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Wehrpflicht als republikanische Institution

Warum demokratische Wehrhaftigkeit mehr ist als Personalgewinnung

Die Debatte über die Wehrpflicht wird meist auf Personalbedarf und Effizienz reduziert. Doch die Wehrpflicht ist nicht nur ein militärisches Instrument, sondern eine republikanische Institution, die Freiheit und Verantwortung verbindet. Postheroische Gesellschaften benötigen demokratische Wehrhaftigkeit als gemeinsame Bürgerpflicht.

Die gegenwärtige Diskussion über die Wehrpflicht ist auffällig verengt. Verhandelt werden vor allem Fragen der Personalstärke, der Kosten und der militärischen Einsatzfähigkeit. Die Wehrpflicht erscheint dabei als ein technisches Instrument unter vielen zur Sicherstellung militärischer Leistungsfähigkeit. Diese Perspektive greift jedoch zu kurz. Sie reduziert eine politische Grundsatzfrage auf ein funktionales Problem und blendet jene Dimensionen aus, die die Wehrpflicht historisch und normativ zu einer staatlichen Schlüsselinstitution gemacht haben. Der Blick auf ihre gesellschaftliche und politische Funktion ist weitgehend verloren gegangen. Dabei steht nicht die militärische Relevanz der Wehrpflicht zur Disposition, sondern die exklusive Fixierung auf diese. Wer die Wehrpflicht allein als Mittel der Personalgewinnung betrachtet, verkennt ihren Charakter als Ausdruck staatlicher Selbstbehauptung und als Instrument republikanischer Verantwortung.

Die Wehrpflicht erfüllt eine doppelte Funktion, die in der gegenwärtigen Debatte häufig auseinandergerissen wird. Sie ist zugleich militärische und republikanische Institution. Militärisch dient sie der Sicherstellung grundlegender Verteidigungsfähigkeit. Diese Funktion ist unbestreitbar und notwendig. Doch sie erschöpft den Sinn der Wehrpflicht nicht. Wer sie allein unter Effizienzgesichtspunkten betrachtet, verkennt ihren politischen Charakter. Republikanisch verstanden bindet die Wehrpflicht die Bürger an die Verantwortung für die res publica. Sie macht deutlich, dass Sicherheit keine abstrakte Staatsleistung ist, sondern auf der Mitwirkung der Bürger beruht. Die Wehrpflicht institutionalisiert damit eine Zumutung. Sie verlangt Zeit, Disziplin sowie Bereitschaft zur Unterordnung unter staatliche Autorität – nicht als Selbstzweck, sondern als Ausdruck politischer Zugehörigkeit. Gerade in dieser Zumutung liegt ihr republikanischer Wert. Ein Staat, der seine Bürger grundsätzlich von der Verantwortung für seine Sicherheit entlastet, sendet ein Signal der Entkoppelung zwischen Freiheit und Pflicht, zwischen Rechten und Verantwortung. Die Wehrpflicht erhält diese Verbindung institutionell und macht sie sichtbar.

„Historisch war die Wehrpflicht stets mehr als eine bloße Organisationsform militärischer Gewalt. In republikanischen Traditionen diente sie nicht allein der Verteidigung, sondern der politischen Einbindung der Bürger in den Staat.“

Alexander Gerhardt

Historisch war die Wehrpflicht stets mehr als eine bloße Organisationsform militärischer Gewalt. In republikanischen Traditionen diente sie nicht allein der Verteidigung, sondern der politischen Einbindung der Bürger in den Staat. Bereits das Ideal der Bürgermiliz verband militärische Pflichten mit politischer Teilhabe. Wer den Staat verteidigt, gehört ihm nicht nur formal an, sondern trägt Verantwortung für sein Bestehen. Die Wehrpflicht war damit Ausdruck eines republikanischen Verständnisses von Freiheit, das Rechte und Pflichten nicht trennt, sondern miteinander verknüpft. Diese Logik prägte auch die preußischen Reformen des frühen 19. Jahrhunderts. Die allgemeine Wehrpflicht wurde hier bewusst als Staatsbürgerprojekt verstanden. Nicht Söldner oder Eliten, sondern die Bürger selbst sollten den Staat verteidigen. Die Verbindung von staatsbürgerlichen Rechten und militärischen Pflichten war kein autoritärer Reflex, sondern Ausdruck eines modernen Staatsverständnisses, das Loyalität, Teilhabe und Verantwortung miteinander verschränkte. Auch in der Bundesrepublik knüpfte die Wehrpflicht bewusst an diese republikanische Tradition an. Das Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“ ist eine direkte Antwort auf die deutsche Geschichte. Militärische Gewalt sollte institutionell eingehegt, politisch verantwortet und gesellschaftlich rückgebunden sein. Die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen ist dabei kein Bruch mit der Wehrpflicht, sondern ihre demokratische Konsequenz. Sie machte deutlich, dass staatliche Pflicht nicht blinden Gehorsam verlangt, sondern moralische Urteilskraft voraussetzt. Die Wehrpflicht verbindet staatliche Selbstbehauptung und individuelle Verantwortung.
 

