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Werner Schwarz, Plakat zu Bundestagswahl 1961. Werner Schwarz, Plakat zu Bundestagswahl 1961. © KAS

Werner Schwarz

Landwirt, MdB, Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten 21. Januar 1900 Hamburg 2. September 1982 Gut Frauenholz bei Bad Oldesloe
von Andreas Grau
Überraschend wurde der Landwirt aus Holstein 1959 zum Bundeslandwirtschaftsminister ernannt. Der parteiübergreifend anerkannte Agrarexperte sah sich in seiner Amtszeit mit den Problemen konfrontiert, die durch die Integration der deutschen Landwirtschaft in den gemeinsamen europäischen Markt entstanden. Mit seiner Politik hat er nicht nur die Schaffung eines einheitlichen Europas vorangetrieben, sondern zugleich auch dazu beigetragen, die Leistungsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft zu verbessern.

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Jugend und Ausbildung

Michael Carl Werner Schwarz wurde am 21. Januar 1900 in Hamburg als Sohn eines Kaffeeimporteurs geboren. Er besuchte das Gymnasium in Hamburg-Bergedorf, das er 1917 mit dem Abschluss der mittleren Reife beendete. Anschließend meldete er sich freiwillig zum Militär, wurde aber zurückgestellt. Erst im Frühjahr 1918 wurde er zum Militärdienst eingezogen. Ohne an der Front eingesetzt zu werden, war Schwarz bis zum Ende des 1. Weltkrieges im November 1918 Soldat in einem Infanterieregiment. Da er Landwirt werden wollte, absolvierte er dann bis 1921 eine landwirtschaftliche Lehre in Mecklenburg und Braunschweig. Um sich auch theoretisches Wissen anzueignen, studierte er anschließend ab 1922 an den Landwirtschaftshochschulen in München und Hohenheim. Während seines Studiums in Hohenheim trat er dem Corps „Staufia“ bei. Da er glaubte, nun über „genügend“ Wissen zu verfügen, beendete Schwarz 1924 das Studium ohne Examen. Nach einer kurzen Zeit, in der er als Verwalter auf einem Gut in Holstein tätig war, erwarb sein Vater 1926 das Gut Frauenholz bei Bad Oldesloe für ihn.

 

Landwirt in Holstein

Im gleichen Jahr heiratete Werner Schwarz die Offizierstochter Rosemarie Saul. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, darunter der spätere Minister und kommissarische Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (1987/88) Henning Schwarz. Es gelang Schwarz, das schwer zu bewirtschaftende Gut Frauenholz mit Hilfe des Einsatzes moderner Maschinen in wenigen Jahren in einen erfolgreichen Musterbetrieb zu verwandeln. Dies brachte Schwarz die Anerkennung der Bauern im Kreis Stormarn ein, die ihn 1932 zum Vorsitzenden des landwirtschaftlichen Vereins von Bad Oldesloe wählten. Während der Zeit der NS-Diktatur war Schwarz weiter als Landwirt tätig und übernahm ab 1935 die ehrenamtliche Tätigkeit als Bezirksbauernführer von Oldesloe im Reichsnährstand, der gleichgeschalteten Zwangsvereinigung aller landwirtschaftlichen Betriebe. An der Spitze der Landesbauernschaft Schleswig-Holstein stand der Landesbauernführer Wilhelm Struve, Mitglied der NSDAP. Auch Werner Schwarz trat sehr wahrscheinlich 1937 der NSDAP bei[B1] . Auf Initiative der Landesbauernschaft wurde er 1939 vom Kriegsdienst freigestellt. Über andere Tätigkeiten in dieser Zeit ist nichts bekannt. (Vgl. hierzu Friedrich Kießling: Landwirtschaftsministerium und Agrarpolitik in der alten Bundesrepublik, Berlin 2020, S. 409f.)

