Kaiserreich und Weimarer Republik
Georg Dertinger wurde am 25. Dezember 1902 in Berlin geboren. Er entstammte dem gehobenen Bürgertum und wurde evangelisch getauft. Sein Vater Rudolf Dertinger war Kaufmann und leitete zuletzt die Berliner Hotel AG, seine Mutter war Tochter eines preußischen Beamten. Die Familie lebte in der Burggrafenstraße nahe des Zoologischen Gartens, damals eine der vornehmsten Wohnlagen Berlins; Georg Dertinger besuchte ab 1910 das Realgymnasium Lichterfelde. Als Offizier der Reserve wurde Rudolf Dertinger bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs ins preußische Heer einberufen und fiel bereits im Oktober 1914 an der Ostfront. Nunmehr Halbwaise erhielt Georg Dertinger 1916 zunächst eine Freistelle im Kadettenkorps Plön, wechselte von dort aber bald an die Königlich-Preußische Kadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde. Kriegsniederlage und Revolution durchkreuzten im November 1918 seinen Kindheitstraum, Offizier im Preußischen Heer zu werden.
Dertinger interpretierte die Novemberrevolution als Kapitulation der kaisertreuen Kräfte im Reich und war darüber tief enttäuscht. Mit der neuen republikanischen Staatsordnung wollte er sich dementsprechend auch nicht abfinden. Die Königlich-Preußische Kadettenanstalt wurde 1919 in eine zivile „Staatliche Bildungsanstalt“ umgewandelt und Dertinger legte dort Anfang 1922 sein Abitur ab. Bis Ende 1923 studierte er anschließend Jura und Volkswirtschaftslehre, brach das Studium dann aber ab und fing stattdessen an Vollzeit als Journalist bei der Berliner Redaktion der Magdeburger Zeitung zu arbeiten. Nach Abschluss seines Volontariats wechselte er zunächst 1924 in die Hauptredaktion der Zeitung nach Magdeburg. Dort trat er 1925 dem Stahlhelm bei, einer deutschnational und republikfeindlich ausgerichteten paramilitärischen Vereinigung, und wurde noch im selben Jahr bei dessen verbandseigener Zeitschrift als verantwortlicher Redakteur für Politik angestellt. Ebenfalls trat er der „Magdeburger Herrengesellschaft“ bei, dem lokalen Ableger des elitären und ebenfalls deutschnational ausgerichteten „Deutschen Herrenklubs“. Dort knüpfte er Kontakte zu einflussreichen konservativ und deutschnational gesinnten Persönlichkeiten. Zum Jahresende 1927 beendete Dertinger seine Tätigkeit beim Stahlhelm und arbeitete fortan als Berliner Korrespondent für verschiedene konservative Regionalzeitungen.
Zeit des Nationalsozialismus
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten begrüßte Dertinger zunächst. Er ging davon aus, dass der ihm politisch nahestehende Vizekanzler Franz von Papen, den er auch persönlich kannte, die Politik des zunächst mehrheitlich deutschnational besetzten Kabinetts Hitler bestimmen würde. Hierin täuschte sich Dertinger bekanntlich und wurde entsprechend schon bald vor die Wahl gestellt sich entweder als Journalist in die Dienste des NS-Staates zu stellen, beruflich umzuorientieren oder auszuwandern. Letzteres zog er in Erwägung, entschied sich schließlich aber für ersteres und wurde 1934 Redakteur bei der Pressekorrespondenz „Dienst aus Deutschland“. Diese versorgte im Auftrag des Auswärtigen Amtes die deutschsprachige Auslandspresse mit Inlandsnachrichten aus dem Reich. Zum überzeugten Nationalsozialisten ist Dertinger nie geworden; einen Eintritt in die NSDAP lehnte er ab und äußerte sich privat gelegentlich regimekritisch. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, in seinen Artikeln NS-Propaganda zu verbreiten. 1939 wurde er Hauptschriftleiter des „Dienst aus Deutschland“ und verblieb bis zum Kriegsende in dieser Position. Damit war Dertinger zu einem der leitenden Journalisten des NS-Regimes aufgestiegen. Als solcher war er noch bis in den April 1945 als „unabkömmlich“ eingestuft und vom Wehrdienst befreit. Anfang 1944 beauftragte man Dertinger zusätzlich zu seiner Tätigkeit beim „Dienst für Deutschland“ mit der Abfassung von Leitartikeln für das „Neue Wiener Tageblatt“. In diesen beschwort er bis zuletzt den Endsieg des Nationalsozialismus herauf.
