Asset-Herausgeber

14. Juni 1994: Bundeskanzler Helmut Kohl eröffnet das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn

von Ulrike Hospes
Wie fand Deutschland aus dem Schrecken der Diktatur zur Demokratie? Das Haus der Geschichte in Bonn lädt seit 1994 zu einer Zeitreise in die Geschichte der Bundesrepublik ein. Es ist ein Ort zum Nachdenken über sich selbst, über Werden, Sein und Zeit.

Asset-Herausgeber

Eine Erfolgsgeschichte

Der Bund unterhält in der Hauptstadt Berlin und in der Bundesstadt Bonn drei Museen und zwei Ausstellungshäuser – in Berlin das Deutsche Historische Museum, das Jüdische Museum, den Martin-Gropius-Bau; in Bonn das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (mit Außenstellen in Leipzig und Berlin) sowie die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland.

Das Haus der Geschichte bildet zusammen mit dem städtischen Bonner Kunstmuseum und der Bundeskunsthalle die „Bonner Museumsmeile“ an der B9. Es ist eines der meistbesuchten Museen der Bundesrepublik Deutschland. Allein die Dauerausstellung besuchen fast 600.000 Besucher im Jahr. Im April 2012 begrüßt der damalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann den zehnmillionsten Besucher im Haus der Geschichte. Er erklärt aus diesem Anlass:

„Das Haus der Geschichte ist (…) aus der nationalen Museumslandschaft nicht mehr wegzudenken. (…) Das Museum gilt mit seiner internationalen Strahlkraft als Modell für das geplante Haus der europäischen Geschichte in Brüssel, das nach dem Wunsch des Europäischen Parlaments dort entstehen soll.“

Das Haus der Geschichte sei das erste große Geschichtsmuseum der Bundesrepublik Deutschland. Mit seiner Konzeption in den 1980er Jahren sei Neuland betreten worden.

Initiative

Als 1979 die 30-jährige Sperrfrist für Akten zur Gründung der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland endet, entsteht ein neuer Schub in der Aufarbeitung der deutschen Geschichte. Gleichzeitig ist ein Generationenwechsel zu verzeichnen, der einen anderen Umgang mit der Verantwortung für die Lehren aus der deutschen Geschichte fordert. Die Teilungsgeschichte Deutschlands in Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik erschwert eine gesamtdeutsche Betrachtung. Dem Historiker Helmut Kohl ist es ein Anliegen, insbesondere der jungen Generation die positive Entwicklung der Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland in Erinnerung zu rufen: „Wir mussten unsere Kinder und Enkel mit den Wurzeln der Bundesrepublik und mit ihrer Entwicklung vertraut machen“, schreibt er in seinen Erinnerungen (Bd. 2, S. 827). Bereits in seiner ersten Regierungserklärung am 13. Oktober 1982 stößt er eine „Sammlung zur deutschen Geschichte seit 1945“ an:

„Unsere Republik, die Bundesrepublik Deutschland, entstand im Schatten der Katastrophe. Sie hat inzwischen ihre eigene Geschichte. Wir wollen darauf hinwirken, daß möglichst bald in der Bundeshauptstadt Bonn eine Sammlung zur deutschen Geschichte seit 1945 entsteht, gewidmet der Geschichte unseres Staates und der geteilten Nation.“

Diese Anregung Kohls für ein zeithistorisches Museum stößt bei der SPD-Bundestagsfraktion nicht auf Begeisterung. Die Furcht vor einem regierungsamtlichen Geschichtsbild und einer selbstgefälligen Präsentation wird geschürt. Vorwürfe werden erhoben: Kohl betreibe Geschichtsklitterung, wolle verschiedene Interpretationen einebnen. Doch der Bundeskanzler lässt sich nicht beirren. Er nimmt die Konzentration auf den Kernstaat und die Zementierung der Teilung in der Geschichtsschreibung für die vergangenen vierzig Jahre in Kauf, um die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, die Durchsetzung der Demokratie gegenüber diktatorischen Entwicklungen in der deutschen Geschichte und Gegenwart zu betonen – bei gleichzeitigem Bekenntnis zu der Verantwortung, die sich aus den Verbrechen in der deutschen Geschichte ergibt. Dass die Entwicklung zu Baubeginn 1989/90 wiederum ein neues Kapitel in der deutschen Geschichte aufschlägt und mit dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes am 3. Oktober 1990 die Teilung endet, somit wieder eine gesamtstaatliche Entwicklung existiert, wird später in den Aktualisierungen der Dauerausstellung berücksichtigt.

