Heinrich Otto von der Gablentz, Portraitfoto. Heinrich Otto von der Gablentz, Portraitfoto. © Privatbesitz/Reproduktion Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Otto Heinrich von der Gablentz

Politologe, Professor Dr. jur. 11. September 1898 Berlin 27. April 1972 Berlin
von Christine Bach
Der Volkswirt und Politikwissenschaftler Otto Heinrich von der Gablentz zählte zu den wichtigsten Mitgründern der CDU in Berlin. Gablentz war Mitglied der Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“ und beteiligt an der Erarbeitung programmatischer Schriften zur politischen und gesellschaftlichen Neuordnung nach der Überwindung der nationalsozialistischen Tyrannei. Ideale und Vorstellungen aus der Zeit des Widerstands brachte er nach dem Krieg in die politische Arbeit der CDU ein – zusammen mit anderen „Kreisauern“ wie Hans Lukaschek, Theodor Stelzer und Eugen Gerstenmaier.

Heinrich Otto von der Gablentz wurde am 11. September 1898 in Berlin geboren. Er wuchs in einer Offiziersfamilie auf, sein Vater Otto von der Gablentz war Offizier und fiel im Ersten Weltkrieg 1916 bei Verdun. Seine Mutter Cathérine geb. George war hugenottischer Abstammung. Seine Kindheit und Jugendzeit erlebte Gablentz in den Garnisonsstädten Gnesen, Posen, Magdeburg,
Neiße und Münster.

1915 bestand Gablentz das Notabitur in Münster und nahm als Fahnenjunker am Weltkrieg teil, in dem er schwer verwundet wurde. Nach seiner Rückkehr nach Berlin begann er 1917 das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften mit Schwerpunkt der Volkswirtschaftslehre. 1920 wurde er an der Universität Freiburg im Breisgau zum Dr. rer. pol. promoviert. Prägende Einflüsse in dieser Zeit waren die Jugendbewegung sowie die Idee des „konservativen Sozialismus“, die der Wirtschaftstheoretiker Wichard von Moellendorf vertrat.

 Von 1921 bis 1924 war Gablentz er bei der Handelskammer in Solingen, bei Siemens und Halske in Berlin sowie einer staatlichen Außenhandelsstelle für Metallerzeugung tätig. 1928 heiratete er Hildegard Zietlow, mit der er vier Kinder bekam.

Von 1925 bis 1934 war er im Preußischen Statistischen Landesamt (bis Ende 1925) und im Statistischen Reichsamt in Berlin beschäftigt, zuletzt als Referent für volkswirtschaftliche Bilanzen. 1931 nahm er als Sachverständiger an den Reparationsverhandlungen in Basel teil, 1932 in Lausanne sowie 1933 an der Weltwirtschaftskonferenz in London. Die Nationalsozialisten betrieben ab 1933 Gablentz’ Versetzung aus dem Reichswirtschaftsministerium, 1934 wurde er als politisch unzuverlässig entlassen und an das Statistische Reichsamt zurückversetzt. Von 1934 bis 1945 war er als Abteilungsleiter bei der Wirtschaftsgruppe Chemische Industrie angestellt – ebenso wie der Dresdner Arztsohn Horst von Einsiedel. Einsiedel brachte Gablentz in Kontakt mit Mitgliedern der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke. Peter Steinbach zählt von der Gablentz „zu den wichtigsten Mitgliedern des Kreisauer Kreises“, da er großen Einfluss auf die Programmatik der Gruppe gehabt habe. Zeugnisse über seinen Weg in den Widerstand fehlen allerdings. Belegt ist Gablentz’ Bedeutung jedoch nur für die Frühphase des Kreisauer Widerstands, also für die Zeit zwischen Mitte 1940 bis Herbst 1942.

Bekannt ist, dass sich der engagierte evangelische Christ bereits in der Weimarer Zeit mit Fragen der Ökumene beschäftigte, auch gehörte er der 1931 gegründeten protestantischen Michaelsbruderschaft an, die in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft seine „spirituelle Heimat“ wurde (W.E. Winterhager). Gablentz war mitbeteiligt an den Vorbereitungen für die Weltkirchenkonferenz in Oxford 1937 und verfasste zu diesem Anlass die Abhandlung „Die materiellen Grundlagen einer internationalen Ordnung“. Hier vertrat er das Konzept eines „christlichen Realismus“ und die Notwendigkeit eines „Mittelwegs im Sinne einer Ordnung in Freiheit“ zwischen „dem ökonomischen Liberalismus des Westens und der marxistischen Planwirtschaft des Ostens“. (Winterhager S. 200). Auch unter den Mitgliedern des Kreisauer Kreises galt Gablentz als Autorität in theologischen Fragen. So schrieb Moltke über ihn, er sei „darin weit überlegen, dass er von der konkreten Lage der protestantischen Kirche und von Theologie immerhin etwas versteht“. Im Herbst 1940 entstand eines der ersten Grundsatzpapiere des Kreisauer Kreises „Grundlagen der Staatslehre“, an dessen Entstehung Gablentz intensiv beteiligt war.

Tiefere Einblicke in Gablentz politisches Denken ermöglichen seine Schriften und publizistischen Beiträge aus der Nachkriegszeit. So gehörte er in den 1950er Jahren zu denjenigen, die in der Bundesrepublik für einen „zeitgemäßen Konservatismus“ eintraten. Gablentz orientierte sich dabei am britischen Konservatismus und bestimmte Tugenden wie Behutsamkeit und Geduld als wesentliche politische Prinzipien. Allein die Berufung auf „das Gewachsene“ beinhalte jedoch keinen „Maßstab für geschichtliche Verantwortung“, sondern, so schrieb er 1953 „die Dimension, die hinter Natur und Geschichte liegt“ – also die Religion.