CDU-Funktionär und Außenminister in der DDR
Das Kriegsende wartete Dertinger in Berlin in der Hoffnung ab sich dort an der Neuordnung Deutschlands beteiligen zu können. Im Sommer 1945 gehörte er zum Berliner Gründerkreis der CDU und wurde mit der Leitung ihrer Presseabteilung betraut. Noch im Verlauf desselben Jahres holte ihn allerdings seine NS-Vergangenheit ein. Diese, so bedeuteten ihm Vertreter der sowjetischen Besatzungsmacht, würde für ihn zum Problem werden, sollte er sich nicht zur Zusammenarbeit mit dem sowjetischen Geheimdienst bereitfinden. Dertinger ließ sich erpressen und war fortan sowjetischer Informant. Im Januar 1946 wurde er Generalsekretär der CDU in der SBZ. Er gehörte in dieser Rolle zu den engsten Mitarbeitern des Parteivorsitzenden Jakob Kaiser, blieb aber auch nachdem dieser im Dezember 1947 auf Betreiben der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) politisch kaltgestellt worden war im Amt. Unter Kaisers Nachfolger Otto Nuschke beugte sich die Partei dem Druck der SMAD und ordnete sich der SED unter. Dertinger war als Generalsekretär für die praktische Umsetzung der Gleichschaltung der CDU verantwortlich und erfüllte diese Aufgabe gewohnt effizient. 1949 war er an der Abfassung der DDR-Verfassung beteiligt und setzte sich in diesem Zusammenhang besonders für die Interessen der Kirchen ein. Unter anderem konnte er erreichen, dass das Recht der Kirchen zu „wesentlichen Fragen“ eigenständig Stellung zu nehmen im Artikel 41 der Verfassung der DDR verankert wurde.
Für seine Loyalität wurde Dertinger nach Gründung der DDR zunächst belohnt: Im Kabinett des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl (SED) wurde er Außenminister. Sein Amt als CDU-Generalsekretär übergab er an Gerald Götting, der die von ihm begonnene Gleichschaltungspolitik fortsetzte, welche im Oktober 1952 darin kulminierte, dass der 6. Parteitag der Ost-CDU den Führungsanspruch der SED „vorbehaltlos“ anerkannte. Da SED-Generalsekretär Walter Ulbricht das Wenige, was die junge DDR an eigenständiger Außenpolitik betreiben konnte, im Wesentlichen selbst erledigte und die internen Angelegenheiten des Ministeriums von Staatssekretär Anton Ackermann (SED) geregelt wurden, beschränkte sich Dertingers Tätigkeitsbereich als Außenminister hauptsächlich auf die Verbreitung antiwestlicher Propaganda. Immerhin wurde er an den Verhandlungen über den künftigen Grenzverlauf zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen beteiligt. Deren Ergebnis stand allerdings bereits vor Verhandlungsbeginn fest. Am 6. Juli 1950 erkannte die DDR im sogenannten Görlitzer Abkommen die Oder/Neiße-Linie als „unantastbare Friedens- und Freundschaftsgrenze“ offiziell an. Am 27. Januar 1951 unterzeichneten Dertinger und sein polnischer Amtskollege in Frankfurt an der Oder das Abschlussprotokoll der bis heute gültigen Grenzmarkierung.
Als sein wichtigstes politisches Ziel betrachtete Dertinger die Wiederherstellung der deutschen Einheit. Anfangs befand er sich damit auf Linie der Sowjetunion, die sich in der Hoffnung damit die Eingliederung der Bundesrepublik in das westliche Bündnissystem noch verhindern zu können an der Schaffung eines neutralen deutschen Einheitsstaates interessiert zeigte. Womöglich gehörte Dertinger 1952 zu den Initiatoren der Stalin-Note, in der Stalin den Westmächten Verhandlungen über die Neutralisierung Deutschlands anbot. Nachdem dieses diplomatische Manöver erfolglos geblieben war, änderte die Sowjetunion ihren Kurs und fokussierte sich nunmehr darauf, die Fortexistenz der DDR abzusichern. Zum Missfallen der sowjetischen Autoritäten mochte Dertinger diesen Politikwechsel nicht mitvollziehen. Er legte dem sowjetischen Botschafter Georgi M. Puschkin stattdessen ein eigenes Wiedervereinigungskonzept vor und hielt Kontakt zu westdeutschen Politikern, die er für die Idee eines neutralen deutschen Einheitsstaates zu gewinnen suchte. Ärger mit der SED hatte sich Dertinger bereits zuvor durch seine betont christliche Grundhaltung eingehandelt. Man störte sich etwa daran, dass er öffentlich die päpstlichen Sozialenzykliken lobte und auf dem 6. Parteitag der Ost-CDU den „Abfall von Gott“ als das Grundübel seiner Zeit bezeichnete. Spätestens seit dem Frühjahr 1951 stand Dertinger angesichts dessen unter genauer Beobachtung der Staatssicherheit. Ende 1952 war dem Außenminister bereits klar geworden, dass er, bei SED und Sowjetunion in Ungnade gefallen, jederzeit mit seiner Ablösung zu rechnen hatte.