Kohl vergisst bei aller Konzentration auf die Geschichte der Bundesrepublik nicht sein Bekenntnis zur deutschen Einheit. Er wird nicht müde, den Wiedervereinigungsauftrag des Grundgesetzes zu betonen. Parallel treibt er daher in Berlin das Deutsche Historische Museum voran, das die gesamte deutsche Geschichte seit dem 5. Jahrhundert präsentiert. Es wird am 28. Oktober 1987 in vorläufiger Trägerschaft einer vom Bund und den Ländern getragenen GmbH gegründet; seit 2008 ist es eine Stiftung Öffentlichen Rechts. Beheimatet ist das DHM seit 1990 im Zeughaus, Unter den Linden.

Kohl beauftragt mit der Umsetzung der Museen seinen Bauminister Oscar Schneider, der seit 1972 als Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Raumordnung, Raumwesen und Städtebau amtiert hatte. Oscar Schneider gelingt es, alle Einwendungen, insbesondere den Vorwurf der regierungsamtlichen Prädominanz zurückzuweisen.

Von der Idee zum Museum

Die 1983 eingesetzte Sachverständigenkommission – Prof. Dr. Lothar Gall (Vorsitz), Prof. Dr. Klaus Hildebrand, Prof. Dr. Horst Möller und Museumsdirektor Dr. Ulrich Löber – legt im Juni ihre „Überlegungen und Vorschläge zur Errichtung eines Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ vor. Das Gutachten wird wesentliche inhaltliche Grundlage für die Realisierung des Hauses der Geschichte und stellt sich der Diskussion mit über 100 gesellschaftlichen Gruppen, Institutionen, Verbänden, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft. Kritik und Anregungen nimmt die Kommission auf. Im Juli 1985 verabschiedet das Bundeskabinett die Grundkonzeption.

Am 1. März 1986 erfolgt der Erlass über die Errichtung einer nicht selbstständigen Stiftung als vorläufiger Rechtsträger. Daraufhin können die konstituierenden Sitzungen des Kuratoriums, des Arbeitskreises gesellschaftlicher Gruppen sowie des Wissenschaftlichen Beirates der Stiftung Haus der Geschichte erfolgen. Der Aufbau einer historischen Sammlung, die Planung einer Dauerausstellung und des Gebäudes beginnen. Erst am 28. Februar 1990 verabschiedet der Deutsche Bundestag mit den Stimmen der CDU/CSU, SPD und FDP das „Gesetz zur Errichtung einer selbständigen Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“.

In seiner Regierungserklärung vom 18. März 1987 bekräftigt Bundeskanzler Helmut Kohl sein Ziel eines zeithistorischen Museums:

„Für jedes Volk ist Geschichte Quelle der Selbstvergewisserung. Deshalb ist die Pflege von Kultur und Geschichte auch eine nationale Zukunftsaufgabe. Die Bundesregierung trägt dem mit zwei wichtigen Museumsbauten Rechnung. In Bonn entsteht ein Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und in Berlin ein Deutsches Historisches Museum. Die deutsche Geschichte soll so dargestellt werden, dass sich die Bürger darin wiedererkennen – offen für kontroverse Deutungen und Diskussionen, offen für die Vielfalt geschichtlicher Betrachtungsmöglichkeiten. In einer freien Gesellschaft gibt es nach unserer Überzeugung kein geschlossenes und schon nicht ein amtlich verordnetes Geschichtsbild. Niemand hat das Recht, anderen seine Sicht und seine Deutung der Geschichte aufzudrängen.“

In einer ersten Lesung am 16. Februar 1989 diskutiert der Deutsche Bundestag über den von der damaligen Bundesregierung eingebrachten Entwurf.

