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Paul Othma - Der Löwe von Bitterfeld

Streikführer am 17. Juni 1953

Der 17. Juni 1953 und Berlin, mit den streikenden Bauarbeitern in der Stalinallee, werden immer in einem Zug genannt. Dass es viele Aufstandszentren gab, ist in Vergessenheit geraten. Vor allem in den sächsischen Industriegebieten, so auch in Bitterfeld bei Leipzig. Einen Tag lang regierten in Bitterfeld die Arbeiter. Jörg Bernhard Bilke erzählt von einem der Streikführer.

Im Spätsommer 1962 wurde ich von der Justizvollzugsanstalt Leipzig ins berüchtigte Zuchthaus Waldheim im Kreis Döbeln verlegt. Ein Jahr zuvor hatte man mich – den Westdeutschen – während eines Besuches der Leipziger Buchmesse verhaftet und wegen vermeintlicher staatsgefährdender Hetze zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

Schon während meiner ersten Tage in Waldheim erfuhr ich vom Schicksal des Bitterfelder Streikführers Paul Othma: verurteilt zu zwölf Jahren Zuchthaus, wegen „Boykotthetze“ nach Artikel 6 der DDR-Verfassung. Das Urteil gegen ihn erging am 8. November 1953 vor dem Bezirksgericht Halle.

Als ich ihm begegnete, war ich 25 Jahre alt. Er 56. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung im Juni 1953 war ich ein sechzehnjähriger Schüler am Gymnasium Casimirianumin Coburg. Den 17. und 18. Juni 1953 hatte ich Zuhause am Radio verbracht und mit Herzklopfen die Reportagen über den Aufstand verfolgt.

Und dann stand er vor mir: der Löwe von Bitterfeld – so nannten ihn die Gefangenen wegen seiner schlohweißen Haarmähne. Ich reinigte den blechernen Kaffeekübel für meine Mannschaft. Er war aus der Wickelei im zweiten Stock heruntergekommen und sah mir wortlos zu. Er war verschlossen und sprach nicht gern über sich. Alles, was ich über ihn weiß, habe ich von Mitgefangenen und seiner Frau erfahren.

Paul Othma wurde 1905 in Oberschlesien geboren und ist mit seinen Eltern nach dem Ersten Weltkrieg nach Sachsen ins mitteldeutsche Industrierevier gekommen. Er war Elektrohandwerker und arbeitete von 1921 bis 1941 im Elektrowerk Bitterfeld, danach in den Dessauer Junkerswerken. Nach dem Krieg war er selbstständig. Ab März 1953, wenige Monate vor seiner Verhaftung, wurde er als Elektromonteur im Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld eingestellt.

In den Abendstunden des 16. Juni 1953 erreichen Bitterfeld die ersten Gerüchte, die Bauarbeiter in der Ostberliner Stalinallee hätten die Arbeit niedergelegt. Der siebenundvierzigjährige Paul Othma erfährt aus dem RIAS, dem Westberliner „Hetzsender“, von den Geschehnissen. Der DDR-Rundfunk lässt nichts verlauten, ist es doch aus SED-Sicht ungeheuerlich, dass Arbeiter gegen eine „Arbeiterregierung“ aufbegehren.

„Am Morgen des 17. Juni 1953, geht Paul Othma wie gewohnt zur Arbeit. Dort steigt er auf das Führerhaus eines Lastkraftwagens und erklärt sich im Namen seiner 13.000 Kollegen mit den Forderungen der Ostberliner Bauarbeiter solidarisch. Anschließend fordert er seine Kollegen auf, in die Innenstadt von Bitterfeld zu ziehen.“

Jörg Bernhard Bilke

Am darauffolgenden Tag, am Morgen des 17. Juni 1953, geht Paul Othma wie gewohnt zur Arbeit. Dort steigt er auf das Führerhaus eines Lastkraftwagens und erklärt sich im Namen seiner 13.000 Kollegen mit den Forderungen der Ostberliner Bauarbeiter solidarisch. Anschließend fordert er seine Kollegen auf, in die Innenstadt von Bitterfeld zu ziehen.

