KAS Kroatien

Veranstaltungsberichte

Vergleich der Migrationswellen der Kroaten nach Deutschland

von Juro Avgustinović

"Gastarbeiter-Migrationswelle" und "EU-Migrationswelle"

Die Konrad-Adenauer-Stiftung veranstaltete gemeinsam mit der Kroatischen Katholischen Universität am 11. Dezember 2019 in Zagreb eine Konferenz über die Auswanderung der Kroaten nach Deutschland seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts bis heute. In Anwesenheit des Rektors der Kroatischen Katholischen Universität, Prof. Dr. Željko Tanjić, diskutierte die Migrationsforscherin Karolina Novinščak Kölker von der Universität Regensburg mit kroatischen Demografie- und Migrationsexperten und Universitätsvertretern über den Vergleich der „Gastarbeiter-Migrationswelle“ und „EU-Migrationswelle“ der Kroaten sowie über die demografische Zukunft Kroatiens im Hinblick auf die große Herausforderung der Auswanderung zahlreicher kroatischer Bürger nach Westeuropa, insbesondere nach Deutschland.

An der Diskussion nahmen neben dem Professor an der Kroatischen Katholischen Universität, Dr. Tado Jurić auch der Demografie-Experte, Prof. Dr. Stjepan Šterc, die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften „Ivo Pilar“, Dr. Caroline Hornstein-Tomić, die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie und Folkloreforschung, Dr. Jasna Čapo, der Dozent an den Kroatischen Studien der Universität Zagreb, Dr. Josip Jurčević und die Dozentin der Universität Regensburg, Karolina Novinščak Kölker, teil. Nach der Diskussion hatten die Anwesenden die Gelegenheit sich die Ausstellung „Gastarbeiter“ anzuschauen.

Zu Beginn der Veranstaltung begrüßten der Rektor der Kroatischen Katholischen Universität, Prof. Dr. Željko Tanjić und der Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung für Kroatien und Slowenien, Holger Haibach, die Anwesenden.

In seinem Vortrag "Gastarbeiter - Vergleich damals und heute" verglich Dr. Jurić die Auswanderung von Kroaten nach Deutschland in den späten 1960er Jahren und heute. Dabei hob er die Ähnlichkeiten der Berichterstattung über die Auswanderung in den Medien und Behörden im sozialistischen Jugoslawien und heutigen Kroatien hervor. Die Besonderheiten der derzeitigen Auswanderung sei, dass sie die für die kroatische Gesellschaft verheerender wäre als die in den 1960er Jahren. Den Gastarbeitern, die in den 60er und 70er Jahre nach Deutschland ausgewandert seien, sei das Ziel gewesen, Geld zu sparen und in ihrer Heimat ein Zuhause zu bauen. Damals als auch heute sei das Durchschnittsgehalt in Deutschland drei Mal höher als das in Kroatien gewesen und schon damals seinen junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren nach Deutschland auswandert. Die Migrationswelle der Kroaten aus dem ehemaligen Jugoslawien solle auch diese Welle aufgrund der bestehenden und ausgedehnten kroatischen Migrantennetzwerke in Deutschland ermöglicht haben. Die Auswanderer der neuen „EU-Migrationswelle“ hätten im Gegensatz zu den "Gastarbeitern" von damals nicht die Absicht zurückzukehren, sondern in diesem Land ein neues Zuhause zu finden. Sie würden ein Leben der unteren Mittelklasse führen und kaum Geld sparen, wegen der hohen Lebenshaltungskosten. Sie wanderten mit ganzen Familien und mit der Absicht aus so schnell wie möglich Deutsch zu lernen, um sich in die deutsche Gesellschaft integrieren und dort bleiben zu können. Umfragen hätten damals in Jugoslawien gezeigt, dass nur 5% der Auswanderer länger als fünf Jahre in Deutschland bleiben wollten, und heute sagen 40% der Auswanderer, dass sie nicht zurückkehren werden. Für Dr. Jurić sei am auffälligsten die Tatsache, dass seit der Unabhängigkeit Kroatiens mehr Kroaten nach Deutschland ausgewandert seine als während der Zeit Jugoslawiens (etwa 300.000). Während des Heimatkrieges wanderten ungefähr 150.000 Kroaten aus und in den letzten 10 Jahren etwa 250.000. Die Auswanderung aus Kroatien nach Deutschland begann laut Dr. Jurić in den frühen 1960er Jahren, eher illegal, und seit 1968 nach dem Abkommen zwischen Jugoslawien und Deutschland, organisiert und dauerte bis 1973. In der Zahl von rund 250.000 Auswanderer aus Kroatien seit 2010 seien die in Kroatien fiktiv registrierten „Combi Arbeiter“ nicht einbezogen. Diese würden in den letzten sechs bis sieben Jahren in Deutschland vorübergehend über kroatische Unternehmen arbeiten, die sie nach Deutschland exportieren.