Bundeskanzler Helmut Kohl argumentiert in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag:

„Inzwischen wächst aber eine junge Generation heran, die die Anfänge unserer Demokratie nicht mehr aus eigener Anschauung kennt. Für diejenigen, die historisches Wissen aus eigenem Erleben erworben haben, bedeutet das, wie ich denke, eine besondere Verantwortung. Wir müssen die Generationen unserer Kinder und Enkel mit den Wurzeln und mit der Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland vertraut machen. (…) Gerade die Geschichte unseres Volkes fordert immer wieder zur Stellungnahme, zum Beziehen von Positionen heraus. Das Haus der Geschichte soll deshalb die Vielfalt historischer Betrachtungsweisen berücksichtigen. Es soll auch Streitiges streitig darstellen. Zugleich muss dieses Haus – ich habe von Anfang an darauf hingewiesen – die Entwicklungen und ihre Ursachen so objektiv wie möglich nachzeichnen. Es muss nach den Maßstäben wissenschaftlicher Seriosität informieren. Es muss zu Fragen anregen und Antworten anbieten. Es muss die Aufklärung zu leisten versuchen, die für ein fundiertes Wissen und für ein kritisch-selbständiges Verstehen erforderlich ist. Aber, so glaube ich, es muss den Besuchern auch deutlich machen: am Ende dieses Jahrhunderts, das so viel Leid über die Menschen brachte, gilt es, die Lehren der Geschichte zu beherzigen. Dazu gehört vor allem, dass wir die unbedingte und absolute Würde des einzelnen Menschen in allen Bereichen seines Lebens zu achten haben. Dazu gehört die Erkenntnis, dass es einen Mittelweg zwischen Demokratie und Diktatur nicht geben kann.“

51 Tage vor dem Fall der Mauer erfolgt mit dem ersten Spatenstich am 21. September 1989 der Baubeginn. Die Grundsteinlegung findet am 17. Oktober 1989 statt. Richtfest wird am 27. Juni 1991 gefeiert. Zur feierlichen Eröffnung am 14. Juni 1994 erscheinen über 1.000 Gäste, darunter Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, Bundeskanzler Helmut Kohl, die Bundesminister Irmgard Schwaetzer und Norbert Blüm sowie Oscar Schneider, Bundesbauminister a.D. und Vorsitzender des Kuratoriums. Bundeskanzler Helmut Kohl sagt bei der Eröffnung:

„Von der Idee, die ich erstmals am 13. Oktober 1982 im Deutschen Bundestag vorgetragen habe, bis zur Eröffnung am heutigen Tage hat es zwölf Jahre gedauert. In dieser Zeit haben sich Deutschland und die Welt dramatisch verändert. Es ist ein guter Zeitpunkt und der richtige Ort, um innezuhalten und zurückzublicken. Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist für die meisten Menschen im Westen identisch mit der selbsterlebten Vergangenheit: 45 Jahre Frieden und Freiheit, Sicherheit und Stabilität, wirtschaftlicher Wohlstand und soziale Gerechtigkeit. Dieses Haus präsentiert keine Nabelschau Westdeutschlands, sondern es zeigt gleichzeitig die Geschichte der geteilten Nation in 40 Jahren der Spaltung. Es zeigt das Geschenk der deutschen Einheit, in der sich die Präambel unseres Grundgesetzes von 1949 erfüllte: ‚In freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden‘. Den Neubeginn haben die Älteren miterlebt. Die junge Generation kennt die Anfänge unserer Demokratie nicht mehr aus eigener Anschauung. (…) Leiden und Sterben, Schmerz und Tränen kann man nicht wiedergutmachen. Dafür gibt es nur die gemeinsame Erinnerung, die gemeinsame Trauer und den gemeinsamen Willen zum Miteinander in einer friedlichen Welt. Ohne das Wissen um die totalitäre Versuchung, ohne die Erinnerung an Schuld und moralisches Versagen sowie an die beispiellosen Schrecken, die daraus erwuchsen, lässt sich die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nicht verstehen. (…) Dieses Haus ist ein Geschenk auch und vor allem an die junge Generation. Sie wird Verantwortung in Staat und Gesellschaft übernehmen, vor allem dann, wenn wir nicht mehr sind. Wir haben allen Grund, ihr zu vertrauen. Der Lebensmut der Gründermütter und Gründerväter vor 45 Jahren, der in diesem Haus spürbar und eindrucksvoll sichtbar ist, ist ein Ansporn und ist eine Verpflichtung für uns, den Weg, der damals begann, im vereinten Deutschland fortzusetzen.“

Ein Gebäude für die Bürgerinnen und Bürger

Der von den Architekten Ingeborg und Hartmut Rüdiger entworfene Bau mit einer Gesamtnutzfläche von 22.000m² kostet 116 Millionen D-Mark. Die Offenheit des Gebäudes durch die großen Glasfronten lädt die Besucherinnen und Besucher ein, das Tageslichtmuseum – bei freiem Eintritt – zu erleben.