Der wenige Stunden später in die Streikleitung gewählte Wilhelm Fiebelkorn, Lehrer an der Bitterfelder Comenius-Oberschule, steht am Straßenrand. Er sieht den Zug herankommen. Viele Jahre danach erinnert er sich: „Dann aber, es war gegen 9:30 Uhr, schob sich eine schwarze Wand wogend vorwärts über die Bahnüberführung dicht an unserer Schule. Die Arbeiter kamen! Vor Erregung schlug mein Herz bis zum Hals. Ich sah, dass die Arbeiter sich gegenseitig untergehakt hatten. Ein jeder zog und schob jeden. Die Führung, die Masse, machte sie stark und mutig. Vor der schwarzen Menschenmasse ging ein einzelner Mann: Paul Othma.“

BStU, Mfs, Ast. Halle, AU 13/54, GA Bd. 2a.
Die Demonstranten auf der Binnengärtenwiese in Bitterfeld. Links die improvisierte Bühne mit dem Streikführer Paul Othma.

Es ist ein gewaltiger Demonstrationszug, umjubelt von der Bitterfelder Bevölkerung. Die Streikenden des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld, der Farbenfabrik Wolfen und des Agfa Filmwerks Wolfen vereinigen sich. Um elf Uhr erreichen 30.000 Arbeiter – mehr als Bitterfeld Einwohner hat – die Binnengärtenwiese.

Paul Othma spricht über eine Lautsprecheranlage, die an den Stadtfunk angeschlossen ist: „Liebe Freunde, wenn ich heute eure strahlenden Gesichter sehe, dann möchte ich euch am liebsten umarmen und an mein Herz drücken. Der Tag der Befreiung ist da, die Regierung ist weg, die Tyrannei hat ein Ende.“ Nach ihm tritt Wilhelm Fiebelkorn ans Mikrofon und verkündet die Forderungen der Aufständischen, so den „Rücktritt der Ulbricht-Regierung“ und freie Wahlen. Es wird ein Streikkomitee gewählt: dessen Sprecher: Paul Othma.

Für wenige Stunden, bevor am frühen Nachmittag der landesweite Ausnahmezustand verhängt wird, herrschen in Bitterfeld die revolutionären Arbeiter. Während die Streikleitung im Rathaus über das weitere Vorgehen berät, ist das Schicksal des Aufstands längst besiegelt. Gegen 16.00 Uhr wird bekannt, dass Panzer der russischen Besatzungsmacht auf Bitterfeld zurollen. Die Versammlung wird aufgelöst.

BStU, Mfs, Ast. Halle, AU 13/54, GA Bd. 2a.
Das Telegramm mit den den Forderungen der Streikenden: adressiert an die Regierung der DDR Berlin.

Paul Othma ahnt, was ihm bevorsteht und versteckt sich bei seinen Eltern. Nach Mitternacht klopft er ans Fernster seines Hauses und sagt seiner Frau, Freunde würden ihn zu seinem Bruder nach Rudolstadt in Thüringen bringen. Von dort aus wolle er über die grüne Grenze nach Bayern fliehen. Der Plan wird verraten. Am 20. Juni 1953 nimmt die „Volkspolizei“ Paul Othma in der Nähe von Delitzsch fest und übergibt ihn der „Staatssicherheit“.

In der Bezirkshauptstadt Halle wird er wochenlang verhört: Der Arbeiterführer Paul Othma soll bekennen, ein politischer Verbrecher zu sein, ein „Konterrevolutionär“, der den SED-Staat habe beseitigen wollen. Ohne Erfolg. Paul Othma bleibt standhaft. In der Urteilsbegründung wird er als „Feind unserer demokratischen Ordnung“ bezeichnet.

Paul Othma ist seiner Überzeugung zeitlebens treu geblieben, als gewählter Arbeitervertreter nur seine Pflicht getan zu haben: Im Zuchthaus Waldheim lädt ihn die Anstaltsleitung immer wieder vor und verspricht ihm sofortige Entlassung, wenn er gesteht, am 17. Juni 1953 Verbrechen begangen zu haben. Paul Othma widerruft nicht, er muss seine Haftzeit von zwölf Jahren fast vollständig abbüßen.

Robert-Havemann-Gesellschaft
Paul Othma, vor seiner Verhaftung, Anfang der 50er Jahre.