Nach der Einführungsrede von Dr. Jurić hatten die Versammelten die Gelegenheit sich den kroatischen Film "Sonderzüge" vom Regisseur Krsto Papić anzuschauen, der sich mit diesem Thema beschäftigt.

Die Dozentin an der Universität Regensburg, Karolina Novinščak Kölker, berichtete in Ihrem Vortrag mit dem Titel „München als Zufluchtsort, Arbeitsplatz, Heimatstadt?“ über die Migration der Kroaten nach München nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute unter besonderer Berücksichtigung der Art und Weise, wie kroatische Einwanderer organisiert gewesen seien.

In der Diskussionsrunde wies der Demografie-Experte, Prof. Dr. Stjepan Šterc, auf die Tatsache hin, dass die Gastarbeiterwelle offiziell nur eine Abreise zur Zeitarbeit gewesen sei, aber tatsächlich blieben viele dauerhaft in Deutschland. Sie kehrten erst zurück als sie in den Ruhestand versetzt oder begraben wurden. Für Kroatien sei die jüngste Migrationswelle angesichts der Struktur der Auswanderer und der Auswanderung ganzer Familien viel gefährlicher als die früheren, als die Auswanderer Kinder in Kroatien zurückließen. Und diese Welle werde größer sein, weil heute besser ausgebildete Menschen zwischen 19 und 39 Jahren das Land verlassen. Früher seien die Auswanderer als ständige Einwohner Kroatiens zur Zeitarbeit in Deutschland registriert gewesen. Heute seien sie es nicht mehr, und wir hätten keine Entscheidung über die Forderung des Aufenthalts, geschweige einer Förderung der Rückkehr nach Kroatien.

Die anderen Teilnehmer der Diskussionsrunde stimmten überein, dass in der Gastarbeiter- Migrationswelle hauptsächlich junge Männer die Mehrheit bildeten, während Frauen nur ein Drittel Diese Frauen hätten ihre Kinder bei Großeltern gelassen und Geld für sie hinterher nach Kroatien geschickt. Die Überweisungen von Fremdwährungen seien damals teuer gewesen, aber jetzt wären sie viel günstiger, weil die Ausgewanderten Geld überweisen werden solange wir ihre Eltern am Leben bleiben. Von allen Völkern aus Jugoslawien seien kroatische Auswanderer aus Kroatien am besten ausgebildet gewesen, obwohl die Idee der jugoslawischen Führung darin bestand, Ungebildete aus ländlichen Gebieten auszuwandern zu lassen, währenddessen verließen Menschen aus städtischen Gebieten Kroatiens das Land. Auch heute würden meistens junge und gebildete Menschen auswandern, weil sie wegen dem Geld motiviert seien und daran glauben, dass sie sich durch die Reise nach Deutschland gerettet hätten. Ein Teil derjenigen sei jedoch wegen der großen Enttäuschung in die kroatische Gesellschaft und Politik ausgewandert. Die größte Herausforderung würde darin bestehen, dass Deutschland interessiert sei Arbeiter anzuziehen und somit die Einwanderung der Kroaten fördern und daher werde diese Migrationswelle weitreichende Konsequenzen haben als die Gastarbeiter-Migrationswelle.

Ansprechpartner

Holger Haibach

Holger Haibach

Leiter des Auslandsbüros Kroatien

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