„Das Haus der Geschichte versteht sich als Forum für die pluralistische und demokratische Freizügigkeit von Staat und Gesellschaft. Es ist darum kein abgeschiedener Musentempel für eine elitäre Minderheit, sondern ein Ort historisch-demokratischer Reflexion und Bestandteil unserer öffentlichen politischen Kultur. Diese Zielsetzung hat die Architekten Ingeborg und Hartmut Rüdiger aus Braunschweig bewogen, ein helles, transparentes und durchlässiges Gebäude zu schaffen.“ (Hermann Schäfer, APuZ, B23/94, S. 16)

4.000m² Ausstellungsfläche und 650m² Wechselausstellungsfläche, 7.000 Objekte (sowie weitere 64.000-90.000 im Magazin) gilt es zu entdecken.

Stiftungsorgane

Zu den Stiftungsorganen zählen das Kuratorium, der Wissenschaftliche Beirat, der Arbeitskreis gesellschaftlicher Gruppen sowie der Präsident.

Das Kuratorium beschließt über alle grundsätzlichen Fragen inhaltlicher, finanzieller oder personeller Art. Es ist das aufsichtführende Organ der Stiftung, entscheidet über den Haushalt und die Grundzüge der Programmgestaltung sowie über Personalentscheidungen von wesentlicher Bedeutung, greift aber nicht in das operative Geschäft ein. Das Gremium setzt sich drittelparitätisch aus Vertretern der Fraktionen des Deutschen Bundestags, der Bundesregierung und Repräsentanten der Bundesländer zusammen.

Dem Wissenschaftlichen Beirat gehören Historiker, Politikwissenschaftler, Staatsrechtler und Museumsfachleute an. Er berät das Kuratorium und den Präsidenten der Stiftung im Rahmen des gesetzlichen Auftrags, insbesondere bei der konzeptionellen Vorbereitung der Wechselausstellungen und bei der inhaltlichen Arbeit an der Dauerausstellung.

Der Arbeitskreis gesellschaftlicher Gruppen versteht sich als kritische Interessenvertretung der Besucher. Zahlreiche gesellschaftliche Kräfte – darunter die großen Religionsgemeinschaften, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände, Vertreter des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrates, des Deutschen Frauenrats, des Deutschen Sportbunds, des Bundes der Vertriebenen, des Deutschen Bundesjugendrings und der kommunalen Spitzenverbände – bündeln ihre Interessen innerhalb des Arbeitskreises, der sowohl das Kuratorium als auch den Stiftungspräsidenten berät.

Der Präsident der Stiftung führt die Geschäfte und entscheidet in allen Angelegenheiten, sofern nicht das Kuratorium zuständig ist. Erster Präsident der Stiftung ist von 1987 bis 2006 Dr. Hermann Schäfer. Im Juni 2007 löst ihn Dr. Hans Walter Hütter ab.

Ziel aller Organe ist es, dass die Stiftung die historische Entwicklung objektiv, wissenschaftlich und verfassungsrechtlich fundiert, zugleich aber lebendig und anschaulich darstellt – mit größtmöglicher politischer Freiheit, wissenschaftlichem Sachverstand und gesellschaftlicher Rückbindung.

Auftrag

„Wir haben uns immer verstanden als eine Transfereinrichtung historischen Wissens an eine breite Öffentlichkeit. Wir betreiben keine Forschung im engeren Sinne; unsere Spezialität ist die Vermittlung von Geschichte.“ – so Hermann Schäfer in einem Interview in der Zeitung „Die Welt“ vom 11. Juni 2004.

Zur Eröffnung des Museums fasste er 1994 die Aufgaben des Hauses der Geschichte wie folgt zusammen:

Verständnis für Prinzipien und Funktionsmechanismen des demokratischen Staates wecken,

Informationen über die Grundzüge der deutschen Nachkriegsgeschichte vermitteln,

zur eigenständigen Auseinandersetzung mit der Geschichte unseres Landes anregen

und dabei auf unterschiedlichen Kommunikationsebenen eine adäquate Kommunikation ermöglichen.