Festnahme, Haft und späte Jahre
In der Nacht zum 15. Januar 1953 wurde Dertinger Opfer einer der letzten stalinistischen Säuberungswellen in der DDR. Aus dem sowjetischen Innenministerium erging an die Staatssicherheit die Anweisung, ihn mitsamt seiner Familie umgehend zu verhaften. Er wurde in eine unterirdische Zelle der als „U-Boot“ bekannten Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen gebracht und dort 17 Monate lang festgehalten. Während dieser Zeit war er häufigen Verhören ausgesetzt und wurde gefoltert. Man warf dem ehemaligen Außenminister vor im Geheimen an der Vernichtung der DDR gearbeitet zu haben. Nicht nur habe er im Auftrag des „imperialistischen Westens“ Spionage betrieben, sondern sei sogar Teil einer antikommunistischen Verschwörung gewesen. Im Rahmen dieser habe Dertinger das Eindringen „bewaffneter faschistischer Banden“ in die DDR ermöglichen wollen. Der CDU-Vorsitzende Nuschke ließ den Parteifreund umgehend fallen und Generalsekretär Götting ordnete an, den Namen Dertinger aus sämtlichen Veröffentlichungen der Partei zu streichen. Gemäß den Vorgaben des Politbüros der SED wurde er schließlich vom Obersten Gericht der DDR in einem Geheimprozess zu 15 Jahren Haft im Zuchthaus verurteilt, die er zunächst in Brandenburg und anschließend im Haus II der Strafanstalt Bautzen verbüßte. Dort beschäftigte er sich intensiv mit Bibellektüre sowie theologischer und philosophischer Literatur und konvertierte im Oktober 1963 zum Katholizismus.
Dertingers Ehefrau Maria wurde zunächst ebenfalls in Hohenschönhausen inhaftiert und schließlich wegen Mitwisserschaft zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Die 13-jährige Tochter Oktavie wurde von der Stasi in „Schutzhaft“ genommen und erst nach über anderthalb Jahren in die Obhut ihrer Großmutter, die ihrerseits in Untersuchungshaft gekommen und anschließend ins Erzgebirge zwangsumgesiedelt worden war, gegeben. Den 15-jährigen Sohn Rudolf verurteilte man zu drei Jahren Zuchthaus. Nach Ende seiner Haftstrafe flüchteten er und Oktavie in den Westen. Den erst 8-jährigen Sohn Christian übergab die Stasi nach wochenlanger „Verwahrung“ systemtreuen Pflegeeltern. Nach der Haftentlassung seiner Mutter 1960 wurde er mit ihr wiedervereint.
Im April 1964 begnadigte der Staatsrat der DDR Georg Dertinger. Er zog mit seiner in der DDR verbliebenen Familie nach Leipzig, wo er bis zu seinem Tod am 21. Januar 1968 für den katholischen St. Benno-Verlag und die Caritas tätig war. Im September 1991 hob das Landgericht Berlin das Urteil des Obersten Gerichts der DDR gegen Georg Dertinger nachträglich auf.
Lebenslauf
- Geb. 25.12.1902 in Berlin
- 1922 Abitur
- 1923-1925 Redakteur bei der "Magdeburgischen Zeitung"
- 1925-1927 verantwortlicher Redakteur für Politik beim "Stahlhelm"
- 1927-1933 Korrespondententätigkeit in Berlin
- 1934-1939 Redakteur beim "Dienst aus Deutschland"
- 1939-1945 Hauptschriftleiter des "Dienst aus Deutschland"
- 1945 Mitgründer der CDU in Berlin
- 1946-1952 Generalsekretär der CDU in der SBZ/DDR
- 1949-1953 Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR
- 1953 Inhaftierung durch die DDR-Staatssicherheit
- 1954 Verurteilung zu 15 Jahren Haft
- 1954-1964 Haft
- 1964 Begnadigung durch den Staatsrat der DDR
- Gest. 21.01.1968 in Leipzig
Literatur
- Agethen, Manfred: Georg Dertinger (1902–1968). In: Jürgen Aretz u.a. (Hg.): Zeitgeschichte in Lebensbildern. Aus dem deutschen Katholizismus des 19. und 20. Jahrhunderts (Bd. 11). Münster 2004.
- Lapp, Peter Joachim: Georg Dertinger: Journalist – Außenminister – Staatsfeind. Freiburg im Breisgau u.a 2005.
- Wentker, Hermann: Außenpolitik in engen Grenzen. Die DDR im internationalen System. München 2007.