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Wie finanzielle Souveränität Europas wirtschaftliche Resilienz stärkt

WERO, digitaler Euro und Kapitalmarktstärkung als strategische Antworten auf neue Abhängigkeiten

Wie kann Europa wirtschaftlich widerstandsfähiger werden und warum finanzielle Souveränität dabei eine zentrale Rolle spielt. Von neuen Zahlungssystemen wie WERO über den digitalen Euro bis hin zu leistungsfähigeren europäischen Kapitalmärkten.

Man hört es allerorten: Deutschlands Wirtschaft muss widerstandsfähiger werden. Doch während viele Ideen zur Stärkung der Resilienz auf die Realwirtschaft abzielen, ist die Frage nach der finanziellen Unabhängigkeit oft nachrangig. Das ist ein Fehler.

Erfreulicherweise gibt es derzeit mehrere Initiativen, die geeignet sind, die finanzielle Resilienz Deutschlands und Europas zu stärken. Dazu gehören das neue Zahlungssystem WERO, der digitale Euro und die Stärkung der Liquidität am Finanzplatz Deutschland und in Europa.
 

WERO – Europas Weg zur digitalen Zahlungsunabhängigkeit

Wir alle haben uns daran gewöhnt, im Internet schnell und unkompliziert einzukaufen. Oft nutzen wir Zahlungsdienstleister wie PayPal oder Mastercard. Das Problem dabei: Die meisten dieser Zahlungssysteme stammen aus nur einem Land, aus den Vereinigten Staaten. Diversifizierung ist daher dringend geboten.

Mit WERO gibt es ein neues europäisches, digitales Zahlungssystem, das seit 2024 schrittweise eingeführt wird. Es ermöglicht sichere und einfache Zahlungen von Bankkonto zu Bankkonto, für Privatpersonen und zunehmend auch im Online-Handel. Künftig sollen auch Zahlungen im stationären Handel möglich sein.

Entwickelt wurde das digitale Zahlungsnetzwerk von der European Payments Initiative (EPI), einem Konsortium aus europäischen Banken und Zahlungsdienstleistern. Es basiert auf Echtzeitüberweisungen bestehender Bankkonten und kann über die Apps der teilnehmenden Banken oder über die WERO-App genutzt werden. Nach Autorisierung durch den Auftraggeber wird der Betrag innerhalb weniger Sekunden direkt vom Konto des Zahlenden auf das Konto des Empfängers gebucht. Sieben Tage die Woche, rund um die Uhr.

Die transaktionsbezogenen Daten, die technischen Standards und Geschäftsregeln bleiben in Europa. So wird die Abhängigkeit von globalen Anbietern, die den europäischen Markt dominieren, verringert.

Ein solches System ist auch unter Kostengesichtspunkten zu begrüßen. Zum einen überwindet es die Vielzahl nationaler Zahlungssysteme in Europa, die oft nicht miteinander kompatibel sind. Zum anderen ermöglicht die Größe des europäischen Binnenmarktes erhebliche Skaleneffekte, ein Potenzial, das Europa bislang zu wenig nutzt, insbesondere im Dienstleistungssektor. Schließlich entfallen durch direkte Konto-zu-Konto-Überweisungen zahlreiche Zwischenstufen. Auch dies trägt zu geringeren gesamtwirtschaftlichen Kosten und höherer Effizienz im Finanzsystem bei.
 

Der digitale Euro – Macht, Sicherheit und Stabilität

Während WERO ein auf dem Euro basierender digitaler Zahlungsdienst ist, wird der digitale Euro, den die Europäische Zentralbank derzeit entwickelt, als digitale Zentralbankwährung ein gesetzliches Zahlungsmittel neben dem Bargeld werden.

Er soll auf der Blockchain-Technologie basieren und von ihren Vorteilen profitieren. Dazu gehören schnelle, grenzüberschreitende Zahlungen zu geringen Transaktionskosten. Eine Blockchain besteht aus einer Verkettung von Datensätzen, die durch komplexe mathematische Verfahren gegen nachträgliche Manipulationen geschützt sind. Dadurch wurde erstmals die Möglichkeit geschaffen, digitale Werte fälschungssicher zu übertragen.

Während Inhalte im Internet bislang beliebig kopiert und manipuliert werden konnten, setzt die Blockchain hier wirksame Grenzen. So entwickelt sich aus dem Internet der Informationen und Dinge zunehmend ein Internet der Werte.

Die meisten von uns haben schon einmal von Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum oder Solana gehört. Auch sie basieren auf der Blockchain. Warum braucht Europa also noch einen digitalen Euro?
 

