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Christoph Meinel über die German University of Digital Science, Künstliche Intelligenz und die Zukunft des Studierens

Leonie Mader spricht mit Christoph Meinel über die Idee einer vollständig digitalen Universität und die Zukunft der Hochschulbildung.

Die German University of Digital Science (German UDS) ist eine vollständig digitale, englischsprachige Universität mit Sitz in Potsdam. Sie wurde 2025 staatlich anerkannt und organisiert ihren Lehr- und Forschungsbetrieb ohne klassischen Campus. Ihr Studienangebot konzentriert sich auf Digital Science, Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, Virtual und Augmented Reality sowie digitale Transformation und richtet sich an Studierende weltweit. Neben Master- und MBA-Programmen bietet die Universität auch Weiterbildungsangebote an. Gegründet wurde die German UDS von den Informatikprofessoren Prof. Dr. Mike Friedrichsen, ehemals Hochschule der Medien Stuttgart, und Prof. Dr. Christoph Meinel, ehemals Hasso-Plattner-Institut (HPI), die der Universität als Präsidenten vorstehen.

Welche Lücke im deutschen Hochschulsystem wollen Sie mit der German University of Digital Science (German UDS) füllen?

Prof. Dr. Christoph Meinel: Wir erleben einen fundamentalen Systemwechsel. Mit dem Buchdruck wandelte sich die Universität zu einer Lehreinrichtung rund um eine Bibliothek. Die Digitalisierung führt nun zum nächsten großen Umbruch: zur Universität rund um das Internet. Die etablierten Hochschulen versuchen, sich zu digitalisieren. Doch das ist, als würde man einer Kutsche einen Motor einbauen. Wir denken Universität neu: als vollständig digitale Bildungseinrichtung, getragen von cloudbasierten Plattformen und disruptiver KI.

Was hat Sie dazu bewogen, eine vollständig digitale Universität zu gründen?

Prof. Dr. Christoph Meinel: Digitale Bildungsangebote lassen sich flexibel in den beruflichen und familiären Alltag integrieren. Wir wollen Interessierten in aller Welt deutsche Studienabschlüsse zu erschwinglichen Preisen zugänglich machen. Im Gegensatz zum klassischen eLearning steht bei uns das gemeinsame und betreute Lernen im Mittelpunkt. Dank KI-gestützter Systeme und Avatare bieten wir personalisierte Lernpfade an.

Wie sieht Ihre Studentenschaft aus?

Prof. Dr. Christoph Meinel: Junge Studierende, berufserfahrene Wechsler und lebenslang Lernende. Besonders am Herzen liegen uns Studierende aus dem globalen Süden. Früher bedeutete ein Studium in Deutschland für sie: Visaanträge, Sperrkonten und astronomische Kosten. Das konnten sich oft nur Privilegierte leisten. Unsere digitale Struktur bietet ihnen nun allen die Chance, sich nach deutschen Qualitätsstandards zu qualifizieren. Bildung wird vom ortsgebundenen Privileg zur globalen, inklusiven Bewegung. Derzeit sitzen in unseren virtuellen Hörsälen Studierende aus über 22 Nationen.

An der German UDS gibt es keine klassische Aufteilung in Fakultäten. Warum?

Prof. Dr. Christoph Meinel: Feste Fächergrenzen erweisen sich zunehmend als Hemmnis für innovatives Forschen. Wissenschaft ist heute stark dateninduziert. Wenn Datensätze die Grundlage der Erkenntnisgewinnung sind, reichen komplexe Fragestellungen zwangsläufig über einzelne Disziplinen hinaus.

Digital Science ist für uns mehr, als traditionelle Wissenschaften einfach mit ein bisschen Software auszustatten. Digital Science umfasst alle Fächer und fokussiert auf deren digitale Dimension, auf Computer-Unterstützung, datengetriebene Forschungsansätze und die Nutzung von KI in Forschung und Lehre. Das ist schon ein fundamentaler Paradigmenwechsel. Unsere Professoren und Forschenden begegnen sich in virtuellen Laboren, auf offenen Datenplattformen und über KI-getriebene Matching-Tools. So entsteht „cross-fertilizing knowledge“: Ideen überwinden Fachgrenzen und befruchten sich gegenseitig.

Seit Veröffentlichung der großen Sprachmodelle sind viele junge Menschen verunsichert. KI-Tools erledigen Aufgaben schneller und günstiger. Recherchen oder Methodenentwicklung, die einmal viel Zeit gekostet, aber auch zu Erkenntnissen geführt haben, entfallen.

Prof. Dr. Christoph Meinel: Die Algorithmen übernehmen die Standardaufgaben, zugleich werden Fähigkeiten immer wichtiger, die uns Menschen auszeichnen: kritisches Denken, der souveräne Umgang mit Ambiguität und die Fähigkeit, unorthodoxe Verknüpfungen herzustellen. Wir wollen unsere Studierenden befähigen, den technologischen Wandel aktiv mitzugestalten.

Welche Studiengänge bieten Sie an?

Prof. Dr. Christoph Meinel: Wir bieten derzeit fünf Masterstudiengänge an, darunter Applied AI und Advanced Digital Reality. Besonders stolz sind wir auf den ersten deutschen Master in Quantum Computing. Dazu kommen sieben MBA-Programme und Micro-Degrees, die Technologie mit Bereichen wie Recht, Medien oder FinTech verbinden.

Wenn es um KI geht, hört man häufig, Europa habe den Anschluss verloren. Mit welchen Argumenten werben Sie bei ausländischen Studierenden und Dozierenden für die German UDS?