Nach der Eroberung des Kreises Stormarn durch britische Truppen im Mai 1945 setzte die Militärregierung Schwarz als Kreisbauernvorsteher ein. Gemeinsam mit dem Landrat von Stormarn gelang es ihm, die Ernährung der durch Vertriebene auf das Doppelte angewachsenen Einwohnerzahl des Kreises sicherzustellen. 1948 gehörte Schwarz, der 1947 als „entlastet“ entnazifiziert worden war, zu den Gründern des Kreisbauernverbandes in Stormarn und wurde gleich zum ersten Vorsitzenden gewählt. Im selben Jahr erfolgte auch seine Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden des 1947 gegründeten schleswig-holsteinischen Bauernverbandes. Dessen Vorsitzender war über viele Jahre der CDU-Politiker und Bundestagsabgeordnete Detlef Struve aus Rendsburg. Als Vorstandsmitglied des schleswig-holsteinischen Bauernverbandes gehörte Schwarz ebenfalls dem Präsidium des Deutschen Bauernverbandes an, dem er stets eng verbunden blieb. Außerdem arbeitete er im Vorstand der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein mit.

 

Bundestagsabgeordneter

Seine Tätigkeit als Vertreter verschiedener landwirtschaftlicher Organisationen brachte Schwarz immer wieder mit der Politik in Kontakt. Da ihn Konrad Adenauer und Ludwig Erhard beeindruckten, trat er 1952 der CDU bei. Weil sich kein anderer Kandidat fand, erklärte er sich schließlich dazu bereit, bei der Bundestagswahl 1953 für die CDU im Kreis Stormarn anzutreten. Mit 45 Prozent der Erststimmen wurde er im September 1953 auf Anhieb in den Deutschen Bundestag gewählt. Bei der Bundestagswahl 1957 konnte er dann mit 47,6% seinen Wahlkreis verteidigen.

Im Parlament arbeitete Schwarz ab 1957 im Wirtschaftsausschuss mit. Doch obwohl der geradlinige Landwirt aus Schleswig-Holstein parteiübergreifend geschätzt wurde, blieb er über viele Jahre im Hintergrund – bis 1959.

 

Ernennung zum Bundesminister

Nach der Wahl von Heinrich Lübke zum Bundespräsidenten im Juli 1959 musste Bundeskanzler Konrad Adenauer einen neuen Bundeslandwirtschaftsminister ernennen. Mögliche Kandidaten waren zum einen der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion Detlef Struve und zum anderen der CSU-Abgeordnete Hans August Lücker. Während Struve seine Ernennung unter Hinweis auf gesundheitliche Probleme ablehnte, hätte die Ernennung Lückers – eines weiteren CSU-Ministers – den Umbau des gesamten Kabinetts erfordert. Stattdessen schlug Struve dem Bundeskanzler seinen Kollegen Werner Schwarz vor. Ohne Rücksprache mit Adenauer machte kurz darauf der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Kai-Uwe von Hassel, auf dem Bauerntag in Rendsburg die Nominierung von Schwarz öffentlich. Da auch der Deutsche Bauernverband für sein Präsidiumsmitglied eintrat, trug Bundeskanzler Adenauer Schwarz offiziell das Amt an. Nachdem ihm auch seine Fraktionskollegen ins Gewissen geredet hatten, stimmte Schwarz, der sich zunächst gesträubt hatte, aus Pflichtgefühl schließlich seiner Ernennung zum Minister zu. Am 14. Oktober 1959 wurde er zum neuen Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten ernannt.

 

Landwirtschaftspolitik zwischen Bonn und Brüssel

Werner Schwarz übernahm sein Ministerium zu einer Zeit, als die deutsche Landwirtschaft in den europäischen Agrarmarkt integriert werden sollte. Mit dem Zustandekommen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG, gegründet am 25. März 1957) sollte die Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten angeglichen und vereinheitlicht werden. Der Agrarpolitik kam dabei eine zentrale Rolle zu, denn die nationalen Agrarmärkte sollten modernisiert und schrittweise in einen europäischen Markt überführt werden. Für die deutsche Landwirtschaft bedeutete dies u.a. ein Absenken der bislang hohen Agrarpreise. Als überzeugter Europäer stand Schwarz dieser Entwicklung grundsätzlich positiv gegenüber. Allerdings musste er als Landwirtschaftsminister auch die Interessen der deutschen Landwirte vertreten. Dazu wurde er nicht zuletzt von Bundeskanzler Adenauer angehalten, der die deutschen Bauern als eine wichtige Wählergruppe ansah. So versprach Adenauer in seiner Regierungserklärung von 1961, dass die Eingliederung der deutschen Landwirtschaft in die EWG, „organisch und behutsam“ vollzogen werden solle.