Der Euro als internationale Reservewährung

Nach wie vor dominiert der US-Dollar den internationalen Devisenhandel. Die Vorteile einer Weltreservewährung sind enorm: Sie reichen von politischem Einfluss über günstigere Refinanzierungsmöglichkeiten für den Staat bis hin zu geringeren Wechselkursrisiken für Unternehmen.

„Der Dollar stellt derzeit ca. 60 Prozent der weltweit gehaltenen Währungsreserven, der Euro etwa 20 Prozent. Sein Anteil könnte steigen, besonders wenn politische Eingriffe in die amerikanische Geldpolitik, etwa Trumps versuchte Einflussnahme auf die Fed, das Vertrauen in den Dollar schwächen.“

Dr. Klaus Wiener

Der Dollar stellt derzeit ca. 60 Prozent der weltweit gehaltenen Währungsreserven, der Euro etwa 20 Prozent. Sein Anteil könnte steigen, besonders wenn politische Eingriffe in die amerikanische Geldpolitik, etwa Trumps versuchte Einflussnahme auf die Fed, das Vertrauen in den Dollar schwächen.

Zugleich arbeiten andere Notenbanken, allen voran China, seit Jahren an digitalen Währungen. Für die internationale Bedeutung einer Währung wird künftig auch entscheidend sein, ob sie in digitaler Form als gesetzliches Zahlungsmittel verfügbar ist.
 

Vermeidung übermäßiger Marktmacht

Ein weiterer Grund für die Einführung eines digitalen Euro liegt in der Begrenzung wirtschaftlicher Marktmacht. Der Erfolg moderner Plattformökonomien beruht auf starken Netzwerkeffekten: Hat sich ein System etabliert, fällt ein Anbieterwechsel schwer.

Diese Effekte werden durch private digitale Währungen noch verstärkt, da das jeweilige Plattformgeld oft nur innerhalb eines geschlossenen Systems nutzbar ist. Schnittstellen zu anderen Systemen fehlen oder werden bewusst erschwert. Der Versuch von Meta, mit Libra eine eigene Währung zu etablieren, zeigt, dass solche Modelle ernsthaft verfolgt werden.

Die Folge sind stärkere Lock-in-Effekte und die Entstehung monopolistischer oder oligopolistischer Strukturen – sehr zum Nachteil von Verbraucherinnen und Verbrauchern. Ein digitaler Euro kann dem entgegenwirken – vorausgesetzt, er ist interoperabel. Das heißt, er muss mit anderen privaten Zahlungsmitteln austauschbar sein.
 

Steigerung der Wirksamkeit der Geldpolitik

Auch bei der Geldpolitik spricht vieles für digitales Zentralbankgeld. Dazu zählen ein effizienterer Zahlungsverkehr und die Anpassung an die Anforderungen der digitalen Wirtschaft.

Hier kommt der rückläufige Gebrauch von Bargeld ins Spiel: Wer weniger Bargeld nutzt, hat weniger direkten Zugang zu Zentralbankgeld. Heute haben Privatpersonen nur in Form von Banknoten und Münzen Zugang zu Zentralbankgeld. Das von Geschäftsbanken zum Beispiel über die Kreditvergabe geschaffene Giralgeld ist ausdrücklich kein Zentralbankgeld, das heißt es ist keine Verbindlichkeit der Zentralbank.

Mit dem digitalen Euro wird ein weiterer direkter Zugang für die Allgemeinheit geschaffen. Dies ist sinnvoll, weil Zentralbankgeld als staatlich garantiertes Zahlungsmittel im Grunde das einzig wirklich risikolose Asset ist. Damit ist es wesentlicher Bestandteil für das Vertrauen der Menschen in das Finanzsystem.

Ein digitales Zentralbankgeld ist aber auch mit Blick auf die Wirksamkeit der Geldpolitik wichtig. Mit Hilfe von sogenannten Smart Contracts[1], die auf der Blockchain möglich sind, könnten Zuteilungen von Zentralbankgeld nur für bestimmte Zeit oder den Kauf von bestimmten Gütern gewährt werden. Damit könnte die Geldpolitik sehr viel ziel- und passgenauer agieren.

Hinzu kommt der Umstand, dass Zentralbanken ihre Rolle als „lender of last resort“ besser wahrnehmen könnten. Zentralbanken stellen Geschäftsbanken im Falle von Krisen Notfallliquidität zur Verfügung. So geschehen während der Finanzkrise 2008 und der Corona-Pandemie. In einem System mit umfangreicher Nutzung privater Digitalwährungen, die ohne Einbindung des Geschäftsbankensystems funktionieren, könnte diese Funktion stark eingeschränkt sein. Auch deshalb ist die uneingeschränkte Konvertibilität zwischen privatem und staatlichem digitalem Geld von zentraler Bedeutung.
 

