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Wie der direkte Blick in die Truppe viele Gewissheiten über Sicherheitspolitik verändert.

Ein persönlicher Erfahrungsbericht darüber, wie eine Woche bei der Bundeswehr den Blick auf Deutschlands Verwundbarkeit und die Realität der Sicherheitspolitik verändert hat.

Die Bundeswehr ist derzeit in aller Munde. Mal geht es um ihre Ausstattung, ihre Einsatzfähigkeit, um Auslandseinsätze und das Beschaffungswesen oder um Haushaltsfragen und ihre Rolle in einer veränderten Sicherheitslage. Das geschieht zumeist aus politischer Distanz. Man liest Vorlagen, hört Berichte, diskutiert Zahlen und bewertet Strukturen. Doch wer in einem Umfeld arbeitet, in dem solche Fragen politisch vorbereitet oder entschieden werden, sollte sich mal aus nächster Nähe angesehen haben, wovon eigentlich die Rede ist.

Deshalb habe ich nicht lange gezögert, als man mich gefragt hat, ob ich an einer Informationswehrübung (InfoDVag) teilnehmen möchte. Sie wird von der Bundeswehr ausgerichtet und ist keine klassische Grundausbildung und auch keine reine Werbeveranstaltung. Sie soll Menschen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einen unmittelbaren, ungeschminkten Einblick in den Alltag der Streitkräfte geben.

Für mich hieß das: eine Woche Hannover, Schule für Feldjäger und Stabsdienst im Unterstützungsbereich der Bundeswehr. Und zwar nicht als Beobachter am Spielfeldrand, sondern mittendrin. Vom ersten Tag an in Uniform, mit Dienstbetrieb, Ausbildung und allem, was dazugehört. Erster Höhepunkt: Ein feierliches Gelöbnis, abgenommen vom Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer höchstselbst. An unserer Seite Soldaten auf Zeit und Berufssoldaten, die ebenfalls ihr Gelöbnis ablegten.

Wir haben in dieser Woche nicht nur zugeschaut, wir haben mitgemacht. Ich stand auf der Schießbahn, saß bei den Fahrübungen im geschützten Fahrzeug und habe an Drohnen-Übungen der Truppe teilgenommen. Das macht etwas mit einem: raus aus der Berliner Blase und hinein in den Alltag der Truppe. Der Schlafmangel, die enge Taktung, man bekam ein Gefühl dafür, wie hoch die körperliche und mentale Belastung im Dienst ist.

Eine Erkenntnis hat sich festgesetzt: Wir sind angreifbarer, als wir es uns im politischen Alltag oft eingestehen.

Das war keine abstrakte Erkenntnis aus einem Strategiepapier oder einer PowerPoint-Folie. Sie reifte in den Hallen und auf den Übungsplätzen und nach Gesprächen mit Soldaten, die sehr genau wissen, was Verwundbarkeit bedeutet. Man hört anders zu, wenn nicht abstrakt von „kritischer Infrastruktur“ die Rede ist, sondern konkret beschrieben wird, was es für die Truppe heißt, wenn die Kommunikation ausfällt, der Nachschub stockt oder Einsatzmittel fehlen, über die der Bundestag längst hätte entscheiden müssen. Die Soldaten reden nicht theoretisch über Cyberangriffe oder hybride Bedrohungen, es geht um reale Ereignisse. Deutschland steht längst im Visier.

„Wenn Ausrüstung fehlt oder die Bürokratie lähmt, ist das im politischen Raum ein Verwaltungsvorgang. Für die Truppe ist es ein Sicherheitsrisiko im täglichen Dienst.“

Dustin Müller

In diesen Gesprächen offenbarte sich eine tiefe Ernüchterung über die Langsamkeit politischer Prozesse. Menschen in Verantwortung äußerten blankes Unverständnis darüber, dass manche Beschaffungen erst in fünf Jahren greifen, obwohl sie heute gebraucht werden. Wenn Ausrüstung fehlt oder die Bürokratie lähmt, ist das im politischen Raum ein Verwaltungsvorgang. Für die Truppe ist es ein Sicherheitsrisiko im täglichen Dienst.

Mir ist in dieser einen Woche einiges klargeworden: Soldatinnen und Soldaten müssen unmittelbar mit den Folgen politischer Entscheidungen leben. Mit den guten, aber auch mit den verschleppten, den zerredeten.

Besonders eindrücklich waren meine Gespräche mit Soldaten, die mir gesagt haben, wie sehr ihnen ihre Auslandseinsätze bis heute nachhängen. Sie haben Anschläge erlebt, Kameraden verloren, sind verwundet worden, haben Angst und Ausnahmezustände erfahren. Weit weg von zu Hause, weit weg von der Familie. Das sind Erfahrungen, die man aus der sicheren Entfernung kaum nachempfinden kann. Und doch saßen vor mir Menschen, die von sich absehen konnten. Keine großen Gesten, kein Pathos, kein Lamento. Sie erzählten ruhig und beeindruckend klar, was ein Einsatz mit einem macht, was es heißt, verwundet zu sein und wie man weitermacht, wenn nichts mehr so ist, wie es war. Mich hat beeindruckt, wie sie mit dem Erlebten umgehen. Da war eine Loyalität, die man nicht künstlich herstellen kann: gegenüber der Truppe, den Kameraden, unserem Land und dem Auftrag, Frieden und Freiheit zu schützen. Keiner sprach von Aufgeben. Im Gegenteil: Einige haben sich weiter in den Dienst gestellt, obwohl sie längst mehr gegeben hatten, als man von einem Menschen verlangen kann.

Nach einer solchen Woche verändert sich der Blick auf die Berliner Debatten. Manche Empörung, manche symbolische Auseinandersetzung, manche parteipolitische Routine verliert an Gewicht.

Eine Erkenntnis möchte ich weitergeben: Sicherheit hat ihren Preis. Sicherheit ist nichts, über das man spricht, wenn alles andere erledigt ist. Sicherheit ist die Voraussetzung dafür, dass alles andere möglich bleibt. 

Dustin Müller

Dustin Müller (22), studiert Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist nebenberuflich seit fünf Jahren im Deutschen Bundestag tätig und sitzt der Jungen Union Treptow-Köpenick vor.

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