Zu einer ersten Bewährungsprobe für Schwarz kam es, als der Landwirtschaftskommissar der EWG, der Niederländer Sicco Mansholt, am 30. Juni 1960 seinen Plan bekanntgab, den EWG-Agrarmarkt bis zum 30. Juni 1967 vollständig harmonisieren zu wollen. Dagegen legte der Bundeslandwirtschaftsminister sein Veto ein. Nach zähen Verhandlungen im EWG-Ministerrat wurden zum 1. Januar 1961 zwar weitere Bereiche des Agrarmarktes in den Gemeinsamen Markt einbezogen, aber die vollständige Harmonisierung noch zurückgestellt. Dies war aber nur ein kurzzeitiger Erfolg für die Bundesregierung, denn schon im Juni 1961 forderte Frankreich ultimativ die Errichtung eines gemeinsamen Agrarmarktes. Wie zu erwarten, schloss sich im Herbst 1961 auch Mansholt den französischen Plänen an. Daraufhin einigte sich der EWG-Ministerrat im Januar 1962 auf eine erste europäische Marktordnung für Getreide, Gemüse, Obst, Eier, Wein und Schweinefleisch. Dies führte im Sommer und Herbst 1962 zu großen Protesten der deutschen Bauern. Als dann im Januar 1963 die EWG-Kommission auch noch vorschlug, den deutschen Getreidepreis deutlich abzusenken, kündigte der Bauernverband heftige Gegenwehr an. Auch das Bundeskabinett lehnte die Brüsseler Vorschläge rundweg ab. Weil außer der Bundesregierung die Regierungen von Italien und Frankreich ebenfalls gegen das Vorhaben opponierten, beschloss die EWG-Kommission, den Getreidepreis erst ab 1. Juli 1966 zu senken.

Neben den Auseinandersetzungen mit Brüssel geriet Schwarz aber zunehmend auch in Bonn unter Druck, denn der seit Oktober 1963 amtierende Bundeskanzler Ludwig Erhard interessierte sich weniger als Adenauer für die Belange der Landwirtschaft . Schwarz bot ihm deshalb beim Regierungswechsel 1963 seinen Rücktritt an. Auf Druck des Bauernverbandes und der Agrarpolitiker in der CDU/CSU-Fraktion hielt Erhard jedoch an Schwarz fest. Gleichzeitig war Erhard jedoch durchaus bereit, die Forderungen der deutschen Landwirtschaft zu Gunsten der Politik der EWG zu opfern. Für die nächsten Jahre versprach er dem Landwirtschaftsminister, die Einkommensnachteile der deutschen Bauern durch Subventionen aus dem Bundeshaushalt auszugleichen.

Wie Bundeskanzler Erhard unterstützte auch Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker die Politik der EWG. Als Leiter der deutschen Delegation bei den Verhandlungen mit der EWG-Kommission im Dezember 1964 stimmte er ohne Abstimmung mit Schwarz, der die Agrarverhandlungen in Brüssel seinem Staatssekretär überlassen hatte, einer Absenkung des deutschen Getreidepreises zum 1. Juli 1967 um gut 10 Prozent zu. Obwohl Schmücker im EWG-Ministerrat die vorher festgelegte deutsche Verhandlungsposition aufgegeben hatte, legten Presse und Opposition das Verhandlungsergebnis allein dem Landwirtschaftsminister zur Last. Schwarz selbst empfand den Brüsseler Beschluss als persönliche Niederlage und konnte nur mit Mühe von seinem sofortigen Rücktritt abgehalten werden.

Zwar verabschiedete der Bundestag im Juli 1965 noch das EWG-Anpassungsgesetz, womit sich die Bundesregierung verpflichtete, umfangreiche Hilfen für die Eingliederung der Landwirtschaft in den Gemeinsamen Markt bereit zu stellen. Dennoch gab der enttäuschte und amtsmüde Schwarz im Sommer 1965 bekannt, nach der Bundestagswahl 1965 endgültig sein Amt niederzulegen zu wollen. Auch seine Wiederwahl als Abgeordneter lehnte er ab.

