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Ein Gespräch mit dem ukrainischen Fotografen Viacheslav Ratynskyi

Kriegsfotografie ist mehr als Dokumentation. Sie ist Zeugnis, Erinnerung und manchmal auch Kampf um Deutungshoheit. Slava Ratynskyi spricht über Bilder zwischen Realität, Emotion und politischer Wahrheit.

Slava Ratynskyi

Slava Ratynskyi (Viacheslav Ratynskyi) ist ein ukrainischer Fotojournalist und Dokumentarfotograf. Er lebt und arbeitet seit über zehn Jahren in Kyjiw. Seit Beginn der großangelegten russischen Invasion dokumentiert er die Schlüsselereignisse des Krieges. Zuvor war er für führende ukrainische Medien tätig und hat das Fotoprojekt 100 Momente der Revolution der Würde ins Leben gerufen. Er arbeitet mit Reuters, The Times und weiteren internationalen Medien und Organisationen zusammen. Seine Bilder wurden unter anderem in Süddeutsche Zeitung Magazin, The Guardian, Frankfurter Allgemeine Zeitung, The New York Times, Time, Der Spiegel und in vielen ukrainischen Publikationen veröffentlicht. Er nahm an Ausstellungen auf der ganzen Welt teil.

Ist Kriegsfotografie mehr Kunst oder ein Dokument der Wirklichkeit?

Viacheslav Ratynskyi: Wir sprechen ja oft von „Dokumentarfotografie“. Es geht darum, die Realität zu erfassen. Gerade im Fall von Kriegsverbrechen ist die Fotografie ein unwiderlegbarer Beweis. Natürlich hat jeder Fotograf auch seine eigene künstlerische Perspektive. Aber seit Beginn des russisch-ukrainischen Krieges verfolgen wir Fotografen vor allem ein Ziel: Wir dokumentieren Verbrechen und Zerstörung, um der Welt diese Schrecken zu zeigen.

Gibt es Momente, in denen es nicht mehr reicht, nur die Tragödie zu zeigen?

Viacheslav Ratynskyi: Die gibt es immer wieder. Seit Beginn der großangelegten Invasion werden in der Ukraine täglich Orte beschossen, werden Menschen getötet. Es ist wichtig, jede einzelne Tragödie festzuhalten. Doch mit der Zeit stumpfen die Betrachter ab. Die vermeintlich immer gleichen Fotos ermüden. Man scrollt einfach nur weiter. Deshalb suchen wir Fotografen nach neuen, anderen Geschichten, die nicht nur oberflächlich vermitteln, was hier geschieht.

Ein Beispiel: Ich habe eine Serie über Straßenschilder fotografiert, die die Ukrainer zu Beginn der Invasion in großer Zahl haben verschwinden lassen, um die russischen Truppen zu verwirren. Statt der offiziellen tauchten auf einmal „umgestaltete“ Schilder auf, mit neuen, nicht selten groben „Botschaften“ an die Besatzer. Diese Fotos erzählen sehr viel über diese erste Phase des Krieges.

Ein anderes Beispiel: Ich habe mich intensiv damit beschäftigt, wie gefallene Soldaten geborgen und ihre Überreste identifiziert werden. Es geht um die Geschichte jedes einzelnen Soldaten und um seine letzte Reise nach Hause, zu den Angehörigen. Das ist zwar äußerst schmerzhaft, aber enorm wichtig. Solche Geschichten bestimmen nicht die täglichen Schlagzeilen. Aber sie vermitteln ein tiefes Verständnis dafür, was sich hinter den abstrakten Verlustzahlen wirklich verbirgt.

Wie hat die flächendeckende Invasion deine Art zu fotografieren beeinflusst?

Viacheslav Ratynskyi:: Mein Blick in die Welt ist schon während der Maidan-Zeit ein anderer geworden. Damals wurde mir klar, dass ich nicht nur reine Nachrichtenbilder fotografieren will. Viel lieber hätte ich langfristige Projekte verfolgt, mit einem komplexeren Ansatz. Fotos, die die Essenz von Ereignissen zeigen, das Wesentliche. Der Februar 2022 hat mein Verhältnis zur Fotografie dann noch einmal grundlegend verändert.

Wie reagierst du auf den Vorwurf, ukrainische Fotografen seien „Propagandisten“ und nicht in der Lage, objektiv zu berichten?

Viacheslav Ratynskyi: Dieser Vorwurf empört mich. Wir Ukrainer fühlen uns zutiefst verpflichtet, der Welt zu zeigen, was hier wirklich geschieht. Wir erleben diesen Krieg unmittelbar: Unsere Freunde, unsere Verwandten kämpfen an der Front. Wir selbst stehen immer wieder unter Beschuss, wir begleiten Soldaten in den Schützengräben, dokumentieren zerstörte Orte direkt nach Angriffen und besuchen Verwundete in Krankenhäusern. Und dann werden wir gefragt: „Wie steht’s um Eure Neutralität?“ Ich erlaube mir die Gegenfrage: Wer garantiert uns denn, dass ein ausländischer Fotograf, der für eine Woche hierherkommt, frei von Vorurteilen oder Propaganda ist?

Die Mehrheit der ukrainischen Journalisten und Fotografen sind erfahrene Profis, und sie halten die journalistischen Standards ein. Wir kennen uns hier aus, und wir erleben alles aus erster Hand. Uns der Voreingenommenheit zu bezichtigen, weil wir Ukrainer sind, ist schlichtweg absurd.

Warum hältst du es für problematisch, die Arbeiten ukrainischer und russischer Fotografen in internationalen Wettbewerben gleichberechtigt nebeneinander zu präsentieren?

Viacheslav Ratynskyi: Die Welt war es gewohnt, unser Land immer nur aus Russlands Perspektive wahrzunehmen. Ukrainische Stimmen wurden – bis zur großangelegten Invasion – international kaum zur Kenntnis genommen. Wenn wir heute die Arbeiten russischer Fotografen sehen, die für staatliche Agenturen oder Medien arbeiten, dann haben wir es zumeist mit direkter oder indirekter Propaganda des Kremls zu tun.

Natürlich gibt es auch in Russland unabhängige Fotografen, aber das System ist so ideologisiert, dass man oft nicht unterscheiden kann, was authentisch und was Propaganda ist. Um den russischen Erzählungen eines Tages wieder Glauben schenken zu können, müsste sich der Umgang mit der Wahrheit von Grund auf ändern. Das braucht Zeit und aufrichtige Reue. Offen gestanden bezweifle ich, dass wir das jemals erleben werden. Und so lange es so ist, wie es ist, wird die Wirklichkeit verfälscht. Täter und Opfer werden auf eine Stufe gestellt, die ukrainische Perspektive systematisch an den Rand gedrängt.

Was rätst du einem jungen deutschen Fotografen, der den Krieg in der Ukraine fotografieren will?

Viacheslav Ratynskyi:Zunächst einmal sollte er sich gründlich mit der Geschichte dieses Krieges auseinandersetzen. Ohne Hintergrundwissen einfach drauflos zu fotografieren, ist riskant. Man läuft Gefahr, manipuliert zu werden oder banale Klischees festzuhalten, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.

Und dann sollte er unbedingt einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren und sich unterweisen lassen, wie man sich in Kampfgebieten, etwa in der Nähe von Minen, verhält. Er sollte auch nie ohne ein Erste-Hilfe-Set unterwegs sein. Man weiß nie, wann und wo plötzlich Gefahr droht. Auch Autofahrten in Kriegsgebieten sind riskant, kann man doch jederzeit unter Beschuss geraten. Idealerweise hat man vorher trainiert, in Extremsituationen zu fahren, um sich selbst oder andere im Notfall evakuieren zu können.

Das Wichtigste aber ist: Haltet Kontakt zu ukrainischen Kollegen oder zu Fotografen, die schon in der Ukraine gearbeitet haben. Sie können wertvolle Hinweise geben, erklären, wie man eine militärische Akkreditierung erhält und wie man sich in gefährlichen Situationen richtig verhält. Ohne Akkreditierung kommt man ohnehin nirgendwohin, da Sicherheit hier immer an erster Stelle steht. Man könnte zwar versuchen, sich selbst zurechtzufinden, aber die genannten Voraussetzungen sind unabdingbar: Wissen über die Lage, medizinische Grundkenntnisse und das Befolgen militärischer Anweisungen.

„Solange der Krieg andauert, finden die befreiten Städte keine Ruhe.“

Viacheslav Ratynskyi

Wie sind deine Eindrücke von gerade befreiten Städten? Oft herrscht die Illusion, nach der Befreiung sei alles wieder in Ordnung.

Viacheslav Ratynskyi: Solange der Krieg andauert, finden die befreiten Städte keine Ruhe. Russland beschießt Cherson, Isjum und Charkiw weiter, auch nachdem unsere Streitkräfte sie zurückerobert hatten. In Cherson verläuft die Frontlinie unmittelbar am Fluss entlang, und die russische Artillerie kann jeden Punkt der Stadt erreichen. Menschen gehen einkaufen oder fahren Auto, und plötzlich trifft sie eine Drohne oder eine Granate.

Obwohl die Ukraine seit etwa zwei Jahren keine größeren Gebiete und Städte mehr befreit hat, gleichen sich die Bilder aus ehemals russisch besetzten Orten: ausgebrannte Viertel, zerstörte Wohnblocks, Schlangestehen für humanitäre Hilfe, Folterkeller, Massengräber, erschöpfte und hungrige Menschen. Man fühlt sich an Berichte aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert. Nur dass der Feind heute der ist, der jahrzehntelang „Nie wieder!“, „Frieden um jeden Preis“ und „Völkerfreundschaft“ gepredigt hat. Alles Propagandaphrasen, die sich als hohle Lügen erwiesen haben.

Wenn der Krieg bestmöglich für die Ukraine enden sollte, was wird dann mit deinen Fotografien geschehen?

Viacheslav Ratynskyi:Ich bin überzeugt, dass es auch nach einem Sieg noch Vieles geben wird, was gründlich aufgearbeitet werden muss. Das Land muss wieder aufgebaut werden, und die Folgen dieser Tragödie werden uns noch jahrelang beschäftigen. Ich würde gern ein Buch veröffentlichen. In Büchern überdauern Fotos länger als in sozialen Medien oder auf Nachrichtenseiten. Ich sehe meine Aufgabe darin, der Welt – und auch uns Ukrainern – immer wieder in Erinnerung zu rufen, was die Ukraine durchlebt hat und wer dafür verantwortlich ist.

Ksenia Yanko

Das Interview führte Danylo Poliluev-Schmidt, Essayist, Kolumnist und Herausgeber des Buches „Die bewaffnete Wahrheit“, der sich in seinen Beiträgen intensiv mit zentralen Fragen der europäischen Sicherheit, Erinnerungskultur sowie Medienfreiheit auseinandersetzt – dabei legt er einen besonderen Fokus auf Medienkompetenz, die Analyse von Propaganda und die Bekämpfung von Falschinformationen.

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