Seiner Frau Hedwig Othma, die mehrere Gnadengesuche einreicht, sagt man, sein Umerziehungsprozess sei noch nicht abgeschlossen. So auch am 21. Juli 1964, elf Jahre nach Antritt seiner Haft. Das Bezirksgericht Halle teilt ihr mit, dass „volle Strafverbüßung erforderlich“ sei. Auf den Tag genau, vier Wochen später schreibt dasselbe Gericht, der „Verurteilte [hätte] … entsprechende Lehren aus seinem strafbaren Verhalten gezogen“, und das „Erziehungsziel [sei] … als erreicht anzusehen.“

Tatsächlich ist Paul Othma unheilbar an Leberzirrhose erkrankt, und die DDR-Justiz will um jeden Preis verhindern, dass er im Zuchthaus stirbt. Am 1. September 1964 entlassen ihn die DDR-Behörden nach Sandersdorf nahe Bitterfeld. Dass er auf einer Liste von Häftlingen stand, die die Bundesregierung im Sommer 1964 freikauft, hat er nie erfahren. Paul Othma stirbt am 20. Juni 1969.

2003, anlässlich des 50. Jahrestages des 17. Juni 1953 habe ich Hedwig Othma in Sandersdorf besucht. Sie sagte mir, ihr Mann habe nach der Haft die DDR verlassen wollen, was ihm von den Behörden jedoch verwehrt worden sei. Er hätte sicher viel zu sagen gehabt: über den Aufstand der Bitterfelder Arbeiter, über seine Haft in mehreren DDR-Gefängnissen.

Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes zieht Hedwig Othma, inzwischen Rentnerin, zu ihrer Schwester in die Nähe von Münster. Sie gibt keine Interviews – aus Sorge, Bitterfeld nicht mehr besuchen zu dürfen. Nach dem Untergang des SED-Staats kehrt sie heim – um Pauls Grab zu pflegen.

In seiner Heimat ist Paul Othma nicht vergessen. Nach dem Aufstand haben viele gut über ihn gesprochen, haben seine Frau Hedwig während seiner Haft unterstützt. 2003 hat Hedwig Othma am Bitterfelder Rathaus eine Gedenktafel für ihren Mann enthüllt, und das Sport- und Gemeindezentrum in Sandersdorf trägt seinen Namen.

„Das Schicksal des Bitterfelder Streikführers Paul Othma ist auch ein Gleichnis: Nach dem 17. Juni 1953 war die deutsche Arbeiterbewegung im Ostteil Deutschlands dem Untergang geweiht. War sie bis 1933 eine starke politische Kraft mit ihren Hochburgen in Erfurt, Halle, Leipzig und Magdeburg, wagte nun niemand mehr, gegen die Diktatur des Proletariats aufzubegehren.“

Jörg Bernhard Bilke

Das Schicksal des Bitterfelder Streikführers Paul Othma ist auch ein Gleichnis: Nach dem 17. Juni 1953 war die deutsche Arbeiterbewegung im Ostteil Deutschlands dem Untergang geweiht. War sie bis 1933 eine starke politische Kraft mit ihren Hochburgen in Erfurt, Halle, Leipzig und Magdeburg, wagte nun niemand mehr, gegen die Diktatur des Proletariats aufzubegehren.

Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurde die Geschichte umgeschrieben: Im siebten Band der „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“, Ostberlin 1966, wird der Arbeiteraufstand unter der Überschrift „Das Scheitern des konterrevolutionären Putschversuchs gegen die Arbeiter- und Bauernmacht am 17. Juni 1953“ auf 24 Seiten abgehandelt. Die Namen der Streikführer werden nicht genannt.

 

 

Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937 in Berlin, aufgewachsen in Rodach bei Coburg. Nach dem Abitur 1958 in Kirchheim/Teck Studium der Literaturwissenschaft in Westberlin und Mainz. Wegen der Veröffentlichung DDR-kritischer Artikel im Juni/Juli 1961 in der Mainzer Studentenzeitschrift „nobis“ am 9. September 1961 auf der Leipziger Buchmesse von der „Staatssicherheit“ verhaftet und verurteilt zu dreieinhalb Jahren wegen „staatsgefährdender Hetze“. Am 25. August 1964 mit 800 weiteren Gefangenen von der Bundesregierung in Bonn gegen 32 Millionen Westmark freigekauft.

Fortsetzung des Studiums in Mainz 1965/66, Deutschlehrer in Schweden 1966/67, Gastdozent für DDR-Literatur 1972/73 in Bloomington/Indiana, Promotion in Mainz über Anna Seghers 1977, Chefredakteur der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ in Bonn 1983/2000, Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 2003.

 

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