Eine Wehrpflicht ist kein Pflichtjahr

Die immer wieder vorgebrachte Gleichsetzung der Wehrpflicht mit einem allgemeinen Pflichtjahr verkennt ihren kategorialen Charakter. Die Wehrpflicht ist kein sozialpolitisches Instrument und kein beliebig einsetzbares Jahr gesellschaftlichen Engagements, sondern beruht auf der Beteiligung der Bürger an der Wahrnehmung des staatlichen Gewaltmonopols. Ein verpflichtender Wehrdienst unterscheidet sich damit grundlegend von Formen freiwilligen oder zivilgesellschaftlichen Engagements. Während ein Pflichtjahr auf soziale Integration oder individuelle Orientierung zielt, ist die Wehrpflicht Ausdruck einer politischen Verpflichtung gegenüber der res publica. Sie begründet eine besondere Verantwortung, die sich aus der Notwendigkeit kollektiver Selbstverteidigung ergibt. Die Austauschbarkeit von Wehrdienst, Zivildienst oder freiwilligem Engagement löst diese Logik auf und verwischt die spezifische politische Bedeutung militärischer Pflicht. Zudem verweist die verbreitete Wahrnehmung der Wehrpflicht als „verlorenes Jahr“ weniger auf objektive Belastungen als auf eine zunehmende Auflösung des Zusammenhangs zwischen individueller Lebensplanung und staatlicher Pflicht. Gleichwohl ist klar, dass eine moderne Wehrpflicht nur dann gesellschaftlich tragfähig sein kann, wenn sie durch angemessene finanzielle und strukturelle Ausgleiche flankiert wird. Diese dienen jedoch nicht der Kompensation eines vermeintlichen Schadens, sondern der Anerkennung einer besonderen Pflichterfüllung für den Staat und dürfen nicht als Tauschgeschäft missverstanden werden.
 

Die postheroische Gesellschaft

Diese kulturelle Entkopplung zeigt sich besonders deutlich in dem, was häufig als postheroische Gesellschaft beschrieben wird. Gemeint ist damit weniger ein moralischer Fortschritt als eine kulturelle Verschiebung: Risikoaversion, die Abneigung gegen Opfer und die Auslagerung von Gewalt prägen das politische Selbstverständnis. Militärische Sicherheit wird als abstrakte Dienstleistung wahrgenommen, erbracht von professionellen Akteuren, fern des eigenen Lebenszusammenhangs. Diese Externalisierung erzeugt eine Entkopplung zwischen politischer Entscheidung und persönlicher Betroffenheit. Eine Wehrpflicht wirkt hier als Korrektiv. Sie zwingt dazu, Verteidigung nicht nur als strategische Notwendigkeit, sondern als gesellschaftliche Verantwortung zu begreifen. In einer postheroischen Ordnung verhindert sie die Illusion, Sicherheit lasse sich dauerhaft delegieren, ohne politische und persönliche Konsequenzen.

Gegen eine erneute Einsetzung der Wehrpflicht werden regelmäßig drei Einwände vorgebracht. Erstens wird argumentiert, moderne Kriegsführung erfordere hochqualifizierte Profis, nicht kurzfristig ausgebildete Wehrpflichtige. Zweitens wird der Zwangsdienst als unvereinbar mit individueller Freiheit betrachtet. Drittens gilt die Wehrpflicht vielen als gesellschaftlich kaum noch vermittelbar. Diese Einwände verfehlen jedoch den Kern der Diskussion. Professionalisierung militärischer Fähigkeiten bedeutet nicht, dass sich die Gesellschaft politisch von Verantwortung entlasten kann. Ein leistungsfähiges Berufsheer ersetzt nicht die Notwendigkeit gesellschaftlicher Rückbindung, sondern verschärft im Zweifel die Entkopplung von politischer Entscheidung und gesellschaftlicher Verantwortung. Auch der Verweis auf individuelle Freiheit greift zu kurz, wenn er Freiheit ausschließlich als Abwesenheit von Verpflichtung versteht. Freiheit ohne Bereitschaft zu ihrer Verteidigung bleibt prekär. Dass die Wehrpflicht heute als schwer vermittelbar gilt, ist weniger ein Argument gegen ihre Legitimität als ein Symptom veränderter politischer Kultur. Wo staatliche Zumutungen grundsätzlich als illegitim erscheinen, verliert demokratische Selbstbehauptung ihren normativen Halt. Die Frage ist daher nicht, ob eine Wehrpflicht zeitgemäß ist, sondern ob eine politische Kultur, die Verantwortung konsequent delegiert, ihre eigene Wehrhaftigkeit noch begründen kann.

privat

Alexander Gerhardt, M.Litt. (Strategic Studies, St. Andrews) promoviert derzeit am Lehrstuhl für Militärgeschichte/Kulturgeschichte der Gewalt bei Prof. Dr. Sönke Neitzel zur Geschichte der Wehrpflicht in der Bundesrepublik Deutschland. Er ist Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).

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