Deutschlands Finanzlücke – Mehr Resilienz durch starke Kapitalmärkte

WERO und der digitale Euro sind wichtige Bausteine für die Stabilität des europäischen Finanzsystems. Ebenso entscheidend ist jedoch die Größe und Tiefe der Kapitalmärkte, ein Bereich, der in Deutschland lange vernachlässigt wurde.

Volkswirtschaften befinden sich in einem stetigen Wandel. Angesichts von künstlicher Intelligenz, demografischem Wandel und Klimazielen haben sich Tempo und Dynamik dieses Wandels deutlich erhöht.

Deutschland verfügt über eine lebendige Start-up-Szene. Schwierig ist jedoch der Übergang von kleinen Unternehmen zu internationalen Champions. Dies liegt teilweise an Regulierungen, vor allem aber an fehlenden Finanzierungsmöglichkeiten in der Wachstumsphase.

Andere Länder sind hier besser aufgestellt, allen voran die USA. Dort verfügen die großen Kapitalsammelstellen wie Pensionsfonds, Versorgungswerke oder Stiftungen über weitaus größere finanzielle Mittel. Und wenn ein Portfolio groß ist, kann auch bei einer vorsichtigen Allokation sehr viel mehr Geld in sogenanntes Wagniskapital investiert werden. Dies führt nicht nur dazu, dass amerikanische Start-ups einen besseren Zugang zu Kapital haben, sondern auch dazu, dass deutsche und europäische Unternehmen vom Zugang zu US-Finanzierungen abhängig sind oder nach einer erfolgreichen Gründungsphase in Deutschland, die oftmals von staatlichen Förderprogrammen begleitet wird, in die USA abwandern.

Eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, ist der konsequente Aufbau einer kapitalgedeckten Alterssicherung. Der Altersvorsorgefonds und die Frühstartrente sind wichtige Schritte, reichen aber nicht aus, wenn man einen wirklich tiefen und leistungsfähigen Kapitalmarkt anstrebt.

Mindestens genauso wichtig, ist die Stärkung der finanziellen Bildung. Die Deutschen verfügen über Ersparnisse von rund neun Billionen Euro – etwa das Doppelte des jährlichen Bruttoinlandsprodukts. Ein Großteil liegt jedoch in niedrig verzinsten Anlageformen. Besser wäre es, wenn ein größerer Teil dieser Mittel in Anlageformen fließen würde, die enger mit der Realwirtschaft verbunden sind und dadurch höhere Renditen versprechen. Dazu zählen Aktien, aber nicht nur. Auch Unternehmensanleihen, Wagniskapitalfonds oder Infrastrukturprojekte eignen sich, um das Anlagerisiko breit zu streuen. Dafür braucht es einen Mentalitätswechsel in der deutschen Bevölkerung, der die Vorteile des Finanzmarktes für die private Anlage und Vorsorge anerkennt.
 

Fazit

Bessere Rahmenbedingungen für die Realwirtschaft sind heute dringender denn je. Nur so kann die Wirtschaft dynamisch und zugleich widerstandsfähig agieren. Doch genauso wichtig ist eine hohe finanzielle Resilienz auf nationaler und europäischer Ebene. Nur wenn Realwirtschaft und finanzielle Stärke Hand in Hand gehen, kann die deutsche und europäische Wirtschaft im globalen Wettbewerb bestehen.

 

Justus Kersting | Büro Dr. Klaus Wiener MdB

Dr. Klaus Wiener, Volkswirt, ist direkt gewählter CDU-Bundestagsabgeordneter aus dem Kreis Mettmann (NRW). Nach Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker, Studium der Volkswirtschaftslehre in Osnabrück und den USA sowie Promotion war er in leitenden Funktionen bei Commerzbank, WestLB, Generali und dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft tätig. Seit 2021 gehört er dem Deutschen Bundestag an, seit 2025 als Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Ausschuss für Wirtschaft und Energie sowie als Mitglied des Finanzausschusses.

[1] Ein Smart Contract ist ein Programm, das automatisch ausgeführt wird, wenn vorher festgelegte Bedingungen erfüllt sind. Dabei läuft der Vertrag ohne Vermittler wie eine Bank oder einen Notar ab. Ein konkretes Beispiel ist die automatische Zahlung eines festgelegten Betrages, wenn eine bestimmte Bauleistung erbracht wurde und dies vom Kunden und dem Erbringer der Leitung so festgestellt wurde.  

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