Prof. Dr. Christoph Meinel: Die „German Quality in Education“ wird international sehr geschätzt. Viele der Forscher in den international führenden KI-Laboren haben in Deutschland studiert. Außerdem sind die Ideen der digitalen Souveränität und „Responsible AI“ – also vertrauenswürdiger, ethisch fundierter Künstlicher Intelligenz nach europäischen Datenschutzstandards – international ein Wettbewerbsvorteil.

An vielen Universitäten sind Gründungszentren oder andere Förderangebote für Studierende entstanden, die dabei unterstützen, aus guten Ideen ein Geschäft zu entwickeln. Was halten Sie von solchen Angeboten?

Prof. Dr. Christoph Meinel: Wenn wir in Deutschland nicht den Transfer von akademischer Exzellenz in die Praxis schaffen, verspielen wir unsere wirtschaftliche Zukunft. Auch wir überlassen dabei nichts dem Zufall: Mit der eigens gegründeten German UDS Innovation GmbH überführen wir Erkenntnisse in skalierbare Geschäftsmodelle und Start-ups. In der Uni selbst bauen wir ein College of Entrepreneurship auf, das Studierende fächerübergreifend auf diesen Transfer vorbereitet und Gründer mit Investoren zusammenführt.

An Ihrer Universität bieten Sie sogenannte Micro-Degrees an. Was genau sind Micro-Degrees?

Prof. Dr. Christoph Meinel: Ein Micro-Degree ist ein digitales Studienmodul, das über ein Quartal läuft. Es entspricht fünf ECTS-Punkten¹, die auf europäische Masterprogramme vollständig angerechnet werden können. Es ist eine neue Form des Lernens, angesiedelt zwischen klassischem Studium und Weiterbildung. Anders als beim reinen Selbststudium lernen die Teilnehmer in festen Gruppen und können sich mit Lehrenden und anderen Studierenden direkt austauschen.

Auf unserer open.German-UDS.de Plattform bieten wir aber auch kostenfreie E-Learning-Kurse an. Ein Highlight ist „Learning with AI“, der allen Interessierten einen Einstieg in KI ermöglicht. Er startet im Oktober.

Wie finanziert sich die Hochschule, und welche Kosten müssen die Studierenden tragen?

Prof. Dr. Christoph Meinel: Wir verbinden Gemeinnützigkeit mit unternehmerischem Denken. Dank der digitalen Strukturen können wir die Studiengebühren auf 7.500 Euro pro Jahr begrenzen. Für zusätzliche finanzielle Stabilität sorgen die German UDS Foundation und die German UDS Innovation GmbH. Über Dienstleistungen für Unternehmen, Ausgründungen, Technologietransfer und Lizenzen entstehen weitere Einnahmen, die direkt in die Universität zurückfließen. Hinzu kommen Fördermittel und Investitionen von externen Partnern.

Vor welchen Problemen standen Sie in der Gründungsphase?

Prof. Dr. Christoph Meinel: Die staatliche Anerkennung durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg war nicht ganz einfach. Wir haben einen mehr als 1.000-seitigen Antrag samt dazugehöriger Konzeptpapiere eingereicht. Das Verfahren hat fast zwei Jahre gedauert. Wir mussten vor dem Wissenschaftsrat nicht nur unsere akademische Exzellenz unter Beweis stellen. Als neue, volldigitale Hochschule mussten wir auch zeigen, dass unsere Strukturen, unsere Lehr- und Forschungsmethoden und unser Finanzierungsmodell den gesetzlichen Anforderungen entsprechen.

Auch regulatorisch waren einige Hürden zu überwinden. So dürfen nur staatlich zugelassene Hochschulen ihre Studiengänge selbst akkreditieren. Für die staatliche Zulassung braucht es allerdings akkreditierte Studiengänge. Die Behörden mussten also einen Weg finden, der ihre eigentlich unvereinbaren Vorgaben miteinander vereinbarte. Am Ende haben sie uns aber grünes Licht gegeben.

Nach etwas mehr als einem Jahr German UDS, was läuft gut, und wo müssen Sie noch nachbessern?

Prof. Dr. Christoph Meinel: Was bereits sehr gut funktioniert, ist unser „University-as-a-Service“-Modell. Die German UDS stellt Studienmodule, Forschungswerkzeuge und digitale Infrastruktur auch anderen Hochschulen und Unternehmen zur Verfügung. Sie können diese Bausteine in ihre eigenen Angebote integrieren und unter ihrer eigenen Marke nutzen.

Manche schlaflose Nacht bereitet uns noch die Finanzierung der vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Zahl der Professorenstellen, während unsere Studierendenzahl noch im Wachsen begriffen ist, auch weil wir noch nicht so bekannt sind. Es braucht noch viel Aufklärungsarbeit, um die Gleichwertigkeit eines globalen digitalen Studiums mit einem herkömmlichen Studium zu vermitteln.

Dass unser Modell den Nerv der Zeit trifft, zeigt aber das aktuelle Ranking des SZ Instituts: Bereits nach einem Jahr wurde die German UDS in mehreren Kategorien unter die Top 5 gewählt und als beste private Hochschule in der Kategorie „Internationale Ausrichtung“ ausgezeichnet.

Vielen Dank für das Interview!

privat

Das Interview führte Leonie Mader

¹ ECTS (European Credit Transfer and Accumulation System) ist ein europaweit einheitliches Punktesystem, mit dem der Arbeitsaufwand eines Studiums gemessen und vergleichbar gemacht wird. Ein Studienjahr in Vollzeit entspricht in der Regel 60 ECTS-Punkten, wobei ein Punkt etwa 25 bis 30 Stunden Lernaufwand umfasst.

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