyer: In den USA überlagern sich ernsthafte sicherheitspolitische Überlegungen mit innenpolitischem Muskelspiel. Genau deshalb ist es wichtig, dass Europa Ruhe, Verlässlichkeit und ein klares Bekenntnis zum Völkerrecht in diese Debatte einbringt. Donald Trump hat auch Gegenwehr in den eigenen Reihen. Dort wird sehr genau beobachtet, ob wirklich amerikanische Interessen im Einklang mit dem Völkerrecht vertreten werden. Der US-Präsident darf es nicht übertreiben.
Welche Reaktionen Deutschlands und der EU erwarten Sie mit Blick auf die Drohungen der US-Regierung?
Peter Beyer: Ich erwarte eine geschlossene Antwort: politische Rückendeckung für Dänemark und Grönland, Bereitschaft zu wirtschaftlichen Gegenmaßnahmen, falls Strafzölle Realität werden, und zugleich ein offenes Angebot an Washington für eine gemeinsame Arktis-Strategie im Rahmen der NATO. Die Botschaft muss lauten, wir verteidigen Souveränität, territoriale Integrität und Völkerrecht, aber wir schließen die Tür zur Kooperation nicht.
Was kann, was sollte Dänemark von seinen EU- und NATO-Partnern erwarten?
Peter Beyer: Dänemark kann uneingeschränkte Solidarität erwarten, politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch. Konkret heißt das eine klare Unterstützung für die dänische und grönländische Souveränität, territoriale Integrität, Beteiligung an Präsenz und Übungen in der Arktis und die Bereitschaft, die Beistandspflicht des Bündnisses im Zweifel auch in Grönland gelten zu lassen.
Peter Beyer ist seit 2009 direkt gewählter CDU-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Mettmann II und gehört seither dem Auswärtigen Ausschuss an, wo er als zentrale Stimme der deutschen Außenpolitik gilt. Seit Oktober 2025 ist er Vorsitzender des Unterausschusses für Krisenprävention, Strategische Vorausschau, Stabilisierung und Friedensförderung, zuvor war er Obmann der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan“ und von 2018 bis 2022 Koordinator der Bundesregierung für die transatlantische Zusammenarbeit. Der Rechtsanwalt, der in Deutschland und den USA Jura studiert hat, ist Hauptberichterstatter für die transatlantischen Beziehungen, die Arktis und Antarktis, den Westbalkan und Lateinamerika und engagiert sich in führenden Funktionen u. a. in der Deutschen Atlantischen Gesellschaft, der Südosteuropa-Gesellschaft und der Atlantik-Brücke.
Die Fragen stellte Konstantin Otto schriftlich am 21. Januar 2026