Insgesamt war Schwarz ein verlässlicher Sachwalter der deutschen Landwirte, deren Einkommen in seiner Amtszeit weiter anstiegen. Durch umfangreiche Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen, Flurbereinigungen und den Küstenschutz trug sein Ministerium maßgeblich dazu bei, die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Landwirtschaft zu sichern. Allerdings hatte die Modernisierung der Landwirtschaft zugleich eine Beschleunigung des strukturellen und sozialen Wandels auf dem Land zur Folge. Bei den oft zähen Verhandlungen mit der EWG versuchte der Bundes-landwirtschaftsminister die deutschen landwirtschaftlichen Interessen gegen die französischen Wünsche zu verteidigen und setzte sich daher für lange Übergangsregelungen ein. Aufgrund seiner europäischen Überzeugungen akzeptierte er dabei einige Kompromisse.

 

Nach der Politik

Im September 1965 schied Schwarz aus dem Deutschen Bundestag und einen Monat später auch aus seinem Amt als Bundesminister aus. Er kehrte auf sein Gut Frauenholz zurück, das mittlerweile von seinem ältesten Sohn bewirtschaftet wurde. Ohne noch einmal ein politisches Amt zu übernehmen oder sich in die Politik seiner Nachfolger einzumischen, verlebte er hier seinen Ruhestand. Er widmete sich vor allem seiner großen Familie mit vier Kindern und 13 Enkeln, von denen es einige später ebenfalls in die Politik zog. Der stets geradlinig und bescheiden gebliebene Werner Schwarz starb am 2. September 1982 auf seinem Hof.

 

  • Nachlass: Bundesarchiv Koblenz
  • Splitter im ACDP: 01-211

Lebenslauf

  • 21.01.1900 geboren in Hamburg, ev.
  • Gymnasium in Hamburg-Bergedorf
  • 1917 Abitur
  • 1917–1918 Handelsschule in Hamburg
  • 1918 Kriegsdienst
  • 1918–1921 landwirtschaftliche Lehre in Mecklenburg und Braunschweig
  • 1922–1924 Studium an den Landwirtschaftshochschulen in München und Hohenheim
  • 1925–1926 Verwalter
  • 1926 Erwerb des Gutes Frauenholz bei Bad Oldesloe
  • 1926 Hochzeit mit Rosemarie Saul, 4 Kinder
  • Seit 1926 Selbständiger Landwirt auf Gut Frauenholz
  • 1932 Vorsitzender des landwirtschaftlichen Vereins Bad Oldesloe
  • 1935–1945 Bezirksbauernführer im Reichsnährstand
  • 1945 Leiter des Kreisernährungsamtes im Kreis Stormarn
  • 1948–1963 Vorsitzender und Gründer des Kreisbauernverbandes Stormarn
  • 1948–1959 stellv. Vorsitzender des Bauernverbandes Schleswig-Holstein
  • Präsidiumsmitglied des Deutschen Bauernverbandes
  • Vorstandsmitglied der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein
  • 1952 Eintritt in die CDU
  • 1953–1965 MdB
  • 1959–1965 Bundesminister für Ernährung Landwirtschaft und Forsten
  • 2.09.1982 gestorben

 

Auszeichnungen:

  • 1964 Großes Bundesverdienstkreuz

 

 

Literatur

  • Friedrich Kießling: Landwirtschaftsministerium und Agrarpolitik in der alten Bundesrepublik, in: Horst Möller/Joachim Bitterlich/Gustavo Corni/Friedrich Kießling/Daniela Münkel/Ulrich Schlie (Hg.): Agrarpolitik im 20. Jahrhundert. Das Bundeswirtschaftsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und seine Vorgänger. Berlin 2020.
  • Rudolf Vierhaus/Ludolf Herbst (Hg.): Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949–2002. München 2002.
  • Udo Kempf/Hans-Georg Merz (Hg.): Kanzler und Minister 1949–1998. Biografisches Lexikon der deutschen Bundesregierungen. Wiesbaden 2001.
  • Ulrich Kluge: Vierzig Jahre Agrarpolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 1, Hamburg/Berlin 1989.
  • Erich Thiesen: Es begann im Grünen Kreml. Agrarpolitik zwischen Rendsburg und Brüssel. Neumünster 1997.

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