Nach dem 20. Juli 1944 blieb Gablentz von der Verfolgung durch die Gestapo verschont und konnte dann das Ende von Krieg und Diktatur erleben.

 

Politik und Wissenschaft nach 1945

1945 gehörte Gablentz zu den Mitgründern der CDU in Berlin mit protestantisch-konservativen Hintergrund. In einer Abhandlung in den „Evangelischen Jahresbriefen“ widmete er sich 1948 der Frage, ob es zu vertreten sei, dass sich eine Partei bilde, die sich ausdrücklich als christlich bezeichne und in erster Linie Christen zu vereinen versuche. Gablentz bejahte diese Frage, er knüpfte aber das parteipolitische Engagement der Christen an Bedingungen. Vor allem, schrieb er, müsse sich der Christ jeweils seiner besonderen Verantwortung bewusst sein. Vier Eigenschaften seien es, die den christlichen Politiker vor anderen auszeichneten: Er sei realistisch, er sei zuversichtlich, er müsse frei sein von Hass und Sentiment und er müsse ausgleichsbereit sein, ohne deswegen in kurzfristige und kurzsichtige Kompromisse zu verfallen.

1945 war Gablentz Mitglied des Volkswirtschaftlichen Arbeitsrates beim Magistrat der Stadt Berlin. Von 1945 bis 1947 leitete er den Wirtschaftspolitischen Ausschusses der CDU in Berlin, von 1948 bis 1950 war er auch Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates bei der Verwaltung für Wirtschaft (Bizone) bzw. beim Bundesministerium für Wirtschaft.

Nicht die praktische Politik, sondern die Politische Wissenschaft bestimmte allerdings Gablentz’ weiteren Lebenslauf. An der 1948 wiedergegründeten Deutschen Hochschule für Politik in Berlin (1918 von Friedrich Naumann ins Leben gerufen) unterrichtete er Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt „Politische Theorie“. Das Kollegium der Hochschule war nach dem Krieg dem Gedanken verpflichtet, zur Stabilisierung des Verfassungsstaats nach westlichem Vorbild beizutragen. Auch kennzeichnete es die Hochschule, dass hier zahlreiche Personen versammelt waren, „die ihre politische Identität in der Auseinandersetzung mit diktatorischen Bewegungen und Bestrebungen entwickelt hatten“ (Peter Steinbach).

1959 wurde die Hochschule in die Freie Universität eingegliedert und bestand nun als Otto-Suhr-Institut der Universität fort. Bis zu seiner Emeritierung 1966 war Gablentz hier als Hochschullehrer tätig.

Von 1953 bis 1960 fungierte Gablentz auch als Vorsitzender des Hochschulausschusses der Berliner CDU, von 1955 bis 1958 war er Mitgründer und Landesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU in Berlin. 1965 trat er aus der CDU aus, da er der Partei „mangelnde Reformbereitschaft“ vorhielt und weil er mit der Ost- und Deutschlandpolitik Adenauers nicht übereinstimmte.

 

Quellen:

 

 

Lebenslauf

  • Geboren am 11. September 1898 in Berlin
  • 1915 Abitur
  • 1915 – 1917 Militärdienst
  • 1917 – 1920 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Berlin, Hamburg und Freiburg/Breisgau
  • 1920 Promotion
  • 1925 – 1933 Referent im Statistischen Reichsamt
  • 1935 Referent in der Reichsstelle Chemie
  • 1940 – 1945 Mitarbeit im Kreisauer Kreis
  • 1945 Mitgründer der CDU in Berlin
  • 1945 Mitglied des Volkswirtschaftlichen Arbeitsrates beim Magistrat der Stadt Berlin
  • 1948 – 1950 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates bei der Verwaltung für Wirtschaft der Bizone
  • 1952 Mitgründer des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) der CDU Berlin
  • 1955 – 1959 Direktor der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin
  • 1953 Habilitation
  • 1955 – 1959 Landesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU in Berlin
  • 1959 bis 1966 Professor für Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin
  • 1965 Austritt aus der CDU
  • Verstorben am 27. April 1972 in Berlin  

Veröffentlichungen

  • Die Tragik des Preussentums (1948).
  • Geschichtliche Verantwortung. Zum christlichen Verständnis der deutschen Geschichte (1949).
  • Parteien als Ausdruck gesellschaftlicher Kräfte (1952).
  • Immanuel Kants politische Philosophie (1956). Die politischen Theorien seit der französischen Revolution (Die Wissenschaft von der Politik, Bd. 9. Köln 1957.
  • Politische Gesittung (1959).
  • Die versäumte Reform. Zur Kritik der westdeutschen Politik. Köln 1960.
  • Die politischen Theorien seit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (Die Wissenschaft von der Politik, Bd. 9). Köln 1963.
  • Der Kampf um die rechte Ordnung, Beiträge zur Politischen Wissenschaft. Köln 1964.
  • Einführung in die Politische Wissenschaft (Die Wissenschaft von der Politik, Bd. 13). Köln 1965.
  • Mitarbeit): Handbuch der Soziologie. Stuttgart 1967.
  • Texte zur Gesellschaftsreform. Zeugnisse aus zwei Jahrhunderten 1750–1950 (Schriften zur Theorie und Geschichte der Politik). Frankfurt a.M. 1972.

 

Literatur

  • Peter Steinbach: Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands. München 2004.
  • Wilhelm Ernst Winterhager: Otto Heinrich von der Gablentz (1898–1972), in: Günter Buchstab/Brigitte Kaff/Hans-Otto Kleinmann (Hrsg.), Christliche Demokraten gegen Hitler. Aus Verfolgung und Widerstand zur Union. Freiburg im Breisgau 2004, S. 197–205.