(APuZ, B23/94, S. 12)

Auch heute ist es nach eigenen Angaben Aufgabe der Stiftung, „besucherfreundlich und erlebnisorientiert“ die „deutsche Geschichte von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart“ zu präsentieren. Sie hat den Anspruch, die vergangenen Jahrzehnte allen Generationen zu erklären, lädt zum Mit- und Nacherleben, zum Nachdenken ein über sich selbst, über Werden, Sein und Zeit, über Politik-, Wirtschafts-, Sozial-, Kultur- und Alltagsgeschichte. Sie beschränkt sich nicht auf das Regierungshandeln, sondern will alle Lebensbereiche darstellen. Das Ende der deutschen Teilung bringt für das Haus der Geschichte eine Konzeptionserweiterung und -akzentuierung mit sich. Eine integrierte Darstellung der deutschen Nachkriegsgeschichte in Ost- und Westdeutschland wird berücksichtigt, um dem Anspruch der Bürger der ehemaligen DDR, sich im Haus „wiederzufinden“, gerecht zu werden – allerdings nicht auf Kosten einer wertgleichen Präsentation.

Die Ausstellung zeigt den Weg Deutschlands aus dem Schrecken der Diktatur hin zur Demokratie. In der Eröffnungsausstellung 1994 gliedern sich die Entwicklungslinien wie folgt:

1945-1949: Last der Vergangenheit und Spaltung Deutschlands

1949-1955: Gründer- und Aufbaujahre

1956-1963: „Wirtschaftswunder“, Hinwendung der Bundesrepublik zu Europa, innere Entwicklung der DDR bis zum Mauerbau

1963-1974: „Aufbruch und Protest: Veränderung und Reaktion“

1974-1994: Möglichkeiten und Grenzen wirtschaftlichen Wachstums und der Politik.

Der Besucher nimmt 1994 somit seinen Weg durch vier Jahre zonal geteiltes Deutschland, durch vierzig Jahre Spaltung und durch fünf Jahre vereinigtes Deutschland.

Die Dauerausstellung folgt einer chronologischen Struktur, bietet durch die Verknüpfung mit der Alltagsgeschichte auch einen emotionalen Zugang. Die Kritik, es würden jede Menge Geschichtspartikel präsentiert, Schnäppchenjagd nach lustigen Objekten betrieben und Geschichte profanisiert, spricht gegen den Anspruch des Hauses, den Besucher dort abzuholen, wo er steht. Nicht die Analyse, sondern die Veranschaulichung von Geschichte ist das Ziel. Geschichte soll verständlich präsentiert, erkennbare Entwicklungslinien herausgearbeitet und der internationale Einfluss auf die deutsche Geschichte berücksichtigt werden. Zahlen, Daten und Fakten werden bunt und medial lebendig gemacht durch Zeitzeugengespräche, Fotos, Film- und Tondokumente. Biografische Elemente lassen Zeitgeschichte verständlicher wirken – getreu dem Leitspruch „Geschichte erleben“.

Am Puls der Zeit

Das Haus der Geschichte in Bonn ist fertig und doch immer eine Baustelle. Handwerkerfiguren am Ausgang symbolisieren ständige Weiterentwicklung, weil das Heute morgen schon Vergangenheit ist und Erinnerungsstücke zum zeitgeschichtlichen Inventar werden. Themen werden in der historischen Rückschau anders gewichtet. Jede Generation entdeckt und bewertet ihre Geschichte neu.

2001 erfolgt daher die Eröffnung der überarbeiteten Dauerausstellung durch Bundeskanzler Gerhard Schröder. Im Mai 2011 eröffnet nach achtmonatiger Umbauphase Bundespräsident Christian Wulff die neue, aktualisierte Dauerausstellung. Hierfür wurden 2.500 von 4.000m² Ausstellungsfläche aktualisiert. Insbesondere die Geschichte der DDR hat dabei mehr Berücksichtigung gefunden.

1945-1949: Last der Vergangenheit und Teilung Deutschlands

1949-1955: Jahre des Aufbaus in Ost und West

1955-1963: Kalter Krieg und Vertiefung der Teilung

1963-1974: Kontinuität und Wandel

1974-1989: Neue Herausforderungen

1989 bis heute: Deutsche Einheit und globale Herausforderungen

Darüberhinaus greift das Haus mit zahlreichen Wechselausstellungen zeitgeschichtliche Themen auf, die in dieser Art keinen Platz in der Dauerausstellung haben. Es bietet ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm (Symposien, Diskussionen zu zeitgeschichtlichen und kulturellen Themen, Lesungen, Filmabende, Konzerte), begrüßt zahlreiche Schulklassen, stellt ein wissenschaftliches Informationszentrum mit einer Präsenzbibliothek zur Verfügung.

Kein klassisches Museum, sondern ein Ausstellungs-, Dokumentations- und Informationszentrum ist das Ziel. Mit den modernsten Möglichkeiten der Medientechnik soll die Geschichte anschaulich präsentiert werden. Aus dem Etat des Kulturstaatsministers werden jährlich etwa 21 Millionen Euro bereitgestellt.

Ausstellungsorte

Neben dem „Haupthaus“ in Bonn betreut die Stiftung weitere Gedenk- und Erinnerungsorte:

… in Bonn:

Bonner Kanzlerbungalow und Teile des Kanzleramtes (Führungen)

Palais Schaumburg (Online-Panorama)

Gebäude des Bunderates in Bonn (Informationszentrum Föderalismus, Führungen)

Weg der Demokratie (Rundweg mit beschilderten Stationen zu zeithistorisch bedeutenden Orten des ehemaligen Regierungsviertels)

Karikaturengalerie (Sammlung von Originalkarikaturen zur deutschen Zeitgeschichte)

…in Leipzig:

Zeitgeschichtliches Forum Leipzig (Ausstellung zur Geschichte von Diktatur, Widerstand und Zivilcourage in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR, zur friedlichen Revolution und zum Vereinigungsprozess)

… in Berlin:

Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße, Berlin (Ausstellung „GrenzErfahrungen. Alltag der deutschen Teilung“)

Sammlung Industrielle Gestaltung in der Kulturbrauerei, Berlin (Ausstellung zum Alltag in der DDR)

Zusammen mit dem Deutschen Historischen Museum in Berlin betreibt das Haus der Geschichte ferner das „Lebendige Museum Online (LeMO)“. Dort werden Informationen von 1871 bis zur Gegenwart präsentiert.

Vorbildcharakter

Auch auf Landesebene gibt es derartige Museen zur Zeitgeschichte (Haus der Bayerischen Geschichte, Haus der Geschichte Baden-Württemberg). Die Erfolgsgeschichte des Hauses der Geschichte in Bonn wird jedoch vor allem an der Tatsache deutlich, dass 1996 der Europarat allen Mitgliedsstaaten empfiehlt, Museen nach dessen Vorbild zu errichten.

Am 13. Februar 2007 regt Hans-Gert Pöttering in seiner Antrittsrede als Präsident des Europäischen Parlaments an, ein „Haus der europäischen Geschichte“ zu gründen. Gut ein Jahr später beginnt ein international besetztes Expertengremium mit der Konzeption für ein solches Museum. Unter Vorsitz von Hans Walter Hütter umfasst es neun Sachverständige aus Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Finnland, Portugal, Ungarn, Niederlande.

Die Überlagerung der europäischen Geschichtsdebatten durch die nationale Erinnerungskultur soll überwunden werden. Es soll kein Museum der National- und Regionalgeschichten werden, sondern die großen Linien der europäischen Geschichte aufzeigen. Geplant ist auch hier eine Dauerausstellung auf rund 4.000m², die die Geschichte der europäischen Einigung seit 1917 präsentiert. Die Herangehensweise ist chronologisch, flankiert von vielen biographischen Elementen und mit einem deutlichen Bezug zur Gegenwart. Die vier Themenkomplexe umfassen die Ursprünge Europas, das Europa der Weltkriege, die Zeit nach 1945 sowie die gegenwärtige Entwicklung. Daneben sind Wechsel- und Wanderausstellungen vorgesehen.

Wie sagte Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und einer der Gründerväter Europas, bereits am 4. August 1946 in Recklinghausen auf der Zonentagung der Jungen Union?

„Sie dürfen niemals die geschichtlichen Zusammenhänge vergessen. Glauben Sie mir, auch im Ablauf des Lebens des Volkes folgt das eine aus dem anderen, das Heute aus dem Gestern und das Morgen aus dem Heute. Und so ist es sehr wertvoll, die Fäden zu verfolgen, wie sie durch das ganze Geschehen hindurchlaufen, dann erst bekommt man die richtige Einstellung auch zu dem Heute.“

 

Literatur

Asset-Herausgeber

Kontakt Dr. Ulrike Hospes
Dr. Ulrike Hospes
Landesbeauftragte und Leiterin des Politischen Bildungsforums NRW /
Leiterin Büro Bundesstadt Bonn
ulrike.hospes@kas.de +49 (0) 2241 246 4257 +49 (0) 